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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Interview mit Mustafa Yeneroğlu

Die Grünen und Linke vertreten Positionen, die von den Türkeistämmigen strikt abgelehnt werden.

Mustafa Yeneroğlu, in Deutschland groß geworden, steht kurz vor seinem Einzug ins Parlament. Allerdings kandiert er nicht für die CDU, sondern für die türkische AK Partei. MiGAZIN sprach mit ihm über seine Ziele, über Deutschland und die Türkei, über die AK Partei und wieso er Deutschland erhalten bleibt.

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Mustafa Yeneroğlu (AK Partei) © privat, bearb. MiG

VONDerya Kalava

Die Verfasserin hat in Deutschalnd Politik- und Sozialwissenschaften studiert. Inzwischen lebt und arbeitet sie in Istanbul.

DATUM26. Mai 2015

KOMMENTARE13

RESSORTInterview, Leitartikel

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Die deutsche Parteienlandschaft ist viel größer als die CDU, beliebt unter Türkeistämmigen sind doch auch die SPD, die Grünen oder auch die Linkspartei.

Yeneroğlu: Das ist nur bedingt richtig. Die Grünen und die Linkspartei beispielsweise vertreten Positionen, die von der Mehrheit der Türkeistämmigen strikt abgelehnt werden.

Welche sind das?

Yeneroğlu: Beispielsweise ist es äußerst befremdlich, mit welcher Leichtigkeit sich deutsche Parteien in die türkische Innenpolitik einmischen. Die Linkspartei etwa unterstützt offen die HDP, die mit dem Terror der PKK bis heute nicht gebrochen hat und sich nach wie vor davon tragen lässt. Stellen Sie sich vor, eine türkische Partei würde eine deutsche Partei unterstützen, die mit einer international anerkannten Terrororganisation sympathisiert.

Auch die Grünen überraschen neuerdings mit klaren Wahlempfehlungen. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Claudia Roth (Die Grünen), etwa hat alle türkeistämmigen Wahlberechtigten auffordert, die PKK nahe HDP zu wählen. Offenbar misst man mit zweierlei Maß, solange der Terror nicht Deutschland trifft. Da frage ich mich, ob die noch wissen, was die tun. Genau diese Haltung wird in breiten Teilen der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland genauestens registriert.

Da stellt sich bei mir auch folgende Frage: Sind die Grünen und die Linke deswegen für die doppelte Staatsbürgerschaft? Wollen die damit ihren Einfluss in der Türkei vergrößern? Das jedenfalls hat man dem ehemaligen türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan vorgeworfen, als er für den Doppelpass warb. Im Gegensatz zu den Grünen hat er aber bis heute keine Wahlempfehlung ausgesprochen. Stellen Sie sich vor, in Deutschland stehen Wahlen an und die AK Partei appelliert an die Türkeistämmigen in Deutschland, die SPD zu wählen. Ich will nicht wissen, wie die anderen reagieren.

Ich bin für einen offenen Dialog – auch bei kritischen Fragen, aber ich darf auch ein Mindestmaß an diplomatischem Anstand erwarten.

Sind das die Gründe, wieso sich Türkeistämmige für deutsche Politiker wenig interessieren aber ganze Konzerthallen füllen, wenn der türkische Premier kommt?

Yeneroğlu: Der türkische Premier unterscheidet – im Gegensatz zur deutschen Politik – die Türkeistämmigen in Deutschland nicht nach dem Grad ihrer Religiosität oder sortiert sie in Schubladen in „ungewollte Konservative“ und „gern gesehene Liberale“ etc. Sie tritt einnehmend auf und nicht ausgrenzend, sie umarmt die Menschen anstatt sie vor den Kopf zu stoßen. Ich wünschte mir, dass die in Deutschland lebenden Menschen Bundeskanzlerin Merkel genauso zujubeln wie dem türkischen Premier. An Potenzial mangelt es nicht, allenfalls an der richtigen Politik und der Rhetorik.

Kehren Sie Deutschland den Rücken, weil sie sich nicht angesprochen fühlen?

Yeneroğlu: Meine Kandidatur in der Türkei bedeutet keinesfalls, dass ich Deutschland den Rücken kehre. Ganz im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass ich als Politiker in der Türkei viel bewegen kann für die Türkeistämmigen in Deutschland, für Deutsche in der Türkei, für eine bessere Minderheitenpolitik beiden Ländern und nicht zuletzt auch auf bilateraler Ebene. Ich kann mich unserer Gesellschaft in Deutschland genauso verpflichtet fühlen wie der in der Türkei. Damit hat die Idee des klassischen Nationalstaats ein Problem. Es paßt nicht ins überholte Konzept und irritiert deshalb. Ich bin Brückenbauer, kann transnational wirken und mich in hybride Identitäten hineinversetzen.

