Neue Deutsche Medienmacher

Keine Angst: wir sprechen Deutsch

Jeder fünfte Mensch in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, aber nur jeder 50. Journalist. Darüber hielt Sheila Mysorekar, Vorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher, beim 5. Integrationsgipfel im Bundeskanzleramt die folgende Rede:

Von Sheila Mysorekar Mittwoch, 01.02.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 03.02.2012, 14:26 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Frau Dr. Böhmer, sehr geehrte Damen und Herren,

als ich als ganz junge Journalistin bei einer Politikredaktion anfing und meine Texte abgab, geschah es oft, dass ich für meine gute Orthographie gelobt wurde. Das war mir seit der Grundschule nicht mehr passiert. Es war mir ein Rätsel, warum das in der Redaktion so positiv vermerkt wurde – bis mir aufging, dass niemand dort erwartet hatte, dass ich korrektes Deutsch schreiben könne. Denn die anderen Leute im Sender, die so aussahen wie ich, die haben dort geputzt.

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Ich bin Rheinländerin. Ich bin so integriert, dass es kracht. Ich trinke Kölsch und feiere Karneval, die ganzen fünf Tage. Meine Migration besteht darin, dass ich von Düsseldorf nach Köln migriert bin, und wenn Rheinländer hier unter Ihnen sind, die können bestätigen: zwischen Köln und Düsseldorf, da liegen Welten.

Aber so normal deutsch ich mich fühle, in manchen Kontexten bin ich alles andere als normal. Ich bin Journalistin und in diesem Metier falle ich auf. Jeder fünfte Mensch in diesem Land hat Migrationshintergrund, aber nur jeder 50. Journalist. Wir sind also massiv unterrepräsentiert in diesem Beruf. Weswegen, da kann ich nur spekulieren. Vielleicht, weil Journalisten die Gralshüter der deutschen Sprache sind? Direkt nach Deutschlehrerinnen und Edmund Stoiber?

Und Ausländer sprechen halt kein Deutsch, das weiß ja jeder. Im Laufe meines Lebens ist mir buchstäblich schon Tausende Male gesagt worden: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ Darauf antworte ich gerne: „Ich wünschte, ich könnte das auch von Ihnen behaupten!“

Die Neuen Deutschen Medienmacher sind Journalisten und Journalistinnen mit Migrationshintergrund. Wir setzen uns dafür ein, dass mehr Migranten, schwarze Deutsche, Bindestrich-Bürger jeder Art in den Medien vertreten sind – vor und hinter der Kamera. Ein Ranga Yogeshwar, eine Dunja Hayali reichen nicht. Wir wollen nicht nur lächelnde Moderatoren sein, sondern Reporter, Redakteurinnen und Entscheider auf der Chefetage. Wir wollen Themen setzen und Blickwinkel verändern.

Es geht dabei auch um Diskurshoheit. Damit nicht – wie im Fall Sarrazin – Rassismus medial als Tabubruch inszeniert wird, selbst in seriösen Medien wie dem ‚Spiegelʼ und der ‚Zeitʼ. Oder damit nicht – wie im Falle der Neonazi-Mordserie – den Opfern lange Zeit auch von den Medien unterstellt wird, sie hätten durch kriminelle Machenschaften ihre Ermordung selbst verschuldet.

Wir wollen, dass die Medien die Dinge beim Namen nennen: Nicht ‚Fremdenfeindlichkeitʼ schreiben oder ‚Ausländerfeindlichkeitʼ – wir sind ja keine Ausländer, sondern Deutsche, und fremd sind wir schon gar nicht. Das heißt, es geht um Rassismus, nicht um Konflikte zwischen ach so fremden Kulturen. Und das Wort ‚Rassismusʼ kommt in der deutschen Presse äußerst selten vor.

Die multikulturelle Normalität, die zumindest in deutschen Großstädten herrscht, ist in den Medien nur zum Teil angekommen. Wir Neuen Deutschen Medienmacher fördern deshalb den Nachwuchs, wir organisieren ein Mentorenprogramm, reden mit Chefredakteuren und Herausgeberinnen, geben Diversity-Workshops, machen interkulturelle Fortbildungen in Redaktionen, richten Datenbanken ein und vieles mehr.

