Von Ausnahmen und Regeln

Sie kollektivieren das Schlechte und individualisieren das Gute

Ein Ausländer, der sich schlecht benimmt, steht für alle Ausländer. Ein Ausländer, der sich gut benimmt, ist eine Ausnahme. Schluss damit! Lorenz Narku Laing formuliert mal das Gegenteil.

Nach statistischem Bundesamt leben in Deutschland inzwischen 10 Millionen Ausländer [1]. So viele wie nie zuvor. Leicht ist es möglich, mit dieser Aussage Ängste vor Überfremdung zu schüren und andere rechtspopulistische Narrative zu bemühen. Doch sind dies meist keine Fremden, sondern viele von ihnen leben bereits seit Jahrzehnten in unserer Mitte. Auch ich war bis zu meiner Einbürgerung im Jugendalter ein gewöhnlicher Ausländer. Geboren in Mainz am Rhein und aufgewachsen in Rheinhessen. Wie viele Ausländer kannte ich nur Deutschland als meine Heimat und wäre im Land meiner Staatsbürgerschaft erstmals „fremd im eigenen Land“ gewesen.

Ausländer sind in meinem Leben alltäglich geworden: Als Mitspieler, als Arbeitskollegen und als Familienmitglieder. Leider ist die Feindlichkeit gegenüber Ausländern noch immer deutlich spürbar. So bemühen rechte Kräfte nun wieder sehr laut die wiederkehrenden Erzählungen über den „schlechten Ausländer“. Sie stilisieren ihn als Problem für den Arbeitsmarkt. Ein arbeitsloser Ausländer ist nur auf der Suche nach einem Sozialstaatsutopia nach Deutschland gekommen. Ein arbeitender Ausländer nimmt einem Deutschen die Arbeit weg oder drückt Löhne.

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Sie kollektivieren das Schlechte und individualisieren das Gute. Ein Ausländer, der sich „schlecht benimmt“, steht symptomatisch für alle Ausländer. Ein Ausländer, der sich „gut benimmt“, ist ein Leuchtturm und „kein typischer Ausländer“. Sie imaginieren den Ausländer als leistungsunfähiges und -unwilliges Subjekt. Ein Ausländer, der es in eine hohe wirtschaftliche und politische Funktion geschafft hat, hat dies nur aufgrund von Quoten oder politischer Korrektheit geschafft. Ein Ausländer, der es nicht dorthin geschafft hat, hat sich nicht ausreichend bemüht.

In der rechtspopulistischen Logik bleibt der Ausländer schlecht und problematisch. Er ist Bedrohung für das vermeintlich „reine“ und „gute“ Volk. Unabhängig davon, ob er sich wohl integriert oder nicht. So betonen Menschen in meinen Erfolgsmomenten stets mein „Deutsch-sein“ und in spontanen Konfliktsituationen werde ich immer wieder als „Ausländer“ bezeichnet. Dieser billigen Logik entgegne ich mal mit engagierten Diskussionen und mal mit einem genervten Lächeln.

Ausländer leisten ihren Beitrag beispielsweise als Eltern, Arbeiter, Wissenschaftler oder Ehrenamtliche. Keineswegs sind sie nur ein Tropfen in einer überwältigenden Flut. Intuitiv ist uns diese Verbindung von Migration, Produktion und Innovation bekannt. So sind die intellektuellen und wirtschaftlichen Metropolregionen wie New York, London oder Paris besonders von Migration gekennzeichnet. In Deutschland ist dies mit dem Rhein-Main-Gebiet, München oder Berlin sehr ähnlich.

Es wird in Deutschland viel geschimpft auf „den Ausländer“ und ich formuliere mal ganz persönlich das Gegenteil: Danke! Danke, für euren Beitrag zum Wirtschaftswunder. Danke, für die nach einer Bertelsmann Stiftung im Jahr 2012 errechneten Entlastungen für den Sozialstaat von 22 Milliarden Euro – 3.300 Euro pro Kopf. Danke, für die Essensvielfalt in deutschen Innenstädten. Danke, für all die migrantischen Kinder, die uns die Weltmeisterschaft geholt haben.

Daher war meine Reaktion auf diese Zahl kein Gefühl der Überwältigung, sondern ein Impuls von Ärgernis. Es ist schön, dass wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben, aber es ist viel schwerer dies mit Inhalten zu füllen. Es ist ärgerlich, dass so viele Menschen nicht vollumfänglich an unserer Demokratie teilhaben können. Sie können nicht wählen oder sie können für viele politische Ämter nicht kandidieren. Daher sollten wieder verstärkt Wege gefunden werden, aus Ausländern Deutsche zu machen. Wer Angst vor einem diversen Staatsvolk hegt, dem ist kurz und knapp mit den Worten vom Philosophen Habermas zu entgegnen: „…moderne Gesellschaften sind nicht homogen.“