Brückenbauer

Die Illusion der ausschließlichen Identität

Einstiegsfrage: Was ist grenzenlos? Vielleicht ist es das Meer? Der Himmel, oder etwa die Liebe? Oder wie wäre es mit dem Universum?

Von Montag, 18.08.2014, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 30.05.2016, 16:24 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die philosophische Romantik der subjektiven Wahrnehmung respektierend, werde ich keine dieser Möglichkeiten ausschließen, denn die Gedanken sind in absoluter Freiheit und überqueren folglich jeden Checkpoint und jede Grenze.

Einst subjektiv und mittlerweile zunehmend als objektive Wahrheit sich manifestierend, scheint die Eigenschaft der Grenzenlosigkeit für die Meinungsfreiheit zu gelten, wenn sich derjenige auf sie beruft, der sektiert, diffamiert und Hass verbreitet. Die Bild am Sonntag und ihr eloquenterer Bruder, der Cicero, (das sind lediglich aktuelle und nicht abschließende Beispiele) haben in ihren letzten Ausgaben Wahrheit mit Unwahrheit vermischt, im Namen des Rechts, Unrecht gesprochen und offenbart, dass sie der Illusion einer ausschließlichen Identität erlegen sind. Diese Illusion entwickelt eine Eigendynamik, färbt sich in verbaler Gewalt und intellektuell Minderbemittelte malen dann mit diesen Farben ein Bild der Gewalttätigkeit (aktuelle Angriffe auf Moscheen in Berlin und Bielefeld).

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Die Illusion der ausschließlichen Identität sieht die „moderne Zivilisation nur in „christlich-jüdischen Kulturkreisen“ (Frank Meyer, Cicero, August 2014, Titel: Totalitäre Religion). Der logische Umkehrschluss wirft folglich alle, die diesem Kulturkreis nicht angehören, aus der Burg der Zivilisation in den Urwald der Barbarei. Nicolaus Fest, ein Hüter dieser modernen Burg, schöpft die Grenzenlosigkeit der Pressefreiheit für Rechtspopulisten aus: „Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.“ (Bams, Nicolaus Fest, 27.07, Artikel: Islam als Integrationshindernis).

Es ist verständlich, dass Herr Fest keinen Rassismus importieren will, denn was man zu Häufe bereits besitzt, braucht man auch nicht. Herr Fest kann Rassismus exportieren, und wird sicher Exportweltmeister.

Was zudem auch nicht benötigt wird, ist das Schweigen der Justiz zur mehrfachen Verletzung der Grundrechte. Zurück zur Einstiegsfrage: Grenzenlos ist vielleicht vieles und wie Sie lesen konnten, auch der Hass und Rassismus einiger, aber die Meinungsfreiheit findet ihre Schranken spätestens in der Würde des Menschen. Die Würde des Menschen erträgt es nicht, wenn Einzelfälle einer gesamten Religion zugeschrieben werden. Die Würde des Menschen erträgt es nicht, wenn Moral, Ethik und Fortschritt nur einer Menschengruppe zugesprochen wird. Die Würde des Menschen erträgt es nicht, wenn gefallene Kinder im größten Freiluftgefängnis der Welt zu Tätern gemacht werden.

Ich erlaube es mir, die Worte Shylocks in Shakespeares wunderbarer Erzählung verändert zu zitieren: „Hat nicht ein Muslim Augen? Hat nicht ein Muslim Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ?“ Mit diesen Worten ist eine Brücke geschaffen, über die wir von der Insel der Illusion einer monotonen Identität zum Festland der vielfältigen Kulturen gelangen können.

