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Leos Wochenrückblick

Liberaler Islam, Konservativer Islam

Lamya Kaddor, Eren Güvercin, Luay Radhan, Saphir5/6, IMGM, Sulaiman Wilms, Serdar Günes, Hakan Turan, Thomas Bauer, Navid Kermani

Von Leo Brux Montag, 22.08.2011, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 24.08.2011, 5:10 Uhr Lesedauer: 16 Minuten  |   Drucken

Diese Woche ist nicht viel los gewesen in Sachen Integration und Migration. Gelegenheit für einen Blick auf eine aktuelle „islam-interne“ Debatte, die auch aufmerksame Zuhörer in nicht-muslimischen Kreisen findet.

Beginnen wir mit Lamya Kaddors Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 8. August.

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Die Islamverbände würden, so schreibt sie, inzwischen über eine Garde junger, gebildeter, eloquenter Sprecher verfügen, die etwa dann, wenn es wie in NRW um die Beratungen zum Inhalt des Religionsunterrichts geht, dominant konservativ aufzutreten verstehen – keineswegs fundamentalistisch, aber eben konservativ und der Überzeugung, dass es nur diesen einen Islam, den ihren gebe.

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Lamya Kaddor erläutert nicht im Detail, worin dieser Islam konservativ ist, ihr Angriffspunkt auf die jungen Vertreter des alten Islam ist der Alleinvertretungsanspruch:

Zwischen Fundamentalismus und Liberal-Gläubigen fehlt ihnen ein klares Profil. Auch sie rennen letztlich der Illusion hinterher, dass es nur einen Islam geben könnte. Bitten, das eigene Bild von der Religion zu beschreiben, quittieren sie mit Schweigen oder dem oberflächlichen Hinweis, man folge dem Koran und dem Vorbild des Propheten Muhammad.

… Die jungen Konservativen sind dagegen, dass sich der Islam verändert; was auch immer das heißt. Sie sind dagegen, dass sich jemand von ihnen abgrenzt. Das Praktische an der Dagegenhaltung ist: Man muss sich nicht mit eigenen Positionen befassen, und der Schein des Einvernehmens bleibt gewahrt.

Es ist schwierig mit dem innerislamischen Dialog. Auf der einen Seite muss man sich über wichtige theologische und Inhalte verständigen, auf der anderen Seite Unterschiede zulassen und die Vielfalt als Stärke begreifen. Fehlendes Profil und unwirsches Abwehrgehabe der Beteiligten verschärfen die Probleme. Bei der Einführung des Islamunterrichts könnte das zu einem Schlüsselmoment werden.

Lamya Kaddor warnt die nicht-muslimischen Partner davor, nur oder zu sehr auf die Sprecher dieses traditionalen Islam zu hören – und die durchaus zahlreichen Muslime, die längst in einer liberaleren Weise gläubig, aber kaum organisiert sind, zu übergehen.

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Auf diese Herausforderung antwortet Eren Güvercin im MiGAZIN, in seinem Artikel vom 18. August.

Eren Güvercin betreibt ein viel beachtetes Blog, grenzgängerbeatz, auf dem er überwiegend Fachleute, die etwas zu Migrationsfragen zu sagen haben, in glänzend geführten Interviews zu Wort kommen lässt.

Die Unterscheidung liberaler-konservativer Islam macht seiner Meinung nach keinen Sinn. Man könne nun mal nicht konservativ oder liberal beten.

Am Kern oder den Grundwahrheiten einer Religion festzuhalten, hat nichts mit konservativ zu tun. Liberal ist heute ein genauso substanzloser Begriff wie konservativ. Der Unterschied ist allein: liberal wird positiv aufgefasst und konservativ negativ.

Güvercin hält diese Unterscheidung für politisch, sie verfehle und verzerre die religiöse Dimension, sie gehe an den religiösen Bedürfnissen der Gläubigen vorbei. In der deutschen Islamdebatte würden beide Formen des politischen Islam versuchen, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, den alleinigen Vertretungsanspruch geltend zu machen. Es sei höchste Zeit,

… dass die deutschen Muslime die ewige Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam überwinden und eine Debattenkultur etablieren, um die relevanten Fragen unserer Zeit auch kontrovers zu diskutieren. Statt nur in der Öffentlichkeit übereinander zu sprechen und dabei durch die Verwendung von Labels wie „liberal“ oder „konservativ“ die Dialektik zu vertiefen, muss mehr miteinander debattiert werden.

