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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Zu viele um zu überhören!

Der internationale Frauenstreik aus Migrantinnenperspektive

Zum 8. März wird auf der ganzen Welt gestreikt. Auch Migrantinnen in Deutschland organisieren und mobilisieren von der ersten Stunde an die Frauenstreik-Bewegung.

Frau, Graffiti, Wand, Traurig
Graffiti © dust and fog @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONAshash, Marshall, Nassimi, Mendívil, Schneidermann, Tensil, Yogarajah

Die Verfasserinnen, Maayan Z. Ashash, Danna Marshall, Narges Nassimi, Eleonora Roldán Mendívil, Anka Schneidermann, Asmara Tensil und Chandrika Yogarajah, sind Mitglieder des Berliner und Münchner Frauenstreik Komitees.

DATUM6. März 2019

KOMMENTARE7

RESSORTAktuell, Gesellschaft, Meinung

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Wir sind Migrantinnen in Deutschland. Für einige ist Deutsch unsere Muttersprache, andere kämpfen täglich mit der Grammatik und Aussprache. Einige unserer Familien sind vor Bürgerkriegen und faschistischen Diktaturen nach Deutschland geflohen. Einige sind als Kinder nach Deutschland gekommen. Einige von uns sind hier geboren oder vor einigen Jahren erst nach Deutschland gekommen denn in ihren Herkunftsländern wurde ihnen der Zugang zu Bildung und die volle Teilnahme am sozialen, kulturellen und politischen Leben aufgrund ihrer sogenannten ethnischen Zugehörigkeit, Klasse und/oder politischen Überzeugung untersagt. Einige warten immer noch auf die Annahme ihres Asylantrages. Wir haben unterschiedliche soziale Hintergründe, aber was uns eint ist das Gefühl der „Andersartigkeit“, welches sich auf praktischer Ebene in unserem Alltag in Deutschland zeigt. Oftmals sind unsere Positionen und Sichtweisen sowie unsere Art, uns auszudrücken – außerhalb des Status quo. Sie werden oft als entweder irrelevant oder übertrieben wahrgenommen. Oftmals müssen diese irgendwie reformuliert werden, sodass sie zugänglicher sind; oder es wird für uns gesprochen. Diese Position der „Andersartigkeit“ prägt unsere Erfahrungen und Sichtweisen. Wir bringen andere Diskussionen aus „anderen“ Kontexten mit, die untrennbar mit unserer politischen DNA verbunden sind.

Wir haben uns im Rahmen der Frauenstreik Organisierung kennengelernt und unsere Erfahrungen als Frauen, als Migrantinnen, zusammengetragen um zusätzliche Blickwinkel auf eine mögliche neue Frauenbewegung in Deutschland zu werfen. Wir sehen die feministische Bewegung als Spiegel der Gesellschaft – wir verhalten uns immer wieder falsch, unsere Stimmen sind zu laut, wir sind zu wütend, wir übertreiben, wir nehmen immer wieder zu viel Platz ein. Wir haben nicht das Ziel, eine eigene, separate Bewegung zu schaffen. Vielmehr streben wir eine klassenkämpferische feministische Bewegung an, die radikale Stimmen nicht ausschließt, sondern sich der Herausforderung der politischen Debatte und der konkreten Basisarbeit in den am meisten marginalisierten Gemeinschaften – oft Migrantengemeinschaften – dieses Landes stellt. Wir wollen selber sprechen an Stelle von, dass über uns gesprochen wird. Dabei sprechen wir nur für uns. Es sind unsere persönlichen Erfahrungen und politischen Erkenntnisse, die in diesen Artikel einfließen.

Von international zu internationalistisch

Ein halbes Jahrhundert nach dem Streik gegen prekäre Lebens- und Arbeitsbedingungen der New Yorker Textilarbeiterinnen im Jahr 1857, luden 1910 revolutionäre Frauen wie Clara Zetkin zur zweiten internationalen Konferenz der sozialistischen Frauen in Kopenhagen ein. Sie schlugen vor, jedes Jahr im März die Kämpfe der proletarischen Frauen gegen kapitalistische Ausbeutung und patriarchale Unterdrückung in Erinnerung zu rufen und mit den aktuellen Frauenkämpfen zu verbinden. In seinem Ursprung ist der 8. März ein internationaler Frauenkampftag und entsteht aufgrund der Kämpfe proletarischer Frauen weltweit.

