MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Danke, dass Sie gekommen sind, sich mit Ihrem Fleiß und Ihrer Kraft für unser Land eingesetzt haben, und danke, dass Sie geblieben sind.

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Sorgloser Umgang der Medien

Der Tod von Tugçe – Was tun jetzt? Und was nicht?

Der Tod der jungen Studentin Tugçe hat in ganz Deutschland Fassungslosigkeit ausgelöst. Auch in den Medien hat der Fall hohe Wellen geschlagen – mit teils verheerenden Folgen. Bundestagsabgeordneter Josip Juratovic kommentiert:

VONJosip Juratovic

 Der Tod von Tugçe – Was tun jetzt? Und was nicht?
Der Autor ist Mitglied des Bundestages seit 2005 und seit 2014 Integrationsbeauftragter der SPD Bundestagsfraktion.

DATUM3. Dezember 2014

KOMMENTARE6

RESSORTLeitartikel, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Tuğçe A. lebt nicht mehr. Das ist tragisch und diese Worte zu schreiben erfüllt mich mit Trauer. Dabei finde ich das Wort „tragisch“ nicht ausreichend, da es zu häufig benutzt wurde und es der Trauer, die die Familie von Tuğçe empfinden muss, in keiner Weise gerecht wird.

Ich frage mich in diesen Tagen häufig, was der richtige Umgang mit dem Tod von Tuğçe ist. Dabei beziehe ich mich nicht auf die vielen Einzelpersonen, die in ehrlichem Mitgefühl der Familie in den letzten Tagen Beistand geleistet haben. Ich denke hingegen viel darüber nach, worin die Verantwortung der Politik und der Medien in der heutigen Zeit besteht. In welcher Art und Weise sollen wir uns positionieren, um unser ehrlich empfundenes Mitleid zu zeigen? Wie schaffen wir es, nicht gleichzeitig in die Falle zu geraten, den tragischen Vorfall für die eigenen Ziele zu benutzen?

Die Antwort ist: Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass mein Mitgefühl ehrlich gemeint ist und, dass es nicht mehr und nicht weniger Wert ist als das Mitgefühl all jener Menschen, die Tuğçe in ihren letzten Tagen begleitet haben.

Ich habe aber leider auch erleben müssen, wie manche Medien Tuğçes Tod benutzt haben, um die Sensationsgier zu befriedigen und weiter zu entfachen. Mich hat dabei vor allem die Berichterstattung über den mutmaßlichen Täter geärgert.

Manche deutsche Medien haben sich darauf konzentriert, aus Tuğçe und Sanel M. ein Gegensatz der gelungenen und misslungenen Integration zu machen. Dabei wurden gerade im Fall von Sanel M. Stereotype bemüht, die zur Stigmatisierung ganzer Gruppierungen führen können, so als ob seine soziale oder ethnische Herkunft ihn für die Tat vorherbestimmen würde. Die mutmaßliche Schuld von Sanel M. ist jedoch vor allem seine persönliche und nicht das reine Ergebnis der Umstände, in denen er groß wurde.

Währenddessen haben einige türkischsprachige Medien wiederholt versucht, die Herkunft des jungen Mannes in den Vordergrund zu rücken. Begriffe wie „serbischer Schlächter“, die stark an Bürgerkriege der 90er Jahre erinnern, wurden dabei verwendet. Dieser Vergleich missachtet auf der einen Seite die damaligen Opfer von gezielten und geplanten Auslöschungen. Auf der anderen Seite wird wiederholt ein gesamtes Volk an den Pranger gestellt, und wird nahegelegt, dass die Herkunft aus dem Staat Serbien für Gewalttaten prädestiniert. Ironischerweise handelt es sich in diesem Fall um einen Bosniaken aus Serbien.

Derart sorgloser Umgang mit der Berichterstattung kann nicht der richtige Weg sein, um das eigene Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Medien müssen, genauso wie wir Politiker, das hohe Gut der Objektivität schützen. Der Tod Tuğçes ist tragisch für sich allein und darf nicht für die Stilisierung von Stereotypen und Feindbildern missbraucht werden.

Möge Tuğçe in Frieden ruhen.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

6 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Bürger mit türkischem Mutationshintergrund sagt:

    Hvala Herr Juratovic, Ihre Meinung teile ich. Ergänzend möchte ich für Diejenigen, die es interessiert, auf ein etwas älteres Buch mit dem Titel „Warum sind sie kriminell geworden – Türkische Jugendliche in deutschen Gefägnissen“ von Metin Gür hinweisen. Den Medien ging es nie wirklich um verantwortungsvolle Berichterstattung. Die Einschaltquoten und die Zahl der „Gefällt mir“-Klicks geben die Marschrichtung vor.

    Der Familie von Tugce spreche ich mein tiefes Mitgefühl aus. Ailesinin, dostlarinin, tüm sevenlerinin basi sagolsun. Keske olmasaydi… 🙁

  2. Comrigu sagt:

    Unfassbar geschmackslos ist der Artikel auf PI-news über Tugce. Der Artikel beweist nämlich, dass nicht mal ein toter Türke ein guter Türke ist.

  3. surviver sagt:

    Hab gedacht, der Täter wäre Türke?

  4. Saadiya sagt:

    4. Dezember 2014 um 16:21 surviver sagt: Hab gedacht, der Täter wäre Türke?
    ____________________________________________________________
    Spielt das eine Rolle???? Ich glaube eher nicht!

  5. surviver sagt:

    @Saadiya
    Natürlich nicht.
    (Aber mein Kommentar ist misslungen, da ich 2 Kommentare geschrieben habe, von denen nur der eine gepostet wurde. Daher haben Sie den Zusammenhang nicht wohl missverstanden.)
    Hatte vorher gepostet, dass dieser Vorfall „ein gefundenes Fressen“ für einige „Zeitungen“ ist, um, wenn der Täter Türke wäre, wieder „freundliche Zeilen“ über Türken zu schreiben….

  6. […] wegen des gewaltsamen Todes der Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak verurteilte Sanel M. ist am Donnerstag aus Deutschland abgeschoben worden. Wie die Stadt Wiesbaden […]



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...