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Feminismus und Migration – mehr als die Summe der einzelnen Teile

8. März. Der Internationale Frauentag steht bevor. Aziz Bozkurt und Serap Altınışık machen sich Gedanken über die neue MiGAZIN Kolumne, diskutieren und tauschen Argumente aus. Pro und Contra - per E-Mail.

Von Bozkurt/Altınışık Donnerstag, 08.03.2012, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 12.03.2012, 1:07 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Datum: Mon, 20 Feb 2012 21:19:02
Von: Aziz Bozkurt
An: Serap Altinisik

Betreff: Internationaler Frauentag

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Hey Serap,

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bald ist internationaler Frauentag, aber wem erzähle ich das. Hast Du eine Idee, worüber wir in unserer Kolumne schreiben könnten?

Vielleicht thematisieren wir die Fragestellung, ob man einen neuen Blickwinkel auf das Thema Gleichstellung wagen muss? Ich meine aufgrund der vielfältiger werdenden Gesellschaft.

Reichen die Antworten der „alten“ Feministinnen und der „neuen“ F-Klasse, um auch auf die Fragen der neuen deutschen Frauen und Mädchen eine adäquate Antwort zu geben?

Viele Grüße und bis bald, Aziz

***

Datum: Sun, 26 Feb 2012 18:55:14
Von: Serap Altinisik
An: Aziz Bozkurt

Betreff: Re: Internationaler Frauentag

Lieber Aziz,

ich würde die Frage, ob man einen neuen Feminismus braucht, mit ja und nein beantworten. Natürlich muss sich der Feminismus verändern, ja erneuern, da er nur so als Querschnittsthema in einer sich ständig verändernden Gesellschaft effektiv wirken kann. Ich denke, vor allem das Thema Frauen mit Migrationshintergrund wird oftmals noch zu wenig bedacht oder leider sogar mit Stigmatisierungen, auch von feministischen AkteurInnen kontraproduktiv bearbeitet. Es ist keine Frage, dass MigrantInnen neben der allgemeinen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts auch noch eine zusätzliche Hürde zu überwinden haben. Ich meine damit, dass diese Frauen oftmals noch mit weiteren Benachteiligungen durch die Mehrheitsgesellschaft zu kämpfen haben. Beispielsweise sollte die Qualifikation von MigrantInnen schneller und besser anerkannt werden. Wieso ich aber auch der Meinung bin, dass wir keinen komplett neuen Feminismus brauchen, lässt sich mit dem Status Quo der fehlenden Gleichbehandlung von Frauen und Männern erklären. Denn wofür setzen sich FrauenrechtlerInnen im Grunde genommen seit dem Beginn des letzten Jahrhunderts ein? Sie kämpfen für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Auch wenn sich einiges in den letzten Jahrzehnten für die Frauen positiv entwickelt hat, muss noch ein langer Weg zur Gleichberechtigung beschritten werden. In Fragen der gleichen Entlohnung für gleiche Arbeit beispielsweise, da Frauen in der EU im Durchschnitt immer noch 18 % weniger als Männer verdienen – in Deutschland verdienen Frauen sogar im Durchschnitt 23 % weniger als ihre männlichen Kollegen. Dabei stand schon in den römischen Verträgen, dass Frauen und Männer gleich entlohnt werden soll. Wir wissen beide, wann die römischen Verträge der EU verabschiedet wurden, genau vor 55 Jahren. Auch wenn Frauen ja bekanntermaßen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer, bei einer Fortsetzung dieses „Tempos“ wird noch nicht einmal meine Generation die Verwirklichung der postulierten Parität erleben! Trotz vieler hehrer Ziele sieht die Realität eben leider immer noch anders aus.

Ohne wichtige Meilensteine in den letzten Jahren auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft zu negieren, besonders denke ich da an die rot-grüne Bundesregierung, die Gender Mainstreaming als Leitprinzip zur Gleichstellung zwischen Männern und Frauen einführte, bleibt viel zu tun. Aus diesem Grund ist der „alte“ Feminismus aktuell wie eh und je. Ich würde aber gern von dir erfahren, ob du einen anderen Feminismus für angebracht hältst und was dieser anders formulieren würde oder mehr an Rechten für Frauen bringen würde?