Worauf müssen wir uns da einstellen?

Yeneroğlu: Ich kenne sowohl Deutschland als auch die Türkei gut. Insofern kann ich Rücksicht auf Sensibilitäten beider Länder nehmen, Brücken bauen, eine Politik etablieren, die in Deutschland nicht als Eingriff oder Störung von Außen empfunden wird und umgekehrt. Da braucht es Fingerspitzengefühl. Auf der anderen Seite muss ein Verständnis etabliert werden, das transnationale Zugehörigkeiten nicht als Bedrohung wahrnimmt, sondern als Mehrwert versteht. Wenn das gewährleistet ist, lässt sich konstruktive Politik für die Türkeistämmigen in Deutschland machen, wovon sowohl die Türkei als auch Deutschland profitiert.

Wie wollen Sie diesen Sinneswandel konkret fördern?

Yeneroğlu: Es gibt da einige Instrumente wie die Stärkung des politischen Austauschs, gemeinsame Annahme der bildungs- und sozialpolitischen Herausforderungen, massive Stärkung des kulturellen Austauschs und von Bildungsaustausch auf unterschiedlichsten Ebenen und Branchen, Etablierung von zweisprachigen Schulen, Evaluation und Anpassung von bilateralen Kulturabkommen usw.

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13 Kommentare
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  1. derkritiker sagt:

    eben solche männer sind der deutschen gesellschaft ein dorn im auge . man will lieber muslime wie pierr vogel und ezb haben ,statt vernünftige menschen die sagen was sache ist

    auch die qoutentürken in der politik und die verlogenheit sehr gut zur sprache gebracht . in großenteilen der bevölkerung sieht man in migranten und vorallem türken/araber/etc „muslimen“ grenzdebile untermenschen .

    es wird nicht auf augenhöhe mit den menschen geredet sondern nur über sie .

    […]

  2. Kritika sagt:

    Hier fallen Worte wie „Vielfalt fördern, als Bereicherung ansehen“ usw. Tja, dem Gegenüber steht eine rechtskonservative Partei CDU, die am rechten Rand ihre Mitglieder provokant fischt, mit einer Kanzlerin an der Spitze, die immer wieder zu verstehen gegeben hat, daß Ausländer nicht in die deutsche Gesellschaft gehören. Da fallen mir Sätze ein wie „Die Integration ist gescheitert“ oder „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ usw.

    Die ausländischen Parteimitglieder sind eh nur die Quotenkanaken, um die Partei als Weltoffen zu repräsentieren, ohne tatsächliche Einflussmacht. Wertlos. Muss man sich nicht wundern, daß immer mehr Deutsch-Türken sich von Deutschland politisch oder teilweise gesellschaftlich abwenden und ihr Heil woanders suchen.

  3. surviver sagt:

    @Kritika
    So viel ich weis hat die Kanzlerin „Der Islam gehört zu Deutschland“ gesagt.
    Nur WAS bedeutet diese Aussage von der Kanzlerin…?
    WAS wurde bisher gesellschaftspolitisch bisher unternommen, um die Integration voranzutreiben?

    Das zeigt wieder einmal, wie „desinformiert“ die Bürger in der BRD sind.

    Herr Yeneroglu war für mich bis heute ein Unbekannter.
    Habe vom Migazin erfahren wer er ist und habe mir daraufhin mal you tube ein 10min. Interview von ihm bei TRT angeschaut, wo es um Pegida Demonstrationen und zunehmende Ausländerfeindlichkeit ging.
    Der Mann redet „Tacheles“ und spricht in der Gesellschaft sehr ernstzunehmende Probleme an, die bis heute, leider, viele Deutsche Politiker gar nicht erst so in der Form angesprochen haben.

    Warum erfährt der Bürger in der BRD nicht von den „ÖR“, Namen brauche ich wohl nicht erwähnen, wichtige Informationen, die man leider nur noch über Alternative Medien in Erfahrung bringen kann.

