MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust. Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Mit offenen Armen

Kleinstadt nimmt freiwillig mehr Flüchtlinge auf

Landleben statt Großstadttrubel, Natur statt Industriekultur: 100 irakische Flüchtlinge wollen von Essen ins Sauerland-Städtchen Altena umsiedeln. Den dortigen Bürgermeister freut das. Er sieht die Flüchtlingssituation als echte Chance für seinen Ort.

Altena, Bahnhof, Kleinstadt, Alt, Stadt
Altena Bahnhof © Christ0pheri @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONWalter Korsch

DATUM13. Dezember 2016

KOMMENTARE3

RESSORTAktuell, Politik

SCHLAGWÖRTER , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Am Anfang war es nur eine verrückte Idee, jetzt aber hat der Plan ganz konkrete Formen angenommen: Mehr als 100 syrisch-katholische Flüchtlinge aus dem Irak, die zurzeit in Essen leben, wollen umziehen. Ihr gemeinsames Ziel: Das Sauerland-Städtchen Altena, wo sie sich eine neue Zukunft aufbauen und auf Dauer eine Heimat finden wollen.

Essen sei inzwischen „regelrecht überrannt von irakischen und syrischen anerkannten Flüchtlingen“, sagt Rudi Löffelsend, Vorstandsmitglied der Caritas-Flüchtlingshilfe Essen. Auf der Suche nach einer besseren Bleibeperspektive mit nachhaltiger Integration, fester Arbeit und kirchlichem Gemeindeleben wurde Löffelsend auf Altena aufmerksam.

Freiwillig mehr Flüchtlinge aufnehmen

Der 17.000-Einwohner-Ort machte bereits Anfang des Jahres von sich reden, weil sich der Stadtrat entschied, freiwillig mehr Flüchtlinge aufzunehmen, als nach dem Zuteilungsschlüssel des Landes nötig wäre. Bürgermeister Andreas Hollstein (CDU) rührt bereits seit geraumer Zeit die Werbetrommel für Neubürger, denn Altena ist die Stadt mit dem größten Bevölkerungsschwund in Nordrhein-Westfalen.

„Seit den 70er Jahren hat sich unsere Einwohnerzahl praktisch halbiert“, sagt Hollstein und skizziert das Dilemma: „Erst haben uns große Unternehmen verlassen, dann folgten die Bewohner.“ Während andere Städte über Überforderung klagen, sieht Hollstein die gegenwärtige Flüchtlingssituation als echte Chance für seinen Ort: „Mein Traum ist es, den schlimmen Schwund wenigstens zu stoppen und nicht noch weitere Einwohner zu verlieren. Und da sind wir auf einem sehr guten Weg.“

Schlagzeilen nach Brandanschlag auf Flüchtlingsheim

Als die Anfrage von Rudi Löffelsend aus Essen kam, musste der Bürgermeister nicht lange überlegen. Kurzerhand lud er 250 interessierte Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet nach Altena ein: „Wir haben hier eine kerngesunde mittelständische Industrie und hervorragende Handwerksbetriebe, wir haben Schulen, Kindergärten, ein Krankenhaus.“

Mit einem Brandanschlag von zwei Männern auf eine Flüchtlingsunterkunft machte Altena im vergangenen Jahr zwar zeitweise auch Negativ-Schlagzeilen. Doch Hollstein ist sicher, dass der Großteil der Bevölkerung „die Flüchtlingsfamilien mit offenen Armen empfängt“.

Stadtverwaltung verspricht Integrationshilfe

Nach der Schnupper-Stippvisite haben sich inzwischen mehr als 100 Mitglieder der syrisch-katholischen Gemeinde aus Essen entschlossen, in den kommenden Monaten nach Altena umzuziehen. Sie können dort die katholische Hauptkirche für ihre Gottesdienste nutzen und in einem benachbarten Saal andere Zusammenkünfte organisieren. Auch Carsten Menzel, Presbyter der evangelischen Kirchengemeinde, signalisiert Unterstützung: „Diesen Menschen zu helfen, ist ganz praktische Nächstenliebe, das ist doch klar. Wir stehen jedenfalls bereit, um dieses Projekt über die Konfessionen hinweg erfolgreich mitzugestalten.“

Auch die Stadtverwaltung von Altena um Bürgermeister Hollstein verspricht tatkräftige Integrationshilfe: bei der Wohnungssuche, mit Sprechstunden und anderem mehr. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck dankte dem Bürgermeister bereits ausdrücklich für sein Engagement und lobte „das ehrgeizige und großartige Vorhaben“ in einem Brief.

„Integration gelingt in einer Kleinstadt einfach schneller“

Die katholische Gemeinde St. Matthäus mit ihrem Pfarrer Ulrich Schmalenbach wird in Altena die erste Anlaufstelle für die Iraker werden. Das künftige Miteinander von römisch-katholischen und syrisch-katholischen Christen sehen dort viele als eine spannende Herausforderung.

„Die Integration gelingt in einer Kleinstadt einfach schneller und besser als in einer anonymen Großstadt“, ist Rudi Löffelsend überzeugt. Und seine Zuversicht reicht noch deutlich weiter: „Die Flüchtlinge, die von Essen nach Altena ziehen, bilden doch erst die mutige Vorhut. Ihnen werden ganz bestimmt noch viele mehr folgen, davon bin ich fest überzeugt“, sagt der Flüchtlingshelfer. (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. […] nordrhein-westfälische Kleinstadt Altena beispielsweise sieht darin eine Chance, den Bevölkerungsschwund vergangener Jahre wettzumachen. Seit den 70er Jahren hat sich dort die […]

  2. […] Stadt Altena mit gut 17.000 Einwohnern bündele in enger Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen wirksame Instrumente zur Integration, hieß es in der Begründung der Jury für den Nationalen Integrationspreis. […]

  3. […] Anfang des vergangenen Jahres von sich reden gemacht, weil sich der Stadtrat entschieden hatte, freiwillig mehr Flüchtlinge aufzunehmen, als nach dem Zuteilungsschlüssel des Landes Nordrhein-Westfalen nötig gewesen wäre. Im Mai […]



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...