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Medien

Naturgesetze, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Weisheiten

Aber das ist doch Ihr Gehirn! Wer bestimmt denn hier, was dort verarbeitet wird und dort bleibt? Und darf man dann nicht wenigstens erwarten, dass man vollständig und richtig manipuliert wird?

Von Montag, 25.01.2010, 8:06 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 06.02.2011, 23:55 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Es war der 23. Dezember 2009 – ein Tag vor Heiligabend. Ein vermeintlicher Aufruf des islamischen Gelehrten al-Qaradawi machte die Runde in der Medienlandschaft. Er wolle Christen das Weihnachten verbieten. Haben Sie eines dieser Artikel gelesen? Sicherlich. Und kurz nach Neujahr sorgte die Meldung über den Angriff auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard für Schlagzeilen. Auch davon haben Sie sicherlich erfahren.

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Wieso ich mir so sicher bin? Ich vertraue dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Je verbreiteter eine Nachricht ist, desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch von Ihnen gelesen wurde. Schließlich basiert die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf die zahlenmäßige Erfassung der Welt, hier Zeitungsartikel, Radio- und TV-Beiträge.

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Und können Sie sich noch an Einzelheiten erinnern? Etwa dass al-Qaradawi das Verkaufen und Ausstellen von Weihnachtsbäumen verbieten wollte? Oder dass der dänische Karikaturist mit Axt und Messer angegriffen wurde? Mit großer Wahrscheinlichkeit. An dieser Wahrscheinlichkeit ist aber ein anderes Gesetz beteiligt. Es sind die Naturgesetze. Die Gehirnforschung bestätigt es: je häufiger der Mensch etwas hört, sieht oder liest, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Information ins Langzeitgedächtnis gelangt. So funktioniert das menschliche Gehirn.

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Sie wollen den Beweis? Kein Problem. Haben Sie die Erklärung von 57 muslimischen Ländern (OIC) gelesen, nur ein Tag nach dem Anschlag auf Westergaard? Die OIC hatte den Anschlag verurteilt und das gleiche von allen Muslimen gefordert, weil es den Werten und der Lehre des Islams „vollständig“ widerspreche. Nicht? Vielleicht haben Sie aber die Richtigstellung zu al-Qaradawi gelesen, der weder Weihnachten noch Weihnachtsbäume verbieten wollte. Es handelte sich um eine offensichtlich vorsätzliche Falschübersetzung samt Hinzudichtungen. Auch nicht? Keine Sorge. Sie können nichts dafür. Schuld ist hier ebenfalls das Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Und was man nicht weiss, kann auch nicht ins Langzeitgedächtnis. Logisch. Sie können nichts dafür.

Das wäre aber zu einfach. Schließlich haben Menschen diese Nachrichten verbreitet bzw. nicht verbreitet. Medienmacher waren es, die den Weg über Ihre Sinnesorgane in Ihr Gehirn gefunden haben. Deren Informationen wurden dort verarbeitet, mit anderen Informationen vernetzt und Gefühle hervorgerufen, aus der Sie ihre ganz persönliche Schlussfolgerung gezogen haben. Und durch die ständige Wiederholung haben sich diese Informationen in Ihr Langzeitgedächtnis eingenistet.

Mal ganz ehrlich: Was haben Sie denn so gedacht, als Sie über das Weihnachtsverbot und den Anschlag gelesen haben? Welche Bilder entstanden in Ihrem Kopf? Kopftuch? Moschee? Ihr muslimischer Nachbar um die Ecke? Aber das ist doch Ihr Gehirn! Wer bestimmt denn hier, was dort verarbeitet wird und dort bleibt? Und darf man dann nicht wenigstens erwarten, dass man vollständig und richtig manipuliert wird?

Möglicherweise helfen uns – wenn selbst Naturgesetze kapitulieren – von Menschen geschaffene Gesetze aus der Patsche. Aber Menschen irren sich. So auch Murphy. Übertragen auf die Medien und unsere beiden Beispiele ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt, proportional zu seiner Erwünschtheit und nicht umgekehrt. Traurig aber wahr.

Gesetze helfen nicht, Menschen irren sich, kommen wir zu den Weisheiten. Eines der bekanntesten besagt: „Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiß“. Stimmt! Oder haben Sie die Erklärung der OIC oder die Richtigstellung zu al-Quaradawi je vermisst? Natürlich nicht. An dieser Stelle vielleicht mal eine Überlegung wert, darüber nachzudenken, was uns alles heiß machen würde, wenn wir es nur wüssten. Wäre ich ein Sprecher der OIC, wüsste ich jedenfalls, was mich in Zukunft kalt lassen würde: Distanzierungsforderungen.

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