Die Philosophie des Lachens

Verdammt! Ich lache wieder!

Wenn man über Integration und Migrationsthemen philosophiert, kann einem das Lachen vergehen. Dennoch lohnt sich das Lachen, wie ein Blick in die Historie zeigt. Eine kleine Einführung in die Philosophie des Lachens.

Von Montag, 04.02.2013, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 06.02.2013, 22:28 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Die klassische athenische Philosophie betrachtete das Phänomen des Lachens eher humorlos. Sie entwickelte sich eher auf dem Fundament der ernsthaften Nachdenklichkeit und diese gehörte zu ihren wichtigsten Tugenden. Ihr Hauptvertreter Platon war zum Beispiel durchaus nicht der Meinung, dass das Lachen einer der „köstlichsten und seltenen Begabung“ der Menschheit sei, wie Sigmund Freund knapp 2500 Jahre später meinte.

Nach Ansicht der Athener Eliten vertrugen gedankliche Strenge und geistige Tiefe der Ideen-Erkenntnis keine Erheiterung und leichtlebigen Humor. Der Athener Philosoph sollte seinen Tugenden gerecht werden, unter anderem nicht lachen! Damit wurde das Lachen schon früh aus der Philosophie verbannt.

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Laut Anekdoten über Platons Leben sei er schon in seiner Jugend so züchtig und gesetzt gewesen, dass man ihn niemals übermäßig habe lachen sehen. Man kolportiert sogar, dass er seine Ideenlehre unter Olivenbäumen in schöner Landschaft so ernsthaft lehrte, dass Lachen währenddessen verboten gewesen sei. Die Athener Philosophen ließen sich nicht von der Leichtigkeit des Lachens verführen und ihnen waren Lachende, Spaßmacher und Clowns lediglich Schmeichler, Parasiten und zuwider, da sie die Philosophie durch die Verbreitung einer amüsanten Stimmung verdarben. Denn wahre Erkenntnis und das wünschenswerteste Leben waren nur durch Vernunft, nicht durch Lust zu erreichen.

Das Lachen erfuhr seine Rückkehr in die Philosophie erst in der spätrömischen Antike, wie wir durch eine Sammlung „Philogelos“ von 265 Witzen erfahren. Witzigerweise waren alle diese über Scholastiker: Jemand begegnete einem Scholastikos und sagte: „Der Sklave, den du mir verkauft hast, ist gestorben.“ Darauf der Scholastikos: „Solange er bei mir war, hat er nichts dergleichen macht!“

Das Lachen wurde lange Zeit nicht nur aus dem profanen Raum, sondern auch im sakralen Raum ausgetrieben. Man hatte Angst vor dem Lachen und es wurde mit Sünde gleichgesetzt. So schrieb Chrysostomos, an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert Erzbischof von Konstantinopel: „Diese Welt ist eben kein Theater zum Lachen, nicht dazu sind wir beisammen, um schallendes Gelächter anzuschlagen, sondern um über unsere Sünden zu seufzen, und mit diesem Seufzen werden wir uns den Himmel erwerben.“

Während man das Lachen aus dem sakralen Raum verbannte, wurden Trauer und Weinen verheiligt. Man musste Tränen für die Sünden und Schwäche des Körpers vergießen, um vor den Strafen der Hölle und den Fallstricken des Teufels bewahrt zu bleiben. In diesem Zusammenhang wurde das Lachen gemeinsam mit der Eitelkeit als der größte Feind des sakralen Lebens gesehen. Nach einem der größten französischen Mittelalter-Historiker, Jacques Le Goff, wurde das Lachen sogar als der schrecklichste und obszönste Weg betrachtet, das Schweigen zu durchbrechen. Nicht nur das, als auch die schlimmste Verschmutzung des Mundes.

Die Sicht auf das Lachen veränderte sich in der Renaissance. Die einheitliche Ablehnung des Lachens zerbrach. Während Thomas Hobbes als Agnostiker der mittelalterlichen philosophischen und religiösen Sichtweise treu blieb und das Lachen die heftigste Last der menschlichen Natur nannte, welche jeder denkende Kopf überwinden solle, riet Descartes vom Lachen eher mit einer medizinischen Begründung ab, nämlich dass man nach vielem Lachen zur Traurigkeit neige, weil das flüssigere Blut der Milz erschöpft sei und nur das dickere in das Herz nachdränge, was die Entstehung des Hassgefühls verursache. Die ähnliche Position vertrat später auch Paul Valery: „Lachen ist eine Kapitulation des Denkens“.

Descartes´ Schüler Spinoza war dagegen mit seinem Lehrer nicht einverstanden und behauptete, dass man nur durch größere Freude zur größeren Vollkommenheit gelangen könne, da man auf diese Weise einen größeren Anteil an der göttlichen Natur erreiche.

In der industriellen Ära erlangte das Lachen eine ganz andere Bedeutung. Im Gegensatz zur antiken normbasierten Anschauung setzte sich jetzt eine medizinische Sichtweise durch. Die neue Wertschätzung des Lachens ist unterschiedlichen medizinischen und psychologischen Forschungen zu verdanken. Mediziner, Psychologen und Verhaltensforscher fanden heraus, dass Lachen Endorphine (Glückhormone) freisetzt, die Produktion von weißen Blutkörperchen und das Abwehrsystem unterstützt, den Kreislauf anregt und die inneren Lebensprozesse intensiviert – mit einem Wort: einem Lachenden ein intensiveres Leben beschert. Lachen lässt uns besser und gesünder denken, was den platonischen Ansatz auf den Kopf stellt, dass Lachen die gedankliche Strenge und geistige Tiefe verderbe.

Welche Meinung der Leser sich zu eigen macht, soll ihm selbst überlassen bleiben. Schließen will ich mit zwei Zitaten, die in ganz unterschiedliche Richtung weisen:

„Kein Geist ist in Ordnung, dem der Sinn für Humor fehlt.“ Samuel Coleridge.

„Die Menschen lachen und weinen, und dass sie lachen, ist zum Weinen“ Augustinus

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