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Kurzgeschichte

Das „Dreck Weg! Projekt“

Frida bekommt einen Brief vom JobCenter, Friedrichshain - Kreuzberg. Irgendwie hat sie schon mit der Post von denen gerechnet. Sie ist seit knapp fünf Monaten arbeitslos. Seitdem hält sie sich mit Hartz IV und einem angemeldeten Putzjob über Wasser. Jedes Mal, wenn sie einen Brief vom JobCenter bekommt, hält sie die Luft an.

Von Gülây Akın Montag, 26.08.2013, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 27.08.2013, 22:37 Uhr Lesedauer: 10 Minuten  |   Drucken

Sie steht an den Briefkästen im Hausflur und reißt den Briefumschlag auf. Ein MAE (Mehraufwandsentschädigung) Angebot. „Aha!“, spricht sie laut aus. Die Hausmeisterin, die grad an ihr vorbei geht, fühlt sich angesprochen, sie bleibt stehen: „Wat haste jesagt?“. Frida schaut kurz auf: „Nee, ich meinte nicht dich, Maria.“ Die Hausmeisterin zuckt mit den Schultern, „Achso“ und geht weiter hinaus auf den Hof.

„Dreck weg!“, murmelt Frida und fast im selben Atemzug noch ein „Scheiße!“ hinterher. Sie liest weiter, „Die MaßnahmenteilnehmerInnen müssen Drecksäcke in Friedrichshain und Kreuzberg ausfindig machen, protokollieren, mit Fotos dokumentieren, Statistiken erstellen und Anwohner Befragungen durchführen. Besondere Kenntnisse nicht erforderlich, Abschlüsse nicht erforderlich.“

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Frida weiß, dass an dieser Maßnahme kein Weg vorbei führt, also wählt sie auf ihrem Handy die Nummer der Firma und vereinbart einen Termin für ein Vorstellungsgespräch.

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Die darauf folgende Woche ist sie im Gebäude in der Wrangelstraße, wo früher das DETEWE war. Damals wurden dort Telefonteile hergestellt und zusammengefügt. Heute ist das Gebäude ein Ort für Integrationskurse, MAE Maßnahmen usw.

Frida fährt mit dem Fahrstuhl in die vierte Etage, läuft den langen Gang runter. Alles wirkt grau. An einer Tür links von ihr steht, „Dreck Weg! Projekt“. Sie atmet tief durch, betritt den Raum, blickt schnell, wo sie hin muss, geht straigth durch den Raum an den MaßnahmeteilnehmerInnen vorbei zum Büro.

Frida klopft an der halb offenen Tür. Nachdem sie rein gerufen wird, betritt sie den kleinen Raum, in dem zwei Frauen einen großen Schreibtisch teilen. Frida scannt in Sekundenschnelle das Inventar, die Frauen und überhaupt jedes noch so kleine Detail.

Das Büro wirkt künstlich, aufgesetzt freundlich. Irgendwie so eine, „Wir-meinen-es-gut-mit-Euch“–Atmosphäre, mit ein paar Gummibäumen, bunten Umweltplakaten und Diddl-Kaffeetassen. An der Korkpinnwand hängen Postkarten – Urlaubsgrüße aus fernen Ländern, die die Frauen sich wahrscheinlich gegenseitig geschickt haben, vermutet Frida.

Eine der Frauen wirkt auf Frida wie ein Hausmütterchen, raus gewachsene Dauerwelle, ausgeblichene blondierte Haare, bisschen pummelig, wahrscheinlich eine die Abends mal gerne über den Durst kippt, dass erschließt sich Frida aus der rosa Hautfarbe. Weiße Alkoholiker werden im Laufe ihrer Alkoholikerkarriere Rosa bis Violett im Gesicht. Naja und die andere, die sich als die Projektleiterin Frau Müller vorstellt, wirkt wie eine gescheiterte Sozialarbeiterin, mager, müde, dennoch verzweifelt engagiert und was Frida absolut schlimm findet, blonde Haare mit Henna zu Rot gefärbt.

Frida stellt sich vor. Frau Müller nimmt sich ihrer an und weist auf den Stuhl hin. Frida nimmt Platz. Frau Müller guckt in ihre Unterlagen und stellt freudig fest, dass Frida auch als Künstlerin tätig war. So kommt sie auf die blendende Idee, dass Frida künstlerisch mit dem Müll arbeiten könnte, welchen sie ausfindig machen soll und Frida die anderen TeilnehmerInnen vielleicht ebenso dazu motivieren kann. Die hätten alle durch die Bank weg eine, „Nullbockstimmung“, wie sie Frida fast verschwörerisch beichtet und ihr dabei zu zwinkert. Frida hat das Gefühl im falschen Film zu sein. Sie nickt teilnahmslos. Frau Müller geht zur Aufklärung der MAE TeilnehmerInnen über. Es sind 18 TeilnehmerInnen, davon zwei Frauen und zwei türkeistämmige Männer, der Rest sind deutsche Männer. Frida nickt erneut und fragt sich im Geiste, was der Vortrag soll. Die Projektleiterin erzählt, dass einige der Teilnehmer rassistisch sind. Frida wird hellhörig. Frau Müller versucht in Fridas Gesicht zu lesen, aber Fridas Mimik ist nichtssagend. Sie nickt ein weiteres Mal.