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  1. Nebukadnezar sagt:

    1. Identität ist keine isolierte Menge. Sie ist eine Schnittmenge. Ich kann z.B. Professor sein, ehemaliger Kriegsteilnehmer, deutsch sprechen, Rentner sein, Flüchtling, SPD Mitglied, hellhäutig, mäßig intelligent, halbgebildet, faul, wohlhabend usw. Jeder einzelne Punkt verbindet mich mit anderen Menschen. Je mehr davon zutrifft, umso „identischer“ fühlt man sich mit dem Gegenüber. Das Problem tritt dort auf, wo die Schnittmengen zu klein sind, etwa aufgrund der zu großen kulturellen Distanz. Das hat mit Kulturrassismus nichts zu tun. Davon zu sprechen, dass Identität eine Erfindung und Selbstprojektion ist, ist falsch, da Identität gewissermaßen der Pool aller „Tradition“ ist, die Menschen miteinander verbindet. Ein Akademiker aus Japan versteht sich vermutlich in aller Regel bestens mit einem aus Deutschland, wird aber mit einem Bauarbeiter aus unserem Land wohl eher wenig anfangen können. Gleiches gilt auch umgekehrt. In diesem Fall verbindet ganz klar die akademische „Tradition“.

    http://www.textlog.de/tucholsky-der-tuerke-paris.html

    2. Die europäische oder die deutsche Kultur ist mitnichten monoton. Ganz im Gegenteil. Deutschland war noch nie so monoton und vereinheitlicht wie heute. Monotonität sehe ich, wenn ich in Köln oder München spazieren gehe. Das hat mit Bayern oder dem Rheinland schon lange nichts mehr zu tun. Monotonität sehe ich, wenn ich den Fernseher einschalte. Gähnende Leere … Fest steht doch dass wir einen linken Einheitsbrei haben, an dem sich alles orientieren soll.

  2. Saadiya sagt:

    @Nebukadnezar: „Jeder einzelne Punkt verbindet mich mit anderen Menschen. Je mehr davon zutrifft, umso “identischer” fühlt man sich mit dem Gegenüber. Das Problem tritt dort auf, wo die Schnittmengen zu klein sind, etwa aufgrund der zu großen kulturellen Distanz.“

    Aus meiner Sicht ist Identität nicht ausschließlich das, womit ich mich „identischer mit einem Gegenüber“ sehe, sondern vielmehr das, was mich persönlich ausmacht, das was man als ICH-SEIN beschreiben könnte. Sicherlich bin ich mit meiner Identität auch ein Mitglied der Gesellschaft oder von Gruppe(n), aber Identität ist in erster Linie etwas sehr persönliches und fließt darin in eine Gesellschaft ein. Kulturelle Distanzen kann man überbrücken, kulturelle Distanzen bieten Möglichkeiten zum Austausch und zum Verstehen lernen, sie sind kein statisches Gebilde mit dem man dauerhaft nichts anfangen kann. In der modernen Welt ist eine zu große kulturelle Distanz zudem kaum noch möglich, erst recht nicht innerhalb eines Landes. Heute gibt es oft nicht nur ENTWEDER oder ODER sondern man findet auch in einer Person KULTURVERSCHIEDNES vereint. Vielmehr ist kulturelle Vielfalt ein Bestandteil unseres Alltags geworden, mit dem wir umgehen müssen und ohne die unsere Gesellschaft nicht mehr funktionieren würde.

  3. Geobrezel sagt:

    „Mit diesen Worten ist eine Brücke geschaffen, über die wir von der Insel der Illusion einer monotonen Identität zum Festland der vielfältigen Kulturen gelangen können.“

    Man sollte es auch nicht übertreiben! Unsere Gesellschaft würde nicht anfangen „monoton“ zu sein, nur weil der Islam fehlen würde! Da überschätzt man seine Rolle auch gewaltig! Und ganz nebenbei ignoriert man, dass man nur Einer von ganz vielen unterschiedlichen Gruppen ist.

    Die in Deutschland vorhandene Gesellschaft ist grundsätzlich offener als die meisten Länder weltweit, das ist erstmal festzuhalten (auch wenn es noch Probleme gibt, das will ich nicht verschweigen!).