Was als nichtmuslimisches und staatliches Interesse hinter der Debatte stehe, entnimmt Güvercin einem Interview, das er mit dem Islamwissenschaftler Rainer Brunner von der Uni Freiburg geführt hat. Zusammengefasst:

Man wolle hier einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gebe, betont Brunner. An deutschen Universitäten sollen zukünftig nicht nur Imame ausgebildet werden, sondern gleichzeitig auch Kompetenzen in Sozial- und Integrationsarbeit den zukünftigen Imamen vermittelt werden. Dadurch betreibe man – und das ist Brunners Hauptkritikpunkt – eine weitgehende „entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte“.

Hier gehen die Interessen auseinander:

Der Staat denkt in Apparaten und will, dass Glaubensgemeinschaften in diesem Sinne funktionieren. Die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet. Auch Christ zu sein, bedeutet keineswegs, sich zu einer Leitkultur zu bekennen.

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Für den Liberal-Islamischen-Bund (LIB) antwortet darauf Luay Radhan, ebenfalls im MiGAZIN (19. August).

Natürlich besitzt niemand das Interpretationsmonopol auf die Begriffe „liberal“ und „konservativ“, und Labels um der Labels willen sind sinnlos; aber wenn wir über die komplexen Phänomene unserer Realität reden oder schreiben brauchen wir nun einmal Begriffe, die etwas auf den Punkt bringen.

„Liberal“ („freiheitlich“) und „konservativ“ („bewahrend“) sind ja bei weitem nicht die einzigen Beschreibungen für Tendenzen im religiösen Denken, und ich halte sie auch für alles andere als ausreichend. Es geht noch differenzierter – humanistischer Islam, egalitärer Islam, antiautoritärer Islam – aber sind wir schon bereit, dies zu akzeptieren?

Wenn wir den Nichtmuslimen und Muslimen (!) in Deutschland und anderswo immer mehr bewusst machen, dass es im Islam neben einer konservativen auch schon immer eine liberale Strömung gegeben hat, dann wäre das ein gesellschaftlicher Wissenszuwachs, und ich halte diese Unterscheidung insbesondere für einen Fortschritt gegenüber der dogmatischen Zweiteilung „das ist islamisch und alles andere nicht“.

Wir als LIB verwenden die oben genannten Begriffe nicht inhaltsleer, was ich nun kurz erläutern möchte.

Es folgen mehrere Absätze, die beschreiben, worin die liberale Version des Islam besteht – und dass sie durchaus keine neue, sondern eine ursprüngliche Version sei – und eine Aufforderung zur Diskussion auch darüber.

(Die Debatte unter den beiden Artikeln im MiGAZIN möchte ich ebenfalls zur Lektüre empfehlen. Mit substanziellen Beiträgen haben sich bisher nur Befürworter von Radhans Argumentation gemeldet – und ein Gegner, der in seinem letzten Absatz ganz klar sagt: Keine Debatte mit den liberalen Muslimen!)

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Ich habe mich umgesehen und nach anderen, auch älteren Beiträgen zu diesem Thema gesucht. Mir fällt auf, dass kaum einer zu finden ist, der die Position der Islamverbände, die „konservative“ Position offensiv präsentiert.

Eine Ausnahme ist Akif Sahin, der „Islam-Blogger“.

(Auf ihn werde ich – vielleicht – in einem Kommentar zu diesem Artikel eingehen. Seine Position bezüglich Lamya Kaddor und LIB deckt sich mit derjenigen in der Islamischen Zeitung – siehe weiter unten.)

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Inhaltlich prägnant wird die Debatte – meines Wissens – bisher nur bei der Auseinandersetzung um Saphir.