Die Initiatorinnen des Frauenkampftages kämpften dabei auch gegen die verbreitete Frauenfeindlichkeit innerhalb der zweiten Internationale, dem Zusammenschluss internationaler Arbeiterorganisationen und Arbeiterparteien. Damals wurden Arbeiterinnen oft als Konkurrenz zu Arbeitern gesehen, da ihnen für die gleiche Arbeit weniger Lohn ausgezahlt wurde. Anstelle gleichen Lohn für gleiche Arbeit und volle Rechte für alle zu fordern, gab es „Sozialisten,“ die eine patriarchale Ordnung aufrechterhalten wollten und Arbeiterinnen nicht als vollwertige Subjekte im Klassenkampf anerkannten. Hiergegen kämpften jedoch innerhalb der nationalen und internationalen Arbeiterorganisationen und Arbeiterparteien viele Frauen und Männer.

In der „ersten Welle des Feminismus“ kam es daher zum Bruch mit bürgerlichen Frauen. Das war auch dringend notwendig, denn die bürgerlichen Frauen unterstützten letztendlich den Kapitalismus, besonders in seiner imperialistischen Ausdehnung, der die Ausbeutung anderer Frauen in ihren Ländern – Frauen der Arbeiterklasse – und die Ausbeutung, koloniale Ausplünderung und Unterdrückung von Millionen von Menschen in der ganzen Welt zu Folge hatte. Beispielsweise erklärte das napoleonische Gesetzbuch „Code Civil“ im Jahr 1804 die Frau zum Eigentum des Mannes und wurde mit dieser patriarchalen Auffassung in Kolonien exportiert. Das Erbe des europäischen Kolonialismus gemischt mit lokalen patriarchalen Strukturen, wirkt sich global aus. Bis heute werden Millionen von Frauen und Mädchen in Ländern des Globalen Südens gesellschaftlich oder ganz legal als Eigentum der Männer betrachtet. Dies ist heute in Ländern wie Deutschland abgeschwächt – aber nicht überwunden. Aufgezwungene Sparprogramme vom Internationalen Währungsfonds und der Weltbank haben durch den Abbau von Sozialleistungen in Südeuropa, Osteuropa, Lateinamerika, Afrika und Asien Millionen in Armut, Arbeitslosigkeit und besonders Frauen und von patriarchalen Strukturen Unterdrückte vermehrt in Reproduktionsarbeit gezwungen. Kriege, welche auch mit deutschen Waffen, Panzern und Kampfflugzeugen geführt werden, haben Millionen zu Flucht und Tod verurteilt.

Unsere Geschichte ist aber auch die Geschichte der Kämpfe und des Widerstandes von Millionen von Frauen, Trans-, Inter- und nicht-binären Menschen. Die Kämpfe von jüdischen Frauen gegen den Nationalsozialismus in Deutschland und Antisemitismus weltweit sind seit jeher mit den Kämpfen von indigenen, Schwarzen, kurdischen, tamilischen und palästinensischen Frauen und queeren Menschen gegen Kolonialismus und Besatzung verbunden.

Die neue internationale Frauenbewegung – in welcher sich nicht nur Frauen organisieren –, die im Frauenstreik ein wichtiges Werkzeug gefunden hat, ist dabei nicht nur mit westlichen und lateinamerikanischen Ländern verbunden. Wir lernen von allen Frauenkämpfen und allen Klassenkämpfen weltweit. Ägyptische Arbeiterinnen haben zum Beispiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fabriken für Mutterschutzurlaub und Arbeitszeitverkürzung bestreikt. Allein 2010 gab es in Nordafrika mehr als 300 Streiks, bei denen die marokkanischen und ägyptischen Frauen eine wichtige Rolle spielten. Sie waren die Protagonistinnen des „Arabischen Frühlings“, von ihren Niederlagen und Erfolgen wir in Deutschland und auch international Lehren ziehen.

Unter den Motto „Wenn unsere Leben nichts wert sind, produziert ohne uns“ wurde weltweit zum Internationalen Frauenstreik am 8. März 2016 aufgerufen. Die Feminisierung des Arbeitsmarktes hat in den letzten Jahrzehnten neoliberaler Politik dazu geführt, dass Frauen und alle die in feminisierte Arbeit gezwungen werden, vor allem in den am meisten ausgebeuteten und prekärsten Sektoren, wie dem Dienstleistungssektor, in den Arbeitsmarkt treten. Die Krise des Neoliberalismus und der weltweite Rechtsruck bedrohen dabei, ganz aktuell auch in Deutschland, unseren erkämpften Rechte als Frauen und als Migrantinnen.

