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Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Tag der offenen Moschee

Wie weltfremd muss Frau Ateş sein?

Ist der „Tag der offenen Moschee“ am 3. Oktober eine Provokation und ein Zeichen mangelnder Integration? Dieser Ansicht ist Seyran Ateş. Thomas M. Schimmel, Koordinator der Langen Nacht der Religionen in Berlin hält in seinem MiGAZIN-Gastbeitrag dagegen.

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Gebet in der Moschee © Brian Jeffery Beggerly @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONThomas M. Schimmel

Thomas M. Schimmel ist hauptamtlicher Leiter der franziskanische Initiative „1219. Religions- und Kulturdialoge“, die den Religionsdialog im Sinne des Franziskus von Assisi fördern will. Seit 2014 ist er auch ehrenamtlicher Koordinator der Langen Nacht der Religionen in Berlin.

DATUM4. Oktober 2018

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die Äußerungen von Seyran Ateş im Deutschlandfunk zum Tag der offenen Moschee sind unsäglich. Man sollte sie eigentlich nicht weiter kommentieren, wenn sie nicht eine so gefährliche Wirkung hätten. Frau Ateş Äußerungen machen erneut deutlich, dass sie gesellschaftspolitisch vollkommen unbedarft ist und dass es ihr mehr um ihren Geltungsdrang als um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft geht.

Frau Ateş verwechselt in dem Gespräch ganz offensichtlich den 9. November als Tag des Mauerfalls mit dem 3. Oktober als Tag des Beitritts der ostdeutschen Bundesländer. Zudem Martin Luther als Vorbild und Kronzeugen für ihre Moschee-Gründung zu missbrauchen, zeugt von einer vollkommen schrägen Sicht auf die Reformation.

Rundumschlag trifft die Falschen

Frau Ateş und ihre Ibn-Rushd-Goethe-Moschee haben wie viele andere Moscheen an der Langen Nacht der Religionen am Samstag, den 8. September teilgenommen. Sie haben einen Sabbath genutzt, um über die Arbeit und die Spiritualität ihrer Moschee zu informieren. War das respektlos gegenüber Menschen jüdischen Glaubens, für die der Samstag ein absoluter Ruhetag ist? Sie haben an der Langen Nacht der Religionen teilgenommen, obwohl doch jeder Freitag für sie der Tag der Offenen Moschee ist. Warum haben sie dann einen Tag nach ihrem Tag der offenen Moschee nicht auf eine Teilnahme verzichtet?

Mit ihrem pauschalen Rundumschlag gegen die Verbände trifft Frau Ateş nicht diejenigen, die zu kritisieren sind, sondern genau die Menschen, die in den Moscheegemeinden ehrenamtlich arbeiten. Diese Menschen helfen praktisch und solidarisch, dass die Religionsfreiheit in Deutschland von Muslimen ausgeübt werden kann. Frau Ateş grenzt auf unerträgliche Weise aus und stellt zum wiederholten Male Muslime unter Generalverdacht. Sie leistet damit Vorurteilen und Vorbehalten Vorschub. Intellektuell sollte es eine Rechtsanwältin durchaus möglich sein, die verschiedenen Ebenen von Außenpolitik, Verbandspolitik, Integrationspolitik, Gemeindearbeit und Religiosität getrennt zu diskutieren, statt populistische Klischees zu bedienen.

3. Oktober, ein guter Tag

Frau Ateş meint offensichtlich, dass die guten Deutsche den ganzen Tag ausschließlich auf den Festen zur deutschen Einheit gemeinsam feiern, sich bei deutschlandpolitischen Podiumsdiskussionen intellektuell mit den historischen Ereignissen beschäftigen oder die zahlreichen Dokumentationen über 1989/90 im Fernsehen anschauen. Die schlechten Deutschen dagegen machen an diesem Tag abwegige Dinge, wie die Oma zu besuchen und mit der Familie Kaffee zu trinken, in die Lüneburger Heide zu fahren oder Menschen in Moscheen einzuladen bzw. Moscheen zu besuchen – obwohl nicht Freitag ist. Wie weltfremd muss Frau Ateş sein?

