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Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Gesund, bäuerlich, deutsch

NS-Propagandafotografie im Dienst der Blut- und Boden-Ideologie

Gesund, bäuerlich und deutsch, so definierte der NS-Reichsminister Darré sein Ideal des „nordischen Menschen“. Zur Verbreitung dieser Rassenideologie ließ er Propagandafotos von Jugendlichen machen, die jetzt in einer Ausstellung gezeigt werden. Von Sigrid Hoff

Ausstellung, Topographie des Terrors, Im Dienst der Rassenfrage, Nationalsozialismus
„Im Dienst der Rassenfrage”. Propagandafotografien im Auftrag des Reichsministers R. Walther Darré © Stiftung Topographie des Terrors/Britta Scherer

DATUM19. Januar 2018

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Auf den ersten Blick wirken die Fotografien fast harmlos: Junge Mädchen in knappen Sporttrikots, die zum Speerwurf ansetzen oder einen Ball über den Kopf balancieren, die weiblichen Formen verführerisch betont, junge blonde Männer mit athletischen nackten Oberkörpern und entschlossenem Blick beim Gruppenlauf, fröhlich tanzende Paare in volkstümlicher Kleidung. Erst die Gleichförmigkeit der so inszenierten Jugendlichen verrät die ideologische Botschaft dieser Bilder.

Im Dienste der Rassenfrage“ heißt eine neue Sonderausstellung im Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, die am Mittwoch eröffnet wird. Zu sehen sind Propagandafotografien, die der nationalsozialistische Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Richard Walther Darré (1895-1953), in Auftrag gegeben hatte, um sein Ideal der „nordischen Rasse“ zu verbreiten. Der NS-Rassenfanatiker war ein glühender Vertreter der nationalsozialistischen „Blut-und-Boden“-Ideologie.

Ideal des „nordischen Menschen“

Im Mittelpunkt der Schau stehen Aufnahmen der Wiener Fotografin Anna Koppitz und des Berliner Sportfotografen Hanns Spudich. Erarbeitet wurde die Ausstellung am Photoinstitut Bonartes in Wien. Sie beleuchtet in drei großen Abschnitten die Hintergründe der Rassenideologie Darrés, die Geschichte der „Reichsschule des Nährstandes für Leibesübungen“ in Burg Neuhaus bei Wolfsburg und den gezielten Einsatz der Fotografie als Propagandainstrument. Zu sehen sind 119 Bilder auf 36 Tafeln, ergänzt durch zwei Vitrinen mit Originalfotos und einer Medienstation.

Gesund, bäuerlich und deutsch, so definierte Reichsminister Darré sein Ideal des „nordischen Menschen“. Das Bauerntum war für ihn die „Lebensquelle des deutschen Volkes“. 1935 gründete er die „Reichsschule“ in Burg Neuhaus. In der mittelalterlichen Burganlage wurden Hunderte Jugendliche aus dem Bauernstand, ausgewählt nach physiognomischen Kriterien, in speziellen Kursen auch ideologisch geschult.

Besinnung auf die Wurzeln

Gymnastische Übungen sollten ihre Leistungsfähigkeit steigern, mit Volkstänzen und -gesängen sollten sich die Jugendlichen auf ihre Wurzeln besinnen und nach ihrer Rückkehr Führungspositionen in ihren Dörfern übernehmen. Zugleich nutzte Darré die Schule, um ideale Fotomodelle zu finden, mit denen sich die Existenz seines Rasseideals propagandistisch belegen ließ.

Durch einen Zufall war die österreichische Fotohistorikerin Magdalena Vuković, die die Ausstellung gemeinsam mit zwei Historikerinnen kuratierte, auf ein Konvolut von Aufnahmen gestoßen, das offenbar zu Propagandazwecken angefertigt worden war. Sie fand heraus, dass Reichsminister Darré die Wiener Fotografin Anne Koppitz 1938 beauftragt hatte, Schülerinnen und Schüler in Burg Neuhaus zu fotografieren, um Propagandamaterial zur Illustration seiner „Blut-und-Boden“-Schriften zu erhalten. Die Modelle sind zumeist vor blauem Himmel inszeniert und aus der Untersicht fotografiert, was den Aufnahmen eine besondere Dynamik verleiht.

„Politische Leibesübungen“

Info: Die Ausstellung „Im Dienst der Rassenfrage – Propagandafotografien im Auftrag des Reichsministers R. Walther Darré“ im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors ist bis 8. April täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet.

Vorbild für die Heroisierung des Körperlichen waren die Arbeiten der NS-Regisseurin Leni Riefenstahl. Zum Vergleich werden in der Ausstellung Produktionsfotos (Stills) aus Riefenstahls Film über die Olympischen Spiele von 1936 gezeigt. Zusätzlich zu Anna Koppitz wurde der Berliner Sportfotograf Hanns Spudich engagiert, der insbesondere männliche Jugendliche ins Bild setzte. Aus den Gruppenaufnahmen spricht ein militärischer Korpsgeist, der verrät, dass die „politische Leibesübungen“ in Burg Neuhaus, wie sie explizit genannt wurden, auch zur Kriegsvorbereitung dienten.

Für die rassistische Ideologie Darrés standen jedoch die Fotos der weiblichen Modelle im Zentrum: Sie sollten den Blick des Mannes schulen und ihn bei der Auswahl seiner Partnerin leiten. Schließlich war das „Zuchtziel“ des deutschen Volkes in Darrés Vorstellung die Mehrung idealer „nordischer“ Erbanlagen. Zugleich vermitteln die Fotos den antisemitischen Gehalt dieser Auslese: Juden sollten künftig keinen Platz mehr im deutschen Volkskörper haben. Der Boden für den Genozid war medial vorbereitet. (epd/mig)

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