Saphir 5/6 zeigt, wie ein eher liberal orientiertes Religionsbuch für den Islamunterricht aussehen kann. Es ist seit 2009 auf dem Markt und wird in einem Newsletter von ufuq diskutiert.

Die IMGM – Milli Görüs – kritisiert (u. a.):

• Zu viel Distanz zum Islam als Religion; kaum Verkündung von Glaubenswahrheiten, eher Vermittlung islamkundlicher Informationen – dies widerspreche dem Auftrag des GG.

• Zu wenig über die äußeren Formen, die Riten, etwa, wie man richtig betet; stattdessen stünde „der Aspekt der geistigen Zuwendung zu Gott“ im Vordergrund; das Gebet diene nicht nur zur seelischen Bindung und Erinnerung an Allah – die rituelle Form sowie die einzelnen Pflichten seien von zentraler Bedeutung.

• Der Islam erscheine nur als einer von vielen Wegen. Die Besonderheit des Islam und dementsprechend die Unterschiede zu anderen Religionen und der nicht-muslimischen Umwelt müssten stärker hervorgehoben werden.

Einer der Herausgeber des Buches, Harun Behr, antwortet – ich zitiere nach dem Newsletter von ufuq / Bundeszentrale für politische Bildung:

Während in der Moschee zum Beispiel gelehrt würde, wie man als Muslim fünfmal täglich richtig bete, ginge es ihm, so Behr, in einem bekenntnisorientierten Schulunterricht vor allem darum, dass sich die Schüler den Glauben und die religiösen Inhalte in einer reflektierenden Form aneignen. Behr zitiert dazu den berühmten islamischen Denker Maulana, dem zufolge „die Seele des Gebets“ und der Glaube wichtiger seien als das Gebet selbst.
Dementsprechend stehe im islamischen Religionsunterricht der Muslim als Mensch im Vordergrund. Das könne aber nur gelingen, wenn Lehrpläne und Lehrkräfte keinen Zweifel daran aufkommen ließen, „dass die Menschen nicht dazu da sind, Muslime zu werden, sondern dass der Islam dazu da ist, aus Menschen wahre Menschen zu machen, auf die die islamischen Kriterien von ‚Reife’ (kamal) und ‚Güte’ (salah) zutreffen“

Als Muslim, so Behr, reiche es ihm dabei nicht aus, sich auf „Autoritäten zu berufen“. Vielmehr nehme er für sich in Anspruch, Dinge nachprüfen und selbst über seinen Umgang mit ihnen entscheiden zu wollen. Der Koran selbst gebe dem Menschen die Freiheit zu der Entscheidung,„wie er mit Religion verfahren möchte“. Auch in ihrer Religiosität sehe er die muslimischen Schüler und Schülerinnen daher „als Individuen mit eigenem Kopf, als Menschen mit Herz, als Handelnde“. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, so spitzt Behr seine Aussage zu, sei ihm wichtiger als die nach islamischer Kleidung.

Was steht im Mittelpunkt:

• das Ziel, eine Gemeinschaft zu errichten (oder zu erhalten) und dafür die gemeinschaftsbildenden Rituale und äußeren Formen zu pflegen; oder

• das Ziel, die den religiösen Quellen innewohnenden Werte als Orientierung einer individuellen Lebensgestaltung von Muslimen hervorzuheben?

Das sind zwei unterschiedliche Zugänge zum Glauben. Sie sind beide legitim, beide kompatibel mit dem Grundgesetz und unserem Wertesystem, auch wenn das zweite unserer heutigen Wertewelt – so weit sie überhaupt noch religiös ist – näher stehen mag und darum im Schulbuch zum Ausdruck kommt.

Für die IMGM schlägt Mustafa Yeneroglu einen Mittelweg vor: Das Einüben von Ritual und äußerer Form und das Rezitieren des Koran könne im Unterricht der Moschee geschehen, das Religionswissen und das Reflektieren über Religion hingegen im schulischen Religionsunterricht. Für diesen aber gelte:

Der Religionslehrer gestaltet den Unterricht aus dem Glauben heraus, nicht aus der Distanz. Er vermittelt, was geglaubt werden soll. Ziel ist in erster Linie die Stiftung einer positiven Identifikation mit der eigenen Religion.

