Brückenbauer

Herr Jauch, bleiben Sie bei Ihrer Quizshow!

„Im Namen Allahs – was tun gegen Deutschlands Gotteskrieger?“, lautete der Titel der Talkshow von Günther Jauch am Sonntagabend in der ARD. Ein Verbalabtausch zwischen Aussteigern, vermeintlichen Experten, einem Politiker und einem Moderator, der Quizmaster bleiben sollte.

Von Dienstag, 19.03.2013, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 30.05.2016, 16:23 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Herr Jauch, bleiben Sie doch bitte bei Ihrer Quizshow und lassen sie die Finger von Themen, die Sie nicht verstehen. Sie hatten bei Ihrer letzten Talkshow mit dem Titel „Im Namen Allahs – was tun gegen Deutschlands Gotteskrieger?“ leider keinen klugen Monitor vor sich, wie bei RTL, der Ihnen die richtigen Antworten und sogar noch Hintergrundwissen bereitstellt.

Nein, Sie waren überfordert und haben Deutschland speziell mit Ihrer Gästeauswahl keinen Gefallen getan. Ein Teil Ihrer Gäste, darunter Volksvertreter, verstanden den Ernst und die Bedeutung der Lage nicht: Ängste existieren im öffentlichen Raum, medial geschaffenes Misstrauen und Debatten, die auf perfide Art und Weise geführt werden – wie die gestrige – vergiften das gesellschaftliche Klima.

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1. Erkenntnis: Saudi-Arabien Maßstab unserer Demokratie
Eine ausgewogene und lösungsorientierte Diskussion gießt kein Öl ins Feuer; Gleiches gilt aber nicht für diesen Politiktalk, der zur besten Sendezeit deutsche Haushalte erreichte. Die Zuschauer erfuhren von Herrn Bosbach, dass der Umgang der saudischen Diktatur mit Minderheiten, irgendwas mit uns in Deutschland zu tun hat, dass hier angeblich eine enge Verbindung besteht und dass die Muslime, die hier leben, sich freuen sollten und das Meckern aufgeben müssten, denn in „ihren Ländern“ ist der Umgang mit Minderheiten noch viel schlimmer.

Ich bin wirklich verwundert: Seit wann orientieren sich unsere innerstaatlichen Verhältnisse und Ordnungen an denen anderer Staaten? Ich kenne unser Rechtssystem zumindest so gut, dass ich weiß, dass der saudische Staat hierzulande über keine Gesetzgebungskompetenz verfügt. Es mag sein, dass ich den „saudischen“ Paragraphen in unseren Gesetzesbüchern überlesen habe. Ich bitte Herrn Bosbach, in seiner Position als Vertreter des Volkes und als ausgebildeter Jurist, aufrichtig darum, mir und der gesamten Republik diese Norm zu zeigen. Sollte diese Norm aber nicht existieren, so muss er den Verdacht akzeptieren, dass er sich in die Division der Panikmacher eingereiht hat und Ängste schürt, nicht akzeptable Analogien konstruiert und sich folglich nicht in den Dienst des Volkes stellt.

2. Erkenntnis: Ideologienbummler als Islamerklärer
Als wären Bosbachs unprofessionelle Aussagen nicht schon genug für den Zuschauer, füllte ein junger Mann, der sich anscheinend noch in seiner ideologischen Pubertätsphase befindet, die Sendezeit mit Halbwissen und Erzählungen über persönliche Erfahrungen. Persönlicher Hintergrund und Anlass für die Einladung in die Talkshow war, dass er vom Christentum zum Islam konvertierte und dann wieder Rolle rückwärts machte. Soweit ist alles in Ordnung. Fraglich ist allerdings der vom hohen Ross sichtbar gewordene Anspruch, den Islam besser als ausgebildete Theologen und Wissenschaftler erklären zu können. Nicht jeder, der einige Male in der Moschee war und sich vorübergehend einen Bart stehen ließ, ist Islamexperte. Ich sage ja auch nicht, dass ich die Chemie-Koryphäe schlechthin bin, nur weil ich gelegentlich im Chemieunterricht saß – die restliche Zeit war ich woanders und ich hoffe, das lesen meine Eltern jetzt nicht.