Egal welcher Arbeit wir nachgehen: wir arbeiten. Auch aus unserer Arbeitskraft wird Profit geschlagen. Deshalb haben wir den Streik als unser Kampfmittel gewählt. Wir bilden die Mehrheit der Armen und Prekarisierten in diesem Land und weltweit. Aus all diesen Gründen ist es besonders wichtig, dass sich eine neue Frauenbewegung zu Antirassismus, Antiimperialismus und Antikolonialismus bekennt und aus genau diesen Kämpfen lernt. Denn wer über „Frauen“ in Deutschland spricht, kann nicht so tun als ob wir – Migrantinnen, Asylsuchende, Frauen aus dem Globalen Süden – nicht mittlerweile über 20 Prozent der arbeitenden weiblichen Bevölkerung in diesem Land ausmachen. Ohne klaren und praktischen Internationalismus, also dem gemeinsamen Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und patriarchale Unterdrückung über Ländergrenzen hinaus, haben wir keine Chance uns wirklich breit aufzustellen und alle Sektoren der Arbeiterklasse in Deutschland zu erreichen.

Dabei ist der Frauenstreik keine rein internationale Bewegung, also eine Bewegung, welche sich zeitgleich in verschiedenen Ländern ereignet. Der Internationale Frauenstreik ist in den Grundfesten internationalistisch und betont die Zusammenhänge der Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen im Globalen Süden und im Globalen Norden. Wir sind Internationalistinnen, weil wir denken, dass es keine „nationale“ Lösung für Ausbeutung und Armut, sexualisierte Gewalt und Kriege gibt. Für uns gilt, was Audre Lorde schon so treffend beschrieb: „Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt wie ich.“

Antisemitismusvorwürfe und die „Figur des Juden“

Immer wieder kommen in Sozialen Medien und auch über andere Kanäle Vorwürfe auf, in den Frauenstreik Strukturen könnten antisemitische, also anti-jüdische, Positionen problemlos existieren. Dies wird üblicherweise mit Berliner Strukturen verbunden, in denen im Schnitt viele Migrantinnen aktiv sind. Was hat es damit auf sich?

Entzündet hat sich die Debatte an der Einladung der u.s.-amerikanischen Marxistin und Mitbegründerin der weltweiten „Löhne für Hausarbeit“-Kampagne in den 1970er Jahren, Selma James, als Podiumsgast zum ersten bundesweiten Vernetzungstreffen von Frauenstreik Strukturen in Göttingen im November 2018. Der Vorwurf einiger lautete damals, als langjährige jüdische Antizionistin und Palästina-Solidaritäts-Aktivistin, wäre die Einladung von James eine Positionierung im sogenannten Nahost-Konflikt. Kurz darauf kamen dann Verweise, dass in Berlin Aktivistinnen die in antiisrealische und antisemitische Politik involviert seien, auch im Frauenstreik aktiv wären.

Wir verstehen Antisemitismus als eine Form von Rassismus1. Als Feministinnen wissen wir, dass das Persönliche politisch ist. Unser Wissen stammt aus der Theorie und Politisierung unserer kollektiven Erfahrungen. Der Versuch, Antisemitismus als wesentlich anders zu kategorisieren als alle anderen Formen von Rassismus betrachten wir als eine Teile-und-Herrsche-Strategie, die jüdische Menschen von allen anderen rassifizierten Minderheiten isolieren und die Solidarität zwischen uns untergraben soll. Natürlich wirkt Antisemitismus auf einzigartige Weise – ebenso wie jede andere Form von Rassismus. Als Feministinnen sind wir in dem globalen Kampf gegen Kolonialismus und Ungerechtigkeit solidarisch auch mit unseren palästinensischen Schwestern, die Tag täglich unter Besatzung und Apartheid leben und an vielen Fronten gleichzeitig kämpfen müssen.

