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Rezension zum Wochenende

Unter dem Schleier die Freiheit – von Khola Maryam Hübsch

Dass ausgerechnet der Islam etwas zu einem emanzipierten Frauenbild beitragen kann, scheint mehr als abwegig. Gilt doch gerade er als einer der letzten Bastionen der Unterdrückung von Frauen. Khola Maryam Hübsch wehrt sich in ihrem neuen Buch dagegen - eine Rezension von Gabriele Boos-Niazy

Von Freitag, 09.05.2014, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 13.03.2016, 11:13 Uhr Lesedauer: 12 Minuten  |   Drucken

In ihrem Buch mit dem für viele sicherlich provozierenden Titel begibt sich die Autorin in einen Bereich, der bisher außerhalb religiöser Zirkel und mit Zielrichtung auf die Mehrheitsgesellschaft kaum bearbeitet wurde. Es geht darum, welchen Beitrag die Religion auf der individuellen Ebene leisten kann, der Realität, in der wir leben, etwas entgegenzusetzen, sich Trends zu entziehen und bewusst „anders“ zu leben.

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Damit reiht die Autorin sich ein in die noch recht übersichtliche Gruppe von (meist jüngeren) Muslimen, die nicht länger nur eine Nabelschau betreiben wollen oder sich an den gängigen Dialogthemen, deren Inhalt oft recht einseitig ist, in altbewährter Art abarbeiten. Die Tatsache, dass viele junge gebildete Muslime sich als Deutsche begreifen, hat die logische Konsequenz, dass sie hiesige Missstände nicht einfach hinnehmen wollen. Nach islamischen Prinzipien zu leben, bedeutet eben auch, sich in der Gesellschaft, in der man lebt, einzubringen und sei es durch ein Buch. Durch den von der Mehrheitsgesellschaft differierenden Blickwinkel sehen diese engagierten Muslime blinde Flecken und können Denkanstöße geben, die außerhalb des üblichen Repertoires liegen. Auch wenn sie sich darüber bewusst sind – wie es Hübsch an einigen Stellen erwähnt – dass diese Vorschläge nicht breitenwirksam sind, so lässt sich doch hoffen, dass der eine oder andere Leser zu einem Perspektivenwechsel in der Lage ist und davon profitiert. Natürlich – die Hoffnung stirbt zuletzt – spielt dabei sicherlich auch der Gedanke eine Rolle, dass sich das eine oder andere liebevoll gepflegte Klischee über „den Islam“ erschüttern lässt.

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Der gesellschaftliche Ausschnitt, dem die Autorin sich in ihrem Buch widmet, ist die Einstellung gegenüber Liebe und Partnerwahl in der modernen Gesellschaft. Die Autorin verfolgt die Thesen, dass sich a) die Kriterien der Partnerwahl aufgrund einer sexualisierten Massenkultur ungünstig entwickelt haben und b) „der Wille zur Liebe und die Entscheidung für sie […] angesichts der endlosen Wahlmöglichkeiten in einer hypersexualisierten Gesellschaft immer schwerer [fallen]“ (S. 10); kurz gefasst: die „Liebe gehorcht den Gesetzen des kapitalistischen Marktes, der die Ego-Befriedigung zur Maxime des Handelns erklärt hat.“ (S. 11) Die Liebe scheitert, weil es den Protagonisten am Willen und der Einsicht fehlt, dass Partnerschaft mit Arbeit verbunden ist und sie nur innerhalb eines bestimmten Rahmens, der geschützt werden muss, gedeihen kann.