Es ist nicht nur die sonntägliche Runde bei Jauch gewesen. Grundsätzlich fällt es mir sehr schwer, die derzeitige Salafisten-Debatte ernst zu nehmen, denn während wir hier in Deutschland über angeblich gefährliche Wahhabiten (Wahhabiten ist treffender als Salafisten) streiten, ist es unsere Regierung, die wahhabitische Regimes mit Panzerlieferungen unterstützt und nicht nur zu deren Völkerrechtsverstößen schweigt, sondern die diplomatischen Beziehungen zu diesen Regimes verstärkt. Dieser Aspekt fehlte mir in der Diskussion bei Jauch. Aber es fehlte so einiges. Und insbesondere fehlte die Absicht, nicht ein Teil des Problems zu sein, sondern ein Teil der Lösung.

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  1. Redouan sagt:

    Marie Hut ab bin ganz deiner Meinung. Sehr schön gesagt!

  2. Novus Bonus sagt:

    Muss ich ihnen voll rechtgeben, in beiden Dingen, das Jauch zurück zu RTL soll und das er kaum einen Schimmer hat. Ging die ganze Debatte nicht davon aus, das ein kämpferischer Mann zum Gotteskrieg IN SYRIEN aufgerufen hat, und das alle Deutschen gläubigen kommen und helfen sollen?

  3. Marie sagt:

    Lutheros sagte:
    Die Sendung war schlecht gemacht, da muss man Ihnen zustimmen, Herr Chahrour. Doch es gab einige wichtige aufgeworfene Fragen – leider greifen auch Sie diese nicht auf.

    Bosbach fragte nämlich nicht nach dem Recht von Saudiarabien, sondern warf eine Kernfrage auf: Wie tolerant ist eine muslimische Mehrheitsgesellschaft? Welche muslimische Gesellschaft bietet diesen Minderheitenschutz und diese Religionsvielfalt wie die westliche Gesellschaft? Schade dass die Antworten ausgeblieben sind.

    Zweite Frage: Was ist der richtige Islam? Bei Kritik folgt stets das Totschlagsargument: der Kritiker kenne den Islam ja gar nicht. Geschlechtertrennung ja oder nein? Wechsel von Religion A zu B und zurück möglich oder nicht? Auch das wurde leider nicht beantwortet.

    Diese Antworten wären aber die, die aufklären, ob Islam und westliche Welt zusammengehen.

    Das kann ich nicht nachvollziehen – inwiefern sagt die Toleranz einer muslimischen Gesellschaft in Saudiarabien etwas über die Muslime in Deutschland aus? Anders gefragt: Will Herr Bosbach, in Deutschland saudiarabische Verhältnisse einführen? Wenn die dort nicht tolerant sind, brauchen wir das auch nicht zu sein? Und wenn man in Saudiarabien keine Bibeln einführen darf, darf auch in Deutschland kein Koran verteilt werden? Was heben die Verhältnisse in Saudiarabien mit unserer Verfassung zu tun? Auch die zweite Frage hat nichts mit dem Thema „Gotteskrieger“ zu tun. In Deutschland haben selbstverständlich auch Muslime die Gesetze zu achten, ob die jetzt in Ihren Gebetshäusern nach Geschlecht getrennt beten, oder nicht, das ist keine Bedrohung für den Rechtsstaat und die Frage, was ist der „richtige Islam“, die lässt sich genau so wenig beantworten wie die Frage, was ist das „richtige“ Christentum. In Deutschland ist ein Wechsel zwischen Religion A und B möglich und das zählt, nicht die Verhältnisse in Saudiarabien. Die Gegebenheiten in der katholischen Kirche sind auch nicht mit „westlichen Werten“ vereinbar, da gibt es bis heute ein staatlich gebilligtes Sonderrecht beispielsweise im Arbeitsrecht, das Arbeitnehmern der Kirche elementare Rechte staatlichen Arbeitsrechtes vorenthält u.v.a.m.
    Solange sich Muslime an die staatlichen Gesetze halten, gehen der Islam und die westliche Welt selbstverständlich zusammen. Und genau das tut die weit überwiegende Mehrzahl. Die Religion geht den Staat überhaupt nichts an, solange die Rechtsnormen gewahrt werden. Und wenn es Verstöße gibt, sind die mit den rechtsstaatlichen Mitteln zu ahnden – wo kommen wir denn hin, wenn wir in Deutschland unter Hinweis auf Saudiarabien das Praktizieren der Religion oder den Koran verbieten. Nach dem Motto: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Sippenhaftung der in Deutschland lebenden Muslime mit den Herrschern in S.A. oder sonstwo sieht das Gesetz nicht vor. Maßgeblich ist allein das Verhalten der Muslime in Deutschland und nicht das einer fundamentalistischen Minderheit in Saudiarabien. Das sind Nebelkerzen, die Herr Bosbach warf – mit dem Thema hatten die nichts zu tun. Und die „westliche Welt“ die sollte sich mal an die eigene Nase fassen, es ist an Verlogenheit nicht zu überbieten, Waffen nach S.A. zu liefern um die dortigen Machthaber zu stützen und dann scheinheilig von westlichen Werten zu palavern. Deutschland ist nach der Verfassung und nach der Menschenrechtskonvention verpflichtet, allen Menschen dieselben Rechte zu zu gestehen und die Religionsfreiheit zu wahren, explizit auch dann, wenn das in S.A. und noch so vielen anderen Ländern nicht der Fall ist.

