Dr. Yalcin Yildiz

„Man kann bei den älteren Migranten von einer ‚verlorenen Generation‘ sprechen“

Yalcin Yildiz (geb. 1973) studierte Sozialpädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nachdem er mehrere Jahre als pädagogischer Leiter, Familienhelfer und Einzelbetreuer in der Sozialen Arbeit tätig war, arbeitet er zurzeit freiberuflich vor allem im Bereich Migrationssozialberatung. In seiner Doktorarbeit untersucht er Altern und Generationsbeziehungen im Migrationskontext.

Von Dienstag, 23.03.2010, 8:07 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.09.2010, 17:38 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

In Deutschland sind etwa 3,5 Prozent der Migranten türkischer Abstammung älter als 65 Jahre. Das sind knapp 100.000 Menschen. Wie lässt sich deren Lebenssituation beschreiben?

Yalcin Yildiz: Bisher wissen wir relativ wenig darüber, wie ältere Türkinnen und Türken leben und altern. Doch dadurch, dass die Hilfsbedürftigkeit dieser Gruppe steigt und ihre institutionelle Versorgungslage zunehmend als unzureichend erkannt wird, ist in den letzten Jahren ein wachsendes Interesse an ihrem Lebensstil zu verzeichnen. Es handelt sich um eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Bedürfnissen.

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Worin genau unterscheiden sich die Angehörigen dieser Gruppe voneinander?

Yildiz: Die Senioren aus der Türkei kommen ursprünglich sowohl aus Großstädten wie auch aus dem ländlichen Raum. Unter den türkischen Migranten befinden sich auch viele kurdische, lazische und arabische Menschen mit eigenen kulturellen Prägungen. Wenn man von einem generellen Einreisealter zwischen 20 und 40 Jahren ausgeht, liegt das heutige Alter der türkischen Pioniermigranten zwischen 57 und 89 Jahren. Die Bezeichnung „alte Migrantinnen und Migranten“ kann der inneren Heterogenität der Gruppe also nicht genügen.

Dennoch werden sie oft als Gruppe betrachtet – was ist den älteren Menschen mit Migrationshintergrund denn gemeinsam?

Yildiz: Sie alle wollten nur für eine kurze Zeit in Deutschland arbeiten, mit dem ersparten Geld in die Heimat zurückkehren und dort eine eigene Existenz aufbauen. Es kam aber oft ganz anders. Die erste Generation lebt auch nach Jahrzehnten in Subkulturen zwischen Tradition und Moderne, Rückkehr und Integration, zu deren Herausbildung sie auch selbst beigetragen haben. Man kann bei den älteren Migrantinnen und Migranten heute von einer „verlorenen Generation“ sprechen.

Was meinen Sie mit „verlorene Generation“?

Yildiz: Ältere Menschen mit Migrationshintergrund bilden deshalb eine „verlorene Generation“, weil die meisten von ihnen nach Jahren der Migration ihre Heimat, ihre Jugend, ihre Gesundheit und oftmals auch ihre Kinder verloren haben. Rückkehrprobleme, Altersarmut, Krankheiten und soziale Isolation durch sich lösende Familienbeziehungen führen zu einer vorwiegend negativen Migrations- und Lebensbilanz. Da die deutsche Politik und Gesellschaft fest mit einer Rückkehr der einstigen Gastarbeiter gerechnet haben, wurden diese Probleme weder wissenschaftlich untersucht noch in der Praxis angegangen.

Welche Lösungen sehen Sie für diese Probleme?

Yildiz: Ältere Migranten sind mit ihren Integrationsleistungen lebendige Beispiele für die multikulturelle Gesellschaft mit ihren vielfältigen Chancen und Risiken. Den schwierigen Spagat zwischen Tradition und Moderne sowie das Leben in zwei Ländern und Kulturen bewältigen sie mit Lebenstechniken, die es sowohl in gesellschaftlicher als auch in politischer Hinsicht zu unterstützen gilt.

Doch wie kann die Aufnahmegesellschaft konkret diese Potenziale nutzen und die Integration fördern?

