Ein Fremdwoerterbuch

Nazım heißt er und er gehört in den Westen

Groß und gerade steht Nazım, etwas breit. Er hat eine kräftige Statur. Seine gebräunte Haut ist ledrig, die Zähne vergilbt vom Rauchen. Doch man sieht sie ohnehin nur selten, denn er redet nicht viel. Und wenn, dann bebt sein ganzer Körper.

Von Kübra Gümüşay Mittwoch, 08.02.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 10.02.2012, 8:10 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Seine tiefe Stimme hallt in der Brust, vibriert. Er ist ein verschlossener Mensch. Mit seinen tiefschwarzen Augen beobachtet er aufmerksam und durchdringend die Menschen um ihn herum – Menschen, die ihm durch seine Arbeit als Polizist fremd geworden sind.

Nazım ist angekommen. Als sich die Türen öffnen und er seinen Bruder hinter der Absperrung am Berliner Flughafen entdeckt, steckt Nazım seine goldene Halskette unter sein Hemd. Der Bruder braucht sie nicht sehen.

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Zusammen betreten sie die Wohnung des Bruders. Es riecht nach türkischem Gebäck und Essen. Sein Blick schweift langsam über die arabischen Kalligraphien im Flur und bleibt an dem Kopftuch seiner Schwägerin hängen. Sie nickt ihm zu und zwingt sich zu einem Lächeln. Er öffnet seinen Mund, um etwas zu sagen, und schließt ihn gleich wieder seufzend. Es lohnt sich nicht.

Die kleine Nichte tritt heran, um ihm die Hand zu küssen. Er zieht sie weg und streicht ihr stattdessen kurz über das Haar. Hier und trotzdem rückständig.

Beim Abendessen reden nur Nazım und sein Bruder. Ein bisschen über die Kindheit und Fußball. Keine gefährlichen Themen. Die Schwägerin schweigt und stochert lustlos auf ihrem Teller herum. Dann gehen den Brüdern die ungefährlichen Themen aus. Nazım wartet noch einen Moment und bedankt sich dann für das Essen. Jetzt schnell.

Umgezogen steht Nazım an der Tür zum Wohnzimmer. Er schaut kurz rein und hebt die Hand zum Abschied. Sein Bruder, der mit Tee, Mandeln, Nüssen und gesalzenen Sonnenblumenkernen auf ihn wartete, schreckt überrascht hoch und eilt ihm nach. Er kuckt Nazım wortlos an. Du bist doch erst heute aus der Türkei gekommen. Willst du dich nicht ausruhen? Wortlos schaut Nazım zurück. Ich bin nicht wegen dir hier, das weißt du.

Draußen knöpft Nazım sein Hemd auf. Die goldene Kette kommt zum Vorschein. Praktizierende muslimische Männer tragen kein Gold. Rückständige tragen kein Gold.

Ich bin hier, sagt Nazım sich. Endlich. Nur um hier zu sein, ist Nazım in der Türkei auf die Polizeischule gegangen. Irgendwann als Kommissar würde er mit einem yesil pasaport, dem grünen Pass für hohe Beamte, Europa bereisen. In die Wiege der Moderne wollte Nazım. Und ausgerechnet sein Bruder lebt hier. Der rückständige, religiöse Bruder. Er hatte sich in die Tochter der deutschtürkischen Familie, die jeden Sommer in der Nachbarwohnung lebte, verliebt und war mit ihr nach Berlin gezogen. Seit acht Jahren lebt er mit seiner Familie hier, während Nazım in einer kleinen Stadt an der Westküste der Türkei Streife fuhr. Alleine. Ich, ich gehöre hierher.

Nazım ignoriert die türkischen Imbisse, den libanesischen Supermarkt, das italienische Restaurant. Das ist es nicht. Das auch nicht. Das auch nicht. In einer Seitenstrasse, endlich, entdeckt Nazım eine Kneipe. Als er die Tür öffnet, weht ihm eine Alkoholfahne ins Gesicht. Nach Bier riecht es hier. Ein bisschen klebrig ist es von dem Frittierten, das hier verkauft wird. Er setzt sich an den hintersten Tisch des Raumes, von dort aus kann er alles beobachten. Als die Kellnerin kommt, zeigt er auf ein Bier in der Karte. Er trinkt und trinkt. Und beobachtet.

Die korpulente Frau hinter der Theke mit dem lauten Lachen. Ihr rotes Unterhemd zeigt einen tiefen Ausschnitt, der immer weiter rutscht, wenn sie lacht. Und der Mann im karierten Hemd, der sich weit über die Theke lehnt, macht weiter Witze. Der alte türkische Mann mit dem vernarbten und eingefallenen Gesicht, der seit Ewigkeiten vor ihm sitzt und ihm sein Leid erzählt, schnappt sich sein Glas. Nazım lacht. Die Touristen sind hier.

Die Touristen, die jeden Sommer den Westen in seine türkische Kleinstadt bringen und die Cafes füllen. Wegen derer die Stadt die Palmen auf den Mittelinseln wässert und die Clubs und Bars wieder auch in der Woche länger aufhaben. Die, die Geld bringen. Und Freiheit und Sorglosigkeit. Hier sind sie und ich bin bei ihnen. In der Moderne.

An einem warmen Sommerabend steht Nazım am Ufer der türkischen Kleinstadt und während seine Augen nur bis zum Horizont des rauschenden Meeres reichen, sind seine Gedanken schon viel weiter. Im Westen war er noch nie.

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