Verfremdung

Die Islamisierung des Islams

Die Gleichsetzung von Religion und Kultur „im Islam“ - das ist die wichtigste Strategie, die islamischen Kulturen zu „verfremden“, schreibt Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik.

Von Prof. Thomas Bauer Freitag, 16.09.2011, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 20.09.2011, 5:57 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Vor dreißig Jahren hat der französische Historiker Maxime Rodinson mit Genugtuung festgestellt, dass „ein kultureller Essentialismus, der die Vorherrschaft der Religion hervorhob […], der davon ausging, es gebe für jede Kultur ein dauerhaftes, ‚reines‘ Modell“, aus der Islamwissenschaft weitgehend verschwunden ist. Doch genau jener Kulturalismus, der davon ausgeht, dass eine Kultur „ihre“ Menschen auf unabänderliche Weise „prägt“ (und vergisst, dass es die Menschen sind, die die Kultur erst machen) hat sich in vielen Medien und in der breiten Öffentlichkeit immer mehr durchgesetzt, jedenfalls dann, wenn vom Islam die Rede ist.

Sicherlich haben die Anschläge vom 11. September 2001 eine zentrale Rolle in dieser Entwicklung gespielt. Aber es ist ebenso richtig, dass die Anschläge eine bereits im Gang befindliche Entwicklung zwar auf unerhörte Weise verstärkt und beschleunigt, sie aber nicht hervorgerufen haben. Laut Human Rights Watch wird der Beginn der Islamfeindlichkeit in den USA auf die 1970er Jahre datiert. Huntingtons „Clash of Civilizations“ ist 1996 erschienen, und auch die meisten der heute aktiven „Islamkritiker“ haben bereits vor 2001 publiziert. Dabei bedienten sie sich genau jener essentialistischen Denkweise, von der sich die Islamwissenschaft erfolgreich gelöst hatte. Doch während man sich als Islamwissenschaftler mit kulturalistischen Ansätzen nur noch blamieren konnte, hatten populäre „Islamexperten“ mit ihnen umso größeren Erfolg. Um den Islam als das ganz und gar Andere hinzustellen, zogen sie sich die abgelegten Kleider an und zeichneten das Bild einer einheitlichen, ganz durch religiöse Normen geprägten islamischen Kultur, die in allem den Gegenpol zum Westen darstellt.

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„Die wichtigste Strategie, die islamischen Kulturen zu ‚verfremden‘, ist das, was ich in Anlehnung an Aziz Al-Azmeh die ‚Islamisierung des Islams‘ nenne. Voraussetzung hierfür ist die Gleichsetzung von Religion und Kultur ‚im Islam‘.“

Die wichtigste Strategie, die islamischen Kulturen zu „verfremden“, ist das, was ich in Anlehnung an Aziz Al-Azmeh die „Islamisierung des Islams“ nenne. Voraussetzung hierfür ist die Gleichsetzung von Religion und Kultur „im Islam“. Oft geschieht dies unbeabsichtigt allein deshalb, weil die „islamische Kultur“ die einzige Weltkultur ist, die nach ihrer Religion benannt ist. Die 36 Bände der „Fischer Weltgeschichte“ tragen entweder die Titel von Epochen („Vorgeschichte“), Völkern („Griechen und Perser“) oder geografische Bezeichnungen („Indien“, „Afrika“). Einzige Ausnahme sind die Bände über den „Islam“. Diese Gleichbenennung führt häufig zu dem Fehlschluss, es gebe „im Islam“ tatsächlich keinen Unterschied zwischen Kultur und Religion. Damit ist der Boden für die folgenden „Islamisierungsschritte“ bereitet:

1. Durch die Bezeichnung „islamisch“ wird auch für religionsferne Bereiche eine religiöse Identität suggeriert, etwa wenn man von „Islamischer Medizin“ spricht, obwohl sie die (vielfach von Christen und Juden betriebene) Fortentwicklung der antiken Medizin darstellt, die keinerlei religiöse Komponente hat.

