Ecopop

Sind die Grenzen der Belastbarkeit bei der Einwanderung erreicht?

Die Initiative Ecopop in der Schweiz möchte einen weiteren Volksentscheid gegen Einwanderung durchsetzen. Jeder Zugezogene verstärke den Druck auf die Ressourcen, lautet ihre Botschaft. Sabine Beppler-Spahl hält dagegen - mit simplen Rechenbeispielen und guten Argumenten.

Von Mittwoch, 25.06.2014, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 01.07.2014, 2:12 Uhr Lesedauer: 10 Minuten  |   Drucken

Die Initiative Ecopop in der Schweiz, die in Kürze einen weiteren Volksentscheid gegen Einwanderung durchsetzen möchte, liefert ein anschauliches Beispiel für eine extrem fortschrittsfeindliche, pessimistische Grundhaltung. Sie hebt die Verbindung zwischen Einwanderung, Umweltschutz und Bevölkerungswachstum hervor. Jeder Zugezogene verstärke den Druck auf die Ressourcen, lautet ihre Botschaft. Ökonomisch und ökologisch sei die „unkontrollierte Einwanderung“ nicht mehr vertretbar, heißt es auf ihrer Webpage: „Seit 2007 wächst die Wohnbevölkerung der Schweiz jedes Jahr um 88.000 Personen (dies entspricht der Stadt Luzern). Jede Sekunde wird hierzulande ein Quadratmeter Naturfläche zubetoniert“. Ecopop fordert daher, die Nettoeinwanderung auf 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung zu begrenzen.

Nur wenn wir davon ausgingen, dass es keinerlei technischen- oder kulturellen Fortschritt geben kann, müssten wir die Immigration als Bedrohung empfinden.

Diese Argumentation geht von der Prämisse aus, Menschen seinen nichts anderes als Naturzerstörer und Ressourcenverschwender. Deswegen wird jede Zuwanderung als Belastung empfunden und ihr kreatives, gestalterisches Potential komplett ausgeklammert. Menschen verbrauchen aber nicht nur Ressourcen, sondern erschaffen sie auch. Durch Erfindungen, Entdeckungen und technische Innovationen konnten neue Energiequellen erschlossen, bessere Waren hergestellt und auch die Umwelt effektiver geschützt werden. Eine größere Bevölkerungsdichte geht keinesfalls automatisch mit einem Verlust an Lebensqualität einher. Um dies zu verdeutlichen, hier ein Rechenbeispiel:

Fänden sieben Milliarden Menschen (Erdbevölkerung) auf 357.121 Quadratkilometern Platz (Größe der Bundesrepublik), dann hätten wir eine Bevölkerungsdichte von 19.601 pro Quadratkilometer. Die Bevölkerungsdichte von Paris beträgt 21.289, die von Manhattan 27.476 Einwohner pro Quadratkilometer. Selbst wenn sich also jeder Erdbewohner nach Deutschland aufmachen würde, wäre unser Land noch weniger dicht besiedelt als Manhattan oder Paris – beides Orte, an denen es sich gut leben lässt.

Nur wenn wir davon ausgingen, dass es keinerlei technischen- oder kulturellen Fortschritt geben kann, müssten wir die Immigration als Bedrohung empfinden. Dort, wo viele Menschen zusammenkommen, steigt das Potential zur Krisenbewältigung. Edward Glaeser, Harvard Professor und Autor des Buchs Triumph of the City, beschreibt die Mechanismen, die aus Städten Zentren der Innovation und Produktion machen. Für ihn sind diese urbanen Zentren die größte Erfindung der Menschheit. Ihre Dynamik zieht Zuwanderer an, weil sie sich dort, aus guten Gründen, mehr Möglichkeiten und bessere Lebenschancen erhoffen. Deswegen dienen Ballungsräume der Potenzierung unserer Stärken. Sie befördern, was uns besonders auszeichnet: die Fähigkeit, voneinander zu lernen. Dazu gehört eine liberale und offene Einwanderungspolitik. Die Einführung von Immigrationskontrollen Anfang des 20. Jahrhunderts sieht Glaeser daher als einen der größten Fehler der amerikanischen Politik.