Das entspreche ausdrücklich der Rechtsprechung zum Religionsunterricht.

(Zur Ergänzung: Die ausführliche Presse-Erklärung der IMGM zu Saphir 5/6)
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Sulaiman Wilms in der Islamischen Zeitung verreißt Lamya Kaddors Artikel. Kaddor denunziere die islamischen Verbände per se. Diese aber seien es, die den Islam als Religionsgemeinschaft in Deutschland repräsentieren würden.

Als Fachkraft sollte Lamya Kaddor wissen, dass entscheidende religiöse Praktiken wie das Freitags-, Toten- und Feiertagsgebet, aber auch Anfang und Ende des Ramadans, sowie die Einsammlung der Zakat und die Hadsch unverzichtbare gemeinschaftliche Elemente haben. Und bisher sind es, ob es uns gefällt oder nicht, muslimische Verbände (die übrigens nicht so monolithisch sind, wie sie es uns glauben machen will), die dieser Gemeinschaft einen Raum bieten. Was passiert, wenn einzelne subjektiv den „Geraden Weg“ definieren wollen, sieht man in den diversen Terrorakten der letzten Jahre.

An diesem Punkt wird auch die Frage nach dem Vertretungsanspruch entkräftet. Lamya Kaddor mag Recht haben, wenn sie sagt, die muslimischen Dachverbände repräsentieren nicht die nominelle Mehrheit aller Muslime. Aber es kommt bei der religiösen Lebenspraxis auch nicht auf „alle” Muslime an, sondern eben nur auf jene, die ihre Religion auch praktizieren. Der Rest ist, mit Verlaub, in diesem Zusammenhang irrelevant.

Genau so und nur so praktizieren, wie es Sulaiman Wilms für richtig hält? Unterschiede sind in Deutschland nicht so irrelevant, wie die Fanatiker des EINEN es gerne hätten, vor allem dann, wenn der Staat Verhandlungspartner ist.

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Drei Blogs von Muslimen diskutieren seit langem die Möglichkeiten eines – sagen wir: freiheitlichen und zugleich authentischen Islam.

Serdar Günes greift Lamya Kaddors Artikel und fünf bisherige Repliken dazu auf. Die Debatte sei keine rein inner-islamische. Zum Beispiel hängen sich auch Islamfeinde dran und fügen der Position von Lamya Kaddor erheblichen Schaden zu, indem sie falschen Beifall spenden.

Sein Resümee zielt auf eine Öffnung der Debatte:

Was gerne vergessen wird, ist die ideengeschichtliche Komponente der Inkulturation des „Islam“ in westlichen Ländern.

Dass die Begriffe „Liberal“ und „Konservativ“ (das können je nach Kontext auch ganz andere Begriffspaare sein) die Anknüpfung an die jeweiligen Kulturen (unabhängig davon ob sachlich richtig oder falsch sind) und insofern die Erkennbarkeit und Wiedererkennung ermöglicht, sollte bei der Betrachtung nicht außer Acht gelassen werden.

Meiner Meinung nach erliegen die Akteure im islamischen Spektrum der essentialistischen Illusion, dass es „ursprüngliche“ also naturwüchsige islamische Begrifflichkeiten gäbe und daher neue Begriffe wie Fremdkörper wirken.

Eine historische Sichtweise würde hier abhelfen und zeigen, dass es keine zeitlosen „islamischen“ Begrifflichkeiten gibt, ja wir alles einer gewissen Übertragung und Verschmelzung zu verdanken haben.

Damit möchte er keiner Beliebigkeit das Wort reden, aber gegen den Kulturkampf sprechen. Man müsse zugestehen, dass es durchaus auch gute Argumente gebe, um „Innovationen“ abzulehnen, konservativ zu sein und nicht jedem Trend hinterherzulaufen.

Hakan Turan schreibt das Blog Andalusian. Eine besonders günstige Informationsquelle für jeden, der einmal einen gläubigen und nachdenkenden Muslim beim Nachdenken beobachten möchte.

