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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Essay

Selbstverständlich gehört der Islam zu Deutschland

Laut einer Umfrage hat der antimuslimische Rassismus einen traurigen Höchststand erreicht. Nur ein Drittel bejaht, dass der Islam zu Deutschland gehört. Dies ist das Ergebnis der Hetze von rechten Parteien, aber auch gesellschaftlichen Verantwortungsträgern aus der Mitte der Gesellschaft.

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Die Berliner Şehitlik Moschee © onnola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMichael Lausberg

Dr. Michael Lausberg, Dr. phil (Politikwissenschaften), studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und zudem als freier Publizist tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Theorie, extreme Rechte, Rassismus, Antiziganismus sowie Migration. Regelmäßige Veröffentlichungen im MiGAZIN, in hagalil, Netz gegen Nazis, im DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

DATUM20. Mai 2016

KOMMENTARE5

RESSORTAktuell, Meinung

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Der Islam im pluralistisch verstandenen Sinne gehört jedoch selbstverständlich zur BRD, weil hierzulande vier oder fünf Millionen Muslime leben. Allein schon die Fragestellung ist schon Ausdruck eines latenten antimuslimischen Rassismus. Der Islam gehört ebenso wie das Christentum, das Judentum, der Buddhismus, der Hinduismus und die russisch-orthodoxe Kirche zur BRD, weil praktizierende Mitglieder dieser Religionsgemeinschaften hier dauerhaft leben. Die Werte und Grundzüge des Zusammenlebens orientieren sich am Grundgesetz und am solidarischen toleranten Miteinander. Das Grundgesetz unterscheidet nicht nach Religionen, es gilt sowohl für Atheisten, Agnostiker als auch Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften. Es ist auch nirgendwo gesetzlich festgelegt, dass das Christentum die führende Rolle innerhalb der Religionsgemeinschaften beanspruchen darf. Im Gegenteil, das Grundgesetz geht von einem Pluralismus der Religionen aus.

Ein Blick in die Geschichte des Islams in Deutschland zeigt, dass das Zusammenleben zwischen deutschen Muslimen und der autochthonen Mehrheitsbevölkerung auf der Basis von gegenseitigem Respekt und religiöser Toleranz in weiten Teilen als gelungen bezeichnet werden kann. Seit dem 18. Jahrhundert kann von einem islamischen Leben auf dem Gebiet Deutschlands gesprochen werden. 1740 schrieb Friedrich der Große: „Alle Religionen sind gleich und gut, (…) Und wenn die Türken (…) kämen und wollten hier im Lande wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen (…) bauen.“1

Seit 1763 gab es in Berlin eine ständige osmanische Gesandtschaft.2 Preußisch-deutsche Muslime kämpften in den Feldzügen Friedrich des Großen und in der Schlacht bei Preußisch Eylau am 7. und 8. Februar 1807 in den „Befreiungskriegen“ gegen Napoleons Armee. Im 1. Weltkrieg war das Osmanische Reich Verbündeter des deutschen Kaiserreiches. Sultan-Kalif des Osmanischen Reiches forderte die Muslime, die als Soldaten aus den Kolonien auf Seiten Englands und Frankreichs kämpften, zum Dschihad, zum Heiligen Krieg, gegen ihre Kolonialherren auf und brachte sie dazu, zu desertieren und auf die islamische Seite zu wechseln. Wichtigstes Instrument zur Überzeugung der islamischen Gefangenen war die Förderung der Ausübung islamischer Praktiken in diesen Lagern. Am 13. Juli 1915 wurde zudem im Halbmondlager auf Wunsch des Muftis von Istanbul die wahrscheinlich erste zur Religionsausübung gedachte Moschee auf deutschem Boden eingeweiht.3 Nach dem Ersten Weltkrieg blieb eine Reihe muslimischer Exilanten und Flüchtlinge vornehmlich in Berlin. Wegen Einsturzgefahr wurde die aus Holz gebaute „Berliner Moschee“ 1924 geschlossen und 1925/26 abgerissen.4 Die neue erbaute Moschee wurde am 23.3.1928 offiziell eingeweiht.

