Studie: Deutsche Zustände

Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist gefährdet

In Deutschland ist die Gewaltbereitschaft von Rechtspopulisten in den vergangenen Jahren angestiegen. Das ist aber nicht die einzige Gefahr, die den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet. Das geht aus der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ hervor.

Dienstag, 13.12.2011, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 08.01.2020, 15:45 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die „Deutschen Zustände“, des Bielefelder Professors Wilhelm Heitmeyer, sind ein weltweit einmaliges Forschungsprojekt. Mit den Befragungen zu Vorurteilen gegenüber Menschengruppen konnten seit 2002 sowohl Zeitverläufe als auch die Einflüsse aktueller politischer Entwicklungen abgebildet werden. Daraus ist ein ergiebiger jährlicher Bericht über die „Deutschen Zustände“ entstanden, das am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), der das Projekt von Beginn an begleitet hat, sprach von einer „fatalen Aktualität“ angesichts der jüngst bekannt gewordenen Mordserie an Kleinunternehmern mit ausländischen Wurzeln: Die Gesellschaft müsse sich endlich der Tatsache stellen, dass es ein Nazi-Netzwerk gebe und ein Klima, „in dem zunächst die Angehörigen der Opfer verdächtigt wurden.“ Trotz dieser Aktualität wird die Langzeitstudie nicht mehr weitergeführt. Der bisherige Geldgeber, die VolkswagenStiftung, kann nicht mehr, andere Geldgeber sind nicht in Sichtweite – auch der Staat nicht.

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Die Würde des Menschen ist antastbar geworden
Dabei sind die Erkenntnisse wichtiger denn je: Von einer „rapiden Verschärfung der sozialen Spaltung“ ist die Rede, die die Gesellschaft zersetze. Die Politik müsse dem massiv entgegenwirken, sagt Heitmeyer. Eine Politik, die das nicht begreife, beteilige sich an der Entstehung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Und da sieht es überhaupt nicht gut aus. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus sowie die Abwertung von Behinderten, Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen sind seit 2009 wieder signifikant angestiegen. Die Solidarität mit den unteren Klassen weicht einer Ellbogenmentalität. „Die Würde bestimmter Menschen und die Gleichwertigkeit von Gruppen sind antastbar“, folgert Heitmeyer aus den Zahlen. Im Jahre 2011 sind fast 37 Prozent der Befragten der Auffassung, bestimmte soziale Gruppen seien nützlicher als andere, und fast 30 Prozent finden, dass eine Gesellschaft sich Menschen, die wenig nützlich sind, nicht leisten kann.

Hohes Gewaltpotenzial von rechts
Abgenommen haben seit 2002 Antisemitismus, Homophobie und Sexismus, die Islamfeindlichkeit bleibt aber gleich – auf bedrohlich hohem Niveau. Immer weniger Menschen wollen in Gebieten mit vielen Moslems leben. „In der religiösen Sphäre ist das friedliche und vom Ideal der Gleichwertigkeit geprägte Zusammenleben der Menschen unterschiedlichen Glaubens immer noch latent gefährdet“, heißt es dazu in der Zusammenfassung. Heitmeyer spricht von einer „explosiven Situation als Dauerzustand“. Fast die Hälfte der Deutschen sieht den Zusammenhalt der Gesellschaft als stark gefährdet an, 50 Prozent stimmten der Aussage zu, Deutschland sei in einem gefährlichen Maße „überfremdet“.

Große Sorgen bereiten Heitmeyer auch die ansteigende Akzeptanz von und die Bereitschaft zu Gewalt – wobei das Gewaltpotenzial von rechts deutlich höher sei als von links. Ein direkter Zusammenhang zwischen menschenfeindlichen Einstellungen und tatsächlich verübten Verbrechen wie den Neonazi-Morden lasse sich natürlich nicht belegen. Allerdings ließen die Umfragen das Ausmaß erkennen, „in dem Gewalt in der breiten Bevölkerung toleriert oder gar befürwortet wird“. (bk)

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