Der Tag der Deutschen Einheit ist ein guter Tag, über die Zerrissenheit unserer Gesellschaft nachzudenken. Zu dieser Zerrissenheit gehören ein immer sichtbar werdender Rassismus, der sich auch gegen Muslime richtet. Es ist den Moscheen zu danken, dass sie ihre Türen genau an diesem Tag öffnen. Dieser freie Tag mit seiner politischen Erinnerung ist ein guter Tag, um mit Menschen aller Weltanschauung über den Islam in Deutschland zu sprechen und ihnen die Möglichkeit zu geben, kritische Fragen zu stellen sowie kontrovers über religions- und integrationspolitische Fragen zu diskutieren. Dies hilft der Debattenkultur und dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

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5 Kommentare
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  1. Bella Schock sagt:

    Leider haben Sie bei weitem nicht den Mut, den Frau Seyran Ates hat, die Religionsenge von innen zu kritisieren.Wo bleibt die Unterstützug für die liberale Moscheenbwegung, die anders als Sie es wünschen, zur Aufklärung beiträgt.
    Es geht auch nicht um Einerleifestivitäten, sondern um ein Demokratieverständnis zu feiern, zu dem alle Religionen, insbesondere bezogenauf die Gleichheit von Frauen und Männern zu verpflichten sind.
    Leider hat die Eröffnung der großen Kölner Moschee genau das Gegenteil zelebriert. Nichts davon in Ihren Überlegungen.
    Man darf sich halt auf keine religiösen Männer verlassen.

  2. Heinz Hertlein sagt:

    Ich denke nicht, dass Frau Ates den Mauerfall mit dem Tag an dem die neue größere Bundesrepublik entstand, verwechselt. Vielmehr ist Sie der Überzeugung, dass man am Tag der deutschen Einheit beides feiern sollte, den Mauerfall und den Beitritt am 3. Oktober, aber nicht den Islam: nicht an diesem Tag.

    Herr Schimmel: feiern Sie am 3. Oktober nur den Beitritt der neuen Bundesländer in die Bundesrepublik, aber nicht den Mauerfall? Oder doch lieber beides überhaupt nicht und stattdessen den Islam?

  3. Heinz Hertlein sagt:

    Ein jeder Tag taugt dazu über „die Zerrissenheit“ einer pluralistischen Gesellschaft, also einer Gesellschaft, die „Zerissenheit“ sogar in ihrer Verfassung verankert hat, nachzudenken.

    Ich hab es auch lieber, wenn alle Welt mir nach dem Maul redet. Aber Menschen dazu zu zwingen mir nach dem Maul zu reden? Dann doch lieber eine ehrliche und vermeintlich „zerissene“ Gesellschaft! Ich bin Pluralist!

    Und selbstverständlich bin ich nicht der Überzeugung, dass jeder, der eine Meinung hat, auch richtig liegt, Herr Schimmel! Das wäre nicht Pluralismus sondern Beliebigkeit.

    Manche nennen Menschen die Überzeugungen haben aber auch Rassisten. Insbesondere ist der Begriff des Rassismus ohne Rassen derzeit sehr beliebt. Man kann sogar in wikipedia nachlesen, dass es so etwas geben soll. Als Synonym dazu soll auch der Begriff des kulturellen Rassismus taugen. Nur dürfte den meisten Menschen klar sein, dass es keine einzig wahre Kultur gibt. An einzig wahre Religionen glauben Menschen aber!

    Wenn Sie über „Zerissenheit“ nachdenken, dann sollten Sie auch darüber nachdenken, Herr Schimmel!

  4. Noah sagt:

    Starke Durchleuchtung Hr Schimmel Danke dafür.

    Fr Ates ist somit alles andere als liberal und steht Integrationsprozessen deutlich im Weg. Nicht nur in diesem Punkt.

  5. SB sagt:

    Eine kurze Korrektur: Der Schabbat beginnt Freitag, wenn die ersten drei Sterne am Himmel stehen, und endet tags drauf, wenn wiederum die ersten drei Sterne am Himmel stehen. Am 8.9.18 war das in Berlin offiziell um 20.31 Uhr (vgl. z.B. de.chabad.org). Den Moscheen vorzuwerfen, sie wären mit ihrem Termin respektlos gegenüber den Synagogen gewesen, erscheint mir deshalb nicht richtig.

    Es ist auch nicht richtig, dass der Schabbat für alle Jüdinnen und Juden ein „absoluter Feiertag“ ist. Das trifft eigentlich nur für die orthodoxen und ultraorthodoxen zu. Die aber sind in Berlin klar in der Minderheit, und auch in Israel machen sie nur etwa 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung aus.



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