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Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Frankreich

Schleier-Streit wird jetzt in sozialen Netzwerken ausgetragen

Muslimische Französinnen mit Kopftuch, Schleier oder Tschador spalten die französische Gesellschaft: Die einen werben für Toleranz, andere sehen in der Verschleierung ein Symbol für die Unterdrückung von Frauen im Islam. Jetzt wird der Streit im Internet „ausgetragen“ – im wahrsten Sinne des Wortes.

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Menschen solidarisieren sich mit Kopftuchträgerinnen © Twitter-Seitenbild von TousVoilés

Junge Frauen und Männer jeder Hautfarbe posten Fotos von sich mit Schals, Schleiern, Mützen und allen erdenklichen Kopfbedeckungen. Die Aktion findet unter dem Motto: #TousVoiles, alle verschleiert, auf Facebook statt. „Damit man endlich aufhört über den Schleier zu reden“, fügt eine blauäugige Blondine zu ihrem Foto mit hellblauem Schal hinzu. Ein sogenannter „Hijab-Day“ wurde in der vergangenen Woche von einem Studentenkollektiv am Pariser Institut der Politikwissenschaften organisiert, der Eliteuniversität „Sciences Po“. Kurz zuvor sprach sich Premierminister Manuel Valls gegen das Tragen des Schleiers an der Universität aus.

In Frankreich ist das Kopftuch wie jedes andere religiöse Zeichen seit 2004 in Schulen und öffentlichen Behörden verboten. In der Universität gilt für die volljährigen Studentinnen allerdings das „Recht auf Religionsausübung“. Auch die Organisatoren des „Sciences-Po“-Events luden die Studentinnen und Studenten über Facebook ein, an einem „Tag der Sensibilisierung zur Frage des Kopftuchs in Frankreich“ beizutragen und einen Tag lang Kopftuch oder Schleier zu tragen, um die Diskriminierung am eigenen Leib zu spüren.

Ab acht Uhr morgens lagen am Mittwoch auf einem Tisch in der Eingangshalle Schleier zum Ausleihen aus. Die Aktion erregte viel Aufsehen in den Medien, es meldeten sich auch kritische Stimmen seitens Studentinnen und Studentenvereinigungen – und von konservativen und rechtsextremen Politikern. Das sei Bekehrungseifer, hieß es.

In den sozialen Netzwerken wird heftig diskutiert. „Denkt an Amel Zanoune Zouani!“ postet die franco-tunesische Sängerin Amina Annabi: Der unverschleierten algerischen Studentin Zouani war am 26. Januar 1997 an einer Straßensperre von Islamisten der GIA (Groupe islamique armée) die Kehle durchgeschnitten worden. Die Kontroverse um den Schleier reicht bis an Familien- und Partytische: Ehepaare streiten, Freunde diskutieren.

Auslöser für die erneute Debatte war ein Interview mit der Ministerin für Familie, Kinder und Frauenrechte. Die Sozialistin Laurence Rossignol äußerte sich empört über Modefirmen, die den Burkini – den Ganzkörperbadeanzug, eine Wortschöpfung aus Burka und Bikini – verkaufen: Das Einsperren des weiblichen Körpers sei „unverantwortlich“. Als der Moderator sie auf freiwillig Hidschab tragende Frauen ansprach, meinte die Ministerin: „Es gab auch amerikanische Neger, die für die Sklaverei waren.“

Sie löste einen Sturm der Entrüstung aus, in der schwarzen Community wegen des Begriffs „Neger“ und bei manchen Muslimen oder deren „Verteidigern“, die der Ministerin „Neokolonialismus“ vorwarfen. Fast 20.000 Menschen unterschrieben eine Petition mit der Aufforderung zum Rücktritt.

Im Streit um die sogenannte Islamic Fashion erhielt Rossignol Beistand von Designerin Agnès B. und auch von Pierre Bergé, dem langjährigen Lebenspartner von Modeschöpfer Yves Saint Laurent: „Ich dachte immer, dass ein Modeschöpfer dazu da sei, Frauen schöner zu machen, ihnen Freiheit zu geben, und nicht Komplizen dieser Diktatur zu sein, die Frauen dazu zwingt, sich zu verstecken“, erklärte Bergé. Die feministische Philosophin Elisabeth Badinter rief zum Boykott von Modehäusern auf, die islamische Modelle verkaufen.

Währenddessen machen die Stewardessen der Fluggesellschaft Air France von sich reden. Sie wehren sich gegen die Anordnung, auf der Linie Paris-Teheran langärmlige Jacken zu tragen und beim Verlassen des Flugzeugs im Iran einen Schleier anzuziehen.

In diesen Tagen jährte sich auch das Burkaverbot in Frankreich zum fünften Mal. Seit dem 11. April 2011 gab es 1.569 gebührenpflichtige Verwarnungen. Im vergangenen Jahr – das im Zeichen des Terrors stand – ist die Zahl der Strafzettel aber auf 223 gesunken. Das waren 44 Prozent weniger als 2014.

Die von der Polizei belasteten Frauen sind oft Mehrfachtäterinnen: Im vergangenen Jahr hätten zwei Frauen rund 50 Bußzettel erhalten, erklärt Nicolas Cadène vom Observatorium der Laizität. Die meisten Frauen haben ihre Strafe nicht selbst bezahlt: Rachid Nekkaz, der Präsident der „Bewegung für Jugend und Wandel“, übernahm die Rechnung. Er gibt an, inzwischen 687 Frauen in Frankreich und 259 Frauen in Belgien die Strafe gezahlt zu haben und seit 2011 für Verwarnungen und Anwaltskosten 23.5000 Euro ausgegeben zu haben. Der algerische Politiker sagt, zwei Drittel der Vollverschleierten seien Konvertitinnen, und 90 Prozent der Frauen, die ihn kontaktiert haben, seien unter 30 Jahre alt. (epd/mig)

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