Yildiz: Älteren Menschen mit Migrationshintergrund kommt durch ihre klassische Pendelmigration eine Brückenfunktion zwischen den Nationen, Kulturen und Generationen zu. Um diese zu nutzen, brauchen wir in der Forschung und in der Praxis mehr als bisher Menschen gleicher, also in diesem Fall türkischer, Herkunft. Sie könnten besser in die subkulturelle Welt der Migranten „eintauchen“ und vermitteln. Das hängt auch mit der „Sprachlosigkeit“ der ersten Generation zusammen, die sich in unzureichenden Deutschkenntnissen, aber auch in der rechtlich-sozialen Entmündigung anzeigt. Erst dadurch kann ein gleichberechtigter gesellschaftlicher Dialog entstehen.

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  1. Sinan A. sagt:

    Da fragt Franziska Woellert ernsthaft, wie man „Potenziale nutzen und Integration förden“ könne. Gemeint sind die Rentner. Ist das noch wissenschaftliche Arbeit oder schon Comedy?

    Von der Wiege bis zur Bahre – Integrare, integrare

  2. Pingback: Altern und Generationsbeziehungen im Migrationskontext | Blog der Becker Stiftung

  3. delice sagt:

    An den älteren Menschen alleine sollte man es nicht belassen, auch die folgenden Generationen waren und sind im Grunde – von wenigen Ausnahmen mal abgesehen – verlorene Kinder eines Landes und einer Kultur, die in der Fremde eigentlich nichts zu suchen haben. Es hat vielen von ihnen nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Träume und Illusionen geraubt. Der Körper ist zwar da, aber nicht ihr Herz und ihre Seele, auch nicht die Leidenschaft zu leben, zu lieben und zu träumen.

    Ein Leben in Deutschland ist nicht einfach, abgesehen von der Verachtung von nicht gerade wenigen Einheimischen, die auch noch gerne in der eigenen Heimat Urlaub machen, ist das Land selbst ein kaltes und nasses Land geblieben, mit wenigen sonnigen Tagen im Jahr, wodurch wohl auch das Herz der Mensch sich an das Wetter angepasst hat. Es ist ein dunkles und düsteres Land. Es ist, wie der Name schon sagt das Abendland. Man beruft sich allzu gerne auf christliche Werte, Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Vergebung und vieler ähnlicher hehren Werte, die aber in sich nur eine große inhaltslose Leere geblieben sind.

    Ein Leben in Deutschland ist man immer schon so fremd geblieben, wie am ersten Tag, ob schon hier geboren oder erst hinzugekommen, ist es doch ein Leben wie in einem Tiefkühlfach. Man ist eingefroren und man kann sich einfach nicht mehr bewegen. Es ist nur ein starrer und vereister Körper geworden, verdammt dazu dort zu verharren.

    Ein Leben in Deutschland bringt nichts als ein kühles Leben. Man wird hier sehr schnell zu lebenden Maschinen, halb Mensch und halb zu einer Maschine geworden und in der wenigen Zeit dazwischen sind es nur starre Rutinen. Jeder der das Leben hier gut heißt kennt das wirkliche Leben da draußen nicht. Er ist schon unwiederbringlich kein Mensch mehr. Er spricht es als ein Eiszapfen.

  4. Krause sagt:

    Delice,

    wenn es hier so schrecklich ist, warum gehen Sie nicht in Ihre geliebte Türkei?

    Mit eiskalten Grüßen,
    Krause

  5. delice sagt:

    Das wird Sie sicherlich erfreuen, das werde ich tatsächlich auch machen, nur schicke dann Ihre Landsleute – ihres Geistes gleiche – mit wäremeren Grüßen auch nach Alamanya zurück! Wenn wir schon mal bei gehäßigen Umgang miteinander sind, hoffe ich ernsthaft, dass immer weniger gerade Ihresesgleichen Persönlichkeiten nicht mehr ins Ausland sich trauen, auch nicht als Urlauber, man sollte derartig gestimmte Persönlichkeiten schon postwentend schon am Flughafen abweisen und schon gar nicht in unser Land hinein lassen, sie sollen ruhig hier bleiben – würde mich zumindest erfreuen.

    Ansonsten sind mir alle anderen Deutschen – Herzlich Willkommen – vor allem die die der Türkei nützlich sind! Alle anderen sollen lieber hier bleiben und weiterhin die Türkei auf Bildern sehen.