  4. Marie sagt:

    Deutschland fördert und unterstützt mit Waffenlieferungen an Saudiarabien die Unterdrückung der dortigen Bevölkerung und der Herr Bosbach hat dem zugestimmt. Insofern sind nicht die deutschen Muslime in der Mitverantwortung für saudiarabische Verhältnisse, sondern eindeutig die Deutsche Regierung und der Herr Bosbach. Um das mal ganz klar zu sagen..

  5. Lutheros sagt:

    Sehr geehrte Frau Marie,

    Die Frage ist nicht, ob man saudiarabische Regeln hier einführen möchte und ob deutsche Muslime dafür verantwortlich sind, sondern:
    Ist Saudi-Arabien nicht die Folge, wenn man den Islam konsequent lebt?
    Kann man Islam überhaupt „richtig“ in den Grenzen des westlichen Rechtsstaates leben? Ja oder nein?

    Den Vergleich mit der Kath Kirche finde ich nicht korrekt: Die Katholische Kirche hat dieses Land hier einmal beherrscht. Alles was Sie heute als Privilegien finden, sind die letzten Überreste dieser Macht. Die Kirche hat daher tatsächlch keine Vorrechte, sondern verliert seit Jahrhunderten immer mehr.
    Und ein anderer Vergleich: In jeder Satiresendung laufen Witze über die Kirche. Machen Sie aber mal einen Witz über Mohammed – da sehen Sie den Unterschied!

  6. Timos sagt:

    Ich fand die Sendung teilweise auch schlecht, da Herr Jauch völlig unfähig gewesen ist, zwischen den Parteien zu vermitteln – er sollte wirklich lieber bei RTL bleiben.

    Herr Bosbach hatte jedoch absolut Recht, wenn er das Beispiel einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft aufgreift, meines Wissens gibt es auf der Welt keine muslimische Mehrheitsgesellschaft, in der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit herrscht und religiöse (mitunter religiös und ethnische) Minderheiten NICHT unterdrückt werden. Ich habe selbst jahrelang in einem muslimischen Land gelebt und weis daher, wie es ist, wenn Muslime erstmal an der Macht sind. – Insofern ist die Angst der Menschen vor dem Islam meiner Meinung nach durchaus berechtigt.

  7. Rolf Kessler sagt:

    @Lutheros

    Gutes Beispiel, danke. Ich denke auch: erst wenn man Witze über Allah und Mohamed machen kann, ohne Angst haben zu müssen, aufgeschlitzt zu werden, ist der Islam in der Lage, hier integriert zu werden. Erst dann gehört er zu Deutschland. Es wäre schön, wenn die hier lebenden Muslime daran arbeiten würden.

    Und wie sieht es aus, wenn Länder den Islam konsequent leben? Nun ja, man sehe sich die Länder des Nahen Ostens an: Diktaturen, Monarchien, Oligarchien, Bürgerkriege. Einhergehend mit allen schönen Dingen, die diese Staatsformen fördern: weder Meinungs- noch Pressefreiheit, Unterdrückung, Ausbeutung.

    Der Grund: Die Machhaber nutzen die Angst vor einem göttlichen Wesen schamlos aus, leben selbst im Luxus und predigen Verzicht, Demut und Verrat. Bitter ist das, was aus einer Religion und den wirklichen Gläubigen gemacht wird. Wirklich bitter.

  8. Arrival sagt:

    @u.a. Rolf Kessler

    Eine Religion durch Witze erniedrigen? Wenn das Ihr Verständnis von Integration ist, ist es „wirklich bitter“. Ich fände es schön, wenn Sie daran arbeiten würden.
    Es ist keine Hochleistung Muslime zu provozieren. Die Devise des Islam heißt: Liebe, Respekt und Toleranz – gegenseitige!
    Der Islam braucht demnach nicht integriert zu werden, da er bereits ein Teil von Deutschland ist. Daran können Sie trotz Ihrer unbegründeten Angst nichts ändern, so leid es mir tut.