Der sogenannte Nahost-Konflikt erweist sich immer wieder als Instrument der Aushandlung politischer, kultureller und wissenschaftlicher Räume in Deutschland. Es mag gut sein, dass in seiner früheren Form vor einigen Jahrzehnten die Sorge der Linken um ihren eigenen Antisemitismus auf einer echten ethischen und politischen Überzeugung beruhte, mit dieser spezifischen Form des Rassismus im deutschen Kontext umzugehen. Und wir denken nicht, dass Antisemitismus, wie andere Rassismen magisch von der Bildfläche linker Räume verschwunden sind. Was wir jedoch heute sehen, ist mehr eine Methode, welche bestimmte kritische, antikoloniale Stimmen und Positionen marginalisieren soll. Bei genauerer Betrachtung derjenigen, die diszipliniert, korrigiert und zur Ordnung gerufen und durch Antisemitismusvorwürfe öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt werden, stellen wir fest, dass es oft, wenn nicht fast immer, jüdische und/oder migrantische Frauen trifft. Es trifft somit Frauen, die ein bestimmtes Deutsches Narrativ bezogen auf Palästina/Israel nicht annehmen und Ausbeutung und Unterdrückung, egal wo sie geschieht und wer diese ausübt, angreifen. Aktuell findet eine Mobilisierung der Menschen statt, die sich für bestimmte, deutsche, Räume berechtigt fühlen, einseitig zu entscheiden mit wem man demokratische Diskussionen führt, und mit wem nicht. Diese Menschen sind in der Lage, die Regeln der Debatte und der sozialen sowie politischen Zugehörigkeit und Form der Organisation auf kolonialistische Weise zu diktieren.

Was wir durch solche Angriffe erleben ist also ein Angriff auf unsere antirassistische, antikoloniale und antiimperialistische Arbeit. Wenn in diesen meist im Internet geführten Debatten zu Antisemitismus diskutiert wird und Frauenstreik Strukturen damit in Verbindung gebracht werden, dann geht es nicht um reale Jüdinnen und Juden, sondern um die „Figur des Juden,“ die für das Selbstverständnis dieser Gesellschaft so zentral geworden ist2. Eine Figur, die, sobald sie eine Position äußert, die nicht mit den Normen und Erwartungen ihrer nicht-jüdischen, deutschen „Gastgeber,“ übereinstimmt, sofort illegitim gemacht werden muss. Es geht in der Debatte also um nicht-migrantische, nicht-jüdische Deutsche, die sich auf Kosten von Migrantinnen und/oder Jüdinnen als moralisch überlegene politische Akteure in der Öffentlichkeit etablieren. Diese moralische und politische Überlegenheit wird vor allem in einem Offenen Brief aus Göttingen vom 22.02.2019 deutlich. Durch solche Methoden wird versucht migrantische und/oder jüdische Stimmen in Deutschland zu kontrollieren und zu dirigieren.

Trotz genau dieser Spaltungsversuche halten wir als Antiimperialistinnen zusammen. Und auch von unseren weißen Deutschen Genossinnen und Schwestern lassen wir uns nicht spalten! Denn immer mehr Frauen und von patriarchalen Strukturen Unterdrückte trauen sich auch im Frauenstreik, Antizionismus, die Ablehnung einer bestimmten Form jüdischen Nationalismus basierend auf der Unterwerfung und Kolonisierung Palästinas, nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Wir alle sind eine Bedrohung für den Status quo – und werden dies auch weiterhin bleiben.

Für eine neue Internationale der Frauen

Wir möchten in einer Welt leben, die frei von sexistischer und sexualisierter Gewalt ist. Wir möchten in einer Welt ohne Rassismus leben. Wir möchten in einer Welt leben, die frei von patriarchalen, autoritären und ausbeuterischen Beziehungen funktioniert. Deswegen stehen wir an der Seite aller Unterdrückten und Ausgebeuteten. Deshalb kämpfen wir. Auch im Frauenstreik.

Die marokkanische Feministin Fatima Mernissi sagte schon: „Wenn ich eine westliche Feministin treffe, die glaubt, dass ich ihr für meine Entwicklung im Feminismus dankbar sein muss, dann zweifele ich zwar nicht an der Zukunft der internationalen Solidarität der Frauen, aber ich zweifele an der Fähigkeit des westlichen Feminismus, soziale Bewegungen aufzubauen, die in der Lage sind, einen strukturellen Wandel in den Zentren ihres eigenen industriellen Imperiums herbeizuführen. Eine Frau, die sich als feministisch bezeichnet, weil sie sich ihrer Situation bewusst geworden ist, sollte sich fragen, ob sie dies mit Frauen aus anderen sozialen Klassen ihrer eigenen Kultur teilt, anstatt sich überlegen zu fühlen gegenüber Frauen aus anderen Kulturen.“ Dies spricht uns aus dem Herzen.