Statt also den Blick auf Knappheit und Limitierungen zu lenken, wie dies die Ecopop Initiative und viele andere tun, sollten wir unsere Fähigkeiten nutzen, bestehende Grenzen zu überwinden. Intelligentes Bauen schafft Wohnraum und eine moderne Verkehrsplanung entlastet die Wohngebiete. Urbane Zentren gehen einher mit einer besseren Gesundheitsversorgung, öffentlichen Verkehrsmitteln, Kultur- und Bildungseinrichtungen und neuen Geschäftsideen. Natürlich wäre es naiv und falsch zu behaupten, dass das internationale Leben der Großstadt jedem gefällt und nicht auch anstrengend sein kann. Genauso naiv und falsch ist es aber, die Urbanisierung und die Einwanderung begrenzen zu wollen. Sollte nicht jeder dort leben dürfen, wo er sich am wohlsten fühlt? Oder wo er meint, sein Potential am besten zu verwirklichen können?

Flüchtlinge kommen, weil sie hier arbeiten wollen und die Zustimmung der Bevölkerung zur Einwanderung steigt, wenn sie nicht als Bedrohung wahrgenommen wird.

Nur ein kleiner Teil der Einwanderungsgegner wettert so offen gegen Veränderung und die Moderne wie Ecopop. Die Vorstellung, wonach die „Grenzen des Verkraftbaren“ bald erreicht sein werden– sei es auf dem Arbeitsmarkt oder im Sozialstaat – ist aber weit verbreitet. Auch hier gilt das Gleiche wie bei der Frage der Überbevölkerung. Der Arbeitsmarkt ist ebenso wenig begrenzt wie unsere Wirtschaft. Es ist eine Milchmädchenrechnung, die besagt, jeder Einwanderer mache einem Einheimischen den Arbeitsplatz streitig. Immigranten nutzen zwar die bestehende Infrastruktur, tragen aber auch dazu bei, sie zu erweitern, auszubauen oder am Laufen zu halten. Im Baugewerbe, Gesundheitswesen, der Lebensmittelbranche oder im häuslichen Dienstleistungssektor ist ihr Beitrag oft besonders hoch. Ja, sie erhalten Kindergeld, so wie auch deutsche Eltern Kindergeld bekommen, und ja, die Schulen müssen sich anstrengen, damit alle Kinder ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden. Warum sollten wir davon ausgehen, dass nur unsere Kinder, nicht aber die der Immigranten, die Welt von morgen positiv mitgestalten?

Natürlich kann niemand erwarten, sich auf Kosten anderer ein lockeres Leben zu machen. Deswegen hat Bundesinnenminister de Maizière Recht, wenn er Eigenverantwortung fordert und betont, dass „Zuwanderer, die hier arbeiten und leben wollen, die hier Familien gründen wollen, herzlich willkommen sind“. 1 Er irrt aber, wenn er meint, die Zustimmung zur Einwanderung hinge davon ab, dass „unberechtigte Asylanträge“ möglichst rasch abgelehnt werden. Flüchtlinge kommen, weil sie hier arbeiten wollen und die Zustimmung der Bevölkerung zur Einwanderung steigt, wenn sie nicht als Bedrohung wahrgenommen wird. Leider wird Flüchtlingen die Arbeitsaufnahme verboten oder erschwert. 2 Eine einwanderungsfreundliche Politik sollte den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen, statt zu behaupten, dem „Volk“ falle das Bekenntnis zur Integration schwerer als der politischen Elite.

  1. Bernd Gräßler: „Die Kraft zur Differenzierung“, Deutsche Welle Online, 10.02.2014.
  2. vgl. Renate Dienersberger: Besuch im Asylwohnheim und Interview mit Friedo Pflüger in diesem Kapitel.

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  1. Fritz Goergen sagt:

    Der Beitrag zitiert: „Seit 2007 wächst die Wohnbevölkerung der Schweiz jedes Jahr um 88.000 Personen (dies entspricht der Stadt Luzern). Jede Sekunde wird hierzulande ein Quadratmeter Naturfläche zubetoniert“.

    Mein simpler Einwand: Kein Zentimeter davon wird wegen der Zuwanderer betoniert, sondern wegen des Drangs der Schweizer nach dem Wohnen auf dem Land und nach mehr Wohnfläche insgesamt.

