Musiktheater

„KommUnity!“ bringt Deutschland und die Türkei zusammen

Rund 50 Jahre nach Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei nähern sich 50 Kinder und Jugendliche aus Hürth bei Köln dem Thema mit einem Tanzprojekt. Dabei verschmelzen türkische und deutsche Tänze und die Musik zu etwas ganz Neuem. Die Auftritte der Gruppe haben bereits international Anerkennung erfahren. Jetzt geht "KommUnity!" in die zweite Runde.

Mittwoch, 08.02.2012, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 10.02.2012, 8:10 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

Ruddi Sodemann, der Leiter der Hürther Musikschule, beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit orientalischer Musik. 2009 hat er aus einigen Musikschülern das West-Ost-Diwan-Ensemble zusammengestellt, mit Baglamas (türkischen Langhalsgitarren), Geigen, Trommeln und Flöten. Unter dem Namen KommUnity! wurde das Projekt erweitert und auch um die Tänze bereichert. „Wir haben 2.000 Flyer an Schulen verteilt und konnten dann mit 50 Mitwirkenden starten. Zuerst haben wir uns mit den Jugendlichen unterhalten, woher sie kommen und was sie einander geben können“, erzählt Sodemann. Dabei konnten sich die Mitglieder des Ensembles zunächst einmal einfach kennenlernen.

Improvisationen machten den Anfang
Im Laufe der Zeit wurde ein 50-minütiges Programm erarbeitet, das auf den Wurzeln und Erlebnissen der Jugendlichen basiert. Viele der Tanzschritte und der musikalische Prolog sind aus Improvisationen der Schüler entstanden. Der Prolog zum Beispiel entwickelt sich von ländlichen Tänzen hin zum Stakkato der Fließbänder, zu denen die türkischen Gastarbeiter in den 60er Jahren gekommen sind. Mit dem Orchester hat Sodemann das Thema erarbeitet, indem zunächst die Streicher und einige Bläser eine schöne Morgenstimmung akustisch erschaffen. Dann stören die Trommeln das schöne Bild und überführen es langsam in den rhythmischen Klang der Fabriken. Einmal gefunden, wurden die Noten festgehalten: eine Gemeinschafts-Komposition.

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Eine Szene am Flughafen bildet den Auftakt zum Hauptprogramm. Vereinzelte Menschen und Gruppen und ihre Hektik werden musikalisch und tänzerisch ins Leben gerufen. Keiner will mit dem anderen etwas zu tun haben, bis einer der Tänzer die Vereinzelung durchbricht: Daraus entstehen Begrüßungsszenen; zwei Kulturen stellen einander ihre Tänze vor. Das ist auch musikalisch der Moment, in dem sich türkische und deutsche Melodien und Rhythmen zu vermischen beginnen. Der „Sirto“ zum Beispiel ist eine türkische Melodie im 7/8-Takt, treibend und sehr schwungvoll. Hin und wieder wird er den deutschen Hörgewohnheiten angepasst, indem Sodemann ihn in einen 4/4-Takt umwandelt. Sowohl für deutsche als auch für türkische Ohren ist das in gleichem Maße gewöhnungsbedürftig und interessant.

Tänze und Musik verschmelzen zu Neuem
Aus dem gegenseitigen Vorstellen der eigenen Tänze wird im „Kirkhan“ etwas Gemeinsames. Zwei Tänze, zwei Arten von Musik verschmelzen zu etwas Neuem. Dabei sind die türkischen Tänze den Schülern mit türkischem Hintergrund meist aus ihrem täglichen Leben bekannt. Für die deutschen Tänze mussten die Pädagoginnen weiter in die Vergangenheit gehen und haben sich von mittelalterlichen überlieferten Tanzschritten inspirieren lassen.

Drei Tanzpädagoginnen sorgen dafür, dass die Choreographien gut zur Musik passen und dass türkische und altdeutsche Tanzschritte miteinander harmonieren: Judith Stalp, Barbara Luxem und Beate Neumann-Jastak ergänzen sich dabei in Tanz- und Ausdrucks-Training, Kenntnis der Folkloreschritte und Arrangement.

Im letzten Stück des Abends („KommUnity!“) wird es artistisch: Die Schüler setzen das gegenseitige „Halten und Tragen“ um, indem sie Hebefiguren zeigen und sich auch ganz buchstäblich in die Gruppe fallen lassen. Musikalisch hat Sodemann hier eine alte Melodie aus dem arabisch-jüdischen Bereich gewählt. Sie ist in der Tonart Hijaz geschrieben, einer eigenen Tonart für Friedenslieder.