    Wir kritisieren die Runde mit Jauch – sind wir denn besser? Wieso können wir keine differenzierte Sichtweise in Betracht ziehen?

    Wir reden über die Muslime und übertragen es auf den Islam. In Saudi-Arabien werden Minderheiten verfolgt. Also erlaubt es der Islam.
    Ein Pfarrer vergewaltigt ein Mädchen. Also erlaubt es das Christentum.

    Das ist doch absurd!! Der Islam äußert sich strikt gegen Verfolgung von Minderheiten und schreibt ihnen gesonderten Schutz zu.

    Die saudische Regierung hat, da es mehrmals als Beispiel genommen wurde, am wenigsten mit dem Islam zu tun. Wir Muslime distanzieren uns von dieser Regierung, die von Wahabiten geleitet wird.

    Wir haben in Deutschland die Religionsfreiheit gemäß Art. 5 GG. So bitte haltet euch dieses Grundrecht in euren Köpfen! Deutschland ist ein Rechtsstaat, und das nicht umsonst. Gemäß Art 4 Absatz 2 GG ist die ungestörte Religionsausübung gewährleistet. So sucht nicht nach Problemen, wo es keine gibt.

    Hiermit möchte ich meine Worte mit zwei Verse aus dem Koran beenden:

    „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (2:256).

    „Ihr habt eure Religion und ich habe meine Religion.“ (109:6)

    In Liebe,
    Arrival

  9. lutheros sagt:

    Arrival,
    Nennen Sie mir bitte eine Situation, in der Sie Ihre religösen Handlungen in diesem Land NICHT ausüben können! Ich kann nicht sehen, wo die Diksussion die Ausübung der Religion des einzelnen einschränkt!!!

    Jedoch:
    das GG besteht nicht nur aus Art.4 Abs.2 , sondern auch aus:
    – Art. 3: Gleichheit = Keine Geschlechtertrennung
    – Art.4 Abs.1: Freiheit Ncht-Religon (!) und jederzeit „Austritt“ aus einer Religion

    – Art.5: Meinungsfreiheit: = eine Religion als ganzes negativ zu bewerten
    – Art.5: Kunstfreiheit: = Satrie über Religonen.

    Warum ist ein Witz über Mohammed eine Beleidigung und ein Witz über den neuen Papst kein Hingucker?
    Die Schwierigkeit die ich sehe ist, dass keiner greifen kann was Islam ist und was nicht. Sie schreiben es so, aber der Saudi, der hält seine Ausprägung für den richtigen Islam, und der Salafist tut es auch. Jeder behauptet das sei Islam. Woran soll man sich denn halten?

  10. TaiFei sagt:

    Lutheros sagt: 21. März 2013 um 12:20
    „…Die Frage ist nicht, ob man saudiarabische Regeln hier einführen möchte und ob deutsche Muslime dafür verantwortlich sind, sondern:
    Ist Saudi-Arabien nicht die Folge, wenn man den Islam konsequent lebt?
    Kann man Islam überhaupt “richtig” in den Grenzen des westlichen Rechtsstaates leben? Ja oder nein?…“
    Auch die Frage ist doch bereits beantwortet, nämlich mit NEIN. In Saudi Arabien herrscht eine kleine elitäre Gruppe, welche ihre Macht auf Ihren Ölreichtum unter Einbeziehung westl. Waffenlieferung stützen kann. Die Rolle des Islam spielt da nur eine untergeordnete Rolle, weil dort ja auch Muslime unterdrückt werden. Religion ist IMMER nur ein Mittel der Unterdrückung aber nie die Ursache. Es geht auch nicht darum ob „Der Islam“ in den Grenzen eines Rechtsstaates leben kann. Erstens gibt es nicht DEN Islam, zweitens ist das eine Religion. Religion ist Privatsache somit stellt sich diese Frage nicht dem Islam sondern höchstens den Muslimen.

    „…Den Vergleich mit der Kath Kirche finde ich nicht korrekt: Die Katholische Kirche hat dieses Land hier einmal beherrscht. Alles was Sie heute als Privilegien finden, sind die letzten Überreste dieser Macht. Die Kirche hat daher tatsächlch keine Vorrechte, sondern verliert seit Jahrhunderten immer mehr….“
    Der Vergleich passt sogar sehr gut. Natürlich hat die heutige Kirche nicht mehr die Privilegien, welche sie einmal hatte, aber die Kirche hat diese doch nicht freiwillig aufgegeben. Sie wurden ihr genommen!