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Muslimische Davids gegen Goliath

Behaupten in einer islamfeindlichen Öffentlichkeit

Vielen Muslimen fällt es schwer, sich in die öffentlichen Debatten einzumischen. Sie finden keinen Zugang in die Medien. Doch der Kampf Davids gegen den großen Goliath ist bekanntlich nicht aussichtslos - ein Gastbeitrag von Mohammed Khallouk.

Von Dienstag, 04.03.2014, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 15.09.2015, 19:45 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Obwohl zu den achtzig Millionen Einwohnern in Deutschland mehr als fünf Millionen Muslime zählen, der Islam somit nicht nur objektiv die drittgrößte Religion unseres Landes darstellt, sondern ihm sogar vom höchsten Staatsamt die Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft öffentlich bescheinigt wird, dominieren islamkritische, den „Fremdheitscharakter“ dieser Religion betonende Stereotypen nach wie vor die deutsche Medienlandschaft.

Links- wie rechtsgerichtete Magazine, Zeitungen oder Fernsehsender glauben sich vielerorts ihre angestrebten Rezipientenzahlen mit Beiträgen zu sichern, die dem Islam, aber auch den seit Jahrzehnten in diesem Land lebenden, teilweise sogar hier geborenen und aufgewachsenen Muslimen Nachholbedarf hinsichtlich Demokratie und Menschenrechten bescheinigen. Befördert wird das Zerrbild einer „archaischen aufklärungsresistenten Religion“ durch die Präsenz vom Mainstream ihrer Religionsanhänger abweichender muslimischer Stimmen auf Titelseiten von Illustrierten und in Schaufenstern der Buchhandlungen, deren Positionen als „liberal“ angepriesen werden und der als „konservativ“ bis „reaktionär“ abgestempelten muslimischen Majorität gegenübergestellt werden. Gleichzeitig wird Beiträgen, welche jene muslimischen Mainstreampositionen der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft zu erläutern und zu rechtfertigen suchen, nicht selten aufgrund angeblich formaler Defizite wie unzureichender journalistischer Qualität die Veröffentlichung verwehrt.

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In der muslimischen Community wird auf diese Weise das Bewusstsein erzeugt, einer insgesamt islamfeindlichen Öffentlichkeit als kleiner David gegenüberzustehen und sich im scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die Propagandamaschinerie eines antimuslimischen Goliaths zu befinden. Dieser ohnehin mit größeren Ressourcen ausgestattete Goliath bekommt nicht nur seine Rüstung augenscheinlich aus den Redaktionen und Verlagen gestiftet, sondern erhält darüber hinaus seinen furchteinflößenden Spieß aus politischen und kirchlichen Kreisen in die Hand gedrückt, die zwar einerseits bei jeder sich bietenden Gelegenheit den „Dialog mit den Muslimen auf Augenhöhe“ betonen, andererseits aber allzu oft den Eindruck erwecken, sie müssten den Muslimen hinsichtlich Humanität, insbesondere zu zeitgemäßem Geschlechterrollenverständnis, Unterricht erteilen.

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Die Tatsache, dass dieser kulturalistische und teilweise neokolonialistische Habitus dem eigenen christlich-westlichen Gleichheitsideal ebenso entgegensteht wie dem Egalitätsbegriff des Islam wird diesen „wohlmeinenden“ Konstrukteuren eines „deutschen“ oder „zeitgemäßen Islam“ nur selten bewusst. Dessen ungeachtet zeigen sich die Muslime in Deutschland mehr und mehr in der Lage, von anderen gesellschaftlichen Minoriäten wie den Juden zu lernen, interne Auseinandersetzungen um gesellschaftliche und sogar theologische Fragen argumentativ untereinander auszutragen, ohne von der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft als gespalten und unversöhnlich gegeneinander wahrgenommen zu werden.

Wie es einst David gelang, mit seinem einzigen zur Verfügung stehenden kleinen Stein mit göttlicher Unterstützung das kaum größere Kinn Goliaths, seine ungeschützte Achillesverse, zu treffen, finden auch die Muslime in Deutschland heute – trotz einer der Verbreitung ihrer Einstellungen und Anliegen tendenziell abgeneigten Medienlandschaft – immer wieder die Nischen, ihre Positionen und Anliegen öffentlich zur Geltung zu bringen. Gelegentlich zeigen ihnen dabei auch ernsthaft an Gleichberechtigung der Religionen und Weltanschauungen interessierte Nichtmuslime den Weg. Je häufiger sie ihre Skrupel vor der öffentlichen Auseinandersetzung ablegen und die Courage besitzen, bestehende Einseitigkeit und eine bisweilen thematische Reduktion innerhalb des medialen Islamdiskurses offen zu legen, desto mehr vermögen sie bei den verantwortlichen Eliten in Medien, aber auch Politik, Wissenschaft und Kirchen eine Selbstreflexion herbeizuführen und zu einer Änderung der bisher dominierenden, überheblich erscheinenden und auf Randphänomene fokussierten öffentlichen Islamdarstellung herbeizuführen.

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