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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Studie

Zustimmung zu Willkommenskultur nimmt ab

Die Zustimmung zur Willkommenskultur sinkt. Das geht aus einer neuen Studie hervor. Flüchtlingen und Migranten werden auch mehr Anpassungsleistungen abverlangt. Zugleich wird die Haltung, was „Deutschsein“ bedeutet, pragmatischer.

Refugees welcome, Flüchtlinge willkommen, Demonstration, Asyl
Flüchtlinge Willkommen © Ravi @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Haltung der Deutschen zum Zusammenleben in einer Migrationsgesellschaft hat sich einer Studie zufolge in den vergangenen zwei Jahren deutlich verändert. Die positiven Einstellungen zu einer Willkommenskultur seien zurückgegangen, erklärte der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung der Untersuchung „ZuGleich – Zugehörigkeit & (Un-) Gleichwertigkeit 2016“. Die öffentliche Debatte über die stark gestiegene Zuwanderung von Flüchtlingen habe Spuren hinterlassen.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), betonte hingegen, die neuesten Ergebnisse zeigten, dass der Großteil der Bevölkerung auch in der aktuellen Situation positiv gegenüber Flüchtlingen eingestellt ist und die Vielfalt der Gesellschaft begrüßt.

Zick und seine Kollegin Madlen Preuß hatten jeweils zum Jahreswechsel 2013/14 und 2015/16 die Einstellungen, Meinungen, Gefühle und Vorstellungen von Menschen gegenüber Zuwanderern erfasst. Für die repräsentative Studie wurden bundesweit 2.006 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 94 Jahren befragt, 391 von ihnen hatten einen Migrationshintergrund. Erstellt wurde die Untersuchung im Auftrag der Mercator-Stiftung.

Immer weniger Willkommenskultur

Demnach sank die Zustimmung zur Willkommenskultur unter den Befragten ohne Migrationsgeschichte von 39,5 Prozent in 2013/2014 auf 32,3 Prozent. Noch zum Jahreswechsel 2013/2014 freute sich zudem fast die Hälfte aller Befragten ohne Migrationshintergrund (47,2 Prozent) über die zunehmende Vielfalt in der deutschen Gesellschaft, zwei Jahre später waren es nur noch 42,6 Prozent.

Download: Der Kurzbericht der Studie „ZuGleich – Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“ kann im Internet heruntergeladen werden.

Auch die Befürwortung einer stärkeren Willkommenskultur für Migranten nimmt ab: Mehr als jeder Dritte unter den Deutschen ohne Migrationshintergrund (36 Prozent) sprach sich in 2013/2014 für ein verstärktes Willkommenheißen aus, zwei Jahre später reduzierte sich der Rückhalt um rund neun Prozentpunkte.

Menschen mit Migrationshintergrund sind gegenüber einer Willkommenskultur mittlerweile ebenfalls zurückhaltender eingestellt. Über eine stärkere Willkommenskultur in Deutschland würden sich 41,5 Prozent dieser Befragten freuen, während sich allerdings auch mehr als jeder Vierte (28,3 Prozent) dagegen ausspricht.

Nur Migranten sollen sich anpassen

Mittlerweile fordert die Mehrheit der Bevölkerung zudem, dass sich für eine erfolgreiche Integration ausschließlich die Migranten anpassen müssten, erklärten die Forscher. Vor zwei Jahren hatten 36,2 Prozent dieser Haltung zugestimmt, nun sind es 54,9 Prozent. „Der Prozess der Integration wird immer noch als Einbahnstraße angesehen“, betonte Zick. Auch Özuguz erklärte: „Der Satz: ‚Die sollen sich anpassen‘ ist so alt, wie er unklar ist.“ Wenn eine kulturell vielfältige Gesellschaft weniger geschätzt werde, müsse das aber nachdenklich stimmen.

Als positiv bewertete die Staatsministerin hingegen die Tatsache, dass zum deutschen Zugehörigkeitsgefühl aus Sicht der Befragten Kriterien eine Rolle spielten, „die man sich erarbeiten kann“, so Özuguz. Dazu zählten etwa die Achtung politischer Institutionen und Gesetze, die deutsche Sprache, soziales Engagement ebenso wie Erwerbstätigkeit. Faktoren, die man kaum selbst beeinflussen kann, seien dagegen mittlerweile weniger wichtig. So seien etwa das Geburtsland, die in Deutschland verbrachte Lebenszeit sowie die christliche Konfession für das „Deutschsein“ aus Sicht der Befragten immer weniger ausschlaggebend.

Gesellschaftliche Hierarchien erwünscht

Konfliktforscher Zick verwies zudem darauf, dass die „Polarisierung der deutschen Bevölkerung“ derzeit von zwei „kaum zu vereinbarenden Standpunkten“ geprägt sei: Für die einen sei die Willkommenskultur ein Leitbild, die anderen wünschten sich alte Ordnungen zurück und plädierten für „klare Hierarchien“ zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern.

„Wir brauchen eine Politik, die Identifikation und Zusammenhalt für alle schafft, für Einheimische und Zugewanderte“, betonte Özuğuz. Zentral dafür sei vor allem mehr gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation aller in Deutschland lebenden Menschen. (epd/mig)

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