Internationale Konferenz

Wie gehen wir im Alltag mit Stereotypen und Stigmatisierungen um?

Islamfeindlichkeit ist in Deutschland ein besonders brisantes Thema; in der Ukraine spielt sie kaum eine Rolle. Diskriminierung der Sinti und Roma wiederum ist von Ungarn bis Frankreich fast identisch; ebenso Antisemitismus, vor allem in Regionen, in denen kaum Juden leben! Das sind Erkenntnisse aus der Internationalen Konferenz „Stories that move“. Türkân Kanbıçak war dabei:

Von Türkân Kanbıçak Donnerstag, 24.07.2014, 8:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 25.07.2014, 2:13 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Gemeinsam den „Geschichten, die bewegen“, eine Stimme geben, Jugendlichen zuhören und sie hören lassen, Bildungsreferenten und Lehrern in ihrer Arbeit gegen Antisemitismus, Anti-Ziganismus, Muslimfeindlichkeit, Homophobie und alle anderen Formen von Diskriminierung zu unterstützen, war eines der Hauptziele der Veranstaltung, die vom 16. bis 20. Juni in Berlin stattfand. Hierzu kamen 60 Experten mit unterschiedlichen beruflichen Arbeitsfeldern aus 14 Ländern zusammen.

Eine besondere Herausforderung ist die Suche nach Möglichkeiten des Einsatzes von Online-Lern-Arrangements, die international genutzt werden könnten. Die wertvollen Erfahrungen internationaler Experten, die alle in unterschiedlichen Projekten und Arbeitsfeldern arbeiten, dienten als eine Art Plattform für Austausch, Entwicklung von Ideen und zur Verbesserung von bereits bestehenden pädagogischen Online-Tools.

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Stories that move: Ein gemeinsames Projekt des Anne Frank House (Amsterdam), Anne Frank Zentrum (Berlin) und der Bundeszentrale für politische Bildung.

Bereits im September 2013 fand eine internationale Jugendkonferenz über „Stories that move“ statt. 41 Jugendliche aus neun verschiedenen Nationen mit sehr unterschiedlichen religiösen und sozialen Hintergründen im Alter von 14-17 Jahren diskutierten engagiert über Diversity und Diskriminierung. Es sind insbesondere ihre Erfahrungen, ihre Gefühle und Einstellungen über Diversity, ihre Sicht der Dinge, die sowohl die Veranstalter als auch die Experten beeindruckt haben. So zum Beispiel die aufrichtige Aussage eines 17jährigen muslimischen Schülers über Homosexualität, „es ist schwierig zu verstehen, aber wir müssen es akzeptieren“, regen zum Nachdenken an.

Wir erhalten einen Einblick in die Innenansicht jugendlicher Aushandlungsprozesse. Was wissen sie über Antisemitismus, wie ist ihre emotionale Haltung zu Sinti und Roma, haben sie selbst Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht und wie gehen sie damit um und vieles mehr. Opfer von Diskriminierung gewesen zu sein, heißt nicht, dass man nicht selbst andere soziale Gruppen stigmatisiert. Für Pädagogen gilt es in solchen Fällen empathisch und behutsam zu zuhören, anzuerkennen und Anleitungen zur Reflektion zu geben. Die Nachhaltigkeit derartiger neuer Lernarrangements ist groß. Die Schüler, die an dieser Jugendkonferenz teilnahmen, berichten heute noch über ihre Begegnungen mit dem Anderen, den sie sich gar nicht vorstellen konnten!

Wie gehen wir im Alltag mit Stereotypen und Stigmatisierungen um, wie machen dies die Jugendlichen? Und besonders wichtig ist für Experten die Frage, wie kann in pädagogischen Handlungsfeldern Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit begegnet werden? Welche Möglichkeiten bieten neue E-Learn-Techniken und welche Erfahrungen haben die Kollegen in der Ukraine oder in Ungarn mit der Umsetzung von pädagogischen Zielen zu Formen von Diskriminierung gemacht? Diese Fragen bildeten den Rahmen der Auseinandersetzungen dieser Konferenz.

In Workshops zu unterschiedlichen Arbeitsfeldern diskutierten die Experten und mitunter sehr kontrovers, intensiv und spannend. Die besonderen rassistischen Brennpunkte und damit auch Herausforderungen variieren von Land zu Land. So ist die Islamfeindlichkeit in Deutschland ein besonders brisantes Thema. In der Ukraine spielt Islamfeindlichkeit im Alltag kaum eine Rolle! Hingegen scheint die Intensität der Diskriminierung der Sinti und Roma von Ungarn bis Frankreich fast identisch zu sein. Die Antisemitismuswerte unterschiedlicher Studien belegen gleichbleibend erschreckend hohen Antisemitismus, vor allem in Ländern oder Regionen, in denen kaum Juden leben!

Während sich in Teilen der breiten Massen ein Gefühl oder Bewusstsein für die Gleichberechtigung von Frauen zu etablieren scheint, sind immer noch Frauen insbesondere in ihrer beruflichen Rolle vor allem in Führungspositionen nicht gleichwertig präsent. Alte Rassismen und neue –ismen ergänzen sich einander und wirken teilweise polarisierend! Die Tatsache, dass man gegen Sexismus ist, schließt die Selbstpositionierung gegen Muslimfeindlichkeit und gegen Homophobie nicht aus. Alle diese komplexen Formen unterschiedlicher Rassismen stellen Pädagoginnen tagtäglich vor neue Herausforderungen. Das Wissen über Ursachen und Entstehung, Manifestation von Stereotypen und die Wirkgewalt allein reichen nicht aus. Ganz besonders wichtig, ist die individuelle Begegnung mit dem vermeintlich Anderen und die Empathie für seine Geschichte.

Möglicherweise bieten online-tools eine Chance für eine virtuelle Begegnung mit Hilfe von aufgezeichneten Interviews. Digitale Begegnungen bieten ein für die Pädagogik noch nicht hinreichend ausgeschöpftes Handlungsfeld dar, das es zu entwickeln gilt. Pädagogische Konzepte, die beispielsweise in Finnland und den USA bereits angewandt werden, können die Begegnung mit dem Anderen virtuell inszenieren, doch bedarf es einer pädagogischen Handlungsleitung, damit auch die entsprechenden Lernziele wie Entwicklung von Toleranz, Stärkung der Demokratie und Umgang mit Diversity annähernd erreicht werden können.

Schließlich ist es auch für die Experten wichtig, zu sehen und zu erfahren, dass ihre Arbeit geschätzt wird und dass viele Menschen in unterschiedlichen Einrichtungen an ähnlichen Themen arbeiten. Das stärkt ein wenig und ermutigt für weitere Projekte! Es sind erste Schritte internationaler Vernetzungsversuche von Experten. Ein langer und steiniger Weg liegt noch vor uns! Aktuell Gesellschaft

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