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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Ausbürgerung von IS-Kämpfern?

Auch IS-Aussteiger brauchen Hilfe!

Der Vorsitzende des Bundesinnenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU) will jedem Deutschen die Staatsbürgerschaft entziehen, der in den Reihen der IS kämpfe. Dies solle eine vorbeugende Wirkung haben, verkündete Bosbach am Sonntag. So weit, so populistisch.

VONAglaja Beyes-Corleis

Die Verfasserin, geb. 1954 in Hamburg, ist freiberufliche Autorin und Kursleiterin von Integrationskursen. 1994 erschien von ihr beim Herder-Verlag das Buch "Verirrt", das Einblick in das Innenleben eines destruktiven Politkultes gibt. Seitdem beschäftigt sie die Frage, wie es möglich ist, Menschen bis zur vorübergehenden Unkenntlichkeit ihrer Selbst zu verdrehen.

DATUM22. September 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Doch diese scharfe Rhetorik setzt voraus, dass diese jungen Leute rundherum freiwillig in den Kampf mit der IS ziehen. Auf welcher Grundlage ließe sich dies annehmen? Legen nicht zahlreiche bekanntgewordene Fälle nahe, dass die jungen Menschen, die sich der IS anschließen, Opfer einer systematischen Gedanken- und Verhaltensmodifikation sein könnten? So spielte der junge Kreshnik B., der zur Zeit in Frankfurt vor Gericht steht, vor seinem Abdriften in den Krieg noch im jüdischen Fußballverein Makkabi. Er sei ein sehr netter, offener Junge gewesen, bescheinigte ihm der Verein.

Immer wieder hört man von heutigen IS-Kämpfern aus Deutschland, deren Familien verzweifelt sind: Es sind weltoffene Familien. Christliche Familien, islamische Familien, nichtreligiöse Familien. Sie verstehen nicht, was mit ihren Kindern geschah. Es erscheint ihnen wie eine Gehirnwäsche!

Diese Familien und ihre Kinder bräuchten unsere Hilfe. Wo bleibt die Aussteigerberatung und -unterstützung? Stattdessen berät die Bund-Länder-Gruppe der Innenminister laut Die Welt wie die „Wiedereinreise militanter Islamisten zu verhindern ist.“

Statt ihre Wiedereinreise zu verhindern, sollte Deutschland den traumatisierten Menschen psychologische Hilfe anbieten. Statt vor Gericht gehörte manch einer von ihnen in eine Klinik. Nach einer Therapie wäre zu hoffen, dass der eine oder andere aussagt und der Gesellschaft hilft, nicht nur gegen die IS, sondern gegen jede Form menschenverachtender Organisationen und militärischer Formationen vorzugehen.

Gehirnwäsche-Opfer brauchen Hilfe, sie brauchen Menschlichkeit, wie es sie bei ihren Menschenfängern nicht gab und nicht gibt, sie brauchen Solidarität und neue Chancen. Und wer es dann als Aussteiger einmal schafft, einen neuen Weg einzuschlagen und bei der Aufklärung alter Verbrechen zu helfen, verdient unser aller Respekt und Anerkennung. Das wäre der richtige Weg.

Oder will Deutschland wieder einmal einige seiner Kinder in die Staatenlosigkeit treiben?

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22 Kommentare
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  1. Saadiya sagt:

    In diesem Zusammenhang frage ich mich, wie man bio-deutschen Konvertiten die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen gedenkt? Dann müsste man vorher quasi einiges aus dem Staatsbürgerschaftsrecht ändern. Wenn diese dann keine Deutschen mehr wären, was sind sie dann?? Staatenlos und dann dennoch in Deutschland????

  2. Destructor sagt:

    vielleicht sollte herr bosboch mit den vs agenten anfangen ,die hier gezielt die leute radikalisieren um sie dann sterben zulassen , obendrein hat man ja dann auch seine terroristen .

    es ist doch vollkommen gewollt das die leute in diese richtung gehn , die unzufriedenen , abgehängten und frustrierten . sollen sie doch in syrien sterben ( zitat ,“da wo sie herkommen“ ) anstatt das sie auf die idee kommen hier eventuell den aufstand zuproben .

    die heuschelei ist zum kotzen . ob herr bosbach auch nazis und deutschen freischärlern den pass weg nehmen will die für ukrainische nazis in der ukraine kämpfen ???

  3. Geobrezel sagt:

    @Saadiya

    Deutschland müsste lediglich, den IS als eigenen Staat anerkennen und schon hätten die Gotteskrieger einen neuen Pass und eine neue Nationalität, denn es ist deutschen Staatsbürgern untersagt in ausländischen Armeen mitzukämpfen und dies ist einer der Hauptgründe warum der deutsche Staat jemandem die Nationalität aberkennen kann und darf! Es ist als Bekenntnis zu werten, wenn man für einen anderen Staat zur Waffe greift.

    Die Loser die sich von diesen Salafisten einspannen lassen, hätten unserer Gesellschaft so oder so Probleme gemacht und deshalb ist es die beste Lösung diese Menschen da hinten zu bekämpfen und bloß nicht mehr wiedereinreisen zu lassen! Egal ob Gehirnwäsche oder nicht, jeder ist für das was er tut verantwortlich und sollte dafür zur Rechenschaft gezogen werden!

  4. karakal sagt:

    Wolfgang Bosbach ist ein gefährlicher populistischer Brandstifter, und es wäre angebracht, ihn sich nicht politisch betätigen zu lassen.
    Ein junger saudischer Aussteiger berichtet, daß die Ideologie des IS sehr extrem sei, und daß sie die mangelnde Lebenserfahrung und die Begeisterungsfähigkeit der Jugendlichen ausnützen. Selbstmordanschläge würden in der Regel von 18 bis 20-Jährigen ausgeführt.
    Wenn nun einige dieser Personen erkennen, daß sie getäuscht worden sind und sie einen Fehler gemacht haben, indem sie sich dieser Terrororganisation angeschlossen hatten, soll man sie dann dazu noch bestrafen, indem man ihnen die Staatsangehörigkeit entzieht? Das wäre äußerst kontraproduktiv und eine Maßnahme, wie sie vom Nazi-Deutschland praktiziert wurde, von der sich die BRD bewußt distanziert hat. Und Herr Bosbach will nun zu solchen Nazi-Methoden zurückkehren? Außerdem hat dies keinerlei vorbeugende, bzw. abschreckende Wirkung – wie Herr Bosbach behauptet –, da die vom „Islamischen Staat“ (IS) Begeisterten bei ihrer Ausreise ohnehin meinen, sie würden für immer dort bleiben und bräuchten die bundesdeutsche Staatsangehörigkeit nicht mehr.

  5. Saadiya sagt:

    @Geobrezel: Herzlichen Dank für die Erklärung. Sehr interessant und mir bisher nicht bekannt. Daher gleich noch ein paar Fragen:
    – Zunächst muss es erst mal einen anderen Staat geben. Den gibt es aber nicht (und wird es hoffentlich auch nie geben). Ausgehend von dieser Tatsache: Kann man dennoch gebürtigen Deutschen die deutsche Staatsbürgerschaft entziehen, wenn es gleichzeitig keinen anderen Staat gibt, der sie aufnimmt?
    – Was ist mit dem Teil des Staatsbürgerrechts: Deutscher ist, wer in seiner Familie deutsche Vorfahren nachweisen kann? Sprich: Die Person könnte dann doch jederzeit wieder die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Oder irre ich mich da???
    – Kennen Sie Fälle, in denen Deutschen die dtsch. Staatsbürgerschaft entzogen wurde (bitte nach 1945)? wenn ja, mit welchen Begründungen war dies möglich?
    – Welche Gefahren sehen Sie (erwarten Sie) bei der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft?

  6. surviver sagt:

    „Gehirnwäsche-Opfer brauchen Hilfe“.
    Der Spruch könnte auch für viele Politiker und der Mitte der Mehrheitsgesellschaft eine Bedeutung haben.
    Abgesehen davon glaube ich kaum, dass da einer lebend zurückkommen wird. Vielleicht als Krüppel, der, wenn er Glück hatte, vorher in der Türkei notoperiert werden konnte.

  7. Songül sagt:

    @Geobrezel
    Selten so einen menschenverachtenden Kommentar gelesen …

  8. Geobrezel sagt:

    @Songül

    „Selten so einen menschenverachtenden Kommentar gelesen …“

    Na dann bin ich aber froh, dass aus meinem Kommentar meine Verachtung die ich gegenüber solchen Menschen hege, gut zu erkennen ist! Besser als Verständnis, oder eventuell sogar Sympathie zu zeigen!

  9. kartoffelbauer sagt:

    @Songül

    ich habe selten so menschenverachtende Wesen wie die „Soldaten“ der IS erlebt… hier wird doch tatsächlich darüber lamentiert, ob man Menschen, die anderen die Köpfe abschneiden und Genozide betreiben, ein Aussteigerprogramm anbieten sollte… Hallo?

  10. Gastarbeitersohn sagt:

    Wieso wird nicht mal die Frage gestellt, woher ISIS/ISID/IS/IDSAIFDISFISD welche und wieviele Waffen her hat, wie sie sich so gut organisieren konnten, welche Rolle der Westen hier spielt?


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