MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Causa Özil

Das Manifest der Vielen

Sarazzin hatte Recht, Deutschland schafft sich tatsächlich ab. Mesut Özil: U21-Europameister, Weltmeister, bester Nationalspieler 2011, 2012, 2013, 2015 und 2016, Bambi-Integrationspreisträger und Türke bei Misserfolg. Von Elif Köroğlu

Mesut Özil, Fußball, Weltmeister, Özil, Integration
Fußball-Weltmeister Mesut Özil im Jahr 2014 © jikatu @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONElif Köroğlu

Elif Köroğlu absolvierte ihr Bachelor- und Masterstudium in Politikwissenschaften an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover. Zur Zeit promoviert sie an der Universität Osnabrück über die Rolle der Massenmedien in Bezug auf den antimuslimischen Rassismus. Mehr über sie gibt es auf Twitter und Instagram

DATUM26. Juli 2018

KOMMENTARE2

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Dieser Text ist zuvor leicht verändert im Daily Sabah erschienen.

SCHLAGWÖRTER , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Mesut Özil wurde zum Sündenbock für den Misserfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 deklariert. Schon lange vor dem WM-Aus herrschte in der deutschen Berichterstattung ein massives „Özil-Bashing“, verbunden mit rassistischen Äußerungen und Hass. Die von den Medien salonfähig gemachten Ressentiments wurden während der Spiele von den deutschen Fans aufgegriffen – und der Nationalspieler Mesut Özil ausgepfiffen, beleidigt und letztendlich zum Hauptverantwortlichen für den Misserfolg der gesamten Mannschaft gemacht. Selbst nach dem Rücktritt Mesut Özils steht das Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan im Mittelpunkt der medialen Diskussionen, obwohl das Problem ein ganz anderes ist: Rassismus. Deutschland hat ein Rassismusproblem, über das nicht ausreichend gesprochen wird.

Dass in vielen Ländern wachsende rechtsextreme Tendenzen festzustellen sind, steht nicht zur Debatte. Doch im Gegensatz zu Deutschland zeigten die brasilianischen und schwedischen Fußballverbände Solidarität für ihre Spieler, als diese zur Zielscheibe von rassistischer Hetze wurden.

Während die Bild-Zeitung Schlagzeilen wie „Özils Jammer-Rücktritt“ und „Verlogener geht’s kaum“ bringt, scheint die Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) verstanden zu haben, worum es geht: „Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt“. Ja, es ist ein Alarmzeichen und ein Armutszeugnis für Deutschland – und zwar schon seit Jahren. Özil ist nur „Einer von Vielen“.

Özils dreiseitiges Statement

Warum der Rücktritt des Bambi-Integrationspreisträgers nicht nur ihn angeht, sondern ein Wendepunkt für die Mehrheit der 2,8 Millionen von türkischstämmigen Deutschen ist? Weil er die Lebensrealität von Millionen Menschen in Deutschland darlegt, die nicht als vollwertige Deutsche anerkannt werden, unabhängig davon, wie viele akademische Abschlüsse sie aufweisen können oder wie gut sie der deutschen Sprache mächtig sind. Das Foto mit dem türkischen Präsidenten diente lediglich als Vorwand für rassistische Ressentiments, die auch ohne das Foto in breiten Teilen der deutschen Gesellschaft existent sind und ausgesprochen worden wären. Denn der 29-jährige im Ruhrpott geborene Weltfußballer macht in seiner Texttrilogie deutlich, dass er schon immer auf seine ethnische und religiöse Identität reduziert wurde: „Deutschtürke. Nur ich werde so bezeichnet. Bei Sami Khedira sagt keiner „der Deutsch-Tunesier“ oder bei Lukas Podolski und Miroslav Klose „der Deutsch-Pole“. Viele vergessen, dass ich in Gelsenkirchen geboren wurde, in Deutschland aufwuchs“, sagte Özil im Jahr 2015 der „Sport-Bild“. Auch kritisiert Özil in seinem Statement den DFB dafür, dass Lothar Matthäus für sein Foto mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kein gesellschaftliches und mediales Bashing erfuhr, wie es bei Özil der Fall war. Es zeigt sich, dass seine Loyalität für Deutschland auf stetigem Prüfstand war und immer wieder thematisiert wurde.