Unseren Platz müssen wir uns erkämpfen, denn in einer Branche, wo es sehr darauf ankommt, dass man die richtigen Leute kennt, fehlen uns die Seilschaften. Überspitzt gesagt: Die wenigsten von uns haben Väter, die mit Intendanten Golf spielen. Wir müssen uns also eigene Netzwerke aufbauen. Und das tun wir. Den Redaktionen bieten wir gute Leistung und fähige Kollegen an, die oft mehrsprachig sind und interkulturelle Kompetenz mitbringen, was in einer globalisierten Welt nur von Nutzen ist.

Aber es geht den Neuen Deutschen Medienmachern nicht nur darum, dass Journalisten mit Migrationshintergrund einen selbstverständlichen Platz in den Redaktionen einnehmen. Darüber hinaus wollen wir, dass deutsche Medien nicht nur weiße Deutsche als ihre Zielgruppe betrachten, sondern auch alle anderen Zuschauer, Zuhörer oder Leser, nämlich Deutsche mit verschiedenen ethnischen Hintergründen. Damit kann man sogar Geld verdienen.

In den USA beispielsweise überstieg letztes Jahr die Zahl der Menschen, die spanischsprachiges Fernsehen schauen, zum ersten Mal die Zahl der Zuschauer, die englischsprachiges Fernsehen gucken. Und in den USA herrscht – ähnlich wie in Deutschland – ein großes Zeitungssterben. Mit Ausnahme von Presse, die sich an ethnische Minderheiten richtet: dieser Zweig wächst nämlich rapide. Wer weiß – vielleicht könnten auch deutsche Zeitungen die allgemeine Krise in den Printmedien überwinden, indem sie sich stärker an die ethnischen Minderheiten wenden?

Es gibt viele von uns, und wir werden immer mehr.
Und keine Angst: wir sprechen Deutsch.

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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Dr. Rita Zellerhoff sagt:

    Sehr geehrte Frau Mysorekar,
    das musste mal gesagt werden. Haben Sie auch eine Idee, wie monolinguale deutschsprachige Journalisten einen Eindruck von der Welt der Migranten bekommen?
    Als ich mich während der zweiten Aussiedlerwelle auf das Studium einer slawischen Sprache einließ, habe ich eine große Achtung vor den Leistungen der mehrsprachigen Menschen in unserm Land gewonnen.
    Das Sie so selbstbewusst sagen: „Keine Angst, wir sprechen Deutsch“ erachte ich als ein Entgegenkommen. Wünschenswert fände ich, dass die Chance genutzt würde, dass alle Kinder auch eine Sprache der MigrantInnen erwerben, wie dass z.B. in den Europaschulen im Berlin möglich ist, sodass es je nach Thema die Möglichkeit gäbe, sich auch auf Türkisch oder Russisch oder weiterer Sprachen auszutauschen. Das wäre sicher von großem Vorteil für den Standort Deutschland. In der Wissenschaft wird ja schon sehr häufig in vielen verschiedenen Sprachen publiziert, wenn auch meist auf Englisch.

    Mit freundlichen Grüßen
    Rita Zellerhoff

    Rita Zellerhoff

  2. NDS sagt:

    Gratulation! Sowas Zutreffendes und Pointiertes habe ich lange nicht mehr gelesen.

  3. Mirakel sagt:

    „Es gibt viele von uns, und wir werden immer mehr.“

    Klingt wie eine Drohung…

  4. Mathis sagt:

    „Klingt wie eine Drohung.“
    Nein, eher wie falsche Berufswahl!

    Wer das Aussterben der Printmedien beklagt, gleichzeitig die Notwendigkeit von Diversität in denselben anmahnt, möchte also möglichst „bunt“ untergehen.

    Da scheint doch eher die Suche nach innovativen Alternativen die Lösung zu sein.
    An mir soll es aber nicht liegen. Ich bleibe den Printmedien treu, solange es sie noch gibt!

  5. Pepe sagt:

    Es wird nur als Drohung von jenen wahrgenommen, die xenophob eingestellt sind.

  6. Alpay sagt:

    Es gibt keine bösartigeren Meiden als die deutschen Medien (Gorbatschow)

  7. Mathis sagt:

    Auch Gorbi darf sagen was er denkt!