  4. Dazu möchte ich noch besonders empfehlen: Amartya Sen (1998 Nobelpreis für Wirtschaftwissenschaften), „Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt.“

  5. Realist sagt:

    @Saadiya: Die arabische Welt ist doch selbst das beste Beispiel dafür, dass unterschiedliche Kulturen nicht zwingend vereinbar sind. Syrien, Palästina, Libanon sind Paradebeispiele, dass kulturelle Diversität keineswegs der Garant dafür ist, dass Frieden herrscht. Und in Europa ist es nicht anders: Ukraine usw. Diese Länder sind alle Bestandteil der „modernen“ Welt. Für mich hat Multikulturalität nichts „Modernes“ an sich. Sie irren sich: Gerade Europa durchlebt gerade ein deftige Polarisierungswelle. Der Alltag funktioniert ja nicht, weder im Gazastreifen, im Donezbecken noch in den Problemvierteln von Paris. Distanzen kann man überwinden, sicher, aber nicht ganze Gräben!

  6. Saadiya sagt:

    @Realist: „….. dass kulturelle Diversität keineswegs der Garant dafür ist, dass Frieden herrscht. “

    Stimmt, und genau deshalb müssen wir an der Diversität noch arbeiten, egal wo auf der Welt wir uns befinden.

    @Realist: „Die arabische Welt ist doch selbst das beste Beispiel dafür, dass unterschiedliche Kulturen nicht zwingend vereinbar sind. Syrien, Palästina, Libanon sind Paradebeispiele….“

    …die hauptsächlich etwas mit dem Machtstreben Einzelner oder Gruppen zu tun haben, und weniger etwas mit der Diversität der Gesellschaft, die es schon immer in nahezu jeder Kultur gegeben hat oder noch gibt. Politische Ziele und Diversität einer Gesellschaft sollten man nicht verwechseln. Es ist unmöglich, die Diversität ausschließen zu wollen, denn wir leben in einer globalisierten Welt, die soviele Verknüpfungspunkte hat, dass etwas anderes als Diversität in Gesellschaften gar nicht mehr möglich wäre.

  7. Saadiya sagt:

    @Realist: „Für mich hat Multikulturalität nichts “Modernes” an sich.“

    Nun, ohne sie würden wir beiden jetzt in irgendeiner Höhle hocken und uns mit rohem Fleisch und Beeren begnügen. Der „Andere“, der uns das Feuer zu nutzen lehrte, war nämlich noch nicht da und würde wohl auch nicht kommen ohne Multikulturalität. Der mir dem Feuer war damals kulturell etwas moderner entwickelt als der ohne. Gut, dass sich beide getroffen haben!

  8. Saadiya sagt:

    @Realist: „Gerade Europa durchlebt gerade ein deftige Polarisierungswelle. Der Alltag funktioniert ja nicht…“

    Ob da wohl eines Tages alle Beteiligten (Mehrheitskulturen, Minderheitenkulturen) der Gesellschaft eines Tages in der Lage sein werden, ihre Grabenkämpfe – insbesondere jene um die politische Macht und die Deutungshoheit – zu überwinden??? Wer soll da bloß den Anfang machen??? Jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt……

  9. Saadiya sagt:

    @Realist: „…Distanzen kann man überwinden, sicher, aber nicht ganze Gräben!“

    Man kann, man muss nur wollen. Wir überwinden Ozeane, wir fliegen ins All. Warum sollten uns dann Gräben aufhalten? Der Wille und der Mut, es zu tun – das sind die entscheidenderen Faktoren.

  10. Mischa sagt:

    Saadiya, das politische Denken reduziert sich bei Ihnen auf das Moralische. Das ist keine Schande. Aber realistisch sind Ihr Ansichten nicht. Überall in Europa kriselt es … Machen Sie mal die Augen auf.
    Politik kann man nicht auf „Moral“, „Gutwillen“ und schöne „Ideen“ bauen, sondern auf Ordnung und Stabilität. Dazu gehört es, dass man reguliert, begrenzt, eingrenzt, Maß hält usw.