Özils dreiseitiges Statement ist eine Zusammenfassung der Erfahrungen und Ansichten türkeistämmiger Menschen in Deutschland. „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren“. Die Aussage Özils fasst die Gefühlslage all jener zusammen, die sich unter stetigem gesellschaftlichen Druck in verschiedenen Lebensbereichen beweisen müssen. Das Gefühl, das viele Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ihr Leben lang verfolgt: Die Pflicht, mehr Leistung zu erbringen als der Rest, erfolgreicher zu sein als der Rest, pünktlicher zu sein, fleißiger zu sein, unter stetigem Druck sich zu den Grundprinzipien des deutschen Staates bekennen zu müssen. Denn, wer aus eigener Fahrlässigkeit bei Rot über die Ampel geht, seinen Müll falsch entsorgt oder sich mit etwas temperamentvollerem Ton als gewohnt auf der Straße unterhält, muss dies nicht nur für sich selbst, sondern repräsentativ für alle Türken, Araber, Albaner etc. verantworten.

Die Migrationsgeschichte Deutschlands beweist noch einmal, dass die konstruierte Fremdheit auf Kinder und Kindeskinder übertragen wird und dass das Deutschsein von Menschen mit Migrationshintergrund situationsabhängig ist. Durch die Verbindung des Rassebegriffs mit dem Nationalsozialismus wurde Rassismus als „historisches Phänomen“ aufgefasst, das nur mit dem Nationalsozialismus konnotiert wurde. Darüber hinaus galt der Rassismus als ein Randphänomen, das nicht mit der Mitte der Gesellschaft in Verbindung gebracht wurde. Die Erfahrungen von türkischstämmigen Bürgern und empirische Studien beweisen jedoch, dass der Alltagsrassismus und institutionelle Rassismen keine Randphänomene, sondern die Lebensrealität der Betroffenen sind.

Diese Entwicklung macht Angst

Die Entwicklung der deutschen Gesellschaft macht Angst. Während die AfD im Bundestag als Sprachrohr für rassistische Hetze dient, wird der strukturelle Rassismus auf die AfD reduziert. Doch, dass der Rassismus in breiten Teilen der gesamten Gesellschaft Zuspruch findet, wird verschwiegen. Eine weitere Entwicklung ist die abnehmende Sensibilität in punkto rassistischer Hetze. Während Rassismus immer salonfähiger wird, indem einige Bundestagsabgeordnete rassistische Hetze betreiben, spiegelt sich diese diskriminierende Haltung auch innerhalb der Gesellschaft wider.

Ein weiterer Ort, an dem Rassismus salonfähig geworden ist, sind die Medien. SozialexpertInnen diagnostizieren als Reaktion auf die politische Debatte in den Medien eine zunehmende Mobilisierung von Alltagsrassismus sowie Polarisierung der Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Diese Entwicklung beschreibt auch der Soziologe Stuart Hall. Die Medien seien nicht nur eine machtvolle Quelle von Vorstellungen über „Rasse“, sondern viel mehr Orte, an denen diese Vorstellungen artikuliert, transformiert, aus- und umgearbeitet werden. In diesem Zusammenhang wird zwischen dem impliziten und dem expliziten Rassismus unterschieden. Der explizite Rassismus sei demnach in vielen Fällen einer offenen Berichterstattung über Argumente und Positionen oder Wortführer, die eine offen rassistische Politik oder Auffassung verbreiten wollen.

Der implizite Rassismus hingegen sei eine naturalisierte Repräsentation von Ereignissen im Zusammenhang mit „Rasse“ in Form von Tatsachen oder Fiktion, in die rassistische Prämissen und Ressentiments als ein Satz unhinterfragter Vorannahmen eingehen.

