Saarland

Gerichtspräsident lässt auch letztes Kreuz abhängen

Sollte Rechtsprechung in einem neutralen Raum stattfinden? Der Gerichtspräsident des Oberverwaltungsgerichts im Saarland sagt Ja und lässt das letzte verbliebene Kreuz entfernen. Damit gibt er der Beschwerde eines jüdischen Antragstellers statt. Die Kirche zeigt sich enttäuscht.

Von Marlene Grund Freitag, 10.10.2014, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 13.10.2014, 20:29 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die Entfernung des letzten verbliebenen Kreuzes aus den Sälen des Oberverwaltungsgerichts (OVG) in Saarlouis hat im überwiegend katholischen Saarland eine Diskussion unter Kirchen und Parteien ausgelöst. Gerichtspräsident Michael Bitz hatte unter Berufung auf Urteile des Bundesverfassungsgerichts der Beschwerde eines jüdischen Antragstellers stattgegeben, der sich durch das christliche Symbol in seinem Grundrecht auf ein neutrales Verfahren gestört fühlte. Das Kreuz im Saal 1 des Gerichts wurde vor einigen Wochen abgehängt.

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Das Kreuz solle keine „mobile Einrichtung“ werden, argumentierte der Gerichtspräsident. Diese Gefahr hätte bestanden, wäre das Kruzifix nur bei Verfahren mit Klägern anderer Glaubensgemeinschaften abgenommen worden. Bitz erinnerte an den heftig diskutierten Kruzifixbeschluss des Bundesverfassungsgerichts von 1995. Da es auch nach Jahren der Diskussion keinen politischen oder gesellschaftlichen Konsens in der „Kreuzfrage“ gibt, liegt die Entscheidung über Kreuze in saarländischen Gerichtssälen beim jeweiligen Gerichtspräsidenten.

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CDU bedauert, SPD äußert Respekt
Die CDU Saar bedauerte die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts. „Das Kreuz, dessen Werte Grundlage auch unseres Rechtsstaates sind, hätte nicht abgehängt werden müssen“, sagte Generalsekretär Roland Theis. Als Alternative schlug er Säle mit und ohne Kruzifixe vor, die jedem gerecht würden.

Respekt vor der Entscheidung des Gerichts gab es von der SPD-Fraktion. Christiane Blatt, kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, verwies dabei aber auch auf das Kreuz im Plenarsaal des Saar-Landtages, das „der Geschichte unserer Region entspricht, ohne dabei andere Religionen zurückzuweisen“. Blatt zitierte die Verfassung des Saarlandes, wo es in Artikel 4 heißt: „Glauben, Gewissen und Überzeugung sind frei. Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden dadurch weder bedingt noch beschränkt.“

Gericht: Abhängen ist konsequent
Das saarländische Parlament werde aus Sicht der SPD-Fraktion auch künftig „im Angesicht der Verfassung, des Kreuzes, des Landeswappens sowie der deutschen und europäischen Flagge seine Entscheidungen für die Menschen gleich welcher Religion treffen“. Seit die evangelischen Kirchen im Jahr 2011 der Landesregierung ein künstlerisch gestaltetes Kreuz für den Kabinettsaal schenkten – die Anregung dazu kam aus der Politik – finden auch die Beratungen der Minister unter diesem Zeichen statt.

Die kirchenpolitische Sprecherin der Links-Fraktion im Saar-Landtag nennt die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts konsequent. Sie bringe Klarheit für alle Gerichtsparteien. „Der eigene religiöse Bekenntnisstand spielt vor Gericht keine Rolle, da das Gesetz für Gläubige verschiedener Religionen oder auch nicht gläubige Mitbürger gleichermaßen gelten muss“, sagte Heike Kugler.

Kirche bedauert und respektiert Entscheidung
Die Kirchen respektieren die Entscheidung des Gerichtspräsidenten, bedauern sie aber. Die Begründung, die Rechtsprechung müsse in einem neutralen Raum stattfinden, ist aus Sicht von Christian Weyer, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Saar-West, nicht stichhaltig: „Unsere Rechtsprechung ist kulturgeschichtlich geprägt.“ Das heutige Rechtsverständnis habe sich auch aus der Vorstellung eines barmherzigen, gerechten Gottes heraus entwickelt. Im Saarland ist etwa ein Fünftel der Bevölkerung evangelisch.

Die katholische Kirche, der knapp zwei Drittel der rund eine Million Saarländer angehören, sieht in dem Verschwinden des Kreuzes „ein Zeichen der fortschreitenden Säkularisierung“. Zunehmend prägten Minderheiten den öffentlichen Raum – zulasten der Mehrheit der Gesellschaft, sagte ein Bistumssprecher. (epd/mig)

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  1. Tai Fei sagt:

    Überzeugte Katholikin sagt: 14. Oktober 2014 um 09:59
    „… sondern wissenschaftlicher Grundkonsens.“
    In Ihren Träumen vielleicht.
    Überzeugte Katholikin sagt: 14. Oktober 2014 um 09:59
    „Es wird vergessen, dass Rom erst im 11. Jahrhundert zur bestimmenden Kraft in der “Kirche” wurde, die vorher eine Sache des Königtums war.“
    Natürlich, weil im 11. Jh., bedingt durch das morgenländische Schisma, die Katholische Kirche erst entstand. Bedingt durch die Reichsteilung war zuvor der Einfluss der Patriarchen von Konstantinopel zumeist größer, da sich Ostrom besser behaupten konnte.

    Überzeugte Katholikin sagt: 14. Oktober 2014 um 09:59
    „Es wird auch vergessen, dass der Zivilisationsbruch nicht mit der “Kirche”, sondern mit der Völkerwanderung einsetzte, die indirekt zur Folge hatte, dass die Kirche ein Bildungsmonopol hatte.“
    Selbst die Kirchengeschichte führt hier als wesentliches Datum die Schließung der Platonischen Akademie durch Justinan I. an. Da war die Völkerwanderung im Wesentlichen schon abgeschlossen. Der Niedergang der Verwaltungsstrukturen Westroms, und NUR Westroms, setzte erst später ein. Die Völkerwanderung als Ursache des Niedergangs ist schon seit Jahrzehnte obsolet.

    Überzeugte Katholikin sagt: 14. Oktober 2014 um 09:59
    „…wenn freie Germanen zur selben Zeit noch auf Bäumen lebten.“
    Auch daran darf gezweifelt werden. Sowohl die keltischen als auch die germanischen Gesellschaften waren recht hoch entwickelt. Die „niedrigere“ kulturelle Bedeutung basiert auf römischer Propaganda. Ähnliche Bsp. gibt es hier für die Phönizier im Mittelmeerraum.

    Überzeugte Katholikin sagt: 14. Oktober 2014 um 09:59
    „Die Bildungsexpansion im Spätmittelalter wäre ohne Kirche ebenso nicht denkbar. Rafael, Michelangelo und Co. wären ohne Kirche arbeitslos gewesen“
    Diese hatte ihre Ursache eher in der Reconquista Iberiens, wo viele klassische Schriften durch die Mauren erhalten geblieben waren und die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen, was einen Exodus griechischer Gelehrten auslöste. Natürlich trat die Kirche oft als Mäzen auf, aber nur für Auftragsarbeiten im ihrem Sinne.

    Überzeugte Katholikin sagt: 14. Oktober 2014 um 09:59
    „Latein war nun mal bis ins 18. Jahrhundert die Wissenschaftssprache und noch Newton hat sich dieser Kirchensprache bedient. Ohne Mönche wäre ein Aristoteles nicht rezipiert worden. Dass der arabische Raum ab dem 13. Jahrhundert immer mehr zurückfiel, ist bekannt.“
    Latein war, zumindest in Westeuropa halt universell. Latein ist aber keine Erfindung der Kirche. Diese hat diese Sprache allenfalls erhalten. Tatsächlich waren viele Schriften des Aristoteles gar nicht mehr im lateinischen erhalten. Da sich in Ostrom schon recht früh wieder eine Zuwendung zum Griechischen vollzog. In der Renaissance wurde erst viele klassische Texte WIEDER ins Lateinische übersetzt.

    Überzeugte Katholikin sagt: 14. Oktober 2014 um 09:59
    „Rom führte den Gregorianischen Kalender ein, …“
    Das ist aber nur eine Anpassung des julianischem und ist in vieler Hinsicht den Kalendarien der Südamerikanischen Hochkulturen immer noch unterlegen.

  2. Überzeugte Katholikin sagt:

    @Tai Fei

    Die Renaissance – der Begriff stammt aus dem 19. Jahrhundert – ist eine Antwort auf die offenen Fragen, der Scholastik und der Metaphysik, eine Reaktion auf starre Wissenschaft und reine metaphsische Spekulation, wenn wir so wollen. Sie hat u.a. die vita activa entdeckt und die Geschichtlichkeit des Menschen, der vorher mehr Objekt eines göttlichen Weltenplans war. Das Zentrum der Renaissance war neben Florenz unter anderem Rom. Bedeutende Humanisten waren Päpste. Insofern ist es lächerlich, die Renaissance als aufgeklärtes, „weltliches“ Gegenstück zur Kirche hinzustellen. Das sind alles Klischees aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

    Fest steht, dass es „die“ Kirche im Mittelalter so gar nicht gab, sondern viele Kirchen, die Rom als oberste rechtliche Autorität anerkannten. Das darf man sich aber nicht so vorstellen wie in der heutigen Kirche. Rom war viel zu weit weg, um im religiösen Alltag der meisten Menschen eine wirklich große Rolle zu spielen.

    Latein ist keine Erfindung der Kirche, wäre aber ohne die Kirche eine tote Sprache. Das heutige Verständnis der Wissenschaft als Wissenspeicherung wäre ohne das europäische Mönchtum undenkbar.
    Die Scheidung von Glauben und Wissen haben wir der Scholastik zu verdanken.

    Der muslimische Einfluss auf die Aristoteles-Rezeption darf nicht außer Acht lassen, dass die unbekannten Schriften dieses Philosophen ursprünglich von Neuplatonikern und frühen christlichen Philosophen an die Moslems weitertradiert wurden, die sich gewissermaßen christlich-antiken Kulturboden angeeignet hatten. Der Neuplatonismus hat bekanntlich tiefe Spuren in der mittelalterlichen Philosophie hinterlassen, ohne die uns nur ein Bruchteil des antiken Schrifttums überliefert wäre.

    Ein Christentum ohne Antike gibt es halt ebenso wenig wie ein Moderne ohne Christentum. Im Übrigen hat Aristoteles ein geozentrisches Weltbild bevorzugt. Er steht wie Ptolemäus also im Widerspruch zu Galilei, der immerhin in Klosterschulen sozialisiert wurde.

    PS: Sobald Sie einen wissenschaftlichen Aufsatz schreiben und Fußnoten setzten, arbeiten Sie „mittelalterlich“. Sie setzten Glossen und berufen sich auf Autoritäten. Christentum im vormodernen Sinn bedeutet Buchwissenschaft, nicht Naturreligion. Also Vorsicht!

  3. Tai Fei sagt:

    Überzeugte Katholikin sagt: 15. Oktober 2014 um 16:18
    „Die Renaissance – der Begriff stammt aus dem 19. Jahrhundert – ist eine Antwort auf die offenen Fragen, der Scholastik und der Metaphysik, eine Reaktion auf starre Wissenschaft und reine metaphsische Spekulation, wenn wir so wollen. Sie hat u.a. die vita activa entdeckt und die Geschichtlichkeit des Menschen, der vorher mehr Objekt eines göttlichen Weltenplans war. Das Zentrum der Renaissance war neben Florenz unter anderem Rom. Bedeutende Humanisten waren Päpste. Insofern ist es lächerlich, die Renaissance als aufgeklärtes, “weltliches” Gegenstück zur Kirche hinzustellen. Das sind alles Klischees aus dem 18. und 19. Jahrhundert.!

    Wer hat denn behauptet, die Renaissance sei ein aufgeklärtes Gegenstück. Das finden Sie nicht in meiner Darstellung. Im Übrigen ist auch der Begriff der Scholastik eine Erfindung des 18. Jh. um einige Bereiche der Kirchengeschichte zeitlich und begrifflich zu definieren. Wir kommen hier nicht umhin auf später gesetzte Termini zurückzugreifen.

    Überzeugte Katholikin sagt: 15. Oktober 2014 um 16:18
    „Fest steht, dass es “die” Kirche im Mittelalter so gar nicht gab, sondern viele Kirchen, die Rom als oberste rechtliche Autorität anerkannten. Das darf man sich aber nicht so vorstellen wie in der heutigen Kirche. Rom war viel zu weit weg, um im religiösen Alltag der meisten Menschen eine wirklich große Rolle zu spielen.“

    Das ist nicht richtig, über das Pfarreisystem hatte Rom sehr wohl die Kontrolle über den Alltag der Menschen. Das die Struktur im Mittelalter weniger zentralistisch war, ist klar, das war die weltliche Macht aber auch. Das Rom aber keinen Einfluss gehabt hätte ist falsch, wie die mehrfache Einmischung ins dt. Kaisertum beweist.

    Überzeugte Katholikin sagt: 15. Oktober 2014 um 16:18
    „Latein ist keine Erfindung der Kirche, wäre aber ohne die Kirche eine tote Sprache. Das heutige Verständnis der Wissenschaft als Wissenspeicherung wäre ohne das europäische Mönchtum undenkbar.“

    Vom 6. bis zum 10. Jh. kann von Wissenspeicherung, zumindest im Bereich der Westkirche, kaum die Rede sein. Das morgenländische Schisma verstärkte schließlich die Rückständigkeit vollständig. Nicht Rom sondern eher Konstantinopel darf hier wohl als Bewahrerin antiker Traditionen gelten.

    Überzeugte Katholikin sagt: 15. Oktober 2014 um 16:18
    „Die Scheidung von Glauben und Wissen haben wir der Scholastik zu verdanken.“

    Die Scholastik, der Begriff wurde auch erst im 18. Jh. geprägt, hat ihre Wurzeln im Hochmittelalter und diente vornehmlich einen „rationalen“ Unterbau für theologische Dogmen zu erarbeiten. Tatsächlich war dieser Begriff sehr lange sogar recht negativ konnotiert.

    Überzeugte Katholikin sagt: 15. Oktober 2014 um 16:18
    „Der muslimische Einfluss auf die Aristoteles-Rezeption darf nicht außer Acht lassen, dass die unbekannten Schriften dieses Philosophen ursprünglich von Neuplatonikern und frühen christlichen Philosophen an die Moslems weitertradiert wurden, die sich gewissermaßen christlich-antiken Kulturboden angeeignet hatten. Der Neuplatonismus hat bekanntlich tiefe Spuren in der mittelalterlichen Philosophie hinterlassen, ohne die uns nur ein Bruchteil des antiken Schrifttums überliefert wäre.“
    Das Verhältnis von Neuplatonismus zur „Amtskirche“ sowohl im Osten als auch Westen darf allenfalls als ambivalent angesehen werden. Von tiefen Spuren, gerade in der Lateinkirche kann daher keine Rede sein, da viele Schriften, vornehmlich in Griechisch, hier gar nicht vorlagen bzw. wenig Beachtung fanden. Erst in der Renaissance wurden viele Texte wieder ins Lateinische bebracht.

    Überzeugte Katholikin sagt: 15. Oktober 2014 um 16:18
    „Ein Christentum ohne Antike gibt es halt ebenso wenig wie ein Moderne ohne Christentum.“

    Das ist ´ne Binsenweisheit, die sich nur deshalb nicht widerlegen lässt, da wir über alternative Zeitlinien nur spekulieren können. Sicher darf man das Christentum nicht für den Wissensverlust im Europa des frühen Mittelalters verantwortlich machen, Die dogmatische Ignoranz, gerade der lateinischen Kirche, verhinderte jedoch viele Jh. die wissenschaftliche Entwicklung und den kulturellen Austausch. Nicht umsonst war die islamische Kultur im Mittelalter, die hier deutlich ambivalenter vorging, wesentlich fortschrittlicher.

    Überzeugte Katholikin sagt: 15. Oktober 2014 um 16:18
    „Im Übrigen hat Aristoteles ein geozentrisches Weltbild bevorzugt. Er steht wie Ptolemäus also im Widerspruch zu Galilei, der immerhin in Klosterschulen sozialisiert wurde.“

    Was hat das bitte für eine Relevanz? Immerhin war das heliozentrische Weltbild aber bereits in der Antike in der Diskussion, von außereuropäischen Kulturen gar nicht zu sprechen.

  4. Überzeugte Katholikin sagt:

    „Das ist nicht richtig, über das Pfarreisystem hatte Rom sehr wohl die Kontrolle über den Alltag der Menschen. Das die Struktur im Mittelalter weniger zentralistisch war, ist klar, das war die weltliche Macht aber auch. Das Rom aber keinen Einfluss gehabt hätte ist falsch, wie die mehrfache Einmischung ins dt. Kaisertum beweist.“

    Das mit der „Kontrolle“ falsch, da Pfarreien meist Eigenkirchen waren. Kleriker wurden meist von einer juristischen Person (etwa von einer Dorfgemeinde) bzw. Adelsherren präsentiert und vom Bischof abgesegnet. Die Kurie konnte den Rechtsanspruch auf frei werdende Pfründen bestätigen, der Petent musste aber dann erst die Anspruch vor Ort erst umsetzen. Von „Kontrolle“ Roms kann also keine Rede sein, vor dem 11. Jahrhundert schon gleich gar nicht. Das Phänomen „Kirche“ war viel zu universal, um als schnöde „Hierarchie“ aufgefasst werden zu können. Die „Kirche“ wurde vielmehr benötigt weil es im Mittelalter keinen „Staat“ gab. Die Einmischung des Kaisertums sollte die Kirche von der weltlichen Gewalt trennen, die ja die Kirche für sich okkupiert hatte. Kirche in der Vormoderne ist nichts wirklich „zentralistisches“. Vielmehr steht fest, dass „demokratische“ Gedanken etwa auf den Konzilien des 15. Jahrhunderts formuliert wurden. Der Grundsatz Papst=Kirche wäre dem Mittelalter fremd gewesen.

    Das „Tamtam“ um das eigentlich gar nicht so bedeutende Jahr 1054 ist ebenfalls ein Konstrukt aus dem 19. Jahrhundert, da die eigentliche kulturell-religiöse Spaltung der Kirche schon in der Karolingerzeit längst ein Faktum war. Und was die griechischen Mönche anbelangt, so spricht dies ja gerade nicht gegen die Bildungsfeindlichkeit der Kirche.

    Die kulturellen und geistigen Leistungen der Kirche werden oft nur missbilligt, weil es an historischem Vorwissen mangelt. Was Lieschen Müller nicht kennt, frisst es nicht. Darum ist das Mittelalter auch so finster, während die Moderne im aufgeklärten Sonnenschein erstrahlt.

  5. Tai Fei sagt:

    Überzeugte Katholikin sagt: 16. Oktober 2014 um 11:13
    Das mit der “Kontrolle” falsch, da Pfarreien meist Eigenkirchen waren. Kleriker wurden meist von einer juristischen Person (etwa von einer Dorfgemeinde) bzw. Adelsherren präsentiert und vom Bischof abgesegnet. Die Kurie konnte den Rechtsanspruch auf frei werdende Pfründen bestätigen, der Petent musste aber dann erst die Anspruch vor Ort erst umsetzen. Von “Kontrolle” Roms kann also keine Rede sein, vor dem 11. Jahrhundert schon gleich gar nicht.
    Das Phänomen “Kirche” war viel zu universal, um als schnöde “Hierarchie” aufgefasst werden zu können. Die “Kirche” wurde vielmehr benötigt weil es im Mittelalter keinen “Staat” gab.
    Durch den Einfluss der Bischoffsitze bei der Bestätigung der Pfarreien, hatte die Kurie sehr wohl Einfluss, zumal etliche Pfarreien auch in direkter ökonomischer Abhängigkeit standen. Der von Ihnen erwähnte Staatsbegriff ist ein Konstrukt der Neuzeit und kann für das Mittelalter überhaupt nicht angeführt werden. Die Abwesenheit eines „Staates“ heißt aber noch lange nicht, die Abwesenheit von Verwaltungsstrukturen. Freilich waren diese, nach dem Zusammenbruch Westroms deutlich dezentraler angelegt. Gerade aber die zentralistische, klare Hierarchie, siehe auch Papstwahldekret, ermöglichte ja gerade die Aufrechterhaltung von Verwaltungsstrukturen, gerade auch in Verbindung mit weltlicher/finanzpolitischer Macht.

    Überzeugte Katholikin sagt: 16. Oktober 2014 um 11:13
    „Die Einmischung des Kaisertums sollte die Kirche von der weltlichen Gewalt trennen, die ja die Kirche für sich okkupiert hatte.“
    Sie beschreiben hier die Entwicklung im Hochmittelalter. Zuvor war die Situation aber eher umgekehrt. So war es zuerst die Kirche, welche auf die Kaiserwahl, Einfluss nahm.

    Überzeugte Katholikin sagt: 16. Oktober 2014 um 11:13
    „ Kirche in der Vormoderne ist nichts wirklich “zentralistisches”. Vielmehr steht fest, dass “demokratische” Gedanken etwa auf den Konzilien des 15. Jahrhunderts formuliert wurden. Der Grundsatz Papst=Kirche wäre dem Mittelalter fremd gewesen. Das “Tamtam” um das eigentlich gar nicht so bedeutende Jahr 1054 ist ebenfalls ein Konstrukt aus dem 19. Jahrhundert, da die eigentliche kulturell-religiöse Spaltung der Kirche schon in der Karolingerzeit längst ein Faktum war. Und was die griechischen Mönche anbelangt, so spricht dies ja gerade nicht gegen die Bildungsfeindlichkeit der Kirche.
    Die kulturellen und geistigen Leistungen der Kirche werden oft nur missbilligt, weil es an historischem Vorwissen mangelt. Was Lieschen Müller nicht kennt, frisst es nicht. Darum ist das Mittelalter auch so finster, während die Moderne im aufgeklärten Sonnenschein erstrahlt.

    Irgendwie widersprechen Sie sich ständig in Ihren Aussagen. Einerseits negieren Sie den Einfluss des kirchlichen Dogmatismus auf die abendländische Politik, andererseits stellen Sie fest, dass die Kirche weltliche Macht okkupiert hätte. Sie negieren klare hierarchische Strukturen, stellen aber fest, dass die Kirche die Nachfolge der Verwaltung Westroms sicherte. Was gilt denn nun?
    Natürlich ist das Mittelalter nicht NUR finster. Diese Feststellung wäre auch ziemlich eurozentristisch. Wie gesagt war, die Entwicklung außerhalb des lateinischen Europas, in dieser Epoche deutlich progressiver. Genauso wenig herrscht in der Moderne eitel Sonnenschein. Denn, und das sollte man auch unbedingt festhalten, gerade die katholische Kirche pflegte in der Moderne ein enges Verhältnis zu Diktaturen, Faschisten und anderen reaktionären Kräften.

  6. Überzeugte Katholikin sagt:

    Entschuldigung Tai Fei. Aber wie bitte sollen denn Ihre „Verwaltungsstrukturen“ aussehen, in einer Epoche, die bis ins 13./14. Jahrhundert weitgehend illiterat war? Mit welchem komplexen „Verwaltungsapparat“ hätten denn „Beamte“ in einem frühmittelalterlichen Urwaldland finanziert werden sollen? Fest steht, dass mittelalterliche Herrscher gerade in der Frühzeit fast nur Kleriker zur Verfügung hatten, um primitive Verwaltungstätigkeiten ausüben zu können. „Kirche“ und „Welt“ waren gerade im Alltagsleben derart einander verstrickt und aufeinander angewiesen, dass die Rolle der „Kirche“ tatsächlich widersprüchlich zu sehen ist, sich aber keinesfalls auf „Schwarzmalerei“ beschränken sollte.

    „Sie beschreiben hier die Entwicklung im Hochmittelalter. Zuvor war die Situation aber eher umgekehrt. So war es zuerst die Kirche, welche auf die Kaiserwahl, Einfluss nahm.“ Abgesehen davon, dass Kaiser natürlich in Rom gekrönt wurden, ist dieser Satz definitiv falsch, denn vor 1050 war das Papsttum eine sehr stadtrömische Angelegenheit, die für Europa nur am Rande von Bedeutung war. Dass die Kurie später zur führenden Verwaltungsmacht in Europa aufstieg, hängt wesentlich mit Entwicklungen des 11. Jahrhunderts zusammen.

    Im Grunde geben Sie mir ja auch in der Sache recht. Mir geht es nicht darum, im Zusammenhang mit Kreuzen im Klassenzimmer Geschichtsunterricht zu erteilen. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass man hier in Europa durchaus in einer Tradition steht, die man – trotz aller Schönheitsmängel – als abendländische Hochkultur bezeichnen darf. Wenn man die abschaffen will, schafft man halt auch Stück Identität und damit auch ein Stück Europa ab. Will man das?

  7. Tai Fei sagt:

    Überzeugte Katholikin sagt: 16. Oktober 2014 um 19:14
    „Aber wie bitte sollen denn Ihre “Verwaltungsstrukturen” aussehen, in einer Epoche, die bis ins 13./14. Jahrhundert weitgehend illiterat war? Mit welchem komplexen “Verwaltungsapparat” hätten denn “Beamte” in einem frühmittelalterlichen Urwaldland finanziert werden sollen? Fest steht, dass mittelalterliche Herrscher gerade in der Frühzeit fast nur Kleriker zur Verfügung hatten, um primitive Verwaltungstätigkeiten ausüben zu können. “Kirche” und “Welt” waren gerade im Alltagsleben derart einander verstrickt …Abgesehen davon, dass Kaiser natürlich in Rom gekrönt wurden, ist dieser Satz definitiv falsch, denn vor 1050 war das Papsttum eine sehr stadtrömische Angelegenheit, die für Europa nur am Rande von Bedeutung war. Dass die Kurie später zur führenden Verwaltungsmacht in Europa aufstieg, hängt wesentlich mit Entwicklungen des 11. Jahrhunderts zusammen“
    Das Problem ist doch gar nicht Verwaltungstätigkeit der Kirche, Das Problem ist ihr Anspruch auf weltliche Macht. Bereits mit der pippinschen Schenkung sicherte sich die lateinische Kirche umfangreichen Grundbesitz (Kirchenstaat). Selbst Karl der Große musste diese Schenkung bestätigen, bevor die Kaiserwürde vom Pabst bestätigt wurde. Die Entwicklung des Pabsttums und sein Einfluss in die weltliche Politik ist also lange VOR dem 11. Jh. belegt. Diese Entwicklung ist auch nur auf die lateinische Kirche, sprich Rom, beschränkt. Keine Ostkirche konnte derartigen Einfluss geltend machen bzw. in gleicher Weise politische Strukturen und weltliche Rechtssprechung beeinflussen. Die Katholische Kirche war somit nicht nur mit der herrschenden Klasse des Landadels verstrickt, wie Sie behaupten, sie gehörte selber dieser Klasse an. Dahingehend beherrschte ihr ideologisches Dogma der göttlichen Ordnung auch die weltliche Rechtssprechung und Politik. Genau das machte die Kirche zu einem Hort der Reaktion, welche sich ab dem Spätmittelalter in verbissenen Abwehrkämpfen seiner Privilegien zu sichern verstand. Jegliches Infragestellen der ideologischen Grundordnung der Kirche, wurde somit, und dass durchaus zu Recht, auch als Infragestellen der weltlichen Privilegien begriffen und massiv bekämpft. Noch heute genießen die Kirchen und kirchliche Einrichtungen, speziell in Deutschland, noch Privilegien, welche nicht mit einem säkularen Rechtsstaat vereinbar sind. Die Rechtssprechung der BRD darf sich nicht einem ideologischen Dogma unterwerfen, welche seine Legitimation allein von Gott bezieht. Auch wenn unsere Gesellschaft auf einer christlich-abendländischen Kultur basiert, wobei ich auch hier schon opponieren würde, ist diese nicht zwangsläufig maßgebend für eine demokratische Rechtsstaatlichkeit. Religion wird in unserer Gesellschaft inzwischen als Privatangelegenheit definiert. Damit hat sie auch nichts mehr in rechtsstaatlichen Institutionen zu suchen.

  8. Rotbeere sagt:

    „Unsere Rechtsprechung ist kulturgeschichtlich geprägt.“

    So ist es. Und ein Kreuz, abgenommen von der Wand, verschwindet dadurch nicht aus den Köpfen.

    Unabhängig von der jeweiligen Dekoration des Gerichtssaals und der eigenen Religionszugehörigkeit hat jeder Mensch in Deutschland das gesetzgegebene Recht auf ein faires Gerichtsverfahren und soweit mir bekannt ist, bekommt er/sie es auch.

    Daher sehe ich den Grund nicht, warum man sich an kulturgeschichtlicher Dekoration stören sollte, wo sie offensichtlich nichts weiter ist als das. Mehr Offenheit entsteht dadurch nicht, im Gegenteil – es verhärtet die Fronten und löscht gleichzeitig Kulturgut aus.
    Ein offenkundig mit christlichen Werten begründetes Gerichtsurteil etwa hätte ich eher als Kritikgrund verstanden.

  9. Überzeugte Katholikin sagt:

    @Tai Fei

    1. Sie haben nicht verstanden, dass die Kirche von der Weltlichkeit gebraucht wurde, als Reservat für Fachleute, für treue Anhänger und als Stütze des Königtums. Es ist nämlich genau andersrum. Erst hat die Weltlichkeit christianisiert, um sich die Kirche nutzbar zu machen (man denke an Chlodwigs Taufe oder Konstantin den Großen). Dogmatismen und Reaktion (Reaktion auf was denn?) sind für mehr als 700 Jahre stark von der Weltlichkeit beeinflusst worden. Erst mit dem Reformpapstum und mit dem Aufstieg Roms setzt so etwas wie eine „Demokratisierung“ ein. Plötzlich können Leute zu Gelehrten, Bischöfen und Päpsten aufsteigen, die eben nicht adelig sind. Auch das ist durchaus ein Verdienst der Kirche.

    2. Ihre Haltung wäre dem mittelalterlichen Menschen völlig fremd gewesen, da Kirche eine Sozialversorgungseinrichtung, eine Seelsorgeeinrichtung, eine Friedens- und Rechtseinrichtung sowie eine geistige Einrichtung war, um es mal ganz platt auszudrücken. Die Verstrickung von Religion und Welt sorgte für Ordnung in einer von Gewalt und Unfrieden bedrohten Welt. Dass viele Muslime heute ähnlich denken ist ganz klar, da in vielen Ländern keine „bürgerliche Gesellschaft“ existiert ebenso wie ein „Staat“, der diesen Namen auch wirklich verdient. Religion ist für einige von ihnen immer noch eine Frage der Weltordnung, nicht der „Ideologie“.

    3. Rechtsstaat und Demokratie sind begrüßenswert, nicht weil dahinter eine Ideologie steckt, die anderen in ihrem Kern überlegen wäre, sondern weil sie checks und balances bieten, Kontrollmechanismen, die eine Konkurrenz- und Marktgesellschaft vor der ihr immanenten Barbarei bewahren.

    4. Genau weil die Welt nicht so toll ist, wie alle immer behaupten, bin ich für das Kreuz, weil es ein Zeichen gegen den Materialismus ist. Hier geht es nicht um Dogmatisierung, Bevormundung oder „Zierrat“, sondern um ein Symbol dafür, dass das Leben nicht aus „kapitalistischem Betriebsalltag“ besteht. Religion ist durchaus begrüßenswert, wenn sie nicht als Machtmittel, sondern als Instrument der Zivilisierung benutzt wird. Insofern bin ich schon dafür, dass wie unsere Kultur und unsere religiösen Werte – soweit noch vorhanden – gegen die allgemeine Banalisierung durch eine reine Marktkultur verteidigen. Wenn Sie das Fernsehen einschalten, werden Sie zugeben, dass der heutige angepasste mediale Blabladiskurs oft auf nichts anderes hinausläuft als auf den Hirntod. Und wenn Sie nur einmal auf den Pausenhof gehen oder Ihre Nachbarn beobachten, werden Sie merken, dass die Manieren und der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht besser werden. Wo soll denn da die viel gepriesene „Offenheit“ herkommen, wenn die geistigen Grundlagen immer mehr ausgehöhlt werden?

  10. Marc Fern sagt:

    @Katholikin

    „4. Genau weil die Welt nicht so toll ist, wie alle immer behaupten, bin ich für das Kreuz, weil es ein Zeichen gegen den Materialismus ist.“

    Was hat denn ein Zeichen gegen Materialismus in einem Gerichtsgebäude verloren? Warum muß man überhaupt irgendwo ganz offiziell ein Zeichen an Orte setzen, wo dies überhaupt nicht zum Thema passt? Religion und was sie daraus machen ist privatsache und man sollte doch bitte nicht ständig anderen Menschen seine persönlichen Überzeugungen unter die Nase reiben. Einfach selbst danach leben, wenn man davon überzeugt ist und gut is!

    Ich habe ganz andere Prioritäten in meinem Leben, ich käme aber niemals auf die Idee diese anderen Menschen mit einem Symbol in der Öffentlichkeit aufzudrängen.