Auch wir als Migrantinnen erschaffen den Reichtum in diesem Land. Wir haben ein Recht auf ein Leben in Sicherheit und Würde. Wir wollen keine „Integration,“ also die Nutzbarmachung unserer Körper und Fähigkeiten, in eine einheitlich gedachte „Deutsche Nation.“ Wir wollen gleiche Rechte wie alle Menschen in diesem Land und kämpfen für die Gleichbehandlung aller. Wir sind keine stillen Forschungsobjekte, zu welchen uns immer noch viele bürgerliche Feministinnen stilisieren wollen. Wir haben individuelle Biografien, haben Namen – dessen richtige Aussprache sich zu lernen lohnt – und bringen unsere eigenen politischen Traditionen in diese neue Frauenbewegung ein. Wir haben eigene Gedanken, Analysen und Meinungen. Und wir repräsentieren nicht „die Migrantinnen.“ Als Frauen kämpfen wir Seite an Seite mit anderen Frauen und von patriarchalen Strukturen Unterdrückte auf der ganzen Welt für den Aufbau einer neuen, internationalistischen und klassenkämpferischen Frauenbewegung. Denn wir wissen, dass die Zerschlagung des Kapitalismus die Bedingung für eine vollkommene Befreiung patriarchaler und rassistischer Unterdrückung darstellt. Dies heißt nicht, dass wir nicht im hier und jetzt Kämpfe gegen unsere Ausbeutung – als Arbeiterinnen – und Unterdrückung – als Frauen, als Migrantinnen, als Latinas, als Kurdinnen, als Jüdinnen, als Tamilinnen, als queere Menschen – führen. Wir wissen, dass unsere Lebensrealität als Migrantinnen in Deutschland, ob mit oder ohne Deutschen Pass, oft priviligierter bleibt als die Lebensrealitität vieler Frauen und von patriarchalen Strukturen Unterdrückter aus den Ländern, aus denen wir geflohen oder migriert sind. Unsere Kämpfe bleiben jedoch verbunden.

Nicht zuletzt stellen auch wir uns gegen Kolonialismus und Imperialismus überall. Aus all diesen Gründen stehen wir ein für eine neue Internationale der Frauen. Eine Internationale aller Frauen und von patriarchalen Strukturen Unterdrückter auf der Welt, die in Haushalten, in Fabriken, in Büros, Schulen und Universitäten täglich den gesellschaftlichen Reichtum schaffen.

Wir sind zu viele um uns länger zu überhören. Auch in Deutschland. Der Internationale Frauenstreik am 8. März ist erst der Anfang unserer Mobilisierung.

  1. Siehe dazu auch materialistische Antisemitismusdefinitionen wie: Mike Cole (2016): Racism. A Critical Analysis. Pluto Press, London, S. 46-48. []
  2. Zur Diskussion um die „Figur des Juden“ siehe auch: Brain Klug (2013): Interrogating ‘new anti-Semitism’. Journal for Ethnic and Racial Studies, Volume 36, S. 468-482. []
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7 Kommentare
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  1. Kira sagt:

    Ihr wollt Antisemitismus wie jede andere Form des Rassismus betrachten. Na meinetwegen – was ihr dann aber macht, ist, alles über Bord zu werfen, was ihr über Rassismus wisst.

    So reagiert ihr bei Benennen Eures Antisemitismus genau wie die Weißen auf den Rassismusvorwurf. Mit Abwehr und ohne jegliche Selbstreflexion.

    Da ist dann der Rassismusvorwurf nur eine Ablenkung in dem wahren wichtigen Kampf gegen die Klassengesellschaft, das Patriarchat etc. – Dann kann auch gleich auf eine vermeintliche hidden Agenda verwiesen werden, warum die Antirassist*innen Euren wichtigen Kampf zerstören wollen. Fertig ist die Verschwörungstheorie.

    Das kennen wir alle, und wir kennen auch alle die Figur der Token-PoC, die den Weißen das schlechte Gewissen nimmt, weil „die PoC hat auch gesagt, dass [rassistische Äußerung einfügen]“. Grüße an Selma James.

