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Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Interview mit Fereshta Ludin

„Neutralität kann jeder Lehrer ausstrahlen oder auch nicht“

Fereshta Ludin ist die wohl bekannteste Lehrerin mit Kopftuch in Deutschland. 2003 kämpfe sie für ihr Recht, mit Kopftuch unterrichten zu dürfen – ohne Erfolg. MiGAZIN sprach mit ihr über die aktulle Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.

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Fereshta Ludin, Lehrerin, kämpfte gegen das Kopftuchverbot und hat die erste große Entscheidung zum Kopftuch erstritten.

VONNasreen Ahmadi

Nasreen Ahmadi hat einen afghanischen Migrationshintergrund. Sie studiert Wirtschaftswissenschaften und Islamische Studien an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Neben dem Studium ist sie ehrenamtlich in dem Verein InteGREATer e.V. aktiv, denn sie glaubt, dass Integration nur durch Bildung zustande kommt.

DATUM9. April 2015

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RESSORTInterview, Leitartikel

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MiGAZIN: Frau Ludin, es liegt 15 Jahre zurück, dass Ihnen in Baden-Württemberg die Anstellung als Lehrerin verweigert wurde, weil Sie ein Kopftuch tragen. Wie beurteilen Sie den jüngsten Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zugunsten des Kopftuchs und wie war Ihre erste Reaktion, als Sie von dem neuen Urteil erfahren haben?

Fereshta Ludin: Ich bin sehr froh und erleichtert. Die Entscheidung ist ein deutliches Signal für eine offene Gesellschaft. Die Neutralität des Staates wird nun verfassungsgemäß den verschiedenen Religionen gleichberechtigt gegenüber stehen. Die Benachteiligung muslimischer Frauen wird damit hoffentlich eingeschränkt – zumindest auf gesetzliche Ebene. Das befreit sicherlich viele betroffene Frauen von der jahrelangen Stigmatisierung.

Welche Folgen hatte das erste Kopftuchurteil im Jahr 2003 für Sie privat und beruflich?

Ludin: Es hat mein Leben auf dem Kopf gestellt hat. Es bedeutete sehr viel Verzicht, sowohl materiell aber auch ideell, und löste viel aus, das nicht reparabel ist.

Das Kopftuch wird häufig mit Frauenfeindlichkeit, Rückständigkeit, Demokratiefeindlichkeit und mangelnde Gleichberechtigung der Frau gleichgesetzt. Glauben Sie, dass Kopftuchverbote in den Bundesländern diese Tendenz bestärkt haben?

Ludin: Gesetze sollten Gerechtigkeit herstellen und keine Basis für eine soziale Ungleichheit sein. In diesem Fall haben pauschale Kopftuchverbotsgesetze einen enorm stigmatisierenden Charakter und stellen Frauen mit Kopftuch unter Generalverdacht, ohne dass konkrete Situationen in der Praxis je aufgetreten wären. Eine Gefahr kann aber von jedem Lehrer und jeder Lehrerin ausgehen, sobald missioniert und bewusst auf Kinder eingewirkt wird – egal wie diese/r gekleidet ist.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die alten Gesetzespassagen, die jetzt auf dem Prüfstand stehen, auch starke Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben vieler Frauen hatte. In einer Gemeinschaft, in der wir Isolation Stück für Stück abbauen und Vertrauen in uns und andere entwickeln sollten, nahm sie für mich immer mehr zu, obwohl ich in meiner Kindheit dieses Zugehörigkeitsgefühl durchaus entwickelt hatte.

Glauben Sie, dass der aktuelle Beschluss etwas ändern wird?

Ludin: Mit dem Beschluss wird jedenfalls klar zum Ausdruck gebracht, dass die Benachteiligung von kopftuchtragenden Frauen unzulässig und somit verfassungswidrig ist. Darüber hinaus spricht man sich eindeutig für eine offenverstandene Neutralität gegenüber allen Religionen und ihren äußeren Merkmalen aus. Das sind relativ eindeutige Worte.

Das Bundesverfassungsgericht hat in sein Kopftuch-Urteil eine kleine Hintertür eingebaut. Das Kopftuch ist geduldet, solange der Schulfrieden nicht gestört wird. Wie bewerten Sie diesen Spalt?

Diese Passage ist immerhin eindeutiger als noch vor 15 Jahren, nämlich, dass keine abstrakte, sondern eine konkrete Gefahr bestehen muss, um das Kopftuch zu verbieten. Es wird jedoch auch betont, dass das Tuch alleine dafür kein Grund ist.

Im Alltag müssen gleiche Chancen für alle gelten: Eine Kollegin mit Kopftuch darf also nicht kritischer beobachtet werden als eine muslimische Kollegin ohne Kopftuch oder ein christlicher oder atheistischer Lehrer.

Wie sind die Reaktionen in Ihrem Umfeld, ihrer Kolleginnen und Kollegen auf das Urteil?

Ludin: Viele waren sprachlos, teils aus Freude, teils, weil sie die neue Situation erst einmal verstehen wollten. Es bedarf auf jeden Fall viel Aufklärungsarbeit und Hilfestellung, um die neue Situation zu vermitteln.

Junge Menschen sind weitaus aufgeschlossener gegenüber Muslimen als Erwachsene. 71 Prozent der 18-bis 25-Jährigen sind gegen ein Kopftuchverbot, unter den Erwachsenen hingegen befürworten 55 Prozent ein Verbot. Wie ist das zu erklären?

Ludin: Aus Erfahrung als Lehrerin kann ich sagen, dass die Kleidung des Lehrers im Alltag der Schüler häufig eine oberflächliche bzw. sekundäre Rolle spielt. Maßgeblich für die Schüler sind Auftritt, Qualifikation und Schülernähe der Lehrer. Wichtig ist, dass die Lehrer, unabhängig von ihrem religiösen Hintergrund und äußerlichem Erscheinen, neutral und frei von einer bestimmten politischen, weltanschaulichen oder religiösen Agenda unterrichten. Neutralität kann also jeder Lehrer ausstrahlen oder auch nicht.

Junge Menschen sind Vielfalt in ihrem Alltag, zum Beispiel in der Schule oder in ihrer Freizeit stärker gewohnt und gehen in der Regel mit Unterschieden sehr natürlich um. Sie stehen viel stärker in Interaktion mit sehr unterschiedlichen Menschen. Sie erleben dies als ihre Lebensrealität, als etwas Natürliches. Älteren Menschen dagegen fehlt dagegen oft diese intensive Interaktion.

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Ein Kommentar
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  1. […] Nichtsdestotrotz lässt sie beim Leser auch nicht eine einzige Minute Langeweile aufkommen. Fereshta Ludin erzählt aus ihrem bewegten Leben – von ihrer kurzen, glücklichen Kindheit in einem freien und […]



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