In der Folgezeit kam es zu weiteren Versuchen, das muslimische Leben in Deutschland zu stärken. Im Jahre 1918 wurde der „Verein zur Unterstützung russisch-mohammedanischer Studenten e.V.“ und der „Hilfsverein in Deutschland lebender Mohammedaner e.V.“ gegründet. Im Jahr 1922 schlossen sich die in Berlin lebenden Angehörigen des Islam, vornehmlich Ahmadiyya-Anhänger, zur „Islamischen Gemeinde Berlin e.V.“ zusammen. Seinerzeit lebten in Deutschland etwa tausend Muslime, darunter 300 deutsche Konvertiten.

Zur Zeit der NS-Herrschaft wurden die Muslime in Deutschland durch die Nürnberger „Rassegesetze“ verfolgt. Aufgrund der rassistischen Gesetze war ihnen der sexuelle Verkehr mit „Ariern“ verboten und es wurden Zwangssterilisierungen vorgenommen. Im Vergleich zu Juden und Sinti und Roma waren Muslime nicht systematischer Verfolgung ausgesetzt. Es gab jedoch in allen Konzentrationslagern auch arabische und muslimische Häftlinge, die genaue Anzahl von ihnen ist allerdings nicht bekannt.5

Ab 1955 kam es zur Zuwanderung auch von muslimischen Arbeitskräften, bedingt durch Anwerbeabkommen mit muslimischen Staaten und den anschließenden dauerhaften Aufenthalt mit Familienzusammenführung. Dadurch wurde die Zahl der in Deutschland lebenden Muslimen deutlich gesteigert.6 Nach dieser bis Anfang der 1970er dauernden Zuwanderung von Arbeitsmigranten in die BRD kamen hauptsächlich Flüchtlinge und Asyl suchende Muslime aus der Türkei, dem Libanon, Iran, Afghanistan, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo und dem Irak nach Deutschland. Außerdem stieg die Zahl der Studenten und Akademiker aus arabischen Staaten an, die sich beruflich hauptsächlich in deutschen Großstädten niederließen.

Heute leben schätzungsweise über 4 Millionen Muslime in Deutschland, das entspricht etwa 5 Prozent der Bevölkerung.7 Sunitische, schiitische und alewitische Anschauungen des Islams sind dort am verbreitetsten. Durch die Aufnahme von Flüchtlingen dürfte sich die Zahl noch etwas erhöhen.

Nicht „der Islam“ ist gefährlich

Pauschalisierte negative Ansichten im Sinne einer Bedrohung für die autochthone Mehrheitsgesellschaft sind gegenüber Flüchtlingen, nur weil viele Muslime darunter fallen, fehl am Platze. Migrationsbewegungen aus muslimischen Ländern in westliche Welt und umgekehrt verbunden mit einem gegenseitigen Austausch gab es schon immer. In der Zeit der Globalisierung ist der homo migrans Normalität geworden. Auch in Zukunft wird Migration ein alltäglicher Prozess sein; künstliche Grenzen in der „Festung Europa“ können keine dauerhafte Lösung darstellen. Im Augenblick geht es darum, allen Flüchtlingen, natürlich auch den Muslimen unter ihnen, vorurteilsfrei zu helfen und sie in die längst bestehende interkulturelle Gesellschaft in der BRD zu integrieren.

Mit der Feststellung, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, werden mehr als vier Millionen Muslime in diesem Land diskriminiert und an den Rand gedrängt, was eine Gefahr für das interkulturelle und interreligiöse Zusammenleben in der BRD darstellt. Religionsfreiheit ist in der BRD ein hohes Gut, eine Religionsgemeinschaft per se unter Generalverdacht des Terrorismus zu stellen und zu stigmatisieren, widerspricht der pluralistischen Sichtweise einer modernen Gesellschaft. Nicht „der Islam“ stellt eine Gefahr für die Gesellschaft dar, sondern die Ausgrenzung von mehr als vier Millionen Muslimen, die in den letzten Jahren verstärkt Opfer von rassistischen Attacken wurden und deren Moscheen eine Zielscheibe von Brandanschlägen darstellten. Die Herstellung pauschalisierender Bilder und Stereotype über „den Islam“ und über Muslime widerspricht einem rechtlichen Diktum, wonach die Zubilligung gleicher Rechte für alle Religionsgemeinschaften in der BRD vorausgesetzt wird.

