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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Buchtipp zum Wochenende

Mehr Kopf als Tuch. Muslimische Frauen am Wort

Zahlreiche Bücher werden über muslimische Frauen verfasst, wenige von ihnen. Hier schreiben nun Musliminnen aus Österreich und Deutschland über verschiedene Themen, die sie beschäftigen. MiGAZIN veröffentlicht den Beitrag „Wat für’n Ding? Rasta-Punk-Islam?“ von Anja Hilscher in Auszügen:

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"Mehr Kopf als Tuch. Muslimische Frauen am Wort" © Tyrolia-Verlag

VONAnja Hilscher

Nach dem Studium des Lehramtes an Grund- und Hauptschulen und einer Erziehungspause absolvierte Anja Hilscher eine Ausbildung zur "Beraterin für interkulturelle Fragen" und arbeitet nun als Leiterin von Integrationskursen. Anjas Hobbys sind planlose Aktionen aller Art (z.B. Reisen), "alles rund ums Wort" und Horizonterweiterung. 2012 erschien ihr Buch "Imageproblem".

DATUM10. November 2017

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Es war in einem dieser schneereichen Winter – schon etwas länger her also – auf dem Weg zu Aldi. Ein PKW am Straßenrand war eingeschneit und steckte in der Parklücke fest. Gedankenverloren ging ich an dem Wagen vorbei, als mir plötzlich der laut aufheulende Ton des Motors ins Bewusstsein drang. Spontan blieb ich stehen. Ich sah dem hinterm Steuerrad fluchenden und kämpfenden Mann ein paar Sekunden lang zu und suchte nach den richtigen Worten. Als er den Kopf kurz aus dem Fenster steckte um, besser sehen zu können, rief ich ihm freundlich zu: „Ähm…den Zweiten haben Sie aber drin, oder…?“- Achten Sie an dieser Stelle bitte auf meine vorsichtige Formulierung als Suggestivfrage, mit der ich dem Fahrer eine gewisse Intelligenz unterstellte. Völlig unbegründet, nebenbei bemerkt, denn der Zweite war nicht drin. Gerade deshalb fühlte sich der Fahrer vielleicht provoziert. Jedenfalls stieg er plötzlich aus, musterte mich interessiert und sagte dann:

„So was muss ich mir von Ihnen als Frau sagen lassen?“

„Sieht ganz so aus!“ erwiderte ich, und fügte hinzu:

„…Und dann noch eine mit Kopftuch. Ganz schön bitter, was?“

Ein paar Sekunden sah mich der Mann verwirrt an. Er schien zutiefst verblüfft, dass jemand seine ihm selbst bis dahin unbewussten Gefühle so treffend in Worte gefasst hatte. Dann stieß er plötzlich seinen Zeigefinger auf meine imaginäre Brust (die de facto 10 Meter entfernt war). Er sagte: „Genau…das!!“ Das Niveau dieser Unterhaltung war mir aber entschieden zu niedrig, außerdem brauchte ich wirklich dringend Kaffeefilter. Ich lachte kurz auf, grüßte und setzte dann meinen Weg fort. Nach ca. 200 Metern überholte mich der PKW, der im zweiten Gang offensichtlich keine Probleme gehabt hatte, aus der Parklücke zu kommen. Der Fahrer kurbelte das Fenster runter und rief mir zu: „Ich hab’s nicht so gemeint…!“

„Schon gut!“ schrie ich zurück und freute mich, offensichtlich einen kleinen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet zu haben. Vielleicht überlegt der Typ nächstes Mal eine Sekunde, bevor er eine hilfsbereite Kopftuchfrau anpflaumt…!

Warum definieren sich gläubige Muslime eigentlich oft so stark über ihre Religion? Warum sieht sich eine muslimische Frau mit Kopftuch (heute…im Gegensatz zu den Fünfzigern, als viele Frauen Kopftücher trugen) eigentlich in erster Linie als eine muslimische Frau mit Kopftuch? Warum stellen wir das immer so in den Vordergrund? Viele finden das nervig. Nun ja… Wegen Erlebnissen wie diesen!  Sie sehen ja, dass ich mit meiner Analyse im Gespräch mit dem Ausparker ganz richtig gelegen hatte. Ich weiß ganz gut, in welcher Schublade ich stecke.  Tatsache ist aber: Ich bin gar nicht nur muslimische Kopftuchfrau.  Schon gar nicht in dem Sinne der vier F, wie gemeinhin angenommen: Frömmelnd, fremdbestimmt, fanatisch, führerscheinlos? – Nö! Alles voll daneben!

Als ich ca. zwölf war, las ich den EMMA-Jahresband meiner Mutter, deren Emanzipiertheit sich damals so äußerte, dass sie keine Lust mehr hatte, zum Familieneinkommen beizutragen. Irgendwann entschloss sie sich, hauptberuflich meinem Vater auf der Tasche zu liegen. „Doch….! War schon schön, sein eigenes Geld zu verdienen, früher…!“ schwärmt sie heute regelmäßig. Offensichtlich aber nicht schön genug, um auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie wieder arbeiten gehen wollte. Wozu auch. Mein Vater verdiente genug. Sie gab es lieber aus. Nicht, dass ich das als irgendwie vorbildlich hinstellen möchte. Ich bin inzwischen froh, arbeiten gehen zu dürfen. Aber das Vorbild meiner Mutter und anderer, wenig arbeitswilliger, emanzipierter Frauen mit weiten Röcken und bunten Blusen, die lieber in der Sonne saßen und herumphilosophierten als zu konsumieren und Geld zu verdienen, prägte mein Verständnis von Emanzipation. Wären sie Männer gewesen und hätten sie vor 2000 Jahren gelebt, wie Diogenes, hätte ihnen sogar Alexander der Große Respekt erwiesen. Vor vierzig Jahren galt frau immerhin noch als emanzipiert. Macht man dasselbe heute, ist man eine reaktionäre Muslima.

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