Özils Rücktritt, Manifest von Millionen Deutschen

Diese Vorannahmen ermöglichen – so Hall – die Formulierung rassistischer Aussagen, ohne dass die rassistischen Behauptungen, die ihnen zugrunde liegen, bewusst aufgenommen werden. In diesem Zusammenhang geht Hall auf die politische Gefahr des „unverhüllten“ Rassismus ein, da die offene Parteinahme von den Medien eine nicht zu bagatellisierende Entwicklung sei.

Hall erachtet primär nicht die offene Verbreitung rassistischer Politik und Ideen sowie ihre Übersetzung in populistische Umgangssprache als problematisch, sondern kritisiert viel mehr die Tatsache, dass solche Ressentiments offen ausgesprochen und verteidigt werden können, was zur Legitimierung ihrer öffentlichen Äußerung führt und somit die öffentliche Toleranzschwelle gegenüber dem Rassismus erhöht. Dies fasst er folgendermaßen zusammen: „Rassismus wird akzeptabel und nicht allzu lange danach wahr, er wird zum gesunden Menschenverstand, zu dem was jeder weiß und was allgemein gesagt wird.“

Die Berichterstattung in dem Fall Özils zeigt, dass die betriebene rassistische Propaganda nicht nur auf den Titelblättern blieb, sondern von den Fans übernommen und reproduziert wurde. Es gibt keinen Aufschrei, wenn ein deutscher Nationalspieler als „Türkensau“ beschimpft wird, oder wenn kopftuchtragende Frauen im Bundestag als „Taugenichtse“ etikettiert werden. Es gibt keine Hemmschwelle mehr, Rassismus ist zur Alltagsrealität von Menschen mit Migrationshintergrund geworden. Aus diesem Grund ist Özils Rücktritt ein Manifest von Millionen von Deutschen, die im eigenen Land zu „Anderen“ gemacht wurden.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Das stimmt alles nicht so.
    Das einzige Problem war, dass man den Verdacht haben konnte, Özil sei en Erdoganist. Er hätte sich erklären können. Er hätte sagen können „ich denke nicht an Erdogan und untestütze ihn nicht in der Wahlkampagne, ich wollte nur mit der patriarchalen Figur aus dem Land meiner Eltern fotografiert werden“ oder so etwas ähnliches. Aber er wollte nicht reden, wollte sich nicht erklären, ganz in der Manier der alten Männer mit Bart, die einfach Entscheidungen treffen und sich nicht erklären müssen. Wegen Erdoganismus-Verdacht konnte sich der DFB sich nicht hinter ihn stellen. Große Fehler machen und dann die Rassismus-Keule schwingen ist unredlich. Am Ende hat Özil auch noch die Entscheidung getroffen, die ihn selbst am meisten trifft.

  2. aloo masala sagt:


    Das einzige Problem war, dass man den Verdacht haben konnte, Özil sei en Erdoganist.

    Wenn sich Özil mit Merkel ablichten lässt, hat man dann auch den Verdacht er unterstützt Merkel und macht Wahlpropaganda für die CDU?

    Es ist bemerkenswert, dass man in einer Demokratie von Özil verlangt, dass er sich für seine persönliche Haltung gefälligst rechtfertigen solle. In einem Land, dass sich Persönlichkeitsrechte, Selbstbestimmungsrechte und das Recht auf freie Meiniungsäußerung auf die Fahnen geschrieben hat, sind solche Forderungen anmaßend und borniert.


    Wegen Erdoganismus-Verdacht konnte sich der DFB sich nicht hinter ihn stellen.

    Was für ein Armutszeugnis. Aufgrund eines Verdachts überlässt man Özil bis heute den rassistischen Anfeindungen. Als ob es eine Rechtfertigung für Rassismus gibt. Und das von einem Verband, der lauthals den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung als seine Werte propagiert und wie eine Monstranz vor sich herschiebt. Der Kampf gegen den Rassismus dient nur der Marke DFB. Wenn es für dem DFB nicht marktkompatibel ist und kriminelle Sponsoren wie Daimler-Benz sich wegen ihrer Marke Sorge machen, dann lässt man die hehren Werte fallen und nimmt Rassismus gegen Özil in Kauf.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...