Das Tanzprojekt schweißt Jugendliche zusammen
Nicht nur das Programm zeigt, wie nah sich die 50 Schüler im Alter von 9 bis 18 Jahren in dem sehr intensiven gemeinsamen Jahr gekommen sind. Auch privat sind hier Freundschaften entstanden, die sich von den Schülern bis zu den Eltern fortsetzen. Vor allem eine einwöchige Reise in die Türkei hat die Gruppe zusammengeschweißt. In Ankara, Eskesehir und Istanbul haben KommUnity! ihr Programm gezeigt und dabei große Erfolge gefeiert: In Ankara hat der führende Nachrichtensender der Türkei die Show aufgezeichnet und Auszüge daraus in den Hauptnachrichten gezeigt. Zahlreiche Interviews für Radio und Zeitungen haben die Schüler und Pädagogen gegeben. Den Abschluss bildete ein Empfang beim Minister für Auslandstürken, der nochmals für großes mediales Interesse sorgte.

„Die Türkei war toll, aber zeitlich war das manchmal schon ganz schön heftig, auch sonst bei den Proben“, findet Hilal Demir (15), die im Orchester Baglama spielt. Auch Saskia Böttger (13), die bei den Tänzern mitmacht, ist jetzt erst mal froh über eine Pause: „Wir hatten jeden Monat ein bis zwei große Auftritte und mussten zwischendurch natürlich immer proben. Da blieb für andere Hobbys, Freunde und die Schule manchmal zu wenig Zeit“. Das fanden auch ihre Eltern, sagt sie hinter vorgehaltener Hand. Für die beiden Mädchen war es ein außergewöhnliches Jahr, mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen, die sie nicht missen möchten. Bei der Neuauflage werden sie nicht dabei sein, aber sicherlich verfolgen, wie die zweite Saison von KommUnity! verläuft.

„KommUnity!“ geht in die zweite Saison
März 2012 will Projektleiter Ruddi Sodemann in den verschiedenen Schulformen neue Mitglieder für sein Projekt suchen. Und diesmal soll es keine reine türkisch-deutsche Produktion werden, sondern eine, die alle möglichen Nationalitäten einbezieht. Durch Projekte, AGs und Flyer können die Schüler einen ersten Eindruck gewinnen und dann entscheiden, ob sie am nächsten Programm von KommUnity! mitwirken möchten. Das soll ab Sommer mit alten und neuen Ensemble-Mitgliedern entstehen und wieder in vielen Städten aufgeführt werden. Anfragen gibt es bereits aus der Türkei, wo es wieder nach Ankara, Istanbul und Eskesehir geht. Aber auch die englische Partnerstadt Thetford lädt die Gruppe ein, ebenso gibt es eine Anfrage aus den Niederlanden. Wieder werden neue Freundschaften entstehen, und vor allem die Schüler mit deutschem Hintergrund werden ihren Blick auf die mit türkischen Wurzeln deutlich verändern.

Auf dem Weg zu einem dauerhaften Miteinander
Für Ruddi Sodemann spielt aber auch eine Art der Völkerverständigung eine große Rolle, an die man zuerst gar nicht denkt: „Für die Schüler mit türkischem Hintergrund war es sehr wichtig, ihre Situation in Deutschland einmal in der Türkei darzustellen. Sie sind in beiden Kulturen zu Hause – oder aber in keiner. Die zögerliche Haltung der Schüler und Studenten in der Türkei war für unsere Ensemble-Mitglieder schwer zu ertragen. Sich ihrer Gefühle bewusst zu werden und darüber zu sprechen, hat aber schon viel Gutes bewirkt.“ Er freut sich schon auf die nächste Runde, obwohl die vielen Proben und Auftritte auch ihn sehr fordern.

Unterstützt wird KommUnity! vom Land Nordrhein-Westfalen; Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ist Schirmherrin des Projekts, aber auch die Rheinenergie-Stiftung, die Rudolf-Klefisch-Stiftung und das türkische Generalkonsulat in Köln helfen.

Mehr Toleranz zwischen den Kulturen kann nur der erste Schritt sein, findet Ruddi Sodemann. „Tolerieren“ ist das lateinische Wort für „ertragen“. Jemand anderen ohne Streit zu ertragen, ist der Beginn einer dauerhaften Beziehung – zwar notwendig aber noch nicht ausreichend. Mit dem Austausch der kulturellen Werte kann jedoch aus dem „Ertragen“ ein „Vertragen“ werden und aus dem „Vertragen“ etwas Neues – ein „gegenseitiges Tragen“ der Kulturen. So bringen die Jugendlichen ihre Gedanken, Ideen und Gefühle zum Zusammenleben in Musik und Bewegung zum Ausdruck, wie es auf der Homepage des Projekts heißt.

Über 50 Jahre ist es her, dass Deutschland die ersten Gastarbeiter aus der Türkei gerufen hat. „Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen“, dieser Satz, geprägt von Max Frisch, beschäftigt Ruddi Sodemann. Diese Menschen bringt er zusammen, und sie bringen etwas zusammen auf die Bühne, was bisher so nicht zu hören und zu sehen war. Bemerkenswert! (sb/br)

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