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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Bades Meinung

Für Deutschland sind Wirtschaftswanderungen ein Gewinn

Es gibt keine weltweite ‚Flüchtlingskrise‘, sondern eine Weltkrise, die Fluchtbewegungen erzeugt. Wenn man diese Weltkrise bekämpfen will, muss man sich nicht nur um die Begrenzung ihrer Folgen, sondern auch um die Analyse ihre Ursachen kümmern und dazu weltwirtschaftliche Systemfragen stellen.

Bade, Klaus J. Bade, Prof. Bade, Klaus Bade
Prof. Dr. Klaus J. Bade, Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) 2008-2012

VONKlaus J. Bade

 Für Deutschland sind Wirtschaftswanderungen ein Gewinn
Prof. Dr. Klaus J. Bade, geb. 1944, ist Migrationsforscher, Publizist und Politikberater. Er lehrte bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und lebt seither in Berlin. Er war u.a. Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), des bundesweiten Rates für Migration (RfM) und bis 2012 Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin. Bade hatte Fellowships/Gastprofessuren an den Universitäten Harvard und Oxford, an der Niederländischen Akademie der Wissenschaften sowie am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er hat zu Migration und Integration in Geschichte und Gegenwart viele Forschungsprojekte geleitet, einige Dutzend Bücher und zahlreiche kleinere Arbeiten veröffentlicht. Für sein Engagement in Forschung und kritischer Politikbegleitung hat er diverse Auszeichnungen erhalten u.a. das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (www.kjbade.de). Nach wie vor aktuell ist sein letztes Buch "Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungs- gesellschaft", Schwalbach i. T. 2013 (ergänzte 3. Aufl. als eBook 2014).


DATUM21. Juli 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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In dieser Welt, in der heute fast die Hälfte des globalen Reichtums in den Händen von weniger als einem Prozent der Weltbevölkerung1 liegt, gibt es nicht eine weltweite ‚Flüchtlingskrise‘, sondern eine Weltkrise, die Fluchtbewegungen erzeugt. Wenn man diese Weltkrise bekämpfen will, muss man sich nicht nur um die Begrenzung ihrer Folgen, sondern auch um die Analyse ihre Ursachen kümmern und dazu weltökonomische und weltökologische Systemfragen stellen.2

In seiner vorab veröffentlichten Enzyklika ‚Laudato si‘ vom Juni 2015 forderte der aus der südamerikanischen Befreiungstheologie kommende Papst Franziskus, „das globale Entwicklungsmodell muss sich ändern“.3 Nach dem brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff, der mit ihm in enger Verbindung steht, hat damit ein Papst erstmals, gestützt auf wissenschaftlichen Rat, „das Thema Ökologie ganzheitlich behandelt.“

Er bearbeite es „innerhalb eines neuen ökologischen Paradigmas – eine Herangehensweise, die der UNO bis heute in keinem einzigen offiziellen Dokument gelungen ist“, kommentiert Leonardo Boss und betont: „Eine echte ökologische Abhandlung ist immer auch eine Sozialanalyse. Sie wirft die Frage nach sozialer Gerechtigkeit auf, nach dem Schrei der Erde und dem Aufschrei der Armen.“4 Der Papst hat damit für Viele Türen zum Blick ins Freie geöffnet. Für Andere sind diese Türen nach wie vor verschlossen, ist Migration nur eine dunkle Bedrohung von Existenz und Identität.

In Deutschland aber liegt eine List der Entwicklung von Bevölkerung und Wirtschaft, allen Widerständen zum Trotz, darin, dass das vermeintliche Paradies in der Mitte der ›Festung Europa‹ im aufgeklärten Eigeninteresse schrittweise zu einem doppelten Kurswechsel genötigt sein wird: einerseits im Blick auf die Öffnung weiterer regulärer Zuwanderungswege und andererseits im Blick auf eine frühere Eingliederung der oft hoch motivierten, lern- und leistungsbereiten Flüchtlinge und Asylsuchenden in den Arbeitsmarkt, worauf gewerbliche und besonders handwerkliche Betriebe schon vernehmlich drängen.5

Es gilt dabei zweierlei zu verstehen: Für das demographisch alternde und schrumpfende Deutschland sind Wirtschaftswanderungen keine Bedrohung, sondern ein Gewinn. Das hat gerade aufs Neue eine im Auftrag des ›Instituts der deutschen Wirtschaft‹ (Köln) erstellte Studie gezeigt.6 Und die Flüchtlingsaufnahme ist nicht nur eine kostenintensive humanitäre Verpflichtung. Sie kann auch als kulturelle und zugleich wirtschaftliche Bereicherung verstanden werden. Je mehr dies erkannt wird, desto mehr wird auch das Schandwort ‚Wirtschaftsflüchtling‚ in seiner demagogischen Wirkung verblassen.7

