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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954
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Geschichte des Islams in Deutschland

Das muslimische Leben in Deutschland wurde gestärkt

Unter den aktuellen Flüchtlingen, die in die BRD kommen, sind auch viele Menschen muslimischen Glaubens. Sie werden mindestens skeptisch beäugt. „Der Islam“ wird in großen Bevölkerungsteilen als Bedrohung empfunden. Für manche Politiker gehört „der Islam“ nicht zu Deutschland. Dabei wird übersehen, dass es eine jahrhundertelange Geschichte des Islams in Deutschland gibt.

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Das Jenidze-Gebäude wurde 1909 im orientalischen Baustil errichtet und gehört seitdem zum Stadtbild Dresdens © tm-md @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMichael Lausberg

Dr. Michael Lausberg, Dr. phil (Politikwissenschaften), studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und zudem als freier Publizist tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Theorie, extreme Rechte, Rassismus, Antiziganismus sowie Migration. Regelmäßige Veröffentlichungen im MiGAZIN, in hagalil, Netz gegen Nazis, im DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

DATUM28. September 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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In der Folgezeit kam es zu weiteren Versuchen, das muslimische Leben in Deutschland zu stärken. Im Jahre 1918 wurde der „Verein zur Unterstützung russisch-mohammedanischer Studenten e.V.“ und der „Hilfsverein in Deutschland lebender Mohammedaner e.V.“ gegründet. Im Jahr 1922 schlossen sich die in Berlin lebenden Angehörigen des Islam, vornehmlich Ahmadiyya-Anhänger, zur „Islamischen Gemeinde Berlin e.V.“ zusammen. Als ihr Gründer gilt der indische Imam Maulana Sadr ud-Din, welcher 1939 die erste deutsche Koranübersetzung aus muslimischer Hand anfertigte. Vornehmlich aus den Ländern Ost- und Südosteuropas zogen islamische Studenten, Akademiker und Intellektuelle zur Zeit der Weimarer Republik nach Deutschland, wodurch die Zahl der Gemeindemitglieder anstieg. Seinerzeit lebten in Deutschland etwa tausend Muslime, darunter 300 deutsche Konvertiten. Die Gemeinde publizierte im Zeitraum von 1924 bis 1940 die Zeitschrift Moslemische Revue.

Am 31. Oktober 1932 gründete sich der Verein Islamischer Weltkongress/Zweigstelle Berlin. Dieser Verein schuf mit einem „Islam-Kolloquium“ die erste moslemische Bildungseinrichtung auf deutschem Boden, welches heute zum Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland gehört.

Zur Zeit der NS-Herrschaft wurden die Muslime in Deutschland durch die Nürnberger „Rassegesetze“ verfolgt. In einem Brief der Reichsleitung der NSDAP vom 13. April 1937 an den Polizeipräsidenten in Berlin hieß es: „In der oben bezeichneten Angelegenheit teilen wir ihnen mit, daß sich die Gesellschaft (Deutsch-Muslimische Gesellschaft, M.L.) aus Angehörigen der verschiedensten Rassen und Völker zusammensetzt. Die Zusammenkünfte finden meist in zwangloser Form statt. Besucher sollen vor allem Professoren, ehemalige Offiziere usw. sein. Bei diesen Zusammenkünften sollen, sofern die Teilnehmer glauben unter sich zu sein, abfällige Bemerkungen über den Nationalsozialismus und seine Führer gemacht werden. Es handelt sich bei der Gesellschaft mehr oder weniger um einen Unterschlupf für reaktionäre Elemente. Im übrigen gehören mehrere Juden zur Gesellschaft. Die Gesellschaft war insbesondere in den Jahren 1933/34 Unterschlupf und Absteigequartier für Kurfürstendammjuden. Gegen das Weiterbestehen der oben bezeichneten Gesellschaft bestehen demzufolge hier erhebliche Bedenken, sowohl in formaler als auch in weltanschaulich-politischer Hinsicht. (…) Heil Hitler!“1

Aufgrund der rassistischen Gesetze war ihnen der sexuelle Verkehr mit „Ariern“ verboten und es wurden Zwangssterilisierungen vorgenommen. Im Vergleich zu Juden und Sinti und Roma waren Muslime nicht systematischer Verfolgung ausgesetzt. Es gab jedoch in allen Konzentrationslagern auch arabische und muslimische Häftlinge, die genaue Anzahl von ihnen ist allerdings nicht bekannt.2 Der Nationalsozialismus rekrutierte muslimische Regimenter, zum Beispiel die bosniakische Waffen-Gebirgs-Division-SS Handschar. SS-Führer Heinrich Himmler schwärmte von einer angeblichen „weltanschaulichen Verbundenheit“ zwischen Nationalsozialismus und Islam.

