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Die Yeziden

Die „Sonnenanbeter“ aus Mesopotamien

Seit Wochen erreichen uns schreckliche Bilder aus dem Norden des Iraks, wo die IS-Terrormilizen rücksichtlos unter anderem gegen Yeziden vorgehen. Doch wer sind die Yeziden? Wo kommen sie her? Und wieso werden sie verfolgt?

Von Mittwoch, 13.08.2014, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 14.08.2014, 16:36 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

Mesopotamien im Jahre 3.000 vor Christus. Die Wiege unserer Zivilisation. Im Zweistromland zwischen den großen Flüssen Euphrat und Tigris leben Völker wie die Sumerer, Babylonier und Assyrer. Ihnen und anderen Kulturen des Nahen Ostens haben nachfolgende Generationen viele wichtige Elemente der Entwicklung zu verdanken. Ackerbau, Viehzucht oder ausgeklügelte Systeme zur Bewässerung der Felder gehören zu diesen Errungenschaften. Diese Fortschritte ermöglichen den Menschen Lebenskomfort und Wohlstand. Dadurch entsteht eine blühende Region, in der die unterschiedlichsten Völker sich die fruchtbare Erde teilen. Das Grundwasser Mesopotamiens gilt als eines der saubersten der Welt. Bis heute.

Mesopotamien im Jahre 2014 nach Christus. Das Sindschar-Gebirge im Nordwesten des Iraks, unweit der syrischen Grenze. Binnen einer einzigen Woche im August sind hier etwa 100 Menschen verdurstet (!), der Großteil von ihnen Kinder. Den Erwachsenen erging es nicht viel besser. Unzureichende Verpflegung, primitive Sanitär-Anlagen und ein ungeheurer mentaler Stress haben sie ausgezerrt. Eingekesselt von feindlichen Einheiten, die ihnen nach dem Leben trachteten, schien ein Ausweg in unerreichbarer Ferne. Mit den letzten Reserven ihrer Handy-Akkus versuchten die verzweifelten Menschen Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Auch mit Deutschland.

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Todeskessel Sindschar-Gebirge
Tagelang mussten Sie brutale Übergriffe der Terrormiliz IS (auch bekannt als „ISIS“) über sich ergehen lassen. In bestialischer Manier wurden von diesen fanatischen Fundamentalisten Kinder erschlagen, Männer geköpft und Frauen vergewaltigt und verschleppt. Opfer dieser Gräueltaten sind die Yeziden (alternative Schreibweise: Jesiden), ein bis heute weitgehend unbekanntes Kurdenvolk.

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Bereits 2007 war die Region Sindschar (kurdisch: Şingal) Opfer religiös-motivierter Anschläge. Und wieder war es ein August. In unmittelbarer Stadtnähe explodierten damals mehrere mit Sprengstoff beladene LKW. Innerhalb einer Stunde wurden Schätzungen zufolge etwa 500 Menschen getötet. Die Zahl stieg schließlich auf 700 Opfer an, sehr viele von ihnen Frauen und Kinder. Die meisten Opfer waren yezidischen Glaubens. Auch wenn sich offiziell keine Gruppierung zu dieser Terroraktion bekannt hat, geht man davon aus, dass es sich bei den Drahtziehern um islamistische Extremisten handelt.

Das irakische Parlament, sieben Jahre später: Vian Dakhil’s Stimme bebt vor Emotionen. Unter Tränen ruft Sie immer wieder: „Brüder, helft uns! Unsere Männer werden getötet, unsere Frauen versklavt. Brüder, helft uns im Namen der Menschlichkeit!“ Stille und Betroffenheit macht sich unter den anderen Mitgliedern des Parlaments breit.

Vian Dakhil, Jahrgang 1971, ist Yezidin. Die einzige im irakischen Parlament. An diesem Tag spricht Sie für mindestens 800.000 Menschen. Denn etwa so viele bekennen sich nach Schätzungen zum Yezidentum (kurdisch: Êzdîtî).

Wer sind also die Yeziden? Wo kommen Sie her? Und wieso wird diesen Menschen solch ein großer Hass entgegengebracht?

Disapora und das Leben in Deutschland
Knapp die Hälfte aller Yeziden lebt im Irak. Auch In Deutschland lebt eine bedeutende yezidische Gemeinde. Viele von Ihnen flüchteten während der 80er Jahre aufgrund von zunehmenden Repressionen Richtung Europa und ließen sich vor allem hierzulande nieder. Die 60.000 Mitglieder der Glaubensgemeinde in Deutschland verteilen sich vor allem auf die Regionen um die Großstädte Hannover, Bremen und Bielefeld.

In Hannover befindet sich die „Ezidische Akademie“, die sich zentral mit dem Schicksal der in der ganzen Welt verstreuten Menschen der yezidischen Glaubensgemeinschaft beschäftigt. Einer der leitenden Köpfe des Vereins ist der deutsche Theologe und Autor Dr. Lutz Brade, der bereits seit 1990 zur Geschichte der Yeziden publiziert. Daneben werden in der Ezidischen Akademie auch Projekte zu Themen wie Frauenrechte, Integration und Literatur realisiert.

2007, im Jahr des tragischen Anschlags von Sindschar, wurde der Zentralrat der Yeziden in Deutschland gegründet. Ziel dieses Rates ist nach eigenen Angaben die „Förderung und Pflege religiöser und kultureller Aufgaben der yezidischen Gemeinden“ und „der Dialog mit Menschen aus anderen Glaubensgemeinden“.

Knapp vier Jahre später, im Januar 2011, entstand die „Gesellschaft für Christlich-Yezidische Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung“. Initiatoren waren u.a. der evangelische Pfarrer Dr. Norbert Kotowski sowie die beiden katholischen Theologie-Professoren Rudolf Grulich und Linus Hauser von der Justus-Liebig-Universität in Gießen, wo sich auch der Sitz der Gesellschaft befindet.

Von religiöser oder kultureller Isolation, wie es den Yeziden häufig unterstellt wird, kann man angesichts solcher Entwicklungen wohl kaum noch sprechen. Wie in Kultur und Wissenschaft sind auch in der europäischen Politik Yeziden vertreten.
Feleknas Uca (37), geboren und aufgewachsen im niedersächsischen Celle, war zwischen 1999 und 2009 Europaabgeordnete für die PDS bzw. Die Linke. Während dieser Dekade war Sie zudem Stellvertreterin für den Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter sowie im Unterausschuss für Menschenrechte.

Ali Atalan (46), geboren in Midyat im Südosten der Türkei, 1985 mit seiner Familie nach Deutschland eingewandert, war zwischen 2004 und 2010 Ratsmitglied der Stadt Münster. Von 2010 und 2012 war der Diplom-Sozialwissenschaftler Mitglied im Landtag Nordrhein-Westfalens.

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