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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010
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In einem Goethe-Institut

Vorurteile und Misstrauen im Goethe-Institut

Der Sprachnachweis für nachziehende Ehegatten steht seit seiner Einführung 2007 in der Kritik. Trotzdem hält die Bundesregierung daran fest – als Integrationsmaßnahme. Die Realität in einem Goethe-Institut zeigt aber etwas ganz anderes: Beim Sprachnachweis geht es um Selektion von Menschen.

Goethe-Institut, Porto Alegre, Sprache, Deutsch, Deutschland
Ein Goethe-Institut in Porto Alegre © Jaan-Cornelius K. @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMiriam Gutekunst

 Vorurteile und Misstrauen im Goethe-Institut
Miriam Gutekunst ist Kulturanthropologin und lebt in München. Im Rahmen ihrer Dissertation forscht sie in Marokko zur Bedeutung von Liebe und Heirat im Kontext des Europäischen Grenzregimes. Ihre Schwerpunkte sind kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, postkoloniale Theorie und Gender Studies. Mit KollegInnen hat sie ein neues Onlinemagazin an der Schnittstelle von Kulturanthropologie und Journalismus gegründet: Transformations.

DATUM9. Juli 2015

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RESSORTLeitartikel, Meinung, Politik

QUELLE Eine länger Fassung dieses Beitrags wurde bereits veröffentlicht in: movements - Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung.

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Gerade mit Bezug auf „arabische Länder“, aus denen vorwiegend muslimische MigrantInnen nach Deutschland kommen, wird von konservativer Seite in Medien und Politik immer wieder vor der Bildung von „Parallelgesellschaften“ gewarnt: Sie würden nach Deutschland kommen und in ihrer arabisch-muslimischen Community bleiben, im schlimmsten Fall fände bei jungen Männern noch eine Radikalisierung statt. Bei den Frauen bestehe zusätzlich die große Sorge, dass sie sich direkt in die Familien zurückziehen, den Haushalt machen und sich um die Kinder kümmern. Der Begriff der „Parallelgesellschaft“ unterstellt in diesem Diskurs eine freiwillige und bewusste Abschottung, die einen Entstehungsort für Differenz und Gewalt schafft. Das Szenario eines Konflikts zwischen Westen und „dem Islam“, in dem von einer homogenen Kultur der arabisch-muslimischen MigrantInnen ausgegangen wird, ist fester Bestandteil dieses Integrationsdiskurses. Der Leiter der Sprachabteilung erklärt, dass das Goethe-Institut deshalb einen Integrationsauftrag habe. „Was aus denen wird, das ist Kulturarbeit.“ Im Moment sei, seiner Ansicht nach, die Vorbereitung auf Deutschland in den „Vorintegrationskursen“ nicht ausreichend. Es würde nicht reichen wie im Kursbuch zu zeigen, wie Weihnachten gefeiert wird. Aber um mehr zu tun, fehle ihm auch das Personal. Was passiert also konkret in den so genannten „Vorintegrationskursen“?

Ich beschließe vier Wochen lang zwei der „Vorintegrationskurse“ am Goethe-Institut Casablanca zu begleiten. Als ich das erste Mal einen der Kurse besuche, ist die erste Frage, die mir gestellt wird: „Welche Probleme werden wir bei der Integration in Deutschland haben?“ Der Deutschlehrer hatte mich als Forscherin aus München vorgestellt und seine KursteilnehmerInnen aufgefordert, die Gelegenheit zu nutzen und sich bei mir über das Leben in Deutschland zu informieren. Die gleiche junge Frau, die mir diese Frage gestellt hatte, möchte später mit mir darüber sprechen, ob es stimme, dass man mit Kopftuch in Deutschland keine Arbeit finden würde. Doch ihr Lehrer unterbricht sie und wechselt das Thema. In diesem Raum wird nicht über Diskriminierung gesprochen, wie ich in den nächsten Wochen beobachten werde. In Deutschland gibt es keine Probleme und es gilt sich an die Werte und Normen anzupassen – sich zu „integrieren“. Dieser Duktus entspricht einem Integrationsdiskurs, in dem nach wie vor von individuellen Defiziten der MigrantInnen ausgegangen wird, anstatt strukturelle Gegebenheiten wie institutionellen Rassismus zu thematisieren.

Als ich vor dem Besuch des Kurses mit einigen MitarbeiterInnen des Goethe-Instituts zusammensaß, wurde ich vorgewarnt: Ich solle mich nicht wundern, in diesen Kursen würden vor allem „Hausfrauen“ sitzen, die wenig Schulbildung haben. Manchmal seien auch welche dabei, die studiert hätten, aber die würden sofort in andere Gruppen wechseln. Auf dem Weg in den Unterrichtsraum meint der Lehrer noch einmal energisch zu mir: „Die müssen sich integrieren!“ Als ich schließlich vor der Gruppe stehe, sehe ich unterschiedlichste Menschen vor mir. Tatsächlich sind nur zwei Männer unter den siebzehn Lernenden, die alle relativ jung sind, zwischen zwanzig und dreißig. Etwa die Hälfte der Frauen trägt Kopftuch, manche zu Jeans und bunter Bluse, andere zu traditioneller Djellaba. Ich setze mich dazu. Heute gehe es um Berufe, beginnt der Lehrer. Er bringt ein Beispiel: „Ich bin Deutschlehrer von Beruf.“ „Was seid ihr von Beruf?“, fragt er in die Runde. Khaled ist Informatiker. Oujidane ist Buchhalterin. Khadija ist Telefonistin. Einige sind Studentinnen. Eine Kursteilnehmerin fragt: „Kann ich sagen, ich arbeite nicht?“ Der Lehrer antwortet: „Nein, dann sagen Sie: Ich bin Hausfrau.“ – „Nur jetzt arbeite ich nicht.“ – „Nein, dann sagen Sie: Ich bin Hausfrau.“ Sie nickt und wiederholt: „Ich bin Hausfrau.“ Anschließend laufen wir durch den Raum und fragen uns gegenseitig nach unserem Beruf. Wenn mir jemand antwortet „Ich bin Hausfrau.“, frage ich noch einmal nach und es stellt sich heraus, dass die meisten einen Beruf haben, auch bereits in einem Beschäftigungsverhältnis standen und einfach nur im Moment nicht arbeiten, weil sie drei Mal die Woche für einen halben Tag Sprachkurs haben, zuhause das Gelernte wiederholen, Hausaufgaben machen und oftmals noch einen weiten Weg zum Goethe-Institut auf sich nehmen müssen. Kein Arbeitgeber würde das mitmachen, wird mir erklärt. Mona zum Beispiel ist Informatikerin und programmiert zuhause parallel zum Sprachkurs Software auf freiberuflicher Basis. Chaimaa hat gerade ihr Abitur gemacht und würde in Deutschland gerne Modedesign studieren. Dunja hat Jura studiert und einige Jahre in einer Kanzlei gearbeitet.

Als ich nach dem Kurs zurück ins Büro komme, erzähle ich, dass ich verwundert bin, weil es sich bei den KursteilnehmerInnen auf keinen Fall, wie es vorher hieß, nur um „ungebildete Hausfrauen“ handele. Ich solle mich nur nicht täuschen lassen, nur weil die schick angezogen sind, wird mir als Antwort entgegen geworfen. Das Bild der „nachziehenden Ehegatten“ scheint hier sehr klar zu sein: junge Frauen, die keinen Schulabschluss haben und nur nach Deutschland kommen, um dort Familie zu gründen, geholt von marokkanischen Männern, denen die europäischen Frauen nicht hörig und gläubig genug sind, wahrscheinlich sogar gegen ihren Willen. Diese stereotype Vorstellung ist mir im Laufe meiner Forschung in unterschiedlichen Kontexten immer wieder begegnet und ist fester Bestandteil der Debatten um Heiratsmigration aus der Türkei und arabischen Ländern. Die Soziologin Necla Kelek trug mit ihrem Bestseller „Die fremde Braut“ 2005 zur Festigung dieses vereinfachten Bilds bei, obwohl sie unter anderem aufgrund der nicht nachvollziehbaren Datengrundlage ihrer Studie auch stark in der Kritik stand. Das Stereotyp der „Heiratsmigrantin“ ist mächtig und schürt weiter Ängste vor „Parallelgesellschaften“ und „unterdrückten muslimischen Frauen“.

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2 Kommentare
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  1. karakal sagt:

    Die Erfordernis von Deutschkenntnis vor der Erteilung eines Visums für den Ehegattennachzug und was dies in den Heimatländern der Betroffenen zur Folge hat, ist wirklich kraß. Eine Sprache erlernt man am besten, wenn der Sprachkurs in demjenigen Land abgehalten wird, in dem die jeweilige Sprache gesprochen wird, weil er Lernende dann dazu genötigt ist, das Gelernte in der Praxis anzuwenden und damit zu festigen.
    Die meisten verwechseln Integration, nämlich die unversehrte Aufnahme eines neuen Teils in ein bestehendes Ganzes, mit Assimilation, der Angleichung unter Aufgabe wesentlicher Eigenheiten. Die Deutschlehrer sollten so ehrlich sein, ihren Schülern /-innen nicht zu verschweigen, daß in der BRD von den Einwanderern Assimilation anstatt Integration erwartet wird, während viele Deutsche selbst integrationsunwillig sind, und daß dort insbesondere muslimische Frauen auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert werden, ansonsten Menschen ausländischer Herkunft allein schon auf Grund ihrer Hautfarbe und ihres Familiennamens.

  2. Mike sagt:

    Einem anderen Artikel von Migazin zufolge sind selbst dem EuGH zufolge Sprachteste unter bestimmten Voraussetzungen zulässig so what?



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