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Diese unzulängliche Perspektive konnte sich aus Sicht der Autorin vor allem deshalb stark ausbreiten, weil „Gott keine Prämisse“ (S. 12) mehr ist bzw. keine tragende Rolle mehr im Leben der Menschen spielt. Der Mensch definiert sich nicht mehr als spirituelles Wesen „Er glaubt vor allem an seinen Körper, das Hier und Jetzt.“ (S. 12) Diese Sichtweise bringt den Menschen dazu, einem diesseitigen Optimum hinterherzujagen, um dadurch das Gefühl zu erzeugen ein intensives Lebens zu leben, ein Stückchen Unsterblichkeit zu erlangen. (S. 13)

Die Autorin ist nicht die erste, die sich fragt, wieso in Zeiten mehr oder weniger absolut freier Partnerwahl die Liebe häufig scheitert. Eine ihrer Vermutungen, warum das so ist, ist das mangelnde Bewusstsein dafür, „dass Liebe etwas mit Hingabe zu tun hat und ein Akt des Willens ist, der uns herausfordert und Anstrengung abverlangt“. (S. 14) Die Frage nach weiteren Ursachen des Scheiterns der Liebe beantwortet die Autorin im Verlaufe des Buches auf zwei Ebenen: In Anlehnung an soziologische Theorien – insbesondere die der israelischen Soziologin Eva Illouz („Warum Liebe weh tut“) – beleuchtet sie in zwei Kapiteln („Was Frauen wollen sollen“ und „Die Rahmenbedingungen der Liebe“) das, was im Bereich der Interaktion der Geschlechter und der Partnerwahl weit verbreiteter Alltag einer modernen Gesellschaft ist und im Resultat dazu führt, dass Beziehungen vermehrt scheitern.

Die Argumentationskette in komprimierter Form (S. 81ff):

  • Die Kriterien der Partnerwahl haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert.
  • Sexualität spielt eine immer wichtigere Rolle in der Konkurrenz der Akteure auf dem Heiratsmarkt.
  • Die Geschlechtsidentität hat sich in eine sexuelle Identität verwandelt, die durch bewusst gehandhabte Kodes darauf abzielt, sexuelles Begehren auszulösen.
  • Die sexualisierten Kleidungskodes behandeln die Geschlechter ungleich; der Mann ist der Begehrende, der die Macht hat, Liebesobjekte zu definieren, die Frau wird zur Ware, erscheint als verfügbar, definiert ihren Wert über ihre Attraktivität.
  • Wenn sexuelle Attraktivität als zentrales Merkmal der Partnerwahl und sexuelles Begehren als identitätsstiftend begriffen werden, kommt es zur Kommerzialisierung der Sexualität, die als eine von der Partnerschaft entkoppelte Ware definiert wird.
  • Dieser Bewusstseinswandel führt zur leichtfertigen Auflösung langjähriger Beziehungen.
  • Probleme in Partnerschaften werden individualisiert, ein Bewusstsein darüber, „dass es die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sein könnten, die dazu führen, dass Beziehungen nicht mehr funktionieren“ fehlt(S. 86).

Fazit: „Der Zauber der Exklusivität der Liebe und das romantische Ziel, ein Leben lang gemeinsam verbringen zu wollen, ist der kapitalistischen Suche nach einem, die eigenen Bedürfnisse befriedigenden Objekt, das jederzeit austauschbar ist, gewichen.“ (S. 88)

Der Gegenentwurf Hübschs zu dieser Entwicklung basiert auf dem islamischen Menschenbild im Allgemeinen und eine Haltung, die sie das „Prinzip Kopftuch“ – das für beide Geschlechter gilt – nennt, im Speziellen.

Diese Haltung ist einerseits eine innere (inneres Kopftuch), nämlich „eine Einstellung, die gedankliche und praktische Treue als Wert begreift, der angestrebt wird und als umsetzbar gilt.“ (S. 18) Diese Einstellung lässt die Partner Situationen und eine Atmosphäre vermeiden, in der nicht alles in die existierende Beziehung investiert wird. Diese innere Haltung hat Auswirkungen auf das äußere Verhalten (äußeres Kopftuch) und zeigt sich z.B. in Kleidungsstil und Auftreten/Verhalten – beides ist von Zurückhaltung geprägt und verzichtet darauf, absichtlich sinnliche Reize hervorzurufen. (S. 18, S. 90)

Diese innere Einstellung zusammen mit dem beschriebenen Verhalten können ungünstige Rahmenbedingungen kompensieren. In einer Gesellschaft jedoch, die völlig anders konzipiert ist, ist das gegen den Strom schwimmen nicht einfach; eine religiöse Basis erleichtert das allerdings.

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