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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Übrigens

Auch die deutschen Heimatvertriebenen waren anders

An die 14 Millionen Heimatvertriebenen nach 1945 erinnerte dieser Tage der Historiker Andreas Kossert: Sie waren alle Deutsche, aber für die weiter westlich wohnenden Deutschen waren sie Fremde. Als „Flüchtlingsschweine“ und „Polacken“ wurden sie beschimpft, als „Zigeuner“ und „Gesindel“.

MiGAZIN Kolumnist Dr. Fritz Goergen © privat, bearb. MiG
MiGAZIN Kolumnist Dr. Fritz Goergen © privat, bearb. MiG

VONFritz Goergen

Der Verfasser ist Kommunikations-Stratege und Publizist, war COO der FDP und CEO der Friedrich-Naumann-Stiftung.

DATUM20. Februar 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Anders und doch gleich war es in dem Dorf der Obersteiermark in Österreich, in dem ich aufwuchs, und in der nahen Stadt. Das ganze Dorf lebte von seiner großen Papierfabrik. Von den über 2.000 Einwohnern arbeiteten 1.200 dort. Praktisch alle waren von irgendwo zugezogen. Die angestammte örtliche Bevölkerung wurde in den wenigen Bauernhöfen gebraucht, in den drei Geschäften, zwei Metzgereien und vier Gasthöfen.

Aus Jugoslawien vor allem sind die Arbeiter illegal über die Grenze zugewandert. Schon nach dem ersten Weltkrieg, dann aber verstärkt nach dem zweiten. Vertriebene aus früher deutschen Exklaven in Rumänien, Ungarn und Jugoslawien waren viele dabei. Sie sprachen kein oder schlechtes Deutsch. Ihre ganz verschiedenen deutschen Dialekte hatten sich nicht mehr verändert, seit sie sich vor mehreren hundert Jahren nach Prinz Eugens Siegen über die Türken in verlassenen Gebieten auf dem ganzen Balkan angesiedelt hatten. Nun lebten sie in Baracken hinter der Fabrik. Untereinander verstanden sie sich nicht und mit den Einheimischen schon gar nicht. Sie kleideten sich anders. Sie kochten anders, bei ihnen roch es nach Knoblauch und Zwiebeln. Den Obersteirern war das alles fremd.

In der Nazizeit war noch eine Südtiroler Siedlung dazugekommen, isoliert auf der anderen Seite der Bahnlinie. Dort sprachen die meisten italienisch. Als Hitler Südtirol dem italienischen Faschistenchef Mussolini als Preis für das Militärbündnis der beiden abtrat, konnte die Südtiroler Bevölkerung für das nationalsozialistische Deutschland optieren oder das faschistische Italien. Die damals in Südtirol lebenden Italiener aus Sizilien entschieden sich in größerer Zahl für den Zug nach Norden. Die Südtiroler Bauern blieben lieber in ihrer Heimat.

Im Kindergarten kamen die Kinder von ihnen allen zusammen. In den zwei Jahren bis zur Schule brachten sie sich untereinander so viel Deutsch bei, dass der Unterricht dort schon eine brauchbare Grundlage hatte. Wenn wir Kinder uns gegenseitig besuchten, konnten wir uns mit den anderen Eltern oft nur mit Händen und Füßen verständigen. Viele der Älteren haben es über ein gebrochenes Gebrauchsdeutsch nie hinausgebracht. Das war normal und kümmerte niemand. Ausgegrenzt wurde im Dorf auch keiner. Wie hätten auch weniger als 100 Ureinwohner 2.000 Zugewanderte ausgrenzen sollen?

Das änderte sich, als ich nach vier Jahren Volksschule aufs Gymnasium in die fünf Kilometer entfernte Stadt von 20.000 Einwohnern ging. Mein Dorf war nicht das einzige im weiteren Umland, in dem die lokale Industrie ohne die Zugezogenen nicht hätte produzieren können. In der Stadt selbst, vor allem der Altstadt mit vielleicht 5.000 Einwohnern, wohnten die Zugewanderten der Arbeiterfamilien nicht. Im Gymnasium gab es verschiedene Klassenzüge. In den A-Zug gingen Mädchen und Jungen aus der Altstadt zusammen. Sie konnten zu Fuß in die Schule kommen. Im B-Zug wurden die Mädchen, in C-Zug die Jungen von außerhalb geschlechtlich getrennt versammelt, sie kamen mit Schulbussen. Freundschaften zwischen Stadt- und Dorfkindern waren deshalb selten. Von Integration konnte man erst nach Jahren reden.

Heute, nach bald zwei Generationen, ist das kein Thema mehr. Was ich im Kleinen erlebte, liest sich bei Andreas Kossert im Großen nicht anders: „Die Flüchtlinge wurden zu Motoren einer ungeahnten Modernisierung, sie brachen verkrustete Strukturen auf, und sie trugen maßgeblich zum Wiederaufbau Deutschlands bei. Sie waren mobil, konnten überall neu anfangen und gingen dorthin, wo Arbeit war. Gleichzeitig brachten sie wichtige Qualifikationen mit, und gerade die Jungen waren hoch motiviert, mit ihrer Arbeitskraft ein neues Leben aufzubauen. Alles in allem hat Deutschland mit der Integration von Millionen Vertriebenen eine ungeheure kulturelle und soziale Herausforderung gestemmt. All jene hingegen, die damals deren Scheitern voraussagten, konnten nicht weiter danebenliegen.

Über die vielen Zuwanderer in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden unsere Nachfahren Ähnliches berichten. Der entscheidende Vorteil in meinem Dorf war, die Fabrik war dankbar für alle Zuwanderer. Von ihnen war niemand arbeitslos. Diesen Zustand müssen wir auf kluge Weise auch heute schaffen. Dann geht alles leichter.

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Ein Kommentar
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  1. Helmut Walder sagt:

    Diese Art der Argumentation wird leider immer wieder herangezogen. Dabei ist allein die Tatsache dass sich nach dem Krieg, deutsche Flüchtlinge in deutsche Kerngebiete zurückziehen mussten geeignet um diese aberwitzige Argumentation zu entblößen.
    Die Deutschen in ihrer Gesamtheit, hatten einen Krieg angezettelt, wofür die volksdeutsche Bevölkerung nach diesem Ende hauptsächlich büssen musste, indem sie ihrer Heimat beraubt wurden.
    Da dies für die meißten ein unumkehrbarer Tatbestand war, griffen diese somit beherzt zu um sich hier eine neue Heimat zu schaffen.
    Darüberhinaus kamen mindest so viele gebildete Personen wie in den Altländern bereits schon lebten.
    Diese Arbeitsleistung und deren eiserner Wille wiederum war ein maßgebender Beitrag zum angehenden und dann folgenden Wirtschaftswunder.
    Auf der anderen Seite der Einheimischen stand zumindest eine moralische Schuld, sich um die Heimatvertriebenen zu kümmern, sie zumindest zu dulden, geht man davon aus, dass die Schuld an der Nachkriegssituation bei beiden gleichrangig war.
    Einer der Hauptunterschiede dieser beider Gruppen war auch damals die Religion, jedoch nur in Teilgebieten und nicht flächendeckend. Dies betraf dann maximal die gegenseitigen Vorbehalte zwischen evangelichen und katholischen Alt/Neubürgern. Und diese Vorbehalten haben sich in der Tat verflüchtigt.
    Eine solche Situation liegt hier heute in keinster Weise vor.

    Durch die Zuwanderung und die höhere Geburtenrate der vornehmlich muslimischen Einwanderer ergibt sich heute soziologisch und demographisch ein vollkommen anderes Bild, was sich ebenso in Zukunft noch verstärken wird.
    Wir tauschen unsere autochthone Bevölkerung durch muslimische Zuwanderer aus.
    Dies ist auch klares Ziel des neuen Kalifen aus deren Hauptgebieten diese kommen.
    Eroberung durch Überrennen mit Menschen und deren Bäuchen.
    Assimillation ist ein Verbrechen an den Menschenrechten hatte dieser einmal in einem gastgebenden Land getönt. Was denn im Klartext heißt: „“Bildet Exklaven eurer Kultur in fremden Ländern und weitet diese kontinuierlich aus, bis Mehrheiten entstehen. Dann wird es leichter für uns.““
    Hier einige Zahlen:
    Der Gesamtanteil der Muslime an der deutschen Bevölkerung liegt bei ca. 5%.
    An Schulen liegt der Anteil muslimischer Schüler bei ca. 13% (jeder achte Schüler ist mittlerweile muslimischen Glaubens).
    Anteil in den Haupschulen 22% muslimisch.
    Die Verteilung dieser Schüler ist sehr unterschiedlich, in urbanen Räumen gibt es viele Schulen mit Anteilen über 50-80%.
    Diese Religion verzeichnet bei den deutschen Schülern außerdem die höchsten Zuwachsraten (1998- 9%, 2015- 13%)
    (Quelle der Zahlen: http://www.migazin.de).
    Gemessen daran, dass es vor 1960 praktisch keine Muslime in Deutschland gab, kann man von einer Islamisierung sprechen.

    Auf der anderen Seite ist der Glaube für viele Muslime ein Integrationshindernis, wie eine Studie des Innenministeriums 2007 feststellte:
    85% der Muslime in Deutschland betrachten sich als gläubig oder sehr gläubig.
    46% befürworten das Tragen von Kopftüchern für Frauen.
    60% der jungen Muslime in Deutschland besuchen Koranschulen.
    40% der Befragten halten physische Gewalt zur Verteidigung der Religion gegen den Westen für legitim.
    Nur 12% fühlen sich als Deutsche.

    Das ist sicher nicht Integrationsfördernd und geeignet um sorglos weiter zu machen. PEGIDA hat vielleicht polemisiert, aber generell Abstreiten kann man eine Tendenz zur Etablierung einer abgespaltenen Islamischen Bevölkerungsgruppe nicht mehr ernsthaft.
    Alles andere Gedankengut kann nur aus uneinsichtiger rotgrüner welt kommen.



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