2. Gesellschaftliche Bereiche in islamischen Kulturen, in denen Religion kaum eine Rolle spielt, werden ignoriert oder marginalisiert. Dies gilt etwa für die klassische arabische und persische Literatur, die über mehr als ein Jahrtausend einer der wichtigsten gesellschaftlichen Diskurse war. So ist es kein Zufall, dass es über die Geschichte der islamischen Theologie gute Darstellungen in deutscher Sprache gibt, während eine brauchbare Geschichte der arabischen Literatur in einer westlichen Sprache bis heute fehlt. Ein ähnliches Desinteresse lässt sich auch für die arabische Literatur der Gegenwart verzeichnen, trotz zahlreicher Übersetzungen und eines rastlosen Engagements von Kleinverlagen.

3. In vielen gesellschaftlichen Bereichen gab es verschiedene, oft widersprüchliche Diskurse, deren Nebeneinander aber dank einer hohen Ambiguitätstoleranz weitgehend akzeptiert wurde. So gab es auf dem Gebiet der Politik religiöse Diskurse in der Theologie und im Recht neben weitgehend säkularen Diskursen in Herrscherratgebern, der Dichtung und der Philosophie. Im Sinne der „Islamisierung des Islams“ werden nun die religiösen Diskurse als die typischen, die nichtreligiösen als untypisch und unwichtig abgewertet, auch wenn dies der historischen Realität nicht entspricht.

4. Diskurse, die religiöse Elemente enthalten, werden auf diese religiösen Elemente reduziert. So werden etwa die nichtreligiösen Elemente des „islamischen“ Rechts häufig übersehen. Gewalttaten von Gruppen wie der Hamas oder der des irakischen Widerstands werden als ausschließlich religiös motiviert dargestellt, auch wenn die Akteure vorwiegend national argumentieren.

5. Gibt es verschiedene religiöse Diskurse nebeneinander, wird derjenige, der nach westlichen Maßstäben der „konservativste“ und radikalste ist, als Norm betrachtet, etwa wenn der Wahhabismus Saudi-Arabiens als besonders „orthodox“ bezeichnet wird, obwohl islamische Gelehrte aller Richtungen und Regionen den Wahhabismus als extremistisch, ja gar als unislamisch, verurteilten. Vollends pervertiert wird dieses Islambild schließlich von einigen „Islamkritikern“, die den Dschihadismus von al-Qa’ida, den fast alle Muslime ablehnen, für den „wahren“ Islam halten (und damit einer Meinung mit den Dschihadisten sind). Besonders tückisch an der „Islamisierung des Islams“ ist, dass sie nicht nur von Nichtmuslimen betrieben wird, sondern auch von Muslimen selbst. Das Islambild muslimischer Fundamentalisten ähnelt verblüffend demjenigen nichtmuslimischer „Islamkritiker“. In beiden Fällen steckt sicherlich eine „Angst vor der Moderne“ dahinter, die Sehnsucht nach einem einfachen Weltbild in einer komplexen Welt.

