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Theater

Tafel – ein Stück mit Migrationsgeschichte

Reihaneh Youzbashi Dizaji inszeniert am Berliner Ballhaus Naunynstraße ihr eigenes Stück – „Tableau“, ein bitterböses Familienporträt dreier Frauengenerationen, das in genussvoller Absurdität auf den Schmerzgrenzen entlangbalanciert.

Tafel, Theater, Ballhaus Naunynstraße, Berlin
Szene aus dem Theaterstück "Tafel" © Jamal Tuschick

VONJamal Tuschick

Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM11. März 2015

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Familie ist Scharmützel – ein Kleinkrieg um Anerkennung. In „Tableau“ ziehen vier Frauen aus drei Generationen in die Schlacht. Gunst oder Missgunst, das ist hier die Frage. Es kommt zu erzwungenen Liebesbezeugungen. In den Fällen ihrer vollendeten Verweigerung weidet sich die eine am Leid der anderen. Die Leidende fühlt sich folglich in das Recht gesetzt und geradezu genötigt, der Nächstbesten eine zu verpassen.

Reihaneh Youzbashi Dizaji inszeniert „Tableau“(Dramaturgie Nora Haakh) als geschlossene Gesellschaft – „Die Hölle, das sind die anderen.“ (Sartre) Das Bühnenbild von Markus Pötter erinnert an einen außer Betrieb geratenen Paternoster. Die Parteien separieren sich in Kabinen, das Spiel heißt jede gegen jede. Die Großmutter darf sich zu einem Neujahrsfest nur bedingt eingeladen fühlen. Sie dominiert die Szene mit machtvoller Hilflosigkeit. Sie resümiert: „Uns ging es früher anders schlecht.“ Antike Konflikte mit ihrer Tochter brechen auf und belasten zudem das Verhältnis zu den Töchtern der Gastgeberin. Dem Nachwuchs ist der Tod des Großvaters entgangen, so locker sind die Verbindungen. Das Andenken idealisiert den Altvorderen. Die Witwe imaginiert sich Enkel in niedlichen Zuständen. In ihrer Fantasie verfehlt sie die Verwerfungen in einer Familie, die zwar auf sie zurückgeht, aber mit ihr kaum was zu tun hat.

Alle behaupten Unabhängigkeit und beweisen Dependenz

„Geh in dein eigenes Leben“, heißt es. „Hier wird man gebissen.“ Die Töchter entziehen sich, in manchen Spielanordnungen stehen drei Töchter einem versagenden Über-Ich gegenüber. Vernesa Berbo spielt die Ahne als handfeste Diva ohne Rezepte.

Info: Das Stück „Tafel“ wird vom 18.-21.3.2015, 20 Uhr im Berliner Ballhaus Naunynstraße aufgeführt. Tickets gibt es hier.

„Tableau“ mäht sämtliche Varianten nieder. Die Mutter der Töchter nimmt als Tochter ihrer unerwünschten Mutter volle Regression in Anspruch. Das spielt Harriet Kracht herausfordernd wie mit dem bösen Finger im ständigen Anschlag. Sie ist der gefrorene Dreh- und Angelpunkt im Familienauflauf und selbstverständlich geschieden. Der Ex-Mann führt eine Schattenexistenz in den Erörterungen der Frauen. Im Streit der Schwestern erscheint die eine mit Schläue gesegnet. Die andere hat immerhin einen festen Wohnsitz. Diese Töchter (Nina Sarita Balthasar, Thelma Buabeng) dezentralisieren die Kämpfe ihrer Eltern. Ehrgeizig werden die Konflikte verlagert und ausgebaut. Manchmal schneidet die Musik von James Christopher Douglas und Thomas Gerber direkt ins Gehirn, die Älteste erträgt ihre Tochter nicht, frau findet Frau seltsam. So reden die beiden miteinander:
„Willst du was?“
„Was sollte ich wollen?“
„Was weiß ich, ein Grab vielleicht!“

Auch das Gespräch der jüngeren Mutter mit ihren Töchtern würzt Grobheit:
„Du hast die grauen Haare deines Vaters geerbt.“
„Dich habe ich auch nicht gewollt und du bist trotzdem da.“

Bevor ich es vergesse, es steckt Migrationsgeschichte im Stück. Die Oma kommt aus einer Ferne, die den westlichen Lebensstil der Enkeltöchter exponiert. Den Anlass der Zusammenkunft liefert Nouruz – das iranische Neujahrsfest. Autorin Reihaneh Youzbashi Dizaji recherchierte für ihr Stück im Familien- und Bekanntenkreis. Sie befragte Iranerinnen, ihre Antworten wurden zu Dialogen, die zu denken geben.

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Ein Kommentar
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  1. Ute Diri-Dost sagt:

    Absurdität?Schmerzen?Genuss? Reichlich merkwürdig,woran sich manche Menschen ergötzen!



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