    Ebenso kennen wir alle die Unsichtbarmachung von PoCs in der Kritik. Da äußern glücklicherweise weiße Allies Kritik an rassistischen Äußerungen und das, was dem Rassisten dazu einfällt ist, dass es ja nur Weiße sind, die sich ihm gegenüber moralisch besser stellen wollen. Dass dahinter einen Haufen PoCs stehen, die froh sind, dass mal andere den Mund aufmachen, möchte der weiße Rassist nicht sehen.

    Warum ist es dann so schwierig, diese ganzen Erfahrungen mit dem weißen Widerstand bzw. weißen Abwehr gegen die Benennung von Rassismen ernst zu nehmen, und sich selbst zu reflektieren in Bezug auf Antisemitismus – erst recht, weil zu vermuten ist, dass sowohl der Großteil der Autor_innen dieses Pamphlets wie auch der Teilnehmer*innen des Frauenstreiks NICHT von Antisemitismus betroffen sind?

    Oder geht es bei eurer Grundannahme, dass Antisemitismus auch nur Rassismus ist, darum, dass von Rassismus Betroffene einfach qua Definition nicht antisemitisch(=rassistisch) sein können? Also das klassisch-weiße Argument von „ich werde auch diskriminiert, weil ich queer, disabled usw. bin, also kann ich gar nicht rassistisch sein“?

  2. Ute Plass sagt:

    Danke für diesen großartigen Text, von dem ich hoffe, dass sich sehr viele Menschen den darin formulierten Anliegen anschließen, weil eine
    ’neue Internationale der Frauen‘ das gute Leben aller Menschen im Blick hat.

    Sehr wichtig auch folgende Aussage:
    „Der Versuch, Antisemitismus als wesentlich anders zu kategorisieren als alle anderen Formen von Rassismus betrachten wir als eine Teile-und-Herrsche-Strategie, die jüdische Menschen von allen anderen rassifizierten Minderheiten isolieren und die Solidarität zwischen uns untergraben soll.“

    Zum Antisemitismus-Begriff als Herrschaftsinstrument befasst sich auch folgender Beitrag:
    http://der-semit.de/ihra-arbeitsdefinition-antisemitismus/#comment-2092

  3. Martha Simons sagt:

    Es ist so schade, dass dieser Artikel wieder ein Debattenbeitrag ist, der es versäumt, eine wirkliche Analyse zu wagen und stattdessen die immergleiche Stellungnahme reproduziert, die einen wirklichen politischen Kampf verunmöglicht.

    Das beginnt damit, dass er damit eingeleitet wird, dass hier individuelle Sichtweisen vertreten würden, gespeist aus individuellen Erfahrungen. Diese Einschränkung hält der Artikel aber nicht lange durch, im Anschluss sprechen die Autor*innen konsequent aus einer vermeintlich universellen Perspektive „der indigenen, Schwarzen, kurdischen, tamilischen und palästinensischen Frauen und queeren Menschen“ und jüdischen Frauen, deren Kämpfe (aus Gründen, die nicht weiter erläutert werden) schon immer miteinander verbunden gewesen sein sollen.

    Das ist falsch. All diese Frauen und queeren Menschen haben nicht schon immer dieselben Kämpfe geführt, nicht dieselben Meinungen gehabt, waren und sind nicht immer und widerspruchsfrei miteinander verbunden. Weder beziehen sich alle diese Menschen aufeinander noch beziehen sich alle Kämpfe aufeinander. Und leider gibt es bisweilen auch Kämpfe gegeneinander. Denn so traurig es ist: Es gibt Schwarze, migrantische, jüdische, queere Menschen bei der AfD.
    Mit seiner Rhetorik negiert dieser Artikel das aber. Stattdessen macht er Schwarze, migrantische, jüdische, queere Menschen zu einer jeweils homogenen, unterdrückten aber klassenkämpferischen Masse. Das ist ebenso realitätsfern wie gefährlich.

