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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Debatte

Für das Recht der Selbstbestimmung

Ich möchte mich weder von männlichen muslimischen Theologen noch von Alice Schwarzer, Heidi Klum oder irgendwelchen neoliberalen Strippenziehern entmündigen und definieren lassen. Von Anja Hilscher

füße, schuhe, birkenstock, fuß, pantoffel
Füße © aaron vazquez @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONAnja Hilscher

Nach dem Studium des Lehramtes an Grund- und Hauptschulen und einer Erziehungspause absolvierte Anja Hilscher eine Ausbildung zur "Beraterin für interkulturelle Fragen" und arbeitet nun als Leiterin von Integrationskursen. Anjas Hobbys sind planlose Aktionen aller Art (z.B. Reisen), "alles rund ums Wort" und Horizonterweiterung. 2012 erschien ihr Buch "Imageproblem"

DATUM8. April 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Ein emotional unbeschriebenes Blatt ist zumindest mein Kopftuch also nicht. Hinweisen sollte ich aber auf zwei Dinge. Erstens – mein Protest gegen Fremdbestimmung aller Art ist längst nicht mein einziges Motiv für das Tragen von Kopftuch und Birkenstocks, sondern nur eins von vielen. Welches Motiv das aktuell vorherrschende ist, hängt maßgeblich von der Reaktion der Umwelt ab, dessen bin ich mir bewusst. Zweitens: Zweifellos kann ich nur für mich selbst sprechen.

Fereshta Ludin schafft es ganz offensichtlich besser als manch andere, zumindest besser als ich, das Spiel nicht mitzuspielen. Sich, trotz allem, nicht in eine Trotzhaltung drängen und sich selbst über das Tragen von Tüchern oder anderen Kleidungsstücken definieren zu lassen. Sie hat eine beeindruckend würdevolle und ruhige Ausstrahlung. Eine leicht empörte Rezensentin merkte an, es sei äußerst verwunderlich, dass Ludin in ihrer Biographie so wenig zu ihren Motiven sage. Warum kämpft sie so sehr für das Recht, ein Tuch zu tragen? Wenn nicht – so der wahrscheinlich unausgesprochene Gedanke – weil sie es für ein religiöses Gebot von höchster Priorität hält und fürchtet, sonst ewig in der Hölle zu schmoren. Wenn nicht – so der wahrscheinliche Gedanke – weil sie eben doch eine religiöse Fanatikerin mit einem archaischen Gottesbild sei.

Die Vorstellung, dass Fereshta Ludin für etwas ganz anderes kämpft, kommt der Rezensentin nicht in den Sinn. Nämlich für das Recht der Selbstbestimmung. Das Recht, selbst zu bestimmen, wie frau sich kleidet und wie frau ihre Religion interpretiert. Das Tuch, so behauptet Ludin – die hartnäckigste, berüchtigste Kopftuchverfechterin Deutschlands – sei für sie kein Symbol. Es sei ein Kleidungsstück, nicht mehr. Vielleicht stimmt das. Vielleicht hat sie es wirklich geschafft, zu verhindern, dass ihr persönliches Kopftuch ein Symbol für irgendetwas geworden ist. Wenn ich mir Fereshta Ludin so anhöre und angucke, neige ich dazu, ihr zu glauben. „Kopftuch ab!“ kann ich da nur sagen, dafür gebührt ihr Respekt. Es wäre ein grober Fehler, die eigenen pubertären Reaktionen und schlichten Menschen- oder Gottesbilder voreilig auch anderen zu unterstellen. Gut denkbar ist z.B., dass Fereshta Ludin eine weit emanzipiertere Frau ist als eine erfolgreiche Journalistin, die vielleicht artig seit Jahrzehnten in Alice Schwarzers Fußstapfen läuft, ohne es zu merken.

Eine Frage sei noch in den Raum gestellt: Würde man einem Lehrer das Tragen irgendeines anderen Kleidungsstücks untersagen, nur weil es vermeintlich ein Symbol für irgendetwas ist? Kaum. Einem Lehrer, der Doc-Martens-Stiefel trägt, jedoch sowohl durch sein Auftreten als auch durch seine Äußerungen dazu glaubhaft macht, dass er kein Neonazi ist, würde niemand dies unterstellen, ohne sich lächerlich zu machen und Eltern- und Lehrerschaft gegen sich aufzubringen. Es wäre toll, wenn es uns gelänge, Kopftuchträgerinnen dieselbe Chance zu geben. Die Chance, sie als Persönlichkeiten zu sehen – nicht als fremdbestimmte Repräsentanten einer hinterwäldlerischen Ideologie. Denn das wäre nicht mehr und nicht weniger als eine haltlose, paranoide Unterstellung.

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5 Kommentare
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  1. D.Leichsenring sagt:

    Ich denke, mit der Freiheit, sich so zu kleiden, wie man will, ist es in Deutschland grundsätzlich nicht weit her. Man erinnere sich nur an die Medienschelte, wenn griechische Offizielle ohne Krawatte auftreten. Andrerseits sind religiöse Symbole auch mit Machtansprüchen verbunden – gerade in Deutschland, wo es mit der Trennung Kirche-Staat auf vielen Ebenen nicht weit her ist. Es ist also noch ein weiter, mit Vorurteilen gepflasterter Weg bis zur Assoziation Birkenstock=bequemes Schuhwerk oder Kopftuch=modisches Accessoire.

  2. Wiebke sagt:

    Also, Birkenstocksandalen zu tragen als Zeichen der Selbstbestimmung, dazu kann ich mich nicht entschließen. Aber ich erwäge, zuminest in kalten Zeiten – und ohne jeden religiösen Hintergrund – vermehrt Kopftuch zu tragen, weil ich diese Diskussion mehr als satt habe.
    Frauen, tragt Kopftücher, Männer am besten auch! -bis endlich noch der letzte Gehinrverquaste ein Einsehen hat!!!

  3. karakal sagt:

    Kopfbedeckung für Männer: Als ich im Jahre 1974 in Saudi Arabien ein Paßphoto für die Aufenthaltserlaubnis benötigte, wurde von mir nur eines mit Kopfbedeckung akzeptiert. Aber inzwischen ist es in vielen arabischen Ländern Mode geworden, seine Halb- oder Vollglatze öffentlich zu zeigen und das Kopftuch oder den Turban als Halstuch oder Schal entfremdet um die Schulter gelegt zu tragen. Wer schon einmal im Winter dem kalten oder im Sommer dem heißen Wüstenwind ausgesetzt gewesen ist, weiß, warum die Männer dort Kopftücher tragen.
    Die Kopfbedeckung der muslimischen Männer kann man auch als zur äußerlich sichtbaren Abgrenzung von den Christen dienend sehen, bei denen laut Paulus die Männer barhäuptig auftreten sollen. Letzterer hat aus dem ursprünglichen Christentum eine neue Religion gemacht […]. Was er gesagt hat, ist für Muslime nicht verbindlich, und im Islam hat Gott kein Ebenbild, da Ihm nichts gleich ist. Ebenso ist bspw. auch der „Gottesstaat“, den laut der Massenmedien die „Dschihadisten“ genannten „islamistischen“ Terroristen angeblich errichten wollen, ein christlicher und kein islamischer Begriff.
    Da nun mein Eintritt in den Islam zugleich auch mein Austritt aus der Sauf-, Sex- und Spaßgesellschaft war, warum sollte ich mich da noch so kleiden wie deren Angehörige, wo ich doch nicht mehr so denke und handele wie sie? Die völlige Anpassung an ihre ungeschriebenen und unausgesprochenen Bekleidungs- bzw. Entkleidungsregeln würde da für mich als Muslim zur Maskerade, zur Verkleidung als Nichtmuslim. Irgend jemand sagte einmal, die Besiegten übernehmen die Art der Sieger, sich zu kleiden. Bei mir jedoch hat der Islam die materialistische abendländische Kultur besiegt, und nicht umgekehrt.

  4. Ilkana sagt:

    An Karakal: Geht es wirklich um Siegen und Besiegte?
    Und sind Sie nicht immer noch Teil der Gesellschaft, die eben nicht nur aus den von Ihnen Beschriebenen besteht, sondern auch aus Muslimen, aus Ernsten und Spaßhabenden, aus Juden, die nicht saufen, aus Christen, die ihre Liebe verantwortungsvoll leben, aus Nichtgläubigen, die anderen barmherziger und hilfsbereiter sind als manch Gläubiger? (Nur um mal Beispiele zu nennen.) Es sind doch nicht alle gleich in dieser Gesellschaft.
    Wann hören die Menschen endlich auf, um die Macht zu streiten, anstatt dass sie dem Schöpfer dienen und sich gegenseitig versuchen zu erkennen, wie es uns aufgetragen ist.
    Lassen Sie uns doch lieber nach dem Frieden suchen

  5. Zainab sagt:

    „Das Tuch, so behauptet Ludin – die hartnäckigste, berüchtigste Kopftuchverfechterin Deutschlands – sei für sie kein Symbol.“

    Damit hat sie wohl Recht, ein Symbol ist es tatsächlich nicht. Aber dafür gekämpft, dass es nicht als solches gesehen wird, haben viele andere muslimische Frauen, nicht nur eine. Ich denke, die hartnäckigsten, berüchtigsten Kopftuchverfechterinnen sind diejenigen Frauen, die in den letzten 12 Jahren unermüdlich für das Recht der Frauen gekämpft haben, mit Kopftuch zu unterrichten, die beiden Lehrerinnen, die jahrelang geklagt haben, die Frauen, die unermüdlich Kontakte zu Juristen gehalten haben, Briefe geschrieben haben, Gutachten erstellt und bezahlt haben, in der Öffentlichkeit auch mal ungemütlich wurden, fernab der Öffentlichkeit immer wieder verhandelt und überzeugt haben. Hut ab, denn diese Frauen haben nicht nur für das eigene Recht gekämpft, sondern für das Recht ALLER Frauen auf Selbstbestimmung. Ihnen gebührt Respekt.



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