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Migration und Integration in Deutschland

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Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Bades Meinung

Vielfältige Ausbeutungsmöglichkeiten

Es gibt keine weltweite ‚Flüchtlingskrise‘, sondern eine Weltkrise, die Fluchtbewegungen erzeugt. Wenn man diese Weltkrise bekämpfen will, muss man sich nicht nur um die Begrenzung ihrer Folgen, sondern auch um die Analyse ihre Ursachen kümmern und dazu weltwirtschaftliche Systemfragen stellen.

Bade, Klaus J. Bade, Prof. Bade, Klaus Bade
Prof. Dr. Klaus J. Bade, Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) 2008-2012

VONKlaus J. Bade

 Vielfältige Ausbeutungsmöglichkeiten
Prof. Dr. Klaus J. Bade, geb. 1944, ist Migrationsforscher, Publizist und Politikberater. Er lehrte bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und lebt seither in Berlin. Er war u.a. Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), des bundesweiten Rates für Migration (RfM) und bis 2012 Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin. Bade hatte Fellowships/Gastprofessuren an den Universitäten Harvard und Oxford, an der Niederländischen Akademie der Wissenschaften sowie am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er hat zu Migration und Integration in Geschichte und Gegenwart viele Forschungsprojekte geleitet, einige Dutzend Bücher und zahlreiche kleinere Arbeiten veröffentlicht. Für sein Engagement in Forschung und kritischer Politikbegleitung hat er diverse Auszeichnungen erhalten u.a. das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (www.kjbade.de). Nach wie vor aktuell ist sein letztes Buch "Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungs- gesellschaft", Schwalbach i. T. 2013 (ergänzte 3. Aufl. als eBook 2014).


DATUM21. Juli 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Hinzu kommen in Afrika viele andere, je und je anders implantierte Ausbeutungsmechanismen, zum Beispiel:

  • der erzwungene Wandel von auf Autarkie angelegten afrikanischen Wirtschaftsformen zu hilflos vom internationalen Markt und seinen Preisschwankungen abhängigen und bei Niedrigpreisen umso kreditabhängiger werdenden Monokulturen durch die Kreditregime von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF);
  • die Nötigung zur Abschaffung von Notreserven wie in Malawi und Äthiopien zugunsten des verstärkten Imports von Lebensmitteln aus den USA und Europa in Krisensituationen;
  • die Drosselung von Rohstoffpreisen durch erzwungene Überproduktion; die Währungsabwertung zur Exportförderung und damit auch zum Ausverkauf zu Billigpreisen;
  • die Nötigung zur Exportproduktion für die Schuldentilgung;
  • Importbeschränkungen für Bedarfsartikel des alltäglichen Gebrauchs, aber nicht für Luxusgüter und Militaria;
  • Steuergesetze, die Ländern wie zum Beispiel Tansania von IWF, World Trade Organization (WTO) und Weltbank aufgezwungen wurden, internationale, auch europäische Konzerne begünstigten und damit die betreffenden Staaten um dringend benötigte Steuereinnahmen bringen.

Fluchttreibend wirken daneben in Afrika u.a. ferner:

  • die Ruinierung der westafrikanischen Küstenfischerei durch die schwimmenden Fischfabriken (‚Aus dem Netz in die Dose!‘) aus Europa, aber zum Beispiel auch aus Japan mit ihren durch Staatsverträge eingeräumten Fischereirechten;
  • die Erwürgung der afrikanischen Agrarproduktion durch europäische Billigimporte und der afrikanischen Textilindustrie durch den Import von gebrauchten Textilien, die aus den humanitär gedachten europäischen Kleiderspenden stammen;
  • die Zölle, mit denen Europa afrikanische Erzeugnisse von seinen Märkten ausschließt, während, wie erwähnt, Weltbank und IWF die Öffnung afrikanische Märkte erzwingen – um nur einige Beispiele aus dem neokolonialen Hexenkessel in Afrika zu nennen.

Vieles davon gehört zum Arsenal der »mit kalter Präzision« geplanten Ausbeutungsstrategien von Weltbank und IWF. Sie wurden in großer Breite zuerst in dem in mehr als 30 Sprachen übersetzten Bestseller ›Die Schatten der Globalisierung‹ des Wirtschaftswissenschaftlers Joseph E. Stiglitz enthüllt, der Träger des von der schwedischen Reichsbank vergebenen inoffiziellen Wirtschafts(Nobel)Preises (Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften) ist. Stiglitz musste es wissen; denn er war 1993–1997 Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton, wechselte 1997 als Chefökonom zur Weltbank und wurde dort 2000 wegen potentiell profitbegrenzender Reformvorschläge buchstäblich aus dem Stand hinausgeworfen.1

Hinzu kommen in Afrika kriminelle bzw. mafiotische Strukturen in Kooperation mit korrupten Führungseliten von schwachen Staaten bzw. ‚Failed States‘ sowie mit Milizen und Banden in Bürgerkriegsgebieten. Das reicht zum Beispiel von den ‚Blutdiamanten‘ im Kongo bis zu der internationalen Drogenmafia in Westafrika, besonders in Senegal und der ehemaligen portugiesischen Kolonie Guinea Bissao, einem der ärmsten Länder der Welt. Dort kooperiert die einzige Macht im Staat, das Militär, mehr oder minder offen mit den Multimilliardären der südamerikanischen und internationalen Drogenmafia. Sie schlagen auf dem Luftweg über Guinea Bissao und seine vorgelagerten Inseln mit oft tausendfachen Gewinnen wöchentlich tonnenweise Drogen aus den Produktionsgebieten in der Andenregion zum Beispiel für den Kokain-Markt in Europa um, dessen Kapazität bereits diejenige des US-amerikanischen Marktes überflügelt hat.

Die Flucht aus afrikanischen und arabischen Krisenzonen mit politisch, ethnisch, religiös oder anderweitig bedingten Konflikten und wirtschaftlicher Not ist aber nur ein Beispiel für das weltweite Fluchtgeschehen mit seinen zahllosen Opfern. Im Frühjahr 2015 etwa rückte neben der australischen Flüchtlingsabwehrpolitik (›No way‹) mit ihren Deportationen von Flüchtlingen in Lager auf entlegenen Inseln das Drama der Bootsflüchtlinge im südostasiatischen Raum ins Blickfeld der Medien. Dort treiben Tausende von Flüchtlingen auf Booten vor den Küsten von Thailand, Malaysia und Indonesien. Viele von ihnen gehören zu der unterdrückten und verfolgten Minderheit der muslimischen Rohingya aus Myanmar und Bangladesch. Hilfe bleibt oft aus, nicht selten werden Boote mit erschöpften oder schon fast verhungerten Insassen aus Küstennähe mit etwas Verpflegung ins offene Meer hinausgeschleppt, wo sie dem Tod auf hoher See entgegendümpelten.2

  1. Joseph E. Stiglitz, Die Schatten der Globalisierung, Berlin 2002; vgl. jetzt: Ernst Wolff, Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzugs, Marburg 2014. []
  2. Arne Perras, Schiffbruch, in: SZ, 16./17.5.2015; Verena Hölzl, Sorgenkinder in Sachen Religionsfreiheit. Zehntausende Rohingya haben Birma verlassen, in: Die Welt, 29.5.2015; Nina Belz, Burmas Angst vor dem Islam, in: Neue Züricher Zeitung, 30.5.2015; Myanmar schickt Flüchtlinge zurück. 727 Bootsinsassen müssen auf hohe See, in: SZ, 3.6.2015. []
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7 Kommentare
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  1. Kai Diekelmann sagt:

    Dankenswert listet Bade auf, was alles wesentlich zur fluchttreibenden Ausbeutung der Herkunftsstaaten von Flüchtlingen beigetragen hat.
    Entscheidende lässt Bade unerwähnt: von imperialer Wirtschaftspolitik profitieren nicht nur die politische Klasse und das Kapital, sondern nahezu jede/r Einzelne in den Wohlstandsgesellschaften. Mit dem Finger auf Kolonialmächte, internationale Konzerne und Organisationen wie die Weltbank, IWF etc. zu zeigen, greift zu kurz. Wir alle tragen als kleine Rädchen im Getriebe zu den Fluchtursachen bei. Es ist ein bisschen wie während des Dritten Reichs: wir machen uns schuldig und verschließen die Augen vor unseren schmutzigen Händen. Wann wird dieses Tabu fallen?

  2. […] Fluchtursachen und Systemfragen Es gibt keine weltweite ‚Flüchtlingskrise‘, sondern eine Weltkrise, die Fluchtbewegungen erzeugt. Wenn man diese Weltkrise bekämpfen will, muss man sich nicht nur um die Begrenzung ihrer Folgen, sondern auch um die Analyse ihre Ursachen kümmern und dazu weltwirtschaftliche Systemfragen stellen. Die weltweiten Fluchtbewegungen haben eine nie gekannte Dimension erreicht, die selbst diejenige der Fluchtbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg übertrifft: Die UNHCR-Daten erfassten im Dezember 2014 weltweit 59,5 Millionen Menschen, 16 Prozent mehr als im Jahr zuvor (51,2 Mio.): „Im Jahr 2014 wurden täglich durchschnittlich 42.500 Menschen zu Flüchtlingen, Asylsuchenden oder Binnenvertriebenen im eigenen Land.“ Quelle: Migazin […]

  3. Idahoe sagt:

    @Kai Diekelmann
    Der Mythos vom Einfluß des Individuums in einem System?
    Dazu müßte der einzelne frei sein und ihm alle Informationen offen im Zusammenhang zur Verfügung stehen. Da systembedingt permanente Manipulation und Propaganda läuft, ist dies höchstens ein schlechter Scherz.
    Das dritte Reich? Wie war denn die Lebenswirklichkeit des einzelnen? Gab es denn keine Entstehungsgeschichte?

    Sie selbst verschleiern mit Ihren Behauptungen ein TABU und verhindern ehrliche Aufarbeitung.

    Waren Sie wählen? Wenn ja, haben Sie dieses System legitimiert, denn die Teilnahme an dieser verschafft die Legitimation, völlig gleich, welche Partei gewählt wird. Das ist eine Tatsache.

    Einzig Sie, versuchen den einzelnen Menschen eine Schuld zuzuweisen,
    das ist unredlich.

    Es ist ein Unterschied zwischen JEDEM und ALLEN, hat auch die FDP schon nicht verstanden. Ihr lebt in Glaubenswelten, in Gut und Böse, Schuld und Unschuld, das ist das Problem.

  4. Chris Wielo sagt:

    @Diekmann
    Wie sollte denn mein Beitrag für eine bessere Welt aussehen? Nichts mehr aus der Dritten Welt oder Schwellenländern kaufen?
    Wie sah die Welt aus, bevor Europäer die anderen Kontinente entdeckten? Friedliche Welten? Wohl kaum. Sklavenhandel in Afrika und Arabien. Kriege gegen Nachbarn, Kannibalismus und und und .Kein Kontinent war ausgenommen. Der Mensch ist nun mal so. Der Starke ist bald der Reiche und Mächtige. Dann kommt nein anderer Starker und macht ihm Konkurrenz. Im Grunde sehr einfach. Dann werden die Schwachen unterdrückt und versklavt aus viele verschieden Arten.
    Aber am deutschen Wesen muss die Welt genesen. Manch einer ist wirklich unverbesserlich.

  5. Anton Berendi sagt:

    @Idahoe & Chris Wielo: So einfach ist das nicht, sich aus allem herausreden zu wollen. Unser ‚Wohlstand‘, man könnte auch sagen, unsere ständige GIER nach billigen Gütern ist sehr wohl verantwortlich für Hunger und Verwerfungen in der Dritten Welt, und es gibt hier sehr wohl eine individuelle Verantwortung. Andersrum: Reden wir doch einfach mal über Ihren Fleischkonsum. Wieviel Umwelt-, Tier- und Menschenzerstörung zieht die GIER nach billigem Supermarktfleisch nach sich? Und da gibt es keine Alternativen? Achja, die gibt es doch! Zurück zum Sonntagsbraten, viel weniger und dafür viel hochwertiger, wenn überhaupt Fleisch. Ihr (Bio-)bauernhof um die Ecke freut sich. Und das ist nur ein Beispiel, in allen anderen Kosumsparten sind Ursache und Wirkung ähnlich gelagert.

  6. Idahoe sagt:

    @Anton Berendi
    Tja, sagen Sie das mal einem Menschen, der mit Hartz4 auskommen muß oder einem mit kleiner Rente, die hinten und vorne nicht reicht.
    Das ist keine Frage von Ursache und Wirkung, sondern eine Systemfrage. Und Ja, das ist gewollt, denn in einer Wettbewerbsgesellschaft gibt es zwingend Verlierer. Sie müssen nur die Augen öffnen und sich nicht das Leben schön lügen.

    Das hat mit meiner Person ungefähr gar nichts zu tun, das ist nu(h)r eristische Dialektik Ihrerseits.

  7. aloo masala sagt:

    Guter Artikel, Herr Bade. Was ich bei Ihnen nicht verstehe, weshalb Sie in Ihren Artikeln nicht die gleichen Überlegungen beim Fachkräftemangel anstellen. Weshalb ist der Fachkräftemangel nicht auch ein Konstrukt des „Raubtierkapitalismus“, der nach billigen Arbeitskräften verlangt, die heimische Löhne drücken? Die ganze Einwanderungsdebatte und inzwischen auch die Asyldebatte läuft auf einem Nützlichkeitsrassismus von ökonomisch verwertbarem Humankapital hinaus In dieser Angelegenheit verweigern Sie sich als auch andere Migazin-Autoren einer offenen Einwanderungsdebatte und zwar auf eine ähnliche Weise wie sich die CDU/CSU der Debatte verweigert.



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