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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Angstlust

Warum fürchtet ihr Euch nicht endlich?

Die Angstlust folgt eigenen Gesetzen: Bergsteiger kennen sie, Drogenkonsumenten leben mit ihr, AfD-Anhänger brauchen sie. Um Angstlust anzufeuern und nutzbar zu machen, muss man nichts weiter tun, als besonnene Stimmen wegzulassen.

Sami Omar, Sami, Omar, MiGAZIN
Sami Omar © privat, bearb. MiG

VONSami Omar

Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk "Geht schon, danke". Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

DATUM18. Januar 2018

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RESSORTAktuell, Meinung

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Im Grenzland von Bedrohung und Erregung lebt die Angstlust. Man findet sie in Momenten, in denen man sich lustvoll einer beherrschbaren Angst hingibt, um daraus eine wohlige Aufregung zu generieren. Sie folgt eigenen Gesetzen. Sie ist expansiv, impulsiv – ein Ding für sich. Bergsteiger kennen sie. Drogenkonsumenten leben mit ihr. AfD-Anhänger brauchen sie.

Sie brauchen sie, weil die AfD sich aus vornehmlich zwei Dingen nährt: dem Glauben an den Zustand der eigenen Entrechtung und dem Glauben an akute Bedrohung. Angstlust schafft Arbeitsplätze in Redaktionen und Parteibüros.

Erst kürzlich war wieder zu beobachten, wie sie für die völkische Rechte medial nutzbar gemacht wurde. In einer Studie, die das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben hatte, werteten die Kriminologen Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem Daten der polizeilichen Kriminalstatistiken aus.

Diese bezogen sich auf das Land Niedersachsen, dessen Justizminister Professor Christian Pfeiffer von 2000 bis 2003 war. Die Studie stellt einen Zusammenhang zwischen Kriminalitätsanstieg und dem Zuzug von Geflüchteten her, indem sie sagt, dass der Anstieg der Gewalttaten um 10,4 Prozent zu über 90 Prozent Geflüchteten zuzurechnen sei.

Um Angstlust anzufeuern und nutzbar zu machen muss man mit den Erkenntnissen dieser Studie nichts weiter tun, als die Interpretation der Wissenschaftler und anderer besonnener Menschen wegzulassen.

Man muss verschweigen, dass Geflüchtete und Migranten an sich deutlich bereitwilliger angezeigt werden (doppelt so oft), als Bürger, der Mehrheitsgesellschaft zugeordnet werden. Man muss verschweigen, dass Kriminalstatistiken Anzeigen erfassen, keine Verurteilungen und in diesem Sinne der Unschuldsvermutung vorgegriffen wird, wenn man Verdächtige und Täter gleichsetzt.

Und man muss zumindest vernachlässigen, dass Gewalttaten von Geflüchteten in den Jahren 2014 bis 2016 – dem Zeitraum, den die Studie behandelt – zu großen Teilen Gewalttaten unter Geflüchteten sind (75 Prozent). In dieser Zeit kam es in den massiv überbelegten Notunterkünften Land auf und Land ab zu unzähligen Polizeieinsätzen, die das gestiegene Aggressionspotenzial von Menschen einzufangen hatten, die unfreiwillig, auf engstem Raum und nach teils traumatischen Fluchterfahrungen zusammenlebten.

All dies zu negieren und auf die Verunsicherung der Leser und Zuschauer zu setzten, ist derzeit der Treibstoff vieler Debatten, die Parteien und Redaktionen nützten, aber keinesfalls dem Zusammenlaben der Bürger – ob alt oder neu.

Angstlust klingt in den Ohren mancher, als verspotte man jene, die sich wirklich fürchten und tatsächlich Angst empfinden, die sie nicht ablegen oder eindämmen können.

Aber ich behaupte, dass das die Minderheit derer ist, die über Geflüchtete reden, als seien sie eine Bedrohung oder ein Assimilierungsprojekt. Xenophobie ist in diesem Sinne keine Phobie, sondern eine Geisteshaltung.

Ein großer Teil der Menschen sehnt sich danach, die Debatte um Flucht und Migration zu „gewinnen“ – als sei damit irgendjemandem geholfen. Neben vielen Schreihälsen im Internet findet man im Fernsehen bei Sat1 immer wieder Belege für eine vergleichsweise subtile Form dieser Haltung. Claus Strunz, der Inhaber der Maz & More TV Produktion, die das Sat.1-Frühstücksfernsehen herstellt, kommentiert in eben dieser Sendung die Ergebnisse der Studie aus Niedersachsen:

„Alles, was Menschen, die mit offenen Augen und gesundem Verstand durchs Leben gehen seit knapp zwei Jahren sehen und sagen, ist jetzt amtlich. Diejenigen, die das stets weggeredet, verharmlost, die ihre Kritiker als zu ängstlich, dumm oder rechtsradikal herabgewürdigt haben – also alle Politiker in Regierungsverantwortung, außer der CSU – werden jetzt umdenken müssen.“

Was Claus Strunz hier im Gestus der Volksfürsorge und des fehlgeleiteten Stolzes fragt, ist im Kern:

Warum fürchtet ihr Euch nicht endlich?

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2 Kommentare
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  1. Roman sagt:

    Lieber Sami Omar, danke für den differenzierenden Artikel.
    Für meine eigenen Diskussionen und Argumentationen möchte ich Sie noch um eine Belegstelle bitten: Sie schreiben: „Man muss verschweigen, dass Geflüchtete und Migranten an sich deutlich bereitwilliger angezeigt werden (doppelt so oft)“. Wo finde ich einen Beleg für diese Aussage? Steht das auch in der von Ihnen angeführten Studie von Pfeiffer / Beier / Kliem? Grüße, Roman



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