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Migration und Integration in Deutschland

Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust. Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Essay

Die "Zeitung" Junge Freiheit

Laut einer Umfrage hat der antimuslimische Rassismus einen traurigen Höchststand erreicht. Nur ein Drittel bejaht, dass der Islam zu Deutschland gehört. Dies ist das Ergebnis der Hetze von rechten Parteien, aber auch gesellschaftlichen Verantwortungsträgern aus der Mitte der Gesellschaft.

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Die Berliner Şehitlik Moschee © onnola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMichael Lausberg

Dr. Michael Lausberg, Dr. phil (Politikwissenschaften), studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und zudem als freier Publizist tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Theorie, extreme Rechte, Rassismus, Antiziganismus sowie Migration. Regelmäßige Veröffentlichungen im MiGAZIN, in hagalil, Netz gegen Nazis, im DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

DATUM20. Mai 2016

KOMMENTARE5

RESSORTAktuell, Meinung

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Die rechte Zeitung Junge Freiheit (JF) geht von einem angeblichen Kampf des Islams gegen das Christentum aus. In einer einseitigen Auslegung wird behauptet, dass Gewalt Bestandteil des muslimischen Glauben sei. Es wird versucht, diese heutige Situation in einen größeren historischen Kontext zu setzen und auf die Schlacht von Tours und Poitiers im Frühmittelalter hingewiesen: „In der Schlacht von Tours und Poitiers im Jahre 732 besiegte der fränkische Hausmeier Karl Martell die muslimischen Araber und beendete ihren Vormarsch im Westen. Karl Martell wurde daraufhin als „Retter des Abendlandes“ gefeiert. Zu dieser Strategie schreibt Uta Kural:1 „Das Feindbild Islam war seit den Kreuzzügen bis zu den Konflikten mit dem Osmanischen Reich immer vorhanden. Man brauchte nur das latent vorhandene Feindbild aus dem kulturellen Gedächtnis hervorzuholen.“

Die JF stützt sich auf Samuel P. Huntingtons Buch „Kampf der Kulturen“. Seine 1996 erschienene Monographie basiert auf dem drei Jahre zuvor in der Zeitschrift Foreign Affairs veröffentlichten Essay „The Clash of Civilizations?“. Laut Huntington sind die Konflikte des 21. Jahrhunderts nicht ideologisch oder ökonomisch motiviert, sondern entstehen durch kulturelle Differenzen.2

Weiterhin unterstützt die JF die These von Efraim Karsh, Leiter des Programms für Mittelmeerstudien am King’s College der Universität London, der in seinem Werk „Imperialismus im Namen Allahs“3 feststellt, dass islamische Reiche sich in der Geschichte als Imperien schlechthin verstanden hätten. Der Islamismus sei nicht als „Bruch“ mit der Geschichte des Islams zu verstehen, sondern als Bestandteil imperialen Denkens von Beginn an. Der islamische Traum von der Weltherrschaft wäre in den Herzen und Köpfen vieler Muslime höchst lebendig geblieben. Selbst Länder, die nie zum Imperium des Islam gehörten, seien legitime Ziele islamischer Vorherrschaft geworden. Dies sei der „Ausdruck einer Überzeugung“, wonach der Islam letztlich über den Westen triumphieren würde. Es gebe also einen theologisch begründeten, universellen Machtanspruch des Islam.