Ab 1955 kam es zur Zuwanderung auch von muslimischen Arbeitskräften, bedingt durch Anwerbeabkommen mit muslimischen Staaten und den anschließenden dauerhaften Aufenthalt mit Familienzusammenführung. Dadurch wurde die Zahl der in Deutschland lebenden Muslimen deutlich gesteigert. 1961 wurde ein Abkommen mit der Türkei über Anwerbung von Arbeitsmigranten bis zum Jahre 1973 betrieben. Weitere Anwerbeverträge wurden geschlossen, 1960 mit Griechenland und Spanien, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und 1968 mit Jugoslawien. Die BRD war nicht durchgängig als einziges an der Entsendung von Gastarbeitern interessiert – vielfach machten auch die Entsendeländer selbst Druck auf die dortigen Behörden, Arbeitsmigranten aufzunehmen. Dies betraf vor allem die Türkei. Der damalige Legationsrat Ercin von der türkischen Botschaft übermittelte 1960 den Wunsch seiner Regierung nach Abschluss einer Wanderungsvereinbarung. Eine deutsche Ablehnung würde von seiner Regierung als eine „Zurücksetzung“ des NATO-Mitglieds Türkei besonders gegenüber Griechenland betrachtet werden.3 Der ehemalige Leiter des Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, schrieb: „Sowohl Anfang der sechziger Jahre als auch zu Beginn der siebziger Jahre war die Türkei darauf angewiesen, Arbeitskräfte ins Ausland zu schicken, da sie nur auf diese Weise die Arbeitslosigkeit im Land reduzieren und mit Hilfe der regelmäßigen Gastarbeiterüberweisungen ihr hohes Außenhandelsdefizit ausgleichen konnte.“4 Das deutsche Bundesinnenministerium legte seinerseits Wert darauf, in der Anwerbevereinbarung die Aufenthaltsgenehmigungen jeweils auf maximal zwei Jahre zu beschränken. Es solle „deutlich gemacht werden, daß eine Dauerbeschäftigung türkischer Arbeitnehmer im Bundesgebiet und eine Einwanderung, auf die auch von der Türkei kein Wert gelegt wird, nicht vorgesehen sind.“5 Dieses Modell stellte sich in der Praxis aber aus Arbeitgebersicht als zu kontraproduktiv heraus. Kostspielig angelernte Arbeitskräfte verließen den Betrieb schon nach zwei Jahren. Sie forderten Weiterbeschäftigung, die Politik kam dieser Forderung nach.

Nach dieser bis Anfang der 1970er dauernden Zuwanderung von Arbeitsmigranten in die BRD kamen hauptsächlich Flüchtlinge und Asyl suchende Muslime aus der Türkei, dem Libanon, Iran, Afghanistan, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo und dem Irak nach Deutschland. Außerdem stieg die Zahl der Studenten und Akademiker aus arabischen Staaten an, die sich beruflich hauptsächlich in deutschen Großstädten niederließen.

Heute leben schätzungsweise über 4 Millionen Muslime in Deutschland, das entspricht etwa 5 Prozent der Bevölkerung.6 Sunitische, schiitische und alewitische Anschauungen des Islams sind dort am verbreitetsten. Nach der aktuellen Einwanderungsbewegung dürfte diese Zahl noch einmal steigen. Pauschalisierte negative Ansichten im Sinne einer Bedrohung für die autochthone Mehrheitsgesellschaft sind gegenüber diesen Flüchtlingen fehl am Platze. Migrationsbewegungen aus muslimischen Ländern in westliche Welt und umgekehrt verbunden mit einem gegenseitigen Austausch gab es schon immer. In der Zeit der Globalisierung ist der homo migrans Normalität geworden. Auch in Zukunft wird Migration ein alltäglicher Prozess sein; künstliche Grenzen in der „Festung Europa“ können keine dauerhafte Lösung darstellen. Im Augenblick geht es darum, allen Flüchtlingen, natürlich auch den Muslimen unter ihnen, vorurteilsfrei zu helfen und sie in die längst bestehende interkulturelle Gesellschaft in der BRD zu integrieren.

