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Rettungsaktion am Mittelmeer (Symbolfoto) © Noborder Network @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Erstmals erforscht

Tote Bootsflüchtlinge bleiben meist unbekannt

Tausende Flüchtlinge ließen in den vergangenen Jahren ihr Leben, als sie versuchten, über das Mittelmeer Europa zu erreichen. Niemand wusste bisher, woher sie kamen, wie alt sie waren und woran genau sie starben. Jetzt haben Wissenschaftler die Region bereist und Daten zusammengetragen:

Von Benjamin Dürr Dienstag, 26.05.2015, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 27.05.2015, 17:04 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

62 Prozent der im Mittelmeer gestorbenen Flüchtlinge sind ertrunken, 2,1 Prozent verdurstet, 4,5 Prozent an Unterkühlung gestorben, heißt es auf einer Liste der Amsterdamer Migrationsforscherin Tamara Last. Es ist die erste offizielle Übersicht über die Toten, die an den Stränden des Mittelmeers angespült werden.

Allein bei der verheerenden Bootskatastrophe am 19. April vor der libyschen Küste starben vermutlich bis zu 800 Menschen. Italien will den gesunkenen Kutter nun bergen. „Dort unten sind 500 bis 600 Leichen“, sagte Premierminister Matteo Renzi am Dienstagabend in einer Talkshow: „Die ganze Welt soll sehen, was geschehen ist.“ Doch die italienische Aktion ist eine Ausnahme: Die meisten der Toten tauchen nie auf und werden nicht identifiziert.

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Die Juristin und Migrationsforscherin Tamara Last wollte das ändern. Im vergangenen Jahr koordinierte sie ein Team von zwölf Wissenschaftlern, die die Mittelmeer-Küste entlang gereist sind und sich durch die lokalen Sterberegister gearbeitet haben. In der vergangenen Woche haben sie ihre Ergebnisse vorgestellt und eine Datenbank im Internet freigeschaltet. 563 Standesämter haben sie dafür besucht – von Gibraltar und Südspanien ganz im Westen über die italienische Südküste bis hin nach Griechenland im Osten.

Wenn ein Toter gefunden werde, eröffne die Polizei in den Ländern standardmäßig ein Ermittlungsverfahren, erklärt Last. Die Behörden ermitteln Identität und Todesursache und stellen eine Sterbeurkunde aus. So landen Flüchtlinge, deren Leichnam an den Stränden der kleinen Küstendörfer angespült werden, in den lokalen Sterberegistern. „Wir haben gesucht nach ausländischen Namen, ungewöhnlichen Todesursachen, anderen Nationalitäten, besonderen Auffälligkeiten, die nicht zu den anderen Toten im Register passen“, erklärt Last. Fast 2,5 Millionen Sterbeurkunden haben die Forscher dafür von Hand einzeln durchgesehen.

Insgesamt 3.188 Personen haben sie schließlich gefunden, die zwischen 1990 und 2013 starben. Angesichts der Schätzungen über 800 Tote, die bei einem einzigen Bootsunglück Mitte April gestorben sein sollen, scheint diese Zahl niedrig. „Die meisten Toten werden aber gar nie gefunden oder identifiziert“, sagt die Wissenschaftlerin von der Uni Amsterdam. 3.188 ist deshalb die einzige offizielle Zahl der Grenztoten bisher.

Durch die Forschung in den Sterberegistern haben die Wissenschaftler noch viel mehr erfahren: 71 Prozent der identifizierten Flüchtlinge waren männlich. Die meisten, etwa ein Viertel, kamen aus dem südlichen Afrika. Gut ein Drittel war zwischen 20 und 30 Jahre alt. Zwei Prozent waren jünger als zehn.

Manche der angespülten Leichen werden auf einem Friedhof in der Nähe begraben. In seltenen Fällen werden sie an Angehörige in ihrem Heimatland überführt. „Manche Gemeinden sind sehr engagiert, um die Toten zu identifizieren und die Angehörigen zu finden.“ Für die Familien seien diese Bemühungen wichtig, erklärt Tamara Last. „Es gibt ihnen nicht nur Gewissheit und hilft beim Verarbeiten – eine offizielle Bestätigung des Todes ist auch aus juristischer Sicht entscheidend zum Beispiel für Erbfragen.“

Tatsächlich wurde von den gefundenen Leichen aber weniger als die Hälfte identifiziert. Die Identifizierung sei schwierig, oft seien die lokalen Behörden sich selbst überlassen, kritisieren die Wissenschaftler. „Die Datenbank zeugt von der jahrzehntelangen Gleichgültigkeit europäischer Staaten“, sagt Thomas Spijkerboer, der das Forschungsprojekt in Amsterdam leitet. „Diese Informationen waren schon immer da, aber die Regierungen haben sich nicht die Mühe gegeben, sie zu sammeln.“

Spijkerboer fordert deshalb die Gründung einer Europäischen Beobachtungsstelle für den Tod von Migranten. Diese Einrichtung könnte die Europäische Union bei Entscheidungen in der Flüchtlingspolitik unterstützen, sagt er. Und sie könnte effektivere Verfahren entwickeln und dabei helfen, dass mehr Menschen identifiziert werden – und dass die Flüchtlingen nach ihrem Tod im Mittelmeer ein bisschen Würde erhalten. (epd/mig)

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