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Migration und Integration in Deutschland

Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Aus Madrid nach Bremen

Modellprojekt gegen Fachkräftemangel in Kitas

In ganz Deutschland suchen Kitas händeringend nach qualifiziertem Personal. Wie in der Pflege entdeckt die Branche jetzt Fachkräfte aus dem Ausland. Die 23jährige Paulina ist aus Spanien nach Bremen-Borgfeld gekommen.

Kindergarten, Malen, Kinder, Kita, Wasserfarbe
Bunt © mccheek auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Ordentlich Farbe mit einer Walze auf einer Druckvorlage verteilen, ein Papier auflegen, kräftig pressen – fertig ist der Linoldruck. Magnus strahlt. Fast ganz alleine hat der Sechsjährige in der evangelischen Kita Bremen-Borgfeld ein kleines Kunstwerk geschaffen. Paulina hat sich dabei im Hintergrund gehalten und nur da eingegriffen, wo Magnus nicht weiter wusste. Mit vollständigem Namen heißt die 23-jährige Spanierin Paulina de los Ángeles Guajardo Serra – und ist eine von sieben ausländischen Erzieherinnen, die derzeit an einem Modellprojekt in Bremen teilnehmen.

„Gewinnung und Qualifizierung ausländischer Fachkräfte bei der Bremischen Evangelischen Kirche“ lautet der etwas sperrige Titel des Programms, zu dem Paulina im Frühjahr in die Hansestadt gekommen ist. Seit Anfang Mai arbeitet sie in der Kindertagesstätte und wird von ihr auch bezahlt. Wenn alles gut geht, hat sie bald beste Jobperspektiven als staatlich anerkannte Erzieherin, die dann besser verdient.

Hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien

Pädagogisches Personal für Kitas und Krippen ist derzeit in Deutschland und natürlich auch in Bremen hoch gefragt, der Arbeitsmarkt ist leer gefegt. „Alleine bei uns sind derzeit etwa 30 Stellen vakant“, sagt Carsten Schlepper, Chef des Landesverbandes Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder.

In Spanien sieht die Situation ganz anders aus. Paulina de los Ángeles Guajardo Serra hat zwar ein abgeschlossenes Studium der Elementarpädagogik absolviert, kommt also keinesfalls als Praktikantin, sondern als ausgebildete Fachkraft. Aber feste und gut dotierte Stellen gibt es für sie in ihrem Heimatland nicht, die Jugendarbeitslosigkeit dort ist hoch.

Spanische Kitas stark verschult

Als die junge Frau aus Madrid über das Internet von dem Projekt in Bremen erfahren hat, hat sie sich deshalb sofort dafür interessiert – auch aus inhaltlichen Gründen, wie sie sagt: „Die Arbeit in den spanischen Kitas ist stark verschult, die Kinder haben nicht viel Zeit zum Spielen.“

In der Borgfelder Kita läuft das ganz anders. „Wir haben ein offenes Konzept“, erläutert Leiterin Elke Meiners. Gruppenstrukturen werden zeitweise aufgelöst, die Kinder können vielfach selbst entscheiden, wie sie ihren Tag gestalten. Die Erzieherinnen machen Angebote. „Wow, diese Freiheit, das ist alles neu für mich“, beschreibt Paulina ihren ersten Eindruck. Sie hätte nicht gedacht, dass das funktionieren könne. Dass es doch gehe, „das ist eine Überraschung für mich“.

EU-mitfinanziertes Modellprojekt

Für die Umsetzung des EU-mitfinanzierten Modellprojektes sorgt die Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Mit eingebunden ist „PractiGo„, ein Dienstleister, der in Bremen die soziale Integration begleitet und den Deutschunterricht organisiert. Der begann für Paulina de los Ángeles Guajardo Serra mit 700 Stunden schon in Spanien und wird hier intensiv fortgeführt. Schließlich ist die Sprache das wichtigste Handwerkszeug der Erzieherinnen. Ab Herbst bekommt die junge Spanierin dann nach Bedarf zusätzlichen Fachunterricht.

„Wir haben in Spanien feste Kooperationspartner und ein ausgebautes Netzwerk, über das wir Kontakte anbahnen und die Sprachschulung organisieren“, sagt Agentur-Koordinator Guido Klemm. Ähnliche Projekte – allerdings für sozialpädagogische Assistenzen – laufen im niedersächsischen Umland in den Regionen Oldenburg, Stuhr und Weyhe.

Sprachprüfung, Kolloquium, Anerkennungsjahr

Nächstes Jahr muss Paulina eine Sprachprüfung, ein fachliches Kolloquium und ein halbes Anerkennungsjahr meistern, dann wäre sie voll anerkannte Kita-Erzieherin. „Wir hoffen natürlich, dass alle Projektteilnehmerinnen bestehen und bei uns bleiben“, sagt Landesverbands-Chef Schlepper und fügt hinzu: „Mit dem Einsatz ausländischer Fachkräfte kommt Europa in der Kita an.“

Kinder und ihre Familien, Kolleginnen in den Kitas – sie alle werden es seiner Einschätzung nach als anregende Bereicherung erfahren, wenn andere Sitten und Gebräuche, andere Umgangsformen in der Erziehung durch die ausländischen Fachkräfte in die Kitas getragen werden. „So können innere und äußere Grenzen überwunden werden.“

… und dann vielleicht noch ein anderes Land

Schon jetzt erntet Paulina de los Ángeles Guajardo Serra viel Lob. Sie könne bereits ziemlich gut Deutsch, sagt Kita-Leiterin Meiners. „Dabei muss sie für die Kinder ein Gegenüber sein, sonst wird sie nicht ernst genommen“, ergänzt ihre Anleiterin Petra Diendarra.

Paulina ist froh, dass sie den Schritt gewagt hat. Mut, nein, Mut habe es dazu nicht gebraucht. „Motivation ist wichtig – und ein Ziel vor Augen“, sagt die junge Frau und beschreibt, wo sie hin will: Mit ihrer nachträglichen Qualifikation will sie erst einmal ein paar Jahre in Deutschland arbeiten und dann vielleicht noch ein anderes Land entdecken. „Ich bin sehr neugierig“, sagt sie mit einem Lachen. (epd/mig)

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