Studie

45 Prozent der Türken fühlen sich in Deutschland unerwünscht

Fast die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken fühlt sich unerwünscht - 42 Prozent wollen in die Türkei zurückkehren, wie aus einer repräsentativen Studie der Forschungsinstitute Info und Liljeberg Research hervorgeht, die am Donnerstag vorgestellt wurde.

Freitag, 20.11.2009, 8:19 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 08.01.2020, 15:45 Uhr Lesedauer: 10 Minuten  |   Drucken

Befragt wurden insgesamt 1000 Personen – jeweils ein Drittel davon Deutsche, Türken in der Türkei und in Deutschland lebende Türken. Insgesamt leben hier 2,7 Millionen türkischstämmige Migranten, 30 Prozent davon mit deutschem Pass.

Deutschland und Heimat
Aus der Studie geht hervor, dass lediglich 21 Prozent der Befragten Deutschland als Heimat empfinden. Weitere 38 Prozent empfinden Deutschland und die Türkei gleichermaßen als Heimat und 37 Prozent eher die Türkei. Vor diesem Hintergrund planen immerhin 42 Prozent eine Rückkehr in die Türkei, wobei junge Leute insgesamt häufiger „zurück“ wollen als ältere.

Dennoch ist die überwiegende Mehrheit der Türken in Deutschland nach wie vor davon überzeugt, dass es richtig war, nach Deutschland zu kommen und dass es in diesem weltoffenen Land jeder unabhängig von der Herkunft zu etwas bringen kann. Für 85 Prozent ist klar, dass dabei nur die deutsche Sprache zum Erfolg führen kann.

Gleichzeitig meinen 82 Prozent auch, dass die deutsche Gesellschaft stärker auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen sollte. „Für das Empfinden eines Lebens zwischen den Welten und ein durchaus problematisches Verhältnis der Aufnahmegesellschaft zum Thema Integration spricht z.B. die Tatsache, dass sich 62 Prozent der Befragten in Deutschland als Türke und in der Türkei als Deutscher fühlen“, so die Studie.

45 Prozent fühlen sich in Deutschland unerwünscht, nur 54 Prozent glauben, dass Deutsche und Türken in Deutschland die gleichen Bildungschancen haben und lediglich 53 Prozent möchten ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazugehören. Weniger als die Hälfte fühlen sich in Deutschland genauso akzeptiert wie ein Deutscher. Allerdings verbringt nur jeder vierte nahezu täglich und ca. 60 Prozent mindestens einmal pro Woche seine Freizeit mit Deutschen.

Auf der anderen Seite meinen 93 Prozent, dass sie ihre türkische Kultur bewahren müssten, wobei dies für sie nicht im Widerspruch zur gewünschten Akzeptanz in der deutschen Mehrheitsgesellschaft steht. Vielmehr sind 83 Prozent der Meinung, dass man gleichzeitig ein guter Deutscher und ein guter Moslem sein kann.

Man habe es mit einer Gruppe von Menschen zu tun, so die Studienautoren, die fest zu ihren kulturellen und religiösen Wurzeln und den türkischen Wertewelten steht und auch nicht bereit ist, grundsätzlich davon abzulassen. Jeder Druck in dieser Hinsicht führe „offenbar zu entsprechenden Gegenreaktionen und eher Desintegration“.

„Das öffentliche Meinungsbild geht aber immer mehr genau in diese Richtung: Es wird „Integration“ verlangt, aber Assimilation ist gemeint. Eine Assimilation ist aber innerhalb der nächsten Generationen nicht zu erwarten, da die starke Familieneinbindung und auch die Kontakte ins „Mutterland“ so stark und vielfältig sind, dass sich kulturelle und religiöse Überzeugungen und Wertestrukturen immer wieder reproduzieren“, so die Autoren weiter.

Weitere Studien über Integration und Migration gibt es in chronologischer Reihenfolge im MiGAZIN-Dossier: Studien – übersichtlich und kompakt.

Sprache
Der Befragung zufolge beurteilen 58 Prozent der befragten Türken in Deutschland ihre deutschen Sprachkenntnisse als sehr gut oder gut (78 Prozent der unter 30-jährigen) und 35 Prozent meinen, besser Deutsch als Türkisch zu sprechen. Dennoch sprechen lediglich 16 Prozent zu Hause überwiegend Deutsch.

Die nach wie vor bestehenden sprachlichen Schwierigkeiten sind laut den Autoren der Studie durch die türkische Familiensprache und die lange ausschließliche Erziehung der Kinder außerhalb öffentlicher Kindereinrichtungen gefördert worden. „Es hat sich hier mehr oder weniger bereits eine ‚Pidginsprache‘ entwickelt – ein Gemisch aus deutscher und türkischer Sprache mit jeweils begrenztem Wortschatz“, so die Autoren. Dies werde sich wohl in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Die Sprachschwierigkeiten würden aber nahezu automatisch zu Problemen im Sozialisationsprozess und zu Problemen im Bildungsbereich führen.

Als möglicher Ausweg dränge sich aus den Befragungsergebnissen auf, zunächst einen komplett türkischsprachigen Bildungsgang anzubieten, um zumindest in einer Sprache die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln. „Deutsch muss natürlich frühzeitig und parallel als Fremdsprache verpflichtend erlernt werden. Aber auch hier sollte es sich um freiwillige Angebote handeln, denn es gibt natürlich auch sehr gut integrierte türkischstämmige Migranten (knapp ein Drittel der Befragten), die bereits ganz selbstverständlich deutschsprachig sind“, so die Einschätzung der Autoren.

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