Eine kleine Kostprobe liefert dieses Gedankenspiel zum Thema dieses Artikels (als Kommentar zu einem Artikel von Serdar Günes):

Kategorisieren hilft um Überblick zu schaffen, sollte aber wandelbar und kontextbezogen sein. In manchen Dingen empfinde ich mich als konservativ, in anderen als liberal, in anderen wiederum als orthodox. Die Begriffe habe ich mir nicht ausgesucht, das hat der liebe öffentliche Diskurs gemacht. Darum benutze ich sie – aber ausschließlich in bestimmten Kontexten, die jeweils expliziert werden müssen. Ich finde, es gibt weitere, vielleicht sogar noch interessantere Kategorisierungen bei Muslimen:

1) praktizierender und nicht praktizierender Moslem
2) reformorientierter und reformablehnender Moslem
3) analytisch denkender und auswendig lernender Moslem
4) kollektivbezogener und individuumbezogener Moslem
5) nationalistischer und nationalitätenrelativierender Moslem
6) dogmatischer (taklid) und hinterfragender (tahkik) Moslem
7) Arabien-(oder: Türkei-)zentrierter und Deutschland-zentrierter Moslem
8.) wissenschaftsbezogener und autoritätsbezogener Moslem
9) menschenliebender und menschenverachtender Moslem
etc. etc.

Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten zwischen diesen Kategorien, auch schließen sich die Gegenüberstellungen nicht immer zwingend aus. Der öffentliche Diskurs kennt diese weniger politischen, sondern pragmatischen Unterscheidungen nicht. Wir schon. Darum sollten wir uns um eine Publikmachung bemühen.

Das sind fruchtbare Unterscheidungen. Sie unterlaufen die naiven bzw. autoritäts- und machtorientierten Selbstverständlichkeiten des EINEN Islam (der zufällig immer grade genau der MEINE ist).

Resul Özcelik ist ein dritter im Bunde, der Integrationsblogger. Ich empfehle seinen klugen Artikel zum „Schubladendenken“.

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Schlussbetrachtung:

Der Islam gehört jetzt auch zu Deutschland.

Dieser Satz des Bundespräsidenten kann auch umgedreht werden. Deutschland gehört jetzt auch zum Islam.

Das heißt: Der Islam, der in Deutschland gelebt und geglaubt werden will, muss sich Deutschland öffnen – er muss sich mit den verschiedenen deutschen Kulturen, den pluralistischen deutschen Lebens- und Denkformen, den vielfältigen deutschen Lebensstilen, den instutionellen Bedingungen und Erwartungen arrangieren.

Es geht schon ein paar Generationen lang, dass die Gläubigen, mit denen die neue Religion eingewandert ist, erst einmal entschieden an den mitgebrachten Formen hängen und sie für unveränderlich halten. Das ist kein Dauerzustand, denn die Kinder der Kinder werden unvermeidlich ganz und gar Deutsche werden. Sollen sie es als gläubige Muslime werden, werden sie einen Islam brauchen, der sich den deutschen Kulturen und Denkweisen nicht als dauerhaft fremd gegenüber stellt.

Man muss dabei nicht mehr erwarten als von der katholischen Kirche. Auch die hat das Recht, gegen die herrschende Kultur an ihren traditionalen Formen festzuhalten – sogar auf Teufel komm raus. Man wird also auch an den Islam staatlicherseits keine Forderungen stellen dürfen, die in die Religionsfreiheit eingreifen. Aber der Staat steht bei Verhandlungen etwa um den Religionsunterricht einer gewissen Vielfalt der Islame gegenüber und wird darauf bestehen, dass diese Vielfalt berücksichtigt wird. Da wird es den Islamverbänden nicht viel helfen, wenn sie darauf beharren, dass es nur IHREN Islam gibt. Deutschland ist nun mal ein pluralistisches Land, und jeder, der MIT dem Pluralismus gehen kann, hat legitimerweise einen gewissen Vorteil.

