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Der Untergang des Abendlandes

Unsere Demokratie stirbt im blendenden Scheinwerferlicht. Wir sehen dabei zu, wie wir auch dabei zusehen, wie unser Lebensstil unsere Lebensgrundlagen vernichtet. Von Sven Bensmann

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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

VONSven Bensmann

Sven Bensmann (geb. 1983 bei Osnabrück) hat Philosophie, mittlere und neuere Geschichte, sowie europäische Ethnologie in Kiel studiert und einige Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ein politisches Blog betrieben.

DATUM5. Juni 2018

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RESSORTAktuell, Panorama

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Occident, n.: The part of the world lying west (or east) of the Orient. It is largely inhabited by Christians, a powerful subtribe of the Hypocrites, whose principal industries are murder and cheating, which they are pleased to call ‘war’ and ‘commerce’. These, also, are the principal industries of the Orient. (dt: Abendland: Jener Teil der Welt, der westlich (bzw. östlich) des Morgenlandes liegt. Größtenteils bewohnt von Christen, einem mächtigen Unterstamm der Hypokriten, dessen wichtigste Gewerbe Mord und Betrug sind, von ihnen gern ’Krieg’ und ’Handel’ genannt. Dies sind auch die wichtigsten Gewerbe des Morgenlands.) – Ambrose Bierce, The Devil‘s Dictionary

Das ist das Ende.

Nein, nicht das Ende der menschlichen Zivilisation: da bleiben uns nach seriösen Schätzungen noch rund 30 Jahre. Aber wir erleben gerade das Ende der liberalen Demokratie.

Es äußert sich geopolitisch in der selbstgewähten Isolation der USA – und dem Ende deren recht kurzen Epoche als verlässlicher Partner kapitalistischer Agenten auf der ganzen Welt, mit all den positiven Beispielen wie dem signifikanten, wenn auch in Westdeutschland seit jeher übertriebenen, Beitrag zum Sturz des europäischen Faschismus, bis hin zu den Negativbeispielen wie den Putschen gegen demokratische Regierungen zur Installation von Militärdiktaturen insbesondere auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Ebenso äußert es sich im Aufstieg Chinas zum neuen Dreh- und Angelpunkt der Weltordnung, als wichtigster Entwicklungspartner Afrikas, als Hegemonialmacht in Asien, als vielleicht bereits wichtigster Wirtschaftspartner Europas, der über verschiedene Organisationen gerade in Osteuropa zunehmend politischen Druck ausübt, und als Militärmacht, die die USA herausfordert und dabei über die mächtigste Waffe verfügt, die in unserer Zeit existiert: Devisen, Schulden der US bei der VR China.

Im Kleineren sehen wir, wie in Ungarn der Aushilfsnazi und CSU-Freund Viktor Orban  eine protofaschistische neue Gesellschaftsordnung installiert, wie die Türkei einen ähnlich autokratischen Kurs eingeschlagen hat und dabei, genau wie Ungarn oder die rechten Populisten im Rest Europas dabei vor allem die Presse und ihre Glaubwürdigkeit ins Visier genommen hat. Eine Parallele übrigens, die im Lichte des bei der ungarischen Rechten von Fidesz bis Jobbik durchaus populären Turanismus, jener postulierten Gemeinsamkeit aller Turkvölker, die Beliebigkeit dieser bipolaren Störung insbesondere innerhalb der Münchener Staatskanzlei eklatant offenbart.

Auf die Gesellschaft als Ganzes wirkt all das offenbar: Auf der einen Seite wird eine Kreuzpflicht in Ämtern installiert, die allen Andersgläubigen, von Nichtchristen bis Nichtgläubigen, vermittelt nicht dazuzugehören, andererseits werden europaweit immer neue „Kopftuchverbote“ verhängt und damit die persönlichen Freiheiten eines Teils der Bevölkerung signifikant eingeschränkt – vermummt als ein Feminismus, der so progressive Kräfte wie die Springer-Kolumnistin und „Islam-Kritikerin“ Alice Schwartzer mit Alexander Gauland, diesem Vogelschiss im Parlament, miteinander verknüpft. Und wann haben wir eigentlich angefangen, diejenigen als „Kritiker“, sei es nun „Israel-Kritiker“ oder „Islam-Kritiker“, zu bezeichnen, die offensichtlich besonders wenig von ihrem Gegenstand verstehen? Das war mal anders. Und früher war sicher nicht alles besser – aber das war besser.

Dass diese Prozesse unumkehrbar sind, ist unwahrscheinlich. Dass sie umgekehrt werden, ist es aber mindestens ebenso. Die wenigen Fortschritte, die an der Peripherie Europas auf einer weit, weit entfernten Inselgruppe irgendwo hinter dem Land mit den sieben Banken bei den sieben Zollschranken erreicht werden, die gerade dabei ist, sich aus dem erstickenden Griff der katholischen Kirche zu befreien, deuten bedauerlicherweise nicht auf das Gegenteil. Irland holt gerade nur etwas auf, nachdem es bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen Jahrzehnte hinterherhängt – und dabei kommt ihm ausgerechnet die Randlage zu Gute: Osteuropa befindet sich über Entwicklungsbanken und -projekte insbesondere im Hinblick auf die Belt-and-Road-Initiative der Chinesen, die sogenannte „neue Seidenstraße“ bereits in größerer wirtschaftlicher Abhängigkeit zu China, das deutsche Schattenkabinett, bestehend aus der deutschen Autoindustrie um BMW, Daimler, VW, Bosch u. a., verkauft auch bereits einen Löwenanteil der eigenen Produkte nach China. Und der allgemeine Trend geht in eine klare Richtung: der russische Bär, der sich mit der AfD mittlerweile seine eigene deutsche Lobby leistet und noch über einige Expertise in Sachen Propaganda verfügt, hat daran ebenso einen Anteil, wie die antikemalistische Restauration in der Türkei oder die Relativierung von Rassismus durch Trumps Administration.

Mit der Intensivierung der ökonomischen Hegemonie Deutschlands in der EU, die ihrerseits keinen Sinn für liberale oder soziale Entwicklungen hat, dem soziopolitischen Rechtsruck innerhalb Deutschlands bis hin in Die Linke hinein, und dem von der Lichtgestalt Macron in Frankreich geplanten sozialen Kahlschlag, der schon in Deutschland so hervorragend funktionierte indem er die Menschen für die liberale Demokratie begeistert hat, sowie dem Brexit, lässt sich jedenfalls keine sonderlich positive Prognose für die individuellen Freiheiten und damit die Menschenrechte erstellen.

Die Washington Post formuliert seit Trump: „democracy dies in darkness“. Das ist nicht wahr: Sie stirbt im blendenden Scheinwerferlicht. Wir sehen dabei zu, wie wir auch dabei zusehen, wie unser Lebensstil unsere Lebensgrundlagen vernichtet. Und das ist das eigentlich Tragische: Am Ende wird niemand überrascht sein, dass es passiert ist – aber viele werden fragen: Wie konnte das bloß passieren? Die AfD ist jedenfalls keine Ursache dieser Entwicklungen, sie ist nur ein Symptom dieses letztlich selbstgemachten Untergangs des Abendlands.

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