Der Islam sei keine Religion im Sinne des Artikels 4 des Grundgesetzes, da Gewalt zu seinen Grundlagen gehöre. In diesem Sinne wird versucht, eine Unvereinbarkeit zwischen dem Islam und dem Grundgesetz herzustellen. Dabei wird vorausgesetzt, dass es sich beim Islam um eine Religion handele, der von je her kriegerisch ausgerichtet wäre und heute immer noch sei.“, Die JF beruft sich dabei auf den rechtskonservativen Autor Botho Strauß, der „den Übergang einer indifferenten Phase nach der Auflösung der Blockkonfrontation des Westens mit dem kommunistischen Sowjetreich zu einer neuen Polarisierung im Zuge der islamischen Herausforderung“ feststellte: „Deutschland und Europa, lendenlahm und feige geworden, stehen einer vitalistischen Kultur gegenüber, die schon lange nicht mehr vor den Toren Europas steht, sondern in den vergreisten europäischen Metropolen in den nächsten Jahrzehnten die Bevölkerungsmehrheit stellen wird.“4 Außerdem wird die Islamwissenschaftlerin Hiltrud Schröder, die den Islam als totalitäres System und Moscheen als politische Zentren bezeichnet, häufiger zitiert. Der Islam ist ihrer Meinung nach eine Politreligion mit Überlegenheits- und Herrschaftsanspruch, die die „Wiederkehr des Patriachalismus“ begünstigen würde.5

Der Erfurter Pfarrer Roland Weißelberg, der sich im November 2006 aus Protest gegen die Ausbreitung des Islams in Deutschland selbst verbrannte, besitzt in der JF eine Art Märtyrerstatus. Er wird als derjenige gesehen, der sein Leben für das „christliche Abendland“ aus Sorge vor einer „Islamisierung Deutschlands und Europas“ geopfert hätte.6

Am Ende dieser Entwicklung sieht die JF das Grundgesetz der Scharia weichen. Die Türkei wird verdächtigt, die „türkisch-islamische Kolonisierung Deutschlands“ erreichen zu wollen. Die Ditib wird dabei beschuldigt, sich planvoll in die inneren Angelegenheiten Deutschlands einzumischen. Klaus Hornung sieht das christliche Europa durch den Islam bedroht, da „wir es mit einer veritablen Völkerwanderung islamischer Bevölkerung nach West- und Mitteleuropa zu tun haben“. Dies wird als Entwicklung gesehen, die „zum absehbaren Ende der deutschen Geschichte und Kultur“ führe.7 Der Beitritt der Türkei zur EU wird als Horrorszenario dargestellt und strikt abgelehnt.

Als „Maßnahmen gegen den wachsenden Einfluss des Islams“ in der BRD sollten nach Meinung der JF die Zahl der Muslime in der BRD begrenzt und zurückgeführt sowie weitere Einschränkungen des Familiennachzugs beschlossen werden. Weiterhin sollten schärfere Anforderungen wie der Nachweis eines Arbeitsplatzes oder verbesserte Deutschkenntnisse durchgesetzt werden; in Moscheen wäre nur noch der Gebrauch der deutschen Sprache erlaubt. Mehr als eine oder zwei Millionen Muslime dürften nicht in der BRD leben.

Anti-Islam-Kurs der AfD

Die AfD hat auf ihrem Parteitag am 1.5.2016 in Stuttgart einen klaren Anti-Islam-Kurs beschlossen: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland. (…) Ein orthodoxer Islam, der unsere Rechtsordnung nicht respektiert oder sogar bekämpft und einen Herrschaftsanspruch als alleingültige Religion erhebt, ist mit unserer Rechtsordnung und Kultur unvereinbar.“ Die AfD fordert den Verbot von Minaretten, den Ruf des Muezzins und jegliche Vollverschleierung.

Die Finanzierung des Baus und des Betriebs von Moscheen aus dem Ausland soll verboten werden. In Schulen sollen Frauen und Mädchen keine Kopftücher tragen dürfen. .Die im Vorfeld von führenden AfD-Politikern gebrauchte Formulierung, der Islam sei unvereinbar mit dem Grundgesetz, fand sich nicht in dem Beschlusstext. Verschärft wurde der Leitantrag in dem Punkt, der sich auf das Thema „Islamkritik“ bezieht. Hier setzte sich ein Antrag durch, nicht nur Kritik am Islam, sondern auch an Islamverbänden ausdrücklich zu erlauben.

  1. Kural, U. 1997:Imago Turci –Antiosmanische Propaganda, in Reulecke, J. (Hrsg.): Spagat mit Kopftuch, Hamburg 1997, 27-34, hier S. 27 []
  2. Vgl. dazu Huntington, S.P.: The Clash of Civilizations?, in: Foreign Affairs 72/1993, 22-49; Huntington, S.P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 1996 []
  3. Karsh, E.: Imperialismus im Namen Allahs. Von Muhammad bis Osama Bin Laden, München 2007 []
  4. JF vom 17.2.2006, S. 1 []
  5. JF vom 21.9.2007, S. 12 []
  6. JF vom 2.11.2007, S. 4 []
  7. JF vom 20.7.2007, S. 18 []
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5 Kommentare
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  1. Ute Diri-Dost sagt:

    Die Frage ist,was sollen solche „Umfragen „bewirken? Gezielt ein Problem zu kreieren?IEs gibt auch andere,wichtigere Themen in der Lage zur Nation,sollen die Leute damit nur hingehalten und abgelenkt werden?Darüber möge ein jeder ernsthaft nachdenken!

  2. Magistrat sagt:

    Ich frage mich, was man mit dieser plakativen Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, bewirken möchte? Wer soll denn das zu entscheiden haben? Und vor allem, wieso sollte eine Mehrheit darüber disponieren müssen? Was soll denn die Konsequenz aus einem Nein sein? Man stelle sich vor, ein muslimisches Land würde den Ausschluss des Christentums zu seinem Programm machen. Das fände ich auch unerträglich. Der Islam ist der Lebensweg von Millionen Deutschen und Nicht-Deutschen. Das ist die Realität. Man stelle sich die Diskussion mal anders vor: „Gehört das Judentum zu Deutschland?“ – das möchte ich mir gar nicht vorstellen, so eine Debatte dürfen wir nie wieder führen, aber da steuern wir gerade hin! Diese Hysterie um den Islam ist kaum mehr zu ertragen. Wie schnell wir vergessen, dass wir alle nur Menschen sind,aus dem selben Holz , vom selben Urvater.
    Deswegen unterstützt diese Petition, wenn euch der gesellschaftliche Friede erhaltenswert ist! https://www.openpetition.de/petition/statistik/gemeinsam-fuer-das-grundgesetz-und-gegen-die-politische-instrumentalisierung-des-islams-durch-die-afd

  3. Spötter sagt:

    Der Islam gehört so zu Deutschland wie die indische Küche zu Deutschland gehört. Es handelt sich um eine Aussage, die wahr und falsch zugleich ist. Welches Problem mit der Aussage gelöst werden soll, ist mir schleierhaft. Ein gewisser Österreicher und seine geistigen Nachfahren gehören auch zu Deutschland. Wollen wir deshalb alle so sein wie er?

  4. Ute Diri-Dost sagt:

    Magistrat:? Leider ergab der Link zur Petition Error-

  5. Volker K. sagt:

    Zitat Magistrat: „Man stelle sich vor, ein muslimisches Land würde den Ausschluss des Christentums zu seinem Programm machen. Das fände ich auch unerträglich.“ Ach, tatsächlich? Sie sehen sich wohl ein wenig in der islamischen Welt um, oder? Sie haben doch eine sehr starke Islamaffinität, wie ich Ihren Kommentaren entnehme. Also sollten Sie auch die Realität kennen die in (fast allen) islamisch geprägten Ländern vorzufinden ist. Versuchen Sie doch mal mit einem Christen in Afghanistan oder Iran zu sprechen, der es vorgezogen hat anstatt am Freitag in die Moschee zu gehen sich dann doch lieber taufen zu lassen und die Bibel zu lesen. Oder stellen Sie sich doch mal neben einem Stand in Saudi-Arabien an dem ein Christ in der Fußgängerzone die Bibel verteilt. Also bleiben wir doch bei den Fakten, denn das tut der ganzen Diskussion gut.



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