Doch noch ein weiteres kommt hinzu. Die klassische islamische Kultur war in hohem Maße eine „Kultur der Ambiguität“. Ein Jahrtausend lang wurde Phänomenen der Vieldeutigkeit, Vagheit und Widersprüchlichkeit eine hohe Toleranz entgegengebracht. Man war stolz auf die Varianten des Korantextes, auf die Möglichkeit, Koranverse auf viele unterschiedliche Weisen auszulegen, man störte sich nicht daran, dass in vielen Lebensbereichen unterschiedliche, oft einander widersprechende Normen galten, und man begeisterte sich an literarischen Texten, die die Vieldeutigkeit ins Extrem steigerten. Diese Ambiguitätstoleranz ging in vielen islamischen Gesellschaften im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts verloren, als man sich mit mächtigen, aber weitgehend ambiguitätsintoleranten westlichen Ideologien auseinandersetzen musste. Hier bot sich der Rückgriff auf leicht ideologisierbare, fundamentalistische Strömungen als attraktivere Lösung an. Aus ihnen ließ sich eine islamische, ambiguitätsintolerante Ideologie formen, die der westlichen Herausforderung eher gewachsen zu sein schien als die Differenziertheit und Komplexität der islamischen Tradition. Genau diese ideologisierte, nach Ambiguitätslosigkeit strebende Form des Islams bot sich nun auch für den Westen zur Konstruktion eines „Feindbilds Islam“ an. Feindbilder müssen immer ambiguitätsfrei sein. So kam es zu einer fatalen Korrespondenz zwischen islamischem Fundamentalismus und westlicher Islamfeindschaft, deren gemeinsamer Nenner die Idee einer ambiguitätsfreien Kultur ist. Doch nun scheint sich eine andere Entwicklung anzubahnen. Der Glaube an Ideologien ist in den arabischen Ländern ins Wanken gekommen. Der „Arabische Frühling“ könnte ein Durchbruch zu einer neuen, wieder ambiguitätstoleranteren islamischen Kultur sein. Umso dringender ist es, dass nun auch das westliche Islambild revidiert wird.

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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Zerrin Konyalioglu sagt:

    @saggse, informieren Sie sich. Wer mitreden will, sollte sich an Fakten halten und nicht an Gerüchte glauben.

  2. ZZieher sagt:

    @Zerrin, sind Sie auch einer von der Sorte Mensch, der von seinen guten Noten in der Grundschule schwärmt, wenn er durch’s Abi fällt? Die Leistungen des Islam in der Vergangenheit: ja schön, mag ja einiges gegeben haben, aber das ist Vergangenheit. Sehr weit zurück liegende Vergangenheit. Schauen Sie sich die letzten 300 Jahre an…. was kam da denn noch groß an kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen? Wofür sind die islamischen Länder bekannt, was macht sie attraktiv? Öl, mehr nicht. DAS ist das Problem, und das Problem hängt im Kern mit dem Islam zusammen. Und wenn es nicht der Islam ist, was ist es dann? Was hat aus einst so großen Kulturen in sich zerbröckelnde, wilde Gebilde machen lassen? Traditionen? Kultur? Kommt doch dann aufs gleiche drauf hinaus.

    Der Islam und seine Anhänger sind meines Erachtens noch sehr weit davon entfernt, kompatibel mit unserer westlichen Kultur zu sein. Das meine ich nicht per se negativ. Vielleicht ist unsere Kultur auch nicht so groß und wichtig. Wichtig ist nur: Sie wollen was von uns, Sie wollen zu uns, also bestimmen wir die Spielregeln. Und da kann man noch so sehr Jammern und mit den Zähnen klappern. Wenn Sie einmal hier herrschen werden, dann bitte, dann bestimmen Sie, wo es lang geht.

  3. BiKer sagt:

    @zzieher

    sie haben uebersehen, dass sie dem islam einerseits wissenschaftlichen fortschritt zugestehen und andererseit den rueckschritt mit dem islam begruenden. wenn sie wollen, dass man mit ihnen diskutiert, sollten sie sich nicht selbst widerpsrechen. sieht doof aus.

  4. Europa sagt:

    @BiKer
    Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass etliche tausend Jahre zwischen beiden Ereignissen liegt, oder? Ja, die Muslime waren damals besser, als die blöden Höhlenmenschen in Europa, da bin ich vollkommen mit ihnen einverstanden, aber ob das auch noch für die heutigen Menschen in Europa gilt, soll doch wohl ein Witz sein.

    Es werden keine Fortschritte durch den Islam an sich erreicht. Der Islam kann nicht fördern. keine Religion kann fortschritt fördern, denn es wäre gleichzeitig ihr Tod. Und wenn im kroan gegenteiliges steht, dann hat der Mohammed sich halt geirrt, kann vorkommen, schliesslich war er auch nur ein Mensch.
    Was ich Heute sehe, sind viele Muslime, die durchgehend innere Konflikte mit sich haben, weil sie in zwei parallelwelten leben müssen. Sie wollen im modernen Westen leben, haben aber noch den Klotz in Form des Islams am Bein hängen.