    Diese seltsame Konstruktion von vermeintlich homogenen Gruppen, in denen alle Individuen auf gleiche Weise unter denselben Verhältnissen leiden, setzt sich bei der Figur „der palästinensischen Schwester“ fort. Mit dieser gesichtslosen, entindividualisierten „palästinensischen Schwester“ solidarisieren sich die Aktivist*innen. Im Grunde ist das ja erst einmal gut, wichtig und unterstützenswert.
    Aber etwas fällt auf: Während im Text sonst von kapitalistischer Ausbeutung und patriarchaler Unterdrückung die Rede ist, die es zu beenden gilt, fallen diese Dimensionen bei den „palästinensischen Schwestern“ weg. Solidarisch sind die Aktivist*innen hier nur in Bezug auf die Besatzung. Warum? Weshalb gibt es darüber hinaus keine Solidarisierung in Bezug auf das Leiden palästinensischer Frauen* unter patriarchalen Strukturen in ihren Gesellschaften oder auf deren Leiden unter kapitalistischer Ausbeutung in ihren Gesellschaften?
    Das Leiden palästinensischer Frauen* in einer solchen Weise zu reduzieren bleibt auf einem Auge blind: Als gäbe es nicht auch palästinensische Frauen*organisationen gegen häusliche Gewalt. Diese Probleme interessieren die Aktivist*innen aber augenscheinlich nicht.
    Das heißt in der Konsequenz, dass palästinensische Frauen* weder in ihrer Diversität gesehen werden (denn auch unter ihnen gibt es akademische Frauen* und Frauen*, die von kapitalistischer Ausbeutung profitieren) noch werden sie mit ihren diversen Problemen gesehen. Sie werden allein gelassen und sie werden instrumentell eingesetzt.

    Ähnlich ergeht es jüdischen Frauen*. Die werden hier als ausschließliches Objekt von weißen, nicht-jüdischen Menschen entworfen.
    Jüdische Frauen* dürfen allerdings nur dann in Räumen wie dem Frauen*streik anwesend sein und ihre Meinung äußern, wenn sie GENAU DIE Meinung vertreten, die hier im Beitrag veröffentlicht wird. Dann dürfen und sollen sie reden, dann kann man sich auf sie stützen als Legitimationsgrundlage für die eigene Meinung. Alle anderen werden aus Räumen wie dem Frauen*streik hinausgetrieben. Und es gibt sie tatsächlich, jene jüdischen Frauen* – und ja: ich rede von realen jüdischen Frauen, mit denen man reden kann, wenn man möchte – die sich angesichts von Beiträgen wie diesem fernhalten von Räumen wie dem Frauen*streik. Es sind nicht ausschließlich weiße, nicht-jüdische Frauen, die alle anderen disziplinieren (auch wenn weiße, nicht-jüdische Frauen* da sicher in der Mehrheit sind).
    Jüdische Frauen* werden auch von Beiträgen wie diesen diszipliniert. Sie werden unsichtbar gemacht mit Beiträgen wie diesen, die behaupten, eine jüdische Perspektive sähe ausschließlich so aus wie jene, die hier in diesem Beitrag beschrieben wird.
    Jüdische Perspektiven sind aber stattdessen divers. Es gibt anti-zionistische, pro-zionistische, gar-nicht-zionistische, irgendwo-dazwischen-sehr-zerissene jüdische Perspektiven und noch viele mehr. Das negiert dieser Beitrag.

    Wer diese Debatte verfolgt, der_dem könnte aufgefallen sein, dass der Vorwurf des Antisemitismus eigentlich nur äußerst selten gemacht wird. Sehr viel häufiger geht es darum, welch eindimensionale Positionen vertreten werden. Auf diese Einwände wird aber in der Regeln nicht eingegangen.

    So lange palästinensische Frauen* von Aktivist*innen wie diesen, die den Beitrag geschrieben haben, nicht mit allen ihren Ängsten und Nöten gesehen, sondern nur benutzt werden, werden diese Aktivist*innen nicht nur palästinensischen und jüdischen Frauen* schaden, sondern auch nicht in der Lage sein, mehr Menschen hinter sich zu versammeln. Und das ist gut so. Denn wir brauchen offene Blicke in einem Kampf gegen patriarchale Verhältnisse, gegen kapitalistische Ausbeutung, gegen Rassismus und Antisemitismus.

  4. Ute Plass sagt:

    @Kira –
    „So reagiert ihr bei Benennen Eures Antisemitismus genau wie die Weißen auf den Rassismusvorwurf. Mit Abwehr und ohne jegliche Selbstreflexion.“

    Pauschale Behauptungen, Vorwürfe, Unterstellungen dürften dem Anliegen, sich jeglicher gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in den Weg zu stellen, nicht dienlich sein.