Dass der Islam in Sachen Vielfalt eigentlich den christlichen Religionen überlegen sein müsste, zeigt die Geschichte des Islam, wie sie zum Beispiel Thomas Bauer erzählt:

Dadurch, dass es zahlreiche Richtungen und Sekten gibt, unterscheidet sich der Islam nicht vom Christentum. Wichtiger ist, dass innerhalb der Tradition des Hauptstroms des sunnitischen Islam Vielfalt bejaht und gepflegt wurde. Gelehrte haben seit dem 8. Jahrhundert zahllose Korankommentare verfasst, in denen sie bestrebt waren, möglichst viele Interpretationen einer Koranstelle zu sammeln. Rechtsgelehrte versuchten, aus kritischer Auslegung des Korans und der Überlieferungen des Propheten rechtliche Normen abzuleiten, was nie widerspruchslos vonstatten ging. Doch „Meinungsverschiedenheiten sind eine Gnade für meine Gemeinde“.

Dieser angebliche Ausspruch des Propheten Mohammed bildete die Maxime des klassischen islamischen Rechts. Die Meinungsvielfalt wurde regelrecht institutionalisiert, weil man nicht nur eine, sondern vier verschiedene Rechtsschulen akzeptierte und es innerhalb der Rechtsschulen wiederum mindestens so viele Meinungsverschiedenheiten gibt wie zwischen ihnen.

Meinungsvielfalt und das Eingeständnis, dass eine Welt und eine Religion ohne Widersprüche nicht möglich sind, kennzeichnen den klassischen Islam. Mit einem Begriff aus der Psychologie kann man von einer hohen Ambiguitätstoleranz des klassischen Islam sprechen. Phänomene der Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit wurden akzeptiert. In der Literatur und der Kunst erfreute man sich daran, Ambiguität spielerisch zu erzeugen. In jenen Bereichen, die den Alltag regelten, wurde Ambiguität domestiziert, aber es wurde nicht versucht, sie auszulöschen.

Vielfalt ist eine Stärke. Auch in der Religion. Dieser Grundsatz sollte uns in der Debatte leiten. In ihm steckt der Respekt vor den Positionen der Islamverbände, aber auch die Forderung nach Respekt für liberale Muslime, sowie für Ahmadiyya und Aleviten.

Der inner-muslimische Dialog könnte sich an dem, was Navid Kermani für den Dialog zwischen Christen und Muslimen angeregt hat, orientieren. Man lernt seinen eigenen Glauben nur dadurch richtig kennen, wenn man den Glauben der anderen studiert.

Daß der Blick und der Kanon anderer Kulturen und Religionen notwendig ist, um den eigenen Kanon zu verstehen, ist keine neue Erkenntnis. Das haben die muslimischen Gelehrten in Bagdad und Basra gewußt, die durch die unmittelbare Auseinandersetzung mit christlichen und jüdischen Theologen dazu kamen, eine islamische Theologie zu entwickeln. Das haben die christlichen Scholastiker gewußt, deren intellektueller Horizont weit über das Christentum hinausreichte. Das hat der Jude Maimonides gewußt, der in Andalusien lebte und die islamische Philosophie bestimmt nicht deswegen studierte, um den Islam kennenzulernen, sondern um zu seiner eigenen, jüdischen Philosophie zu gelangen. Und auch heute liest ein christlicher Theologie wie Hans Zirker den Koran nicht zuletzt deshalb, um etwas über die Bibel zu erfahren, und beschäftigt sich ein iranischer Theologie wie der Ajatollah Mohammad Modschtahed Schabestari in Teheran mit der zeitgenössischen protestantischen Theologie, um seine eigene, die schiitische Theologie zu reformieren.

In einer pluralistischen Gesellschaft brauchen wir alle den Blick von außen auf unsere heiligsten Überzeugungen.

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Anmerkung zu den Kommentaren: Ich halte es für ratsam, unter diesem Artikel – ausnahmsweise – keine Kommentare islamfeindlichen Inhalts zuzulassen. Ob es eine Debatte zum Artikel geben wird, wird sich zeigen, aber wenn, dann sollte sie nicht durch destruktive Ablenkungen erschwert werden.

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