MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Von Ausnahmen und Regeln

Sie kollektivieren das Schlechte und individualisieren das Gute

Ein Ausländer, der sich schlecht benimmt, steht für alle Ausländer. Ein Ausländer, der sich gut benimmt, ist eine Ausnahme. Schluss damit! Lorenz Narku Laing formuliert mal das Gegenteil.

Lorenz Narku Laing, MiGAZIN, Rassismus, Schwarze Jugend in Deutschland
Lorenz Narku Laing © privat, bearb. MiG

VONLorenz Narku Laing

Lorenz Narku Laing ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie der Ludwig-Maximilians-Universität München und arbeitet seit 2014 als Diversity-Trainer über seine Plattform Vielfaltsprojekte. Er ist u.a. Vorstand von Humanity in Action Deutschland e.V., Alumni vom Empowermentprogramm Network Inclusion Leaders und Mitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. In der Vergangenheit engagierte sich Lorenz Narku Laing als Vorsitzender der Schwarzen Jugend in Deutschland und als Senator an der Zeppelin Universität. Zwischen 2011 und 2014 arbeitete Laing als hauptamtlicher pädagogische Fachkraft an Frankfurter Förderschulen und Jugendeinrichtungen. Seine langjährige Arbeit mit jungen Männern führt er bis heute als American Football-Coach in der Jugendbundesliga fort. Lorenz Narku Laing hat einen B.A. in Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt und einen M.A. in Politics, Administration & International Relations an der Zeppelin Universität. Während seines Auslandsstudiums am King´s College London schrieb er einen Blog und Beiträge für die Regionalzeitung Frankfurter Neue Presse rund um das Thema Vielfalt.

DATUM27. April 2018

KOMMENTARE1

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Nach statistischem Bundesamt leben in Deutschland inzwischen 10 Millionen Ausländer. So viele wie nie zuvor. Leicht ist es möglich, mit dieser Aussage Ängste vor Überfremdung zu schüren und andere rechtspopulistische Narrative zu bemühen. Doch sind dies meist keine Fremden, sondern viele von ihnen leben bereits seit Jahrzehnten in unserer Mitte. Auch ich war bis zu meiner Einbürgerung im Jugendalter ein gewöhnlicher Ausländer. Geboren in Mainz am Rhein und aufgewachsen in Rheinhessen. Wie viele Ausländer kannte ich nur Deutschland als meine Heimat und wäre im Land meiner Staatsbürgerschaft erstmals „fremd im eigenen Land“ gewesen.

Ausländer sind in meinem Leben alltäglich geworden: Als Mitspieler, als Arbeitskollegen und als Familienmitglieder. Leider ist die Feindlichkeit gegenüber Ausländern noch immer deutlich spürbar. So bemühen rechte Kräfte nun wieder sehr laut die wiederkehrenden Erzählungen über den „schlechten Ausländer“. Sie stilisieren ihn als Problem für den Arbeitsmarkt. Ein arbeitsloser Ausländer ist nur auf der Suche nach einem Sozialstaatsutopia nach Deutschland gekommen. Ein arbeitender Ausländer nimmt einem Deutschen die Arbeit weg oder drückt Löhne.

Sie kollektivieren das Schlechte und individualisieren das Gute. Ein Ausländer, der sich „schlecht benimmt“, steht symptomatisch für alle Ausländer. Ein Ausländer, der sich „gut benimmt“, ist ein Leuchtturm und „kein typischer Ausländer“. Sie imaginieren den Ausländer als leistungsunfähiges und -unwilliges Subjekt. Ein Ausländer, der es in eine hohe wirtschaftliche und politische Funktion geschafft hat, hat dies nur aufgrund von Quoten oder politischer Korrektheit geschafft. Ein Ausländer, der es nicht dorthin geschafft hat, hat sich nicht ausreichend bemüht.

In der rechtspopulistischen Logik bleibt der Ausländer schlecht und problematisch. Er ist Bedrohung für das vermeintlich „reine“ und „gute“ Volk. Unabhängig davon, ob er sich wohl integriert oder nicht. So betonen Menschen in meinen Erfolgsmomenten stets mein „Deutsch-sein“ und in spontanen Konfliktsituationen werde ich immer wieder als „Ausländer“ bezeichnet. Dieser billigen Logik entgegne ich mal mit engagierten Diskussionen und mal mit einem genervten Lächeln.

Ausländer leisten ihren Beitrag beispielsweise als Eltern, Arbeiter, Wissenschaftler oder Ehrenamtliche. Keineswegs sind sie nur ein Tropfen in einer überwältigenden Flut. Intuitiv ist uns diese Verbindung von Migration, Produktion und Innovation bekannt. So sind die intellektuellen und wirtschaftlichen Metropolregionen wie New York, London oder Paris besonders von Migration gekennzeichnet. In Deutschland ist dies mit dem Rhein-Main-Gebiet, München oder Berlin sehr ähnlich.

Es wird in Deutschland viel geschimpft auf „den Ausländer“ und ich formuliere mal ganz persönlich das Gegenteil: Danke! Danke, für euren Beitrag zum Wirtschaftswunder. Danke, für die nach einer Bertelsmann Stiftung im Jahr 2012 errechneten Entlastungen für den Sozialstaat von 22 Milliarden Euro – 3.300 Euro pro Kopf. Danke, für die Essensvielfalt in deutschen Innenstädten. Danke, für all die migrantischen Kinder, die uns die Weltmeisterschaft geholt haben.

Daher war meine Reaktion auf diese Zahl kein Gefühl der Überwältigung, sondern ein Impuls von Ärgernis. Es ist schön, dass wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben, aber es ist viel schwerer dies mit Inhalten zu füllen. Es ist ärgerlich, dass so viele Menschen nicht vollumfänglich an unserer Demokratie teilhaben können. Sie können nicht wählen oder sie können für viele politische Ämter nicht kandidieren. Daher sollten wieder verstärkt Wege gefunden werden, aus Ausländern Deutsche zu machen. Wer Angst vor einem diversen Staatsvolk hegt, dem ist kurz und knapp mit den Worten vom Philosophen Habermas zu entgegnen: „…moderne Gesellschaften sind nicht homogen.“

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

Ein Kommentar
Diskutieren Sie mit!»

  1. Frank Frei sagt:

    Es ist irrelevant, ob der eine Mensch gut oder schlecht ist. Solange ich nicht gezwungen werde für etwas zu zahlen, dass ich nicht will.
    In jeder Eckkneipe geht es rechtstaatlicher zu. Da bezahlt der, der bestellt.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...