    Es wäre besser man würde mal mit Fakten rüber kommen, was der Islam nun geleistet hat in den letzten 300 Jahren, bevor man andere kritisiert. Aber wenn man konkret wird, dann macht man sich auch angreifbar und das scheinen Sie zu wissen und weichen immer geschickt aus, das geht auch sehr gut in so einem Forum.

  5. ZZieher sagt:

    @Biker

    Sie übersehen, dass sich auch der Islam stets im Wandel der Zeit befindet. Waren die islamischen Gesellschaften vielleicht anfänglich toleranter? Wissensdurstiger? Freizügiger? Noch stärker geprägt von Vorislamischen, von Juden-, Christen- und Heidentum? Vom Persischen, vom Indischen, vom Altarabischen? Oder gehen viele der Errungenschaften gar auf Kosten von Nicht-oder Ungläubigen, Proforma-Muslimen und Dhimmis, die sich nicht an die Gesetze des Korans fesseln lassen wollten oder mussten?

    Ich begründe den Rückschritt der islamischen Gesellschaften mit den Ausprägungen des Islams der letzen paar Jahrhunderte, davor muss er ja, folgt man der Historie, eine Kraft besessen haben, die es ermöglichte, alleinig kulturelle gesellschaftliche Hochleistungen zu ermöglichen.

    Was nun denken Sie, Biker, warum die islamischen Gesellschaften darnieder liegen? Wer oder was ist dafür verantwortlich?

  6. saggse sagt:

    @Herr Z.K.
    Ich hätte statt .“Gerücht“ wohl besser „Euphemismus“ schreiben sollen, Ansonsten kann ich Ihnen versichern, daß ich in der Geschichte der Medizin recht gut mit Fakten besattelt bin, und bei aller Wertschätzung für Gelehrte wie Galenos, Avizenna oder Johannitius u.a. – als Beleg für Ihre These, daß die arabisch-islamische Heilkunde das Fundament der modernen Medizin darstellt, taugen sie absolut nicht. Nochmal: die Grundlagen der modernen, naturwissenschaftlich orientierten Medizin wurden durch Widerlegung antiker Theorien – bei deren Überlieferung o.g. Gelehrte durchaus Verdienste hatten – gelegt. Daß sich an manchen Universitäten auch Westeuropas solche 2000 Jahre alte und eigentlich überholte Ansichten bis weit in die Neuzeit halten konnten, ist wahrlich kein Ruhmesblatt der Medizingeschichte. Gerne können wir den Med.-historischen Diskurs fortführen. Ich wüßte z.B. gern, welche Instrumente der „islamischen“ Medizin zu verdanken sind. Skalpell, Lanzette, Spekulum, Pinzette, Trepan und andere „Folterwerkzeuge“ waren schon lange bekannt, ehe der Islam die Weltbühne betrat. Narkose, Endoskop, Asepsis, MRT und PET kamen erst später. Aber Sie können mir bestimmt sagen, wo in den Hadithen bereits das atraumatische Nahtmaterial erwähnt ist.

  7. ZZieher sagt:

    Biker, ich dachte, Sie wollen diskutieren?

    Wenn ich Sie zitieren darf:
    Und nu?

  8. Peter Enders sagt:

    (1) Die Einrichtungen des Islam sind genauso politisch wie die der evangelischen bzw. katholischen Kirche.
    (2) Da es keine „christliche Naturwissenschaft“ und keine „islamische Medizin“ gibt, lohnt es sich höchsten danach zu fragen, ob bestimmte Denkmuster bestimmte Fragestellungen begünstigen. Das wird vom Hinduismus bzgl. der Mathematik behauptet, und in der Tat gab und gibt es außerordentliche Inder in Physik und Schachspiel.