    Hinsichtlich der Aussage ‚ohne jegliche Selbstreflexion‘ verweise ich auf
    aufklärende Texte wie z.B. die des israelischen Historikers u. Soziologen Moshe Zuckermann.

  5. Ute Plass sagt:

    Martha Simons: „Denn wir brauchen offene Blicke in einem Kampf gegen patriarchale Verhältnisse, gegen kapitalistische Ausbeutung, gegen Rassismus und Antisemitismus.“

    Genau in diesem Sinne verstehe ich den Beitrag, der das folgendermaßen zum Ausdruck bringt:
    „Als Frauen kämpfen wir Seite an Seite mit anderen Frauen und von patriarchalen Strukturen Unterdrückte auf der ganzen Welt für den Aufbau einer neuen, internationalistischen und klassenkämpferischen Frauenbewegung. Denn wir wissen, dass die Zerschlagung des Kapitalismus die Bedingung für eine vollkommene Befreiung patriarchaler und rassistischer Unterdrückung darstellt. Dies heißt nicht, dass wir nicht im hier und jetzt Kämpfe gegen unsere Ausbeutung – als Arbeiterinnen – und Unterdrückung – als Frauen, als Migrantinnen, als Latinas, als Kurdinnen, als Jüdinnen, als Tamilinnen, als queere Menschen – führen. Wir wissen, dass unsere Lebensrealität als Migrantinnen in Deutschland, ob mit oder ohne Deutschen Pass, oft priviligierter bleibt als die Lebensrealitität vieler Frauen und von patriarchalen Strukturen Unterdrückter aus den Ländern, aus denen wir geflohen oder migriert sind. Unsere Kämpfe bleiben jedoch verbunden.“

    Somit kann ich nicht erkennen, wieso, wie von Ihnen behauptet,
    „….palästinensische Frauen* von Aktivist*innen wie diesen, die den Beitrag geschrieben haben, nicht mit allen ihren Ängsten und Nöten gesehen, sondern nur benutzt werden“. Ebenso bleibt mir schleierhaft, woran sie festmachen, dass “ diese Aktivist*innen nicht nur palästinensischen und jüdischen Frauen* schaden“ ,sondern auch nicht in der Lage sein sollen, „mehr Menschen hinter sich zu versammeln“.

    Ich habe kein Problem mich hinter dem zu versammeln, was
    die Verfasserinnen, Maayan Z. Ashash, Danna Marshall, Narges Nassimi, Eleonora Roldán Mendívil, Anka Schneidermann, Asmara Tensil und Chandrika Yogarajah zum internationalen Frauenstreik aus Migrantinnenperspektive schreiben.

  6. Die Bürgerliche sagt:

    Hallo,
    so gerne würde ich mich mit unterdrückten und ausgebeuteten Menschen solidarisieren und die Welt besser machen. Leider verstehe ich nicht einmal, worum es hier gerade geht.
    Lassen sich die offenbar verschiedenen, hier vertretenen Ansätze auch irgendwie runterbrechen (komplexitätserhaltende Komplexitätsreduktion)?
    Danke!

  7. Ute Plass sagt:

    @Die Bürgerliche –
    So wie ich den Beitrag „Der internationale Frauenstreik aus Migrantinnenperspektive“ verstehe, geht es um Solidarität mit allen unterdrückten und ausgebeuteten Menschen und Engagement gegen jegliche gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und auch darum, dass Migrantinnen selber für sich sprechen.

    Einigen Frauenstreik-Aktivistinnen scheint das nicht auszureichen.
    Sie fordern ein ausdrückliches Bekenntnis gegen Antisemitismus, ‚wie sie ihn verstehen‘. Siehe ‚offener Brief d. Göttinger Frauengruppe‘.

    Der inflationäre Gebrauch des Antisemitismus-Begriffs treibt mittlerweile
    seltsame Blüten. https://www.arnstrohmeyer.de/zeitgeschehen/israelpalaestina/triumph-des-moralischen-nihilismus/

    Umgang und Auseinandersetzung mit Antisemitismus bzw. Antisemitismusverdacht und Vorwurf können Sie sich aktuell am Beispiel
    der Preisverleihung des Göttinger Friedenspeises an die ‚Jüdische Stimme
    für einen gerechten Frieden in Nahost‘ anschauen:
    https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/012081.html



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