Als Frau Müller, dann weiter erzählt, dass ein türkeistämmiger Mann raus gemobbt wurde, erweitern sich Fridas Pupillen, die Augenbrauen hochgezogen, deuten ihre Augen ein Fragezeichen an. Die gute Frau Müller wirkt fast zufrieden, als sie Frida anschaut, zufrieden damit, eine Reaktion bekommen zu haben. Des weiteren macht sie den Vorschlag, jetzt nachdem Frida als türkeistämmige mit im „Team“ ist, wären sie ja drei Türken an der Zahl und könnten dann ihre „Kultur“ vorstellen, vielleicht sogar mit einer Powerpoint Präsentation. Frida könnte das Ganze mit Bildern gestalten, das fände sie ganz toll. Frida unterdrückt ihren Impuls, ihre Fassungslosigkeit auszudrücken und fragt stattdessen trocken, was sie denn meint, was ihre Kultur wäre. Frau Müller ist irritiert, stammelt ein „Na, die türkische Kultur.“ Frida fragt, ob sie denn ein Paar folkloristische Bilder malen soll. Kaum hat Frau Müller ein Nicken angedeutet, antwortet Frida, dass das lächerlich ist und macht einen Gegenvorschlag, dass die Deutschdeutschen ja erst mal ihre Kultur vorstellen könnten, am besten mit einer Powerpoint Präsentation, mit Bildern aus Marzahn und einer bunten Deutschlandkarte, wo sie dann die „No go Areas“ für Ausländer markieren. Frau Müller kann ihre Fassungslosigkeit nicht so gut verbergen, wie Frida noch vor einigen Minuten, unsicher suchen ihre Augen die ihrer Kollegin. Sie haben Blickkontakt. Die Kollegin, die gerade in einen Schokoladenriegel biss, schaut, ohne zu kauen, ratlos zurück.

Frida springt auf, unterbricht den Blickkontakt und fragt, wann sie anfangen soll.

Als Frida am ersten Tag die Räumlichkeiten betritt, ist sie angewidert. Die Hälfte der angeschalteten Monitore, die in einer langen Reihe nebeneinander im Raum stehen, zeigen Tangaärsche, die Männer sitzen davor und schlürfen ihren Kaffee. Frida geht in das Büro, trägt sich in einer Anwesenheitsliste ein und geht der Anweisung nach, nebenan Platz zu nehmen.

Frida schaut sich, die Arme vor ihrem Solarplexus verschränkt, im Raum um und fragt sich dabei, wie sie das sechs Monate durchstehen soll. Sie sieht die zwei Frauen, die sie nett, aber verunsichert begrüßen. Frida setzt sich zu ihnen, lächelt „Hallo, ich bin Frida“ und schaut sich weiter im Raum um, hin zu den zwei türkeistämmigen Männern, die am Rande stehen und sich leise bis kaum hörbar unterhalten.

Frida fühlt eine Traurigkeit, während sie die beiden Männer beobachtet. Sie sind im Alter ihres Vaters, vielleicht nicht ganz, aber auf jeden fall 60 plus. Diese Traurigkeit empfindet sie, weil sie findet, dass sie etwas anderes als diese beschissene Maßnahme verdienen. Frida sieht ihnen an, dass sie hart gearbeitet haben. Wie sich später im Gespräch bestätigen soll, Jahrzehnte auf Baustellen, bis sie zu krank dafür wurden.

Plötzlich wird Frida von einer männlichen Stimme aus ihrer Beobachtung, ihren Gedanken und Gefühlen gerissen, „Ey komm ma her!“, befiehlt die Stimme. Frida ist überrascht, richtet sich auf dem Stuhl auf, dreht ihren Kopf nach rechts.

Ein deutschdeutscher Teilnehmer, um die 50 Jahre in schwarzer Lederhose, einer dicken goldigen Gürtelschnalle, sitzt breitbeinig vor dem PC, die rechte Hand auf der Maus und glotzt Frida an. Er zeigt mit dem Finger seiner linken Hand auf sie, „Ey komm ma her!“, befiehlt er erneut. Frida ist durch den Imperativ hellwach. Sie fragt den deutschdeutschen Mann, ob er gerade mit ihr gesprochen hat. Sie schaut sich im Raum um. Es herrscht Stille. Dieser Typ scheint in der Gruppe zu dominieren, so ihr Eindruck. Er, „Ja! Komm her!“ Einige der anderen Männer haben ihre Köpfe von den Monitoren ab, in den Raum gewendet.

Die zwei türkeistämmigen Männer haben ihre Unterhaltung unterbrochen. Die Frauen sitzen am Tisch und schauen auf ihre Kaffeetassen.

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