  1. Claus Hulverscheidt, Neue gegen alte Welt, in: SZ, 16.5.2015 []
  2. „Eine Politik, die wirklich die Fluchtursachen bekämpfen will, muss sich zunächst kritisch mit der Frage befassen, welche politischen Maßnahmen oder Versäumnisse der EU (bzw. der Industriestaaten) selbst dazu beitragen, dass Fluchtursachen geschaffen werden“, heißt es auch in einer Presseerklärung des Interkulturellen Rats in Deutschland von Juni 2015. „Die Aufgabe der Bekämpfung von Fluchtursachen ist deshalb nicht allein der Entwicklungspolitik zuzuweisen, sie ist als Problem unserer Wirtschaftsweise dem entsprechenden Ressort im Inland und auf Ebene der EU zuzuordnen.“ (Interkultureller Rat in Deutschland, Presseerklärung ‚Flüchtlinge aufnehmen und integrieren‘, Darmstadt, 25.6. 2015). []
  3. Papst Franziskus, Enzyklika ‚Laudato si‘. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Juni 2015 ; vgl. Bernhard Pötter, Und er sah, dass es nicht gut war, in: taz, 18.6.2015. []
  4. Leonardo Boff, Pflege des gemeinsamen Hauses (aus dem Portugiesischen von Astrid Prange de Oliveira), in: taz, 18.6.2015. []
  5. Asylbewerber: Schnellerer Start in den Arbeitsmarkt, in: Focus, 31.1.2015; Sofortprogramm für Flüchtlinge gefordert. Die Arbeitsagentur macht Druck, in: FAZ, 3.6.2015; vgl. Handwerk fordert Bleiberecht für Flüchtlinge in Ausbildung, in: Migazin, 10.3.2015; S. Mayr/F. Müller/W. Wittl, Die Angst des Meisters vor der Abschiebung, in: SZ, 29.4.2015; Thomas Öchsner, Sie wollen arbeiten. Aber die Rechtslage macht es jungen Flüchtlingen schwer, in: SZ, 16.6.2015. []
  6. Institut der deutschen Wirtschaft (Hg.), Chancen der Zuwanderung, Köln 2015; vgl. Holger Bonin, Der Beitrag von Ausländern und künftiger Zuwanderung zum deutschen Staatshaushalt, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2014. []
  7. Auch die niedersächsische CDU formuliert in einem aktuellen Positionspapier: „Unser Programm zielt darauf ab, Menschen aus einem endlosen Asylverfahren in ein Zuwanderungsverfahren zu überführen.“ (Niedersachsen – Deine Heimat. Positionspapier der CDU-Landtagsfraktion Niedersachsen zur Zuwanderung, Juni 2015 (Pos.3). Der bayerische Ministerpräident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer hingegen schärfte in einem Interview mit der Tageszeitung ‚Münchener Merkur‘ zur Lage der Flüchtlinge in Bayern gleich fünfmal das Kampfwort ‚Asylmissbrauch‘ ein: „Falsche Anreize für Asylmissbrauch verhindern“, „Bekämpfung des Asylmissbrauchs“, „massenhafter Asylmissbrauch“, „extremhohe Zahlen beim Asylmissbrauch“ und „endlich Asylmissbrauch verhindern.“ (Mely Kiyak, Asylpolitik: „Hass ist so was von Neunziger“, in: ZeitOnline, 1.7.2015. []
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7 Kommentare
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  1. Kai Diekelmann sagt:

    Dankenswert listet Bade auf, was alles wesentlich zur fluchttreibenden Ausbeutung der Herkunftsstaaten von Flüchtlingen beigetragen hat.
    Entscheidende lässt Bade unerwähnt: von imperialer Wirtschaftspolitik profitieren nicht nur die politische Klasse und das Kapital, sondern nahezu jede/r Einzelne in den Wohlstandsgesellschaften. Mit dem Finger auf Kolonialmächte, internationale Konzerne und Organisationen wie die Weltbank, IWF etc. zu zeigen, greift zu kurz. Wir alle tragen als kleine Rädchen im Getriebe zu den Fluchtursachen bei. Es ist ein bisschen wie während des Dritten Reichs: wir machen uns schuldig und verschließen die Augen vor unseren schmutzigen Händen. Wann wird dieses Tabu fallen?

  2. […] Fluchtursachen und Systemfragen Es gibt keine weltweite ‚Flüchtlingskrise‘, sondern eine Weltkrise, die Fluchtbewegungen erzeugt. Wenn man diese Weltkrise bekämpfen will, muss man sich nicht nur um die Begrenzung ihrer Folgen, sondern auch um die Analyse ihre Ursachen kümmern und dazu weltwirtschaftliche Systemfragen stellen. Die weltweiten Fluchtbewegungen haben eine nie gekannte Dimension erreicht, die selbst diejenige der Fluchtbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg übertrifft: Die UNHCR-Daten erfassten im Dezember 2014 weltweit 59,5 Millionen Menschen, 16 Prozent mehr als im Jahr zuvor (51,2 Mio.): „Im Jahr 2014 wurden täglich durchschnittlich 42.500 Menschen zu Flüchtlingen, Asylsuchenden oder Binnenvertriebenen im eigenen Land.“ Quelle: Migazin […]

  3. Idahoe sagt:

    @Kai Diekelmann
    Der Mythos vom Einfluß des Individuums in einem System?
    Dazu müßte der einzelne frei sein und ihm alle Informationen offen im Zusammenhang zur Verfügung stehen. Da systembedingt permanente Manipulation und Propaganda läuft, ist dies höchstens ein schlechter Scherz.
    Das dritte Reich? Wie war denn die Lebenswirklichkeit des einzelnen? Gab es denn keine Entstehungsgeschichte?

    Sie selbst verschleiern mit Ihren Behauptungen ein TABU und verhindern ehrliche Aufarbeitung.

    Waren Sie wählen? Wenn ja, haben Sie dieses System legitimiert, denn die Teilnahme an dieser verschafft die Legitimation, völlig gleich, welche Partei gewählt wird. Das ist eine Tatsache.

    Einzig Sie, versuchen den einzelnen Menschen eine Schuld zuzuweisen,
    das ist unredlich.

    Es ist ein Unterschied zwischen JEDEM und ALLEN, hat auch die FDP schon nicht verstanden. Ihr lebt in Glaubenswelten, in Gut und Böse, Schuld und Unschuld, das ist das Problem.

  4. Chris Wielo sagt:

    @Diekmann
    Wie sollte denn mein Beitrag für eine bessere Welt aussehen? Nichts mehr aus der Dritten Welt oder Schwellenländern kaufen?
    Wie sah die Welt aus, bevor Europäer die anderen Kontinente entdeckten? Friedliche Welten? Wohl kaum. Sklavenhandel in Afrika und Arabien. Kriege gegen Nachbarn, Kannibalismus und und und .Kein Kontinent war ausgenommen. Der Mensch ist nun mal so. Der Starke ist bald der Reiche und Mächtige. Dann kommt nein anderer Starker und macht ihm Konkurrenz. Im Grunde sehr einfach. Dann werden die Schwachen unterdrückt und versklavt aus viele verschieden Arten.
    Aber am deutschen Wesen muss die Welt genesen. Manch einer ist wirklich unverbesserlich.

  5. Anton Berendi sagt:

    @Idahoe & Chris Wielo: So einfach ist das nicht, sich aus allem herausreden zu wollen. Unser ‚Wohlstand‘, man könnte auch sagen, unsere ständige GIER nach billigen Gütern ist sehr wohl verantwortlich für Hunger und Verwerfungen in der Dritten Welt, und es gibt hier sehr wohl eine individuelle Verantwortung. Andersrum: Reden wir doch einfach mal über Ihren Fleischkonsum. Wieviel Umwelt-, Tier- und Menschenzerstörung zieht die GIER nach billigem Supermarktfleisch nach sich? Und da gibt es keine Alternativen? Achja, die gibt es doch! Zurück zum Sonntagsbraten, viel weniger und dafür viel hochwertiger, wenn überhaupt Fleisch. Ihr (Bio-)bauernhof um die Ecke freut sich. Und das ist nur ein Beispiel, in allen anderen Kosumsparten sind Ursache und Wirkung ähnlich gelagert.

  6. Idahoe sagt:

    @Anton Berendi
    Tja, sagen Sie das mal einem Menschen, der mit Hartz4 auskommen muß oder einem mit kleiner Rente, die hinten und vorne nicht reicht.
    Das ist keine Frage von Ursache und Wirkung, sondern eine Systemfrage. Und Ja, das ist gewollt, denn in einer Wettbewerbsgesellschaft gibt es zwingend Verlierer. Sie müssen nur die Augen öffnen und sich nicht das Leben schön lügen.

    Das hat mit meiner Person ungefähr gar nichts zu tun, das ist nu(h)r eristische Dialektik Ihrerseits.

  7. aloo masala sagt:

    Guter Artikel, Herr Bade. Was ich bei Ihnen nicht verstehe, weshalb Sie in Ihren Artikeln nicht die gleichen Überlegungen beim Fachkräftemangel anstellen. Weshalb ist der Fachkräftemangel nicht auch ein Konstrukt des „Raubtierkapitalismus“, der nach billigen Arbeitskräften verlangt, die heimische Löhne drücken? Die ganze Einwanderungsdebatte und inzwischen auch die Asyldebatte läuft auf einem Nützlichkeitsrassismus von ökonomisch verwertbarem Humankapital hinaus In dieser Angelegenheit verweigern Sie sich als auch andere Migazin-Autoren einer offenen Einwanderungsdebatte und zwar auf eine ähnliche Weise wie sich die CDU/CSU der Debatte verweigert.



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