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Migration und Integration in Deutschland

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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Rezension zum Wochenende

Antimuslimischer Rassismus als Legitimation für Kriege

Das Themenfeld des antimuslimischen Rassismus in der Bundesrepublik ist aktueller denn je. In ihrem Buch benennt Inva Kuhn Akteure, Handlungsfelder und Strategien und verknüpft mögliche Gegenstrategien mit anderen relevanten Politikfeldern. Von Michael Lausberg

Inva Kuhn, Antimuslimischer Rassismus, Kreuzzug, Abendland, PapyRossa Verlag
Inva Kuhns "Antimuslimischer Rassismus. Auf Kreuzzug für das Abendland" © PapyRossa Verlag

VONMichael Lausberg

Der Verfasser, Politikwissenschaftler und Publizist, Dr. phil, studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Er promovierte an der RWTH Aachen mit einer Arbeit mit dem Titel „Die extreme Rechte in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Regelmäßige Veröffentlichungen im Migazin, DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

DATUM10. April 2015

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RESSORTAktuell, Rezension

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Der Islam in Deutschland erfuhr erst im 20. Jahrhundert eine stärkere Ausprägung. Im Jahre 788 gab es bei einem Besuch von muslimischen Vertretern bei dem späteren Kaiser Karl in Aachen die ersten Kontakte zwischen dem Islam und westlicher Welt.1 Erst im 18. Jahrhundert beginnt aber die eigentliche Geschichte des Islams in Deutschland mit der Gründung dauerhafter islamischer Gemeinden. 1914 wurde in Berlin die erste Moschee errichtet. Im Zuge der rassistischen Politik der Nationalsozialisten befanden sich in allen Konzentrationslagern auch arabische und muslimische Häftlinge. Durch die Anwerbung von „Gastarbeitern“ seit Mitte der 1950er Jahre kamen vermehrt Muslime in die BRD. Heute leben nach Schätzungen ca. 4 Millionen Menschen muslimischen Glaubens in der BRD.

Laut Kuhn bildet der antimuslimische Rassismus in der westlichen Welt auch „Legitimationsstrategien hinsichtlich geopolitischer Expansion und einer neuen Kriegspolitik seitens der NATO-Staaten, als deren Anlass die Anschläge am 11.9. dienten“. (45). Der Ausbau des Überwachungsstaates im Inland steht im Zusammenhang mit einer „zunehmenden Militarisierung der Außenpolitik“ wie in Afghanistan und im Irak (46). Der Militäreinsatz in Mali wurde damit begründet, den „Islamismus“ einzudämmen. Mit Hilfe dieses Feindbildes wurden geopolitische Einflussnahmen in der afrikanischen Welt verschleiert. Die neue „terroristische Bedrohung durch Islamismus“ diente als Vorwand, um Bürgerrechte außer Kraft zu setzen und einen permanenten Sicherheitsdiskurs zu installieren.

Kuhn schlägt als Gegenstrategien eine Kombination von migrationspolitischen und sozialen Themen vor: „Eine gute Gleichstellungspolitik, interkulturelle Öffnung auf allen Ebenen, Zugang zu Arbeit und Bildung für alle Menschen ist auch eine gute Migrationspolitik.“ (99). Um Partizipation und Inklusion muslimischer Menschen in der BRD voranzubringen, sollten breite gesellschaftliche Bündnisse aus Parteien, Gewerkschaften, religiösen Verbänden, interkulturellen Institutionen sowie antifaschistischer und antirassistischer Gruppen eingegangen werden. Der antimuslimische Rassismus könne laut Kuhn nicht isoliert betrachtet werden. Es wäre auch gleichzeitig „die Frage nach Krieg und Frieden zu stellen, die zutiefst antidemokratische Ausrichtung neoliberaler Wirtschaftspolitik offenzulegen, die von Deutschland forcierten Austeritätsregime mit ihren autoritären Krisenbewältigungsrezepten in Frage zu stellen, einem Sicherheitsregime entgegenzutreten, durch das im Inland Muslime, People of Colour, Asylsuchende und politisch Unliebsame verstärkt Repressionen ausgesetzt sind, der sozialdarwinistischen Diffamierung und Entrechtung der Deklassierten etwas entgegenzusetzen.“ (100).

Der Blog Politically Incorrect (PI) wird leider nur sehr oberflächlich diskutiert und damit seine Verantwortung für den antimuslimischen Rassismus nicht nur in der BRD sträflich vernachlässigt. PI wurde 2004 gegründet und richtet sich laut der Selbstbeschreibung gegen eine befürchtete „Islamisierung Europas“. Der Blog hatte Ende 2011 bis zu 60.000 Besucher pro Tag.2 Damit ist PI wohl der bedeutendste deutschsprachigen Blog dieser Ausrichtung, der bestens mit anderen internationalen antimuslimischen und extrem rechten Personen und Organisationen vernetzt ist.

Die meisten Beiträge dort suggerieren, dass „der Islam“ nicht mit dem Wertekanon christlicher, abendländischer Gesellschaften vereinbar ist und die Scharia in der BRD auf längere Sicht hin das Grundgesetz ablösen soll.3 In den Foren des Blogs finden sich massenhaft rassistische und antimuslimische Beiträge, die die Betreiber unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit akzeptieren. Sebastian Edathy und Bernd Sommer bemerken dort einen Rückgriff auf alte antimuslimische Narrative, die aus der Zeit der „Auseinandersetzung zwischen dem christlichen Abendland und dem islamisch-arabischen Orient“ stammen würden und noch heute in den westeuropäischen Gesellschaften vorhanden seien.4 Außerdem bleiben die Gegenstrategien etwas an der Oberfläche, eine detailliertere Ausführung wäre von Vorteil gewesen.

Trotz dieser Kritikpunkte kann festgehalten werden, dass Kuhns Analyse des antimuslimischen Rassismus und dessen Vertreter eine Bereicherung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem aktuellen Phänomen in der BRD darstellt. Lobenswert hervorzuheben ist ihre Ausarbeitung der Strategien und Aktionsformen und die Verschränkung mit anderen Politikbereichen. Eine lesenswerte Abhandlung, deren Anschaffung sich lohnt.

  1. Abdullah, M.S.: Geschichte des Islams in Deutschland, Graz-Wien-Köln 1981, S. 24 []
  2. Taz vom 11.2.2012 []
  3. Vgl dazu Müller, D.: Lunatic Fringe Goes Mainstream? Keine Gatekeeping-Macht für Niemand, dafür Hate Speech für Alle – zum Islamhasser-Blog Politically Incorrect, in: März, A. (Hrsg.): Internet: Öffentlichkeit(en) im Umbruch. Marburg 2008, S. 109–126; Schiffer, S: Grenzenloser Hass im Internet. Wie „islamkritische“ Aktivisten in Weblogs argumentieren, in: Schneiders, T.G. (Hrsg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen, Wiesbaden 2009, S. 341–362; Shooman, Y.: Islamfeindschaft im World Wide Web. in: Benz, W. (Hrsg.): Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz Feindbild Muslim – Feindbild Jude, Berlin 2009, S. 70–84 []
  4. Sebastian Edathy, S./Sommer, B.: Die zwei Gesichter des Rechtsextremismus in Deutschland – Themen, Machtpotentiale und Mobilisierungsressourcen der extremen Rechten, in: Braun, S./Geisler, A./Gerster, M. (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten. Wiesbaden 2009, S. 53ff []
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4 Kommentare
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  1. Cil sagt:

    Das sind doch alles alte Hüte, die dort beschrieben werden. Die Rezension macht keine Lust, das Buch zu lesen.

  2. Eine sehr gute, (vielleicht auch ergänzende, mehr „Lust“ machende?) Rezension des Buches nimmt im Übrigen der Publizist und Verleger Koray Yılmaz-Günay beim Rezensionsportal kritisch-lesen.de vor: http://kritisch-lesen.de/rezension/pegida-fiel-nicht-vom-himmel

    Lesen lohnt sich!

  3. Volker sagt:

    Die Rezension macht keine Lust darauf, seine Zeit mit immer den gleichen Parolen zu verschwenden. Wir kennen doch alle schon die Propaganda, die eine kritische Haltung zum Islam direkt mit den Büchern von Sarrazin, den durchaus intelligent und unterhaltsam geschriebenen Kolumnen von Broder und/oder wirren Aussagen von Michael Stürzenberger in Verbindung bringt. Ich würde mich freuen, wenn da mal endlich ein Autor auftauchen würde, der die Aspekte in den Fokus nehmen würde, die hauptsächlich zu einer kritischen Haltung zum Islam führen können (oder gar bei gesundem Menschenverstand führen müssen).
    Eine Überzeugung gegenüber einer Religion oder Weltanschauung mit Rassismus gleichzusetzen macht mir sogar Angst. Die Rezension läßt genau das von diesem Buch erwarten.

  4. fabian goldfein sagt:

    Danke! Hätte ich die Rezension nicht gelesen, hätte ich von der Existenz dieses Buches nichts mitbekommen. Ich werde mir das Buch besorgen.



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