  1. Zitiert aus Tworuschka, M.: Grundwissen Islam. Religion, Politik, Gesellschaft, Münster 2003, S. 166 []
  2. Genske, K.: Geschichte Berlins, Berlin 1991, S. 253 []
  3. Abdullah, M.S.: Geschichte des Islams in Deutschland, Graz-Wien-Köln 1981, S. 32ff []
  4. Berliner Zeitung vom 30.8. 2001 []
  5. Höpp, G.: Der verdrängte Diskurs. Arabische Opfer im Nationalsozialismus, in: Ders./Wien, P./Wildangel, R. (Hrsg.): Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus, Berlin 2004, S. 215-268 []
  6. Steinert, J.-D.: Migration und Politik. Westdeutschland-Europa-Übersse 1945-1961, Osnabrück 1995, S. 307 []
  7. Muslimfeindlichkeit-Phänomen und Gegenstrategien. Beiträge der Fachtagung der Deutschen Islam Konferenz am 4. Und 5. Dezember in Berlin. Tagungsband, Bundesministerium des Inneren im Auftrag der Deutschen Islam-Konferenz, Berlin 2012, S. 39 []
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5 Kommentare
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  1. Ute Diri-Dost sagt:

    Die Frage ist,was sollen solche „Umfragen „bewirken? Gezielt ein Problem zu kreieren?IEs gibt auch andere,wichtigere Themen in der Lage zur Nation,sollen die Leute damit nur hingehalten und abgelenkt werden?Darüber möge ein jeder ernsthaft nachdenken!

  2. Magistrat sagt:

    Ich frage mich, was man mit dieser plakativen Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, bewirken möchte? Wer soll denn das zu entscheiden haben? Und vor allem, wieso sollte eine Mehrheit darüber disponieren müssen? Was soll denn die Konsequenz aus einem Nein sein? Man stelle sich vor, ein muslimisches Land würde den Ausschluss des Christentums zu seinem Programm machen. Das fände ich auch unerträglich. Der Islam ist der Lebensweg von Millionen Deutschen und Nicht-Deutschen. Das ist die Realität. Man stelle sich die Diskussion mal anders vor: „Gehört das Judentum zu Deutschland?“ – das möchte ich mir gar nicht vorstellen, so eine Debatte dürfen wir nie wieder führen, aber da steuern wir gerade hin! Diese Hysterie um den Islam ist kaum mehr zu ertragen. Wie schnell wir vergessen, dass wir alle nur Menschen sind,aus dem selben Holz , vom selben Urvater.
    Deswegen unterstützt diese Petition, wenn euch der gesellschaftliche Friede erhaltenswert ist! https://www.openpetition.de/petition/statistik/gemeinsam-fuer-das-grundgesetz-und-gegen-die-politische-instrumentalisierung-des-islams-durch-die-afd

  3. Spötter sagt:

    Der Islam gehört so zu Deutschland wie die indische Küche zu Deutschland gehört. Es handelt sich um eine Aussage, die wahr und falsch zugleich ist. Welches Problem mit der Aussage gelöst werden soll, ist mir schleierhaft. Ein gewisser Österreicher und seine geistigen Nachfahren gehören auch zu Deutschland. Wollen wir deshalb alle so sein wie er?

  4. Ute Diri-Dost sagt:

    Magistrat:? Leider ergab der Link zur Petition Error-

  5. Volker K. sagt:

    Zitat Magistrat: „Man stelle sich vor, ein muslimisches Land würde den Ausschluss des Christentums zu seinem Programm machen. Das fände ich auch unerträglich.“ Ach, tatsächlich? Sie sehen sich wohl ein wenig in der islamischen Welt um, oder? Sie haben doch eine sehr starke Islamaffinität, wie ich Ihren Kommentaren entnehme. Also sollten Sie auch die Realität kennen die in (fast allen) islamisch geprägten Ländern vorzufinden ist. Versuchen Sie doch mal mit einem Christen in Afghanistan oder Iran zu sprechen, der es vorgezogen hat anstatt am Freitag in die Moschee zu gehen sich dann doch lieber taufen zu lassen und die Bibel zu lesen. Oder stellen Sie sich doch mal neben einem Stand in Saudi-Arabien an dem ein Christ in der Fußgängerzone die Bibel verteilt. Also bleiben wir doch bei den Fakten, denn das tut der ganzen Diskussion gut.



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