  1. Zitiert aus www.enfal.de/grund12.htm []
  2. Höpp, G.: Der verdrängte Diskurs. Arabische Opfer des Nationalsozialismus. In: Gerhard Höpp, Peter Wien und René Wildangel (Hrsg.): Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus. (ZMO-Studien; 19) Berlin 2004: 215-268. []
  3. Steinert, Johannes-Dieter: Migration und Politik. Westdeutschland – Europa – Übersee 1945-1961. Osnabrück 1995, S. 307 []
  4. Şen, F.: Türkische Arbeitnehmergesellschaften – Gründung, Struktur und wirtschaftliche Funktion der türkischen Arbeitnehmergesellschaften für die sozioökonomische Lage in der Türkei, Frankfurt/Main 1980, S. 33 ff.). Vgl. dazu auch Heike Knortz „Diplomatische Tauschgeschäfte: Gastarbeiter in der westdeutschen Diplomatie und Beschäftigungspolitik 1953-1973“, Köln 2008 []
  5. Zit. Nach Eryilmaz, A./Jamin, M. (Hrsg.): „Fremde Heimat – Yaban, Silan olur. Eine Geschichte der Einwanderung aus der Türkei“, Essen 1998 S. 73 []
  6. Muslimfeindlichkeit-Phänomen und Gegenstrategien.Beiträge der Fachtagung der Deutschen Islam Konferenz am 4. und 5. Dezember 2012 in Berlin. Tagungsband, Bundesministerium des Innern im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, Berlin 2012, S. 39 []
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4 Kommentare
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  1. Petra sagt:

    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel!

  2. Alexei sagt:

    Ich finde es ja immer toll wie immer einseitig festgesetzt wird,dass kulturelle Bereicherung so toll sein soll, denn welcher konkrete Mehrwert soll sich dadurch einstellen? Pragmatisch betrachtet ist Deutschland doch super so wie es ist. Ich persönlich brauch keine kulturelle Bereicherung. Selbst im Vergleich zu vielen anderen westlichen Staaten wie z.B USA steht Deutschland mit seinem sozialstaat und liberalen Gesellschaft super da.
    Mal ernsthaft als Frage gemeint.Was soll uns das konkret bitte bringen?
    Die Kultur und Mentalität die wir haben ist schon großartig so wie sie ist,denn sonst hätten wir diesen Staat mit all seinen sozialen Leistungen nicht aufbauen können,wie man anhand der USA und an den Reaktionen auf Obamacare gesehen hat.

  3. Armin sagt:

    @Alexei: Deine Aussagen setzen ja voraus, dass die heutige Kultur ja schon immer so bestand. Und dann höre ich mir die Geschichten meines Vaters (Gastarbeiter aus Bosnien) an, der da so einiges, aus heutige Sicht verwunderliches, erzählt. Wie z.B., dass früher keiner aufm Rasen saß, erst recht nicht dort gegrillt hat. Das man sich über diese Gastarbeiter und ihrer Art nur wunderte. Und heute, heute kann mal überall (sogar in ner Tanke) einen Grill kaufen, um damit im Freien zu chillen. Also, dies als Beispiel. Kulturen wandeln sich, und welche Einflüsse dort wiederzufinden sind, kann man mit der Zeit nicht mehr groß auseinander halten. Und wer weiß, vielleicht ändert sich das Sozialsystem im Lande, die Falken sitzen überall.. und diese sind selten (in Deutschland) muslimisch.

  4. surviver42 sagt:

    @Dr. Lausberg
    in der headline „den Islam“ mit einer potenziellen „Bedrohung“ zu assoziieren scheint aus ihrer Sicht humaner als mit „Terrorismus“ zu sein, aber die wahre Bedrohung in Deutschland ist nicht „der Islam“, sondern die „Volksverblödung“ und Manipulation der Bevölkerung.
    Die meisten Mainstream-Medien, UND dazu gehören auch TV, berichten über „den Islam“ immer nur einseitig.
    Dies ist gegenüber dem GEZ-Zahler ein Hochverrat.
    Wir haben das Recht auf eine objektive Berichterstattung.
    Eine Bedrohung ist das auch für viele Muslime.
    WARUM?
    Sie werden durch die Medien nicht positiv vertreten/repräsentiert und fühlen sich dadurch an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
    WOZU FÜHRT DAS?
    Sie werden konservativ und suchen eine Idendität in der Radikalisierung.

    Ich halte nicht „den Islam“ für eine Bedrohung in der Gesellschaft , sondern die mediale Hetze und die Spalltung der Gesellschaft für noch viel Gefährlicher.



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