Herzliche Grüße, Serap

***

Datum: Tue, 28 Feb 2012 16:33:32
Von: Aziz Bozkurt
An: Serap Altinisik

Betreff: Re: Internationaler Frauentag

Moin Serap,

du hast Recht liebe Serap, mit meiner Frage zielte ich nicht darauf ab die Diskussion alter (aka Alice Schwarzer) vs. neuer Feminismus aufzumachen (F-Klasse). Vielmehr denke ich so wie du, dass es einen Feminismus braucht der die grundlegenden Fragen für alle Frauen wie gute Ausbildung und Arbeit auf dem Schirm hat. Dabei brauchen wir aber, so meine ich, mehr Sensibilität für Hürden, die z.B. Frauen mit Migrationshintergrund bewältigen müssen.

Es geht m.E. auch zentral darum das Thema Gleichstellung auf eine breite Solidaritätsbasis zu stellen. Es wird immer Forderungen geben, die natürlich nur bezogen auf das Geschlecht erkämpft werden müssen. Aber bei einer Vielzahl der Themen lässt sich durch größere Bündnisse viel mehr bewegen. Da müssen wir zusammen agieren und dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Ein Beispiel: zum Glück wird immer häufiger das Thema der mangelnden Spiegelung von gesellschaftlichen Verhältnissen an den Schalthebeln der Macht diskutiert. Mal sind es die Frauen, die unterrepräsentiert sind, mal Menschen mit Migrantionshintergrund… aber wieso schaffen wir es nicht, das Thema stärker zu verknüpfen? Im Prinzip geht es doch darum, dass die weißen, wohlgenährten (dickbäuchig hört sich böse an ;-[/efn_note] Männer mittleren Alters (wobei wir persönlich nichts gegen die einzelnen Individuen haben) Platz für mehr Vielfalt auf den Stühlen machen. Vielfalt in jeder Form! Das würde auch vielleicht die eine oder andere Diskussion erleichtern. Z.B. beim Thema “Migrantenquote”: eins der ersten Argumente dagegen “Na, wie hoch soll denn die Quote für die Migranten sein?”. „Erst die Frauen, dann die Migranten und was ist mit Homosexuellen?“ Drehen wir den Spieß um und verbünden uns: “Wie hoch soll denn die Maximal-Quote für den weißen Mann sein?” 40%? Und der Rest? Der Rest soll die Vielfalt sein. Von mir aus auch dann 60% Frauen… ich bin mir sicher, dass jede unterrepräsentierte Gruppe EHER (es gibt sicher keine Garantie) offen für das Thema Vielfalt ist, als der weiße Mann, der nie in der Minderheit war. Ich weiß, alles sehr überspitzt, aber ohne Überspitzung, wird man sich seiner Position nicht immer klar, hat mir ein guter Freund vor kurzem erklärt. Ich bin kein Fan der Quote an sich, weil sie individuell zu Benachteiligung führen kann, aber ich mag ihre Ergebnisse und würde mir da in Deutschland mehr Entschlossenheit wünschen.

Und bei den speziellen Themen, die aufgrund der Geschlechterfrage in den Fokus gerückt werden müssen, muss sich ein neuer Feminismus stärker für die Interessen der Frauen mit Zuwanderungsgeschichte öffnen. Nicht im Sinne von Alice Schwarzer, die doch einen starken paternalistischen Ansatz verfolgt. Auf Augenhöhe und die Themen, die Du erwähnst, treffen auch auf diese Frauen zu, manchmal jedoch mit einer besonderen Brisanz oder Problematik. In jedem Fall fände ich es interessant, wenn wir zu diesem Thema eine große Debatte, in den Parteien, Organisationen und in den Medien führen würden.

Vielleicht nehmen wir als Oberthema für unseren Kolumnenbeitrag doch einfach einen neuen Begriff – ich weiß nicht, ob es den schon gibt – Feminism of Colour?

Öptüm, Aziz

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