  2. Schwyzer sagt:

    „Mein simpler Einwand: Kein Zentimeter davon wird wegen der Zuwanderer betoniert, sondern wegen des Drangs der Schweizer nach dem Wohnen auf dem Land und nach mehr Wohnfläche insgesamt.“

    Solche Argumente sind doch in einem Land, das zu einem beträchtlichen Teil aus Hochgebirge besteht, unsinnig. Der Drang geht auch nicht aufs Land, sondern in die Stadt. Weil die Städte überfüllt sind, muss man allerdings – erzwungenermaßen – aufs Land. Nein, die Zuwanderung ist ein Problem. Sie führt in der Schweiz zu Lohnkonkurrenz, zu Billiglöhnen, zu Wohnpreissteigerungen, zu höheren Steuern und Abgaben (Sozialabgaben, Kriminalität etc.), sie führt zu einer Belastung der Rentenkassen (es kommen auch Rentner rein), vielleicht auch zu einem langsamen Verfall des Bildungsniveaus. Das alles lässt sich durch Zahlen belegen. Wenn die Zuwanderung in die Schweiz funktioniert hat, dann nur wegen der Deutschen. Das ist aber kein Kunststück, da Deutsche und Schweizer kulturell betrachtet fast identisch sind. Abgesehen davon: Wozu haben die Eidgenossen gegen Frankreich, Burgund, Habsburg und andere gekämpft, wenn sie jetzt nicht die Herren im eigenen Haus sein dürfen? Liegt der Sinn der Demokratie darin, dass man die eigenen Interessen außer Acht lässt und die anderen darüber bestimmen lässt? Wohl kaum. Die Schweiz ist kein globaler Arbeitsstandort, sondern das Land der Schweizer. Und das ist gut so. Erklären Sie uns bitte nicht, wie Demokratie funktioniert. Da haben wir Euch einiges voraus. Bei Euch waren Sie noch leibeigen als bei uns freie Republiken existierten.

  3. Max sagt:

    @Fritz goergen

    Sie wollen also ernsthaft behaupten, ein jährlicher Zuwachs der Bevölkerung von 88000, ein Großteil davon vermutlich durch Zuwanderung,
    würde keinen Anstieg der benötigten Wohnfläche nach sich ziehen?
    Leben die Zuwanderung in Zelten? In Hotels? Nein, natürlich nicht, die brauchen Wohnungen, und zwar zusätzlich zu den bereits bestehenden.

  4. Esma sagt:

    @ Max

    Ihrer Logik nach müssten dann auch die Wohnungen von verstorbenen mitbegraben werden!?

  5. Schweizerin sagt:

    @ Esma Die Bevölkerung der Schweiz hat seit 2000 um 1 Million zugenommen. Was würden Sie sagen, wenn die Bevölkerung der BRD um 10 Millionen zunehmen würde? Gäbe es dann keinen Wohnungsmangel?!!!

  6. Sabine Wirth sagt:

    Zu den Fakten: Die Schweiz wächst durch Zuwanderung jährlich über ein Prozent, in absoluten Zahlen über 80’000 Menschen. Auf Deutschland übertragen wären das 800’000 Menschen mehr durch Zuwanderung jährlich. Die CH hat auch noch immer einen Geburtenüberschuss von 0,2%.
    Deutschlands Zuwanderungsdurchschnitt der letzten 5 Jahre betrug 143’000 Menschen jährlich. Die Schweiz hat all die Jahre beste Integration geleistet und tut es immer noch. Darauf hinzuweisen, dass auf einem limitierten Gebiet nicht ewiges Bevölkerungswachstum stattfinden kann hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit, jedoch sehr viel mit gesundem Menschenverstand zu tun.

  7. Han Yen sagt:

    @Schwyzer

    Von Ökonomie verstehen Sie nichts. In der Volkswirtschaft kommt es auf den gesamtgesellschaftliches Arbeitsvermögen und den komparativen Vorteil an.

    Solange der Kapitalstock sich durch Migration rascher vergrössert, solange ist man dem Wettbeweb voraus. Die Lohnkonkurrenz entsteht nur bei denjenigen Berufsgruppen, die ähnlich mit den Migranten sind, bei allen anderen Berufsgruppen mit komplementären Qualifikationen führt das zu Lohngewinnen. Migration ist also volkswirtschaftlich gut.

    Die Sache wird sogar noch besser, wenn man die Rücküberweisungen mit ins Bild nimmt. Rücküberweisungen steigen immer dann, wenn die Familien in den Auswanderungsstaaten von Konjunkturschocks getroffen werden. Die Handelspartner der Einwanderungsstaaten wird durch Migration also während der Konjunkturschocks von den Auswanderern auf die Beine geholfen. Was glauben Sie, was mit diesem Versicherungsmechanismus in der Weltwirtschaft geschieht, wenn derartige xenophobe Ansichten sich durchsetzen würden. Dabei – wohlgemerkt – es gibt keinen Versicherungsmarkt gegen Konjunkturschocks wie z.B. die suprime Krise.

    Wohnungspreise und Mieten sind Sache der öffentlichen Hand, weil es da Marktversagen gibt, und man das Sparvermögen der privaten Haushalte durch sozialen Wohnungsbau verbessern will.

    Wenn Kriminalität steigen, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass man in der Schweiz wenig von Fiskalpolitik und Stadtökologie versteht und systematisch gewisse Bevölkerungsgruppen vernachlässigt.

    Das politische Problem ist, dass die Schweiz sehr stark von der EU profitiert – und die Schweizer eines der Grundlagen der vier Freiheiten der EU in Frage stellen.

    Daher sind die Außenwirtschaftsbeziehungen der EU mit der Schweiz neu zu verhandeln.

  8. Schwyzer sagt:

    Lieber Han Yen, Sie können mir glauben, dass Leute, die deutschsprachig sind, in der Schweiz in der Regel wesentlich besser ausgebildet sind als der Rest. In der Wirtschaft kommt es darauf an, pro Kopf möglichst viel Kapital zu haben, bei niedrig bleibender Inflation. Größe an sich ist kein Vorteil. Lohngewinne kann ich derzeit in der Schweiz nicht „erfühlen“.
    Was ihre Gegenargument angeht („Wohnungspreise und Mieten sind Sache der öffentlichen Hand, weil es da Marktversagen gibt, und man das Sparvermögen der privaten Haushalte durch sozialen Wohnungsbau verbessern will.“), möchte ich darauf hinweisen, dass der Bau von Wohnungen in einem freien Land rein gar nichts mit dem Staat zu tun hat. Bei einer Zuwanderung von fast 1 Million Menschen in einem Jahrzehnt, müsste Deutschland, das zehn mal so viele Einwohner hat, Wohnraum für 10 Millionen Menschen schaffen. Das wären Billionenkosten, die auch Ihr Staat nie und nimmer schultern könnte. Dass die Schweiz ihre Migranten bestens integrieren kann und auf Dauer einen Geburtenüberschuss halten kann, halte ich für ein Märchen.

  9. Lionel sagt:

    Die Autorin schreibt:

    „Fänden sieben Milliarden Menschen (Erdbevölkerung) auf 357.121 Quadratkilometern Platz (Größe der Bundesrepublik), dann hätten wir eine Bevölkerungsdichte von 19.601 pro Quadratkilometer. Die Bevölkerungsdichte von Paris beträgt 21.289, die von Manhattan 27.476 Einwohner pro Quadratkilometer. Selbst wenn sich also jeder Erdbewohner nach Deutschland aufmachen würde, wäre unser Land noch weniger dicht besiedelt als Manhattan oder Paris – beides Orte, an denen es sich gut leben lässt.“

    Angesichts solcher Rechenbeispiele kann es sich nur um besonders übelmeinende Uninformierte handeln, die von Grenzen der Belastbarkeit reden.
    Zudem ja Einheimische deutlich zufriedener mit ihrem Leben und ihrem Wohnort sind, wenn sie in Gegenden mit hohem Ausländeranteil wohnen, wie es in der zitierten Studie heißt.

  10. derspieler sagt:

    @schwyzer

    wie kommt es dann das vorallem deutsche in einigen deutschen städten anfeidungen und rassismus ausgesetzt sind ?