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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Alle unter einem Dach

Studenten und junge Flüchtlinge gemeinsam in einem Wohnheim

Zusammen feiern, kochen, Nachrichten schauen: „Ich habe gar nicht erwartet, dass es mir hier so gut gefällt“, sagt Malte Satow. In seinem Wohnheim leben 40 Studenten mit 45 jungen Flüchtlingen. Das Geben und Nehmen funktioniert in beide Richtungen. Von Pia Jaeger

Zwei Glastüren trennen die Rezeption von der Straße. Jugendliche Flüchtlinge und Studenten, mal mit Skateboard unter dem Arm und großen runden Kopfhörern, mal mit Rucksack über der Schulter schlendern vorbei. Immer geht ein „Hallo“ in Richtung Tresen, oft werden ein paar Worte mit dem Studenten gewechselt, der gerade Dienst an der Pforte hat. Alltag und doch etwas Besonderes: In der Münchner Kistlerhofstraße leben Studenten und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zusammen.

Ins Leben gerufen wurde das integrative Wohnprojekt von Condrobs e.V., einem überkonfessionellen Träger für soziale Hilfsangebote in Bayern. Im Herbst zogen die ersten Bewohner in das frisch renovierte ehemalige Bürogebäude ein. Mittlerweile leben 45 Jugendliche und um die 40 Studenten in dem Haus.

Im Treppenhaus duftet es nach Essen, die Wände sind weiß mit neongrünen Wellen: Hier wohnen die Studenten Malte Satow (19) und Nils Helbig-Schild (22). Der 19-jährige Abdishaxx Ahmed aus Somalia, von allen Abdi genannt, hat sein Zimmer im Flur gegenüber. Verschiedene Flure für Jugendliche und Studenten, das sehen die Vorschriften der Jugendhilfe vor. Aber trotzdem gibt es viel Platz für Gemeinsamkeit.

Man trifft sich in den Aufenthaltsräumen. Dort gibt es alles, was eine Küche so braucht, außerdem eine Sofaecke und einen Kickertisch. Studenten und Jugendliche kochen zusammen, lesen Zeitung, kickern oder quatschen einfach nur.

Manche der Studenten haben sich bewusst für das integrative Wohnprojekt entschieden, andere sind per Zufall in der Kistlerhofstraße gelandet, weil sie ein Zimmer brauchten. „Als ich eingezogen bin, habe ich erst gar nicht erwartet, dass es mir hier so gut gefällt“, erzählt Malte Satow: „Das Schöne ist vor allem die Gemeinschaft. Wenn man abends nach Hause kommt, ist immer was los.“

Projektleiterin ist die Sozialpädagogin Melanie Contu. Für die Aufnahme gebe es bestimmte Auswahlkriterien für Studierende und Jugendliche, erklärt sie. Man wolle eine größtmögliche Vielfalt an Fachrichtungen. Vorteilhaft sei es außerdem, wenn die Studenten schon mal in der Jugendarbeit aktiv gewesen seien oder sich sozial engagiert hätten. Malte Satow etwa hat nach dem Abitur ein Jahr in Peru in einer Grundschule gearbeitet.

„Deutsch ist eine wesentliche Voraussetzung für die Aufnahme im Wohnheim“, sagt Contu. „Dies gilt auch für die Studierenden, die ebenfalls von überall her kommen.“ Das Wohnprojekt will die jugendlichen Flüchtlinge auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen und dafür müssen sie zumindest ein bisschen Deutsch sprechen. Abdi kann das bestätigen. „In meinem alten Wohnheim habe ich mich immer auf somalisch unterhalten, hier spreche ich nur Deutsch.“

Die unbegleiteten Flüchtlinge kommen aus Afghanistan, Syrien, Somalia und anderen Krisengebieten. Sie sind zwischen 16 und 21 Jahre alt und müssen sehr eigenständig sein, um in der Kistlerhofstraße leben zu können. Das Jugendamt vermittelt sie an das Wohnprojekt. Sie machen eine Ausbildung oder gehen in die Schule. Hat einer der Jugendlichen Probleme in der Schule, kann er die Studenten um Nachhilfe bitten, sie wird durch das Projekt finanziert.

Abdi macht seinen Hauptschulabschluss mit Qualifikation und möchte danach eine Ausbildung zum Fachinformatiker beginnen. Jeden Morgen geht er um halb neun aus dem Haus, da liegen viele Studenten noch gemütlich im Bett. Und das alles ohne Gewissheit über seine Zukunft: „Ich muss meine Zeit nutzen, solange ich in München bin“, sagt Abdischaxx Ahmed.

Das Geben und Nehmen funktioniert in beide Richtungen. Malte Satow, der aus seiner Heimat Köln nach München gezogen ist, erzählt, dass er durch das Leben im Wohnheim sehr schnell Anschluss und Freunde gefunden hat. Oft wissen die jugendlichen Flüchtlinge, die schon länger in München leben, besser Bescheid, wo man gut feiern kann. Sie bringen den Studenten ihre Sprache bei und kochen Gerichte aus ihrer Heimat.

Und natürlich bekommen die Studenten viele persönliche Einblicke in die Geschichte ihrer Mitbewohner. „Was in den Nachrichten kommt, unterscheidet sich sehr von dem, was die Jugendlichen berichten“, sagt Maschinenbaustudent Nils Helbig-Schild. Sonntagabends schauen oft alle zusammen die „Tagesthemen“. Manchmal berichten die Jugendlichen dann, was sie auf ihrer Flucht und ihrer Heimat erlebt haben und wie die Zustände in ihrer Heimat sind.

Nils Helbig-Schild, Abdischaxx Ahmed und Malte Satow sind froh, dass sie in dem Wohnprojekt gelandet sind. Für Nils Helbig-Schild hat das Leben im Wohnheim etwas von einer großen Familie. „Man bekommt hier immer etwas Neues mit“, sagt er. Und wenn man was unternehmen will, verabredet man sich dafür einfach an der Pforte, wo auch sonst. (epd/mig)

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