    Herr Yeneroglu sagt in dem Interview auch, dass in Deutschland lebende Türken bis zum 11.9.2001 als Ausländer oder Gastarbeiter angesehen wurden, nach dem 11.9. aber alle zu „Muslimen“ wurden.

    Wieso hat die Politik oder die Presse so ein großes Interesse daran, alle Muslime unter „Generalverdacht“ zu stellen und sie dadurch in der Gesellschaft als Bürger 2. Klasse zu deklassieren.
    Wieso ist denen die Spaltung der Gesellschaft so wichtig. Ich denke, damit wird auch viel Geld gemacht oder einige gehen damit auf Stimmenjagt.
    Wieso betreibt die Deutsche Presse/Politik so eine immense „Einmischung“ in die innere Angelegenheiten der Türkei/Türkische Regierung durch kontinuierliche Anti-Türkei-Propaganda?
    Herr Yeneroglu erwähnt von direkter und indirekter Unterstützung der Linken und den Grünen von Anti-Erdogan-Parteien wie die HDP….etc. etc.

    Der Bürger bekommt NICHTS mit und wird in seiner Meinungsbildung manipuliert, nach dem Motto: „das sind die Guten, das sind die Bösen“.
    Wieso sind Brücken in Deutschland marode?
    Wieso wird sozialer Wohnbau nicht gefördert, nur Ghettos?
    Wieso sind in allen Straßen nur noch Schlaglöcher?
    Wieso………..wo geht das Geld der Steuerzahler hin?……etc etc

    Wozu führt das?
    Zur Spaltung der Gesellschaft und Unzufriedenheit der Bürger.
    Der Bürger kommt sich verarscht vor und gründet eine neue Partei, wie die AfD.

    Ich denke, diese Art der Politik basiert auf das System vom Römischen Reich: „Teile und herrsche“.

    Mann muss die Gesellschaft versklaven, enteignen und spalten um sie kontrollieren zu können, denn ansonsten würden einige Banken, Verlage u/o Politiker keine Macht mehr über das Volk haben.
    Sie würden Mia. verlieren und bevor sie diese Mia. verlieren, bringen sie …….
    Einigen scheint leider Geld und Macht wichtiger zu sein als das Wohl seiner Bürger.
    Die Quittung dafür bekommt werden sie sehr wahrscheinlich 2017 bei den Wahlen bekommen.
    Das hat sich diese „fremdgesteuerte“ Fehlpolitik selbst zuzuschreiben.

    Der Bürger ist aufgewacht.

  4. Ali sagt:

    Herr Yeneroglu, bitte beeilen Sie sich mit der Gründung einer zweisprachigen Schule. Meine Kinder kommen bald ins schulfähige Alter und ich möchte, dass sie Türkisch und Deutsch auf dem selben Niveau sprechen und schreiben lernen.

  5. Gast sagt:

    Auch wenn ich die politischen Ansichten von Herrn Yeneroglu bzgl. der AKP nicht teile, gebe ich ihm weitesgehend Recht. Er spricht deutlich und präzise die Probleme der ehemaligen Gastarbeiter und deren Kinder an, die gewiss anders sind als der später zugewanderten Migranten oder Flüchtlinge.

    Deutschland muss akzeptieren, dass wir es mit ca. 3-4 Mio Menschen zutun haben, die hier von Anfang an um ihren Lohn gekämpft haben und mit diesem Selbstbewusstsein fordern sie eine Teilhabe und Anerkennung.

    Diese Menschen sind nicht als Flüchtlinge gekommen, sondern als Gastarbeiter, d.h. sie wurden eingeladen zum Arbeiten. Diesen Menschen, mit dem doppelmoralischem Fingerzeig auf die Türkei, ihre ureigenen Rechte zu verwehren ist heuchlerisch.

    Wenn selbst doppelsprachlicher Unterricht, die doppelte Staatsbürgerschaft oder das Engangement in Türkischen Vereinen misstrauisch beäugt und sogar bekämpft werden (s. Nebahat Güclü), darf man nicht von Gleichberechtigung reden.

    Die Deutsche Politik und Medien versuchen die Türkischen Einwanderer innerhalb eines Oberbegriffs der Muslime oder Migranten in eine allgemeine Migranten Identität zu assimilieren.
    Dagegen wehren sich die Türken zurecht.
    Wir fordern eigene spezifische Rechte, wie das Recht unseren Kindern unsere Sprache unterrichten zu dürfen oder nicht vor die Wahl einer Deutschen oder Türkischen Identität gestellt zu werden.

    Wir fordern die Erhaltung unserer kulturellen Identität in UNSEREM Sinne!

    Wir als Türkische Gastarbeiter und deren Nachkommen fühlen uns übergangen und daran tragen wir auch eine Mitschuld. Ich hoffe Menschen wie Herr Yeneroglu werden in Zukunft dieses Unrecht korrigieren.

  6. burak sagt:

    Bayern München- und Erdogan-Fan? Jessesmaria und Mohammed im Himmel…

  7. magistrat sagt:

    Besten Dank für dieses wunderbare Interview, das dem Außen stehendem die Dinge mal auf den Punkt gebracht erklärt. Herr Yeneroglu hat unser allen Respekt verdient, wie insgesamt die gesamte Generation der Türken die dieses Land mit aufgebaut haben und den widrigsten Ressentiments ausgesetzt waren. Dann wollte man sie einfach mit billigem Geld loswerden. Das sind Menschen mit Rückgrat, Charakter und Moral, solche Leute braucht das modern Deutschland!

  8. Wladislaw Wasilewski sagt:

    Zitat von Gast: „Wir fordern eigene spezifische Rechte, wie das Recht unseren Kindern unsere Sprache unterrichten zu dürfen oder nicht vor die Wahl einer Deutschen oder Türkischen Identität gestellt zu werden“.

    Als gebürtiger Pole erlaube ich mir dazu eine Bemerkung. Genau diese Einstellung verhindert wirkliche Integration. Meine Kinder sprechen fließend polnisch ohne jemals eine polnische Schule besucht zu haben. Sprachvermittlung ist schlicht die Aufgabe der Familien der Immigranten, wenn sie gewünscht ist. Auch können institutionelle Einrichtungen der verschiedenen Sprachgruppen, meinetwegen herkunftsprachliche Volkshochschulen, dabei unterstützend tätig sein. Gebräuche und Folklore der Herkunftländer kann und soll gepflegt werden können. Familiäre Verbindungen und Kontakte sind eine Selbstverständlichkeit.
    Allerdings ist dies nicht die Aufgabe des deutschen Staates. So wenig wie es in Kanada oder Australien staatliche z.B. deutschsprachige Schulen gibt, trotz hunderttausender, in den USA Millionen, deutschsprachiger Einwanderer, (für andere Einwanderergruppen gilt gleiches) sowenig ist dies hier zu Lande erforderlich. Die Einwanderer und ihre Nachkommen haben auch eine Bringschuld gegenüber dem Land in dem sie leben möchten. Dieses darf durchaus erwarten, dass Menschen, die seine Staatsbürgerschaft haben, ihm bevorzugt loyal gegenüber eingestellt sind. Deshalb halte ich auch eine doppelte Staatsbürgerschaft für nicht zielführend. Niemand kann „zwei Herren dienen“! Und niemand wird dazu gezwungen Deutscher zu sein oder zu werden. Wer es nicht sein will, sollte sich aber auch nicht darüber beklagen, dass er dann weiterhin „Gast“ in diesem Land ist.
    Ich trage Polen immer im Herzen, meine und meiner Kinder Identität aber ist uneingeschränkt deutsch. Darf ich sagen, sogar beim Fussball!

  9. LI sagt:

    Ich habe gestern Herrn Yeneroglu bei Anne Will gesehen.

    Und es war ein Wohltat nicht immer nur den Einheitsbash auf die Türkei und in Folge als automatischer Reflex auf hier lebende türkischstämmige Bürger wahrnehmen zu müssen

    Herr Yeneroglu hat sachlich und nachvollziehbar argumentiert und was ganz wichtig war, er war den selbstberufenen Türkei- und Minderheitenanklägern sprachlich und argumentativ mehr als gewachsen.

    LI

  10. Martine sagt:

    “ Ich stehe für eine Politik, die Vielfalt – ob sprachlich, kulturell oder religiös – als Gewinn ansieht und diese nicht nur duldet, sondern aktiv fördert.“

    Also ich bin ja so ein Mensch ich der nicht viel auf Worte gibt…es sind die Taten die zählen.

    Herr Yeneroglu setzt sich also in der Türkei für Christen und den christlichen Glauben ein, damit diese in der Türkei ihren Glauben minestens so frei leben können, wie er als Muslim in Deutschland. Ich glaubsganz ehrlich nicht, denn wenn es so wäre, dann hätte die AKP ihn erst gar nicht aufgenommen, aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen 🙂


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