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Der Freund

Die guten Seelen der Flüchtlingsarbeit

Die Politik zögert, doch etwa die Hälfte der Bundesbürger ist für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen in Deutschland. Dass Flüchtlinge auch in der Praxis willkommen sind, zeigt ein Blick nach Mainz - Elisa Rheinheimer-Chabbi zu Besuch bei "Bodo" und seinen neuen Nachbarn.

Von Elisa Rheinheimer-Chabbi Montag, 29.09.2014, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 30.09.2014, 17:36 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

„Bodo“ ertönt eine helle Kinderstimme im Treppenhaus eines Mainzer Mietshauses. Dann lugen zwei dunkelbraune Augen um die Ecke, und das kleine Mädchen lacht glücklich, als der 51-jährige Bodo Glaser es auf den Arm nimmt. „Hallo Lola“, begrüßt Glaser die Zweijährige, die mit ihren Eltern und ihrem vier Monate alten Bruder vor wenigen Wochen aus dem Mainzer Flüchtlingsheim in eine eigene Wohnung gezogen ist. Die Familie Sedary aus Ägypten hat Glück gehabt: Ihr Asylantrag wurde anerkannt. Weil sie koptische Christen sind und in Ägypten verfolgt wurden, haben sie nun die Chance, sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Glaser hilft ihnen dabei.

In Mainz leben nach Angaben des Sozialdezernats über 900 Flüchtlinge. „Ehrenamtliche geben den Menschen in den Unterkünften das Gefühl, willkommen zu sein“, sagt Sozialdezernent Kurt Merkator (SPD). Außerdem förderten die über 100 Ehrenamtlichen in Mainz die Akzeptanz der Flüchtlinge bei der bisweilen kritischen Nachbarschaft.

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Volker Jung, Vorsitzender der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), weist darauf hin, dass freiwillige Helfer Deutschkurse und Hausaufgabenhilfen für Flüchtlinge organisieren, sie bei Behördengängen begleiten, Amtsdokumente übersetzen und sie bei der Wohnungseinrichtung unterstützen. „Wir bekommen aus der Politik immer wieder das Signal, dass die Städte sehr froh sind über diese Unterstützung durch Ehrenamtliche und Kirchengemeinden“, sagte der hessen-nassauische Kirchenpräsident Jung dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Ich glaube, dass all das von den Kommunen alleine nicht geleistet werden könnte“, fügte er hinzu.

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„Wir wollen ein Stückchen Himmel auf Erden bringen“, beschreibt Bodo Glaser sein Engagement für Flüchtlinge bei der evangelischen Freikirche „Kirche in Aktion“. Er versteckte Osternester für die Flüchtlingskinder, bastelte Schultüten, organisierte Sommerfeste. Und als vor zwei Jahren in Mainz ein neues Flüchtlingsheim eröffnet wurde, bot er auch dort seine Hilfe an. Glaser, der hauptberuflich als gesetzlicher Betreuer arbeitet, erinnert sich: „Die erste Flüchtlingsfamilie, die ich betreut habe, kam aus Syrien. Wir haben uns zu Beginn mit Händen und Füßen verständigt. Bei gemeinsamen Spaziergängen habe ich ihnen die ersten deutschen Worte beigebracht.“ Diese Familie ist inzwischen in eine eigene Wohnung umgezogen – genau wie Raina und Nasrim Sedary aus Ägypten.

Im Wohnzimmer der Familie Sedary läuft der Fernseher. Raina Sedary hält ihr Baby auf dem Arm und serviert Tee und Kekse. Der Vater der kleinen Lola, die eigentlich Ilaria heißt, bringt einen Brief aus dem Nebenzimmer und reicht ihn Glaser mit fragenden Augen. Es ist ein Bescheid des städtischen Kindergartens. Der Antrag auf einen Kindergartenplatz sei eingegangen, aber Ilaria müsse noch warten, heißt es. Bodo Glaser übersetzt das Bürokratendeutsch in Worte, die die Familie versteht.

Ilaria ist inzwischen auf Glasers Schoß geklettert, grinst in die Runde und spielt mit Glasers Smartphone. Sie will Fotos anschauen und schmollt kurz, als Glaser ihr das Handy nach einer Weile aus der Hand nimmt. Er will ihren Eltern Bilder einer gebrauchten Einbauküche zeigen, die er für sie aufgetrieben hat. „Wie viel kostet?“ fragt Nasrim Sedary. „Nichts“, sagt Glaser. Auch beim Einbauen der Küche wird er wieder helfen. „Ja, wer macht das sonst?“ fragt er achselzuckend und wirbelt dann die fröhlich quietschende Ilaria durch die Luft. Raina Sedary lächelt und sagt: „Bodo immer da. Immer helfen. Im Heim – und hier.“

Für Glaser sind die 10 bis 20 Stunden, die er wöchentlich mit Menschen wie Raina und Nasrim Sedary verbringt, eine Bereicherung. „Ich gehe als Freund hin“, sagt er. „Für mich ist es wichtig, dass die Flüchtlinge auch in deutsche Familien reinkommen. Deshalb lade ich sie auch mal zu Grillparties zu mir nach Hause ein.“

Volker Jung beobachtet in ganz Deutschland eine große Bereitschaft, sich für Flüchtlinge einzusetzen. „Ehrenamtliche jeden Alters und durch alle sozialen Schichten hindurch bieten Flüchtlingen